Z E H N

 

 

Ich weiß nicht, wie lange ich weg war. Ich öffne meine Augen und erwache mit einem furchtbaren Schmerz in meinem Kopf. Etwas ist falsch, und ich kann nicht herausfinden, was es ist.

Dann wird es mir klar: Die Welt steht auf dem Kopf.

Ich fühle, wie mir das Blut ins Gesicht schießt. Ich sehe mich um, versuche, herauszufinden, was passiert ist, wo ich bin, ob ich noch am Leben bin. Und langsam wird mir alles klar.

Das Auto steht auf dem Kopf, der Motor ist aus, und ich bin immer noch angeschnallt auf dem Fahrersitz. Es ist still. Ich frage mich, wie lange ich schon so hier sitze. Ich lang hinüber, bewege langsam meinen und versuche, nach Verletzungen zu tasten. Dabei fühle ich einen stechenden Schmerz in meinen Armen und Schultern. Ich weiß nicht, ob ich verletzt bin oder wo, und ich kann es nicht sagen, solange ich kopfüber im Sitz hänge. Ich muss mich abschnallen.

Weil ich den Gurt nicht sehen kann, taste ich mich am Riemen entlang, bis ich etwas Kaltes und Kunststoff fühle. Ich drücke meinen Daumen hinein. Zuerst gibt es nicht nach.

Ich drücke stärker.

Komm schon.

Dann ein plötzliches Klicken. Der Gurt springt ab und ich falle, lande direkt mit einem Gesicht auf dem Metalldach. Ich muss wohl dreißig Zentimeter gefallen sein und meine Kopfschmerzen sind noch viel schlimmer.

Es dauert einige Sekunden, bis ich wieder bei mir bin und langsam auf die Knie komme. Ich sehe hinüber, zu Ben neben mir. Er ist noch angeschnallt und kopfüber. Sein Gesicht ist voller Blut, das langsam aus seiner Nase tropft, und ich kann nicht feststellen, ob er noch lebt oder nicht. Aber seine Augen sind geschlossen, und das sehe ich als ein gutes Zeichen – immerhin sind sie nicht offen und starr.

Ich sehe auf den Rücksitz, nach dem Jungen – und bereue es sofort. Er liegt auf dem Boden des Wagens, sein Nacken ist in einer unnatürlichen Position verdreht, seine Augen sind offen und starr. Tot.

Ich fühle mich dafür verantwortlich. Vielleicht hätte ich ihn früher zwingen sollen, auszusteigen. Ironischerweise wäre dieser Junge vielleicht besser drangewesen, wenn er bei den Sklaventreibern geblieben wäre, als bei mir. Aber ich jetzt nichts mehr tun.

Den Jungen tot zu sehen, macht mir noch einmal die Schwere des Unfalls deutlich, noch einmal suche ich meinen Körper nach Verletzungen ab und weiß doch nicht einmal, wo ich schauen soll, weil alles wehtut. Aber als ich mich drehe, fühle ich einen brennenden Schmerz in meinen Rippen und es schmerzt, tief zu atmen. Ich fasse an, und die Stelle reagiert empfindlich auf die Berührung. Es fühlt sich an, als hätte ich mir eine weitere Rippe gebrochen.

Ich kann mich bewegen, aber es tut weh wie die Hölle. Außerdem habe ich noch das brennende Schmerzen in meinem Arm von dem Splitter, der mich bei unserem vorigen Unfall getroffen hat. Mein Kopf fühlt sich schwer an, als würde er in einem Schraubstock klemmen, und ich habe pochende Kopfschmerzen, die einfach nicht weggehen wollen. Wahrscheinlich habe ich eine Gehirnerschütterung.

Aber jetzt ist keine Zeit zum Nachdenken. Ich muss sehen, ob Ben noch lebt. Ich fasse hinüber und schüttele ihn. Er reagiert nicht.

Ich denke, das Beste wird sein, ihn herauszuziehen, stelle aber fest, dass das nicht so leicht gehen wird. Erst einmal drücke ich kräftig auf den Knopf, um seinen Sicherheitsgurt zu lösen. Der Gurt springt ab und Ben fällt schlagartig nach unten und landet hart, mit dem Gesicht zuerst, auf dem Metalldach. Er stöhnt laut, und Erleichterung durchflutet mich: Er lebt.

Er liegt da, zusammengerollt, und stöhnt. Ich lehne mich hinüber und stoße ihn an, wieder und wieder. Ich will ihn wecken, sehen, wie stark er verletzt ist. Er windet sich, aber scheint immer noch nicht vollständig bei Bewusstsein zu sein.

Ich muss aus diesem Auto raus: Ich fühle mich klaustrophobisch hier drin, besonders in der Nähe des toten Jungen, der mich mit seinen bewegungslosen Augen immer noch anstarrt. Ich greife nach dem Türgriff. Meine Sicht verschwimmt, so dass ich sie schwer finde, vor allem, weil alles auf den Kopf gestellt ist. Ich benutze beide Hände, taste nach der Tür und finde sie schließlich. Ich ziehe daran, aber nichts passiert. Großartig. Die Tür muss blockiert sein.

Ich ziehe wieder und wieder, aber noch immer passiert nichts.

Also lehne ich mich zurück, ziehe mein Knie auf meine Brust und trete die Tür so hart wie möglich mit beiden Füßen. Metall kracht und ein Schwung kalte Luft dringt ein, als die Tür auffliegt.

Ich rolle in eine weiße Welt hinaus. Es schneit wieder, so heftig wie nie zuvor. Es fühlt sich jedoch gut an, aus dem Auto raus zu sein, und komme auf meine Knie und langsam stehe ich wieder. Ich fühle, wie das Blut in meinem Kopf schießt, und einen Moment lang dreht sich die Welt. Langsam werden meine Kopfschmerzen besser, und es ist ein gutes Gefühl, aufrecht zu sitzen, zurück auf meinen Füßen, und frische Luft zu atmen. Als ich versuche, aufzustehen, wird der Schmerz in meinen Rippen schlimmer, auch der in meinem Arm. Ich rolle meine Schultern zurück und fühle mich steif, überall verletzt. Aber nichts anderes fühlt sich gebrochen an, und ich sehe keine Blut. Ich habe Glück.

Ich eile zur Beifahrertür hinüber, knie mich mit einem Bein hin und zerre sie auf. Ich packe Ben am Shirt und versuche, ihn herauszuziehen. Er ist schwerer, als ich dachte, und es ist schwierig. Ich ziehe langsam, aber fest, und schließlich bekomme ich ihn nach draußen in den frischen Schnee. Er landet mit dem Gesicht voran in den Schnee, und davon wird er schließlich wach. Er rollt sich auf seine Seite und wischt den Schnee aus seinem Gesicht. Dann kniet er sich auf seine Hände und Knie, er öffnet seine Augen, starrt auf den Boden und atmet schwer. Währenddessen tropft Blut aus seiner Nase und befleckt den weißen Schnee.

Er blinzelt desorientiert, mehrmals, und dreht sich um und sieht zu mir hoch. Er hält eine Hand hoch, um seine Augen vor dem fallenden Schnee zu schützen.

„Was ist passiert?“, fragt er mit verwaschener Artikulation.

„Wir hatten einen Unfall“, antworte ich. „Bist Du in Ordnung?“

„Ich kann nicht atmen“, sagt er, es klingt nasal, er hält seine Händen unter seine Nase, um das Blut aufzufangen. Als er sich zurücklehnt, kann ich es schließlich erkennen: Er hat eine gebrochene Nase.

„Deine Nase ist hin“, sage ich.

Er sieht mich wieder an, scheint allmählich zu verstehen, und in seinen Augen zeigt sich Angst.

„Keine Sorge“, sage ich und gehe zu ihm hinüber. Ich nehme beide meine Hände und lege sie auf seine Nase. Ich erinnere mich daran, wie Papa mit beigebracht hat, wie man eine gebrochene Nase richtet. Es war spät in der Nacht, als von einer Prügelei in einer Bar nach Hause kam. Ich konnte es nicht glauben. Er ließ mich zusehen und sagte, es wäre gut für mich, etwas Nützliches zu lernen. Er stand im Bad, während ich zusah, lehnte sich an den Spiegel und tat es. Ich erinnere mich noch an das knackende Geräusch.

„Halt still“, sage ich.

Mit einer schnellen Bewegung drücke ich kräftig auf beide Seiten seiner krummen Nase und richte sie gerade. Er schreit auf vor Schmerz und ich fühle mich schlecht. Aber ich weiß, dass es das ist, was er braucht, um die Nase wieder in die richtige Position zu bekommen und den Blutfluss zu stoppen. Ich beuge mich hinunter und gebe ihm einen Klumpen Schnee, so, dass er sie sich gegen die Nase halten soll.

„Das wird das Blut aufhalten und die Schwellung reduzieren“, sage ich.

Ben hält den Klumpen Schnee an seine Nase, in wenigen Augenblicken wird er rot. Ich sehe weg.

Ich trete einen Schritt und zurück und begutachte unser Auto: Da steht es, kopfüber, das Chassis zeigt in den Himmel. Die drei intakten Reifen drehen sich noch, sehr langsam. Ich drehe mich um und schaue zurück in Richtung Autobahn. Wir sind etwa dreißig Meter von der Straße weg – wir müssen wirklich so weit geschleudert worden sein. Ich frage mich, wie groß ihr Vorsprung ist.

Es ist verblüffend, dass wir noch am Leben sind, besonders im Hinblick auf unsere Geschwindigkeit. Wenn ich mir diesen Abschnitt der Autobahn ansehe, stelle ich fest, dass wir Glück hatten: Wenn wir dort hinten weggeschleudert worden wären, wären wir von einer Klippe gestürzt. Und wenn der dicke Schnee uns nicht geschützt hätte, wären die Auswirkungen schlimmer gewesen, da bin ich mir sicher.

Ich begutachte unser Auto und frage mich, ob es einen Weg gibt, es wieder zum Laufen zu bekommen. Ich bezweifle es. Was bedeutet, dass wir Bree nie finden werden, was bedeutet, dass wir hier gestrandet sind, mitten im Nirgendwo, und wahrscheinlich innerhalb eines Tages tot. Wir haben keine Wahl: wir müssen einen Weg finden, damit es wieder funktioniert.

„Wir müssen es umdrehen“, sage ich mit plötzlicher Dringlichkeit. „Wir müssen es wieder auf die Räder bekommen und sehen, ob es noch funktioniert. Ich brauche Deine Hilfe.“

Ben registriert langsam, was ich sage, dann eilt er an meine Seite, stolpernd zuerst. Wir stehen nebeneinander, auf einer Seite des Autos, und beginnen beide, zu drücken.

Wir schaffen es, das Auto zu bewegen, und dann, indem wir die Hebelwirkung ausnutzen, es wieder und wieder zu drücken. Ich brauche alle Kraft, die ich habe, und ich kann fühlen, wie ich im Schnee rutsche, fühle den Schmerz in meinem Bizeps, in meinen Rippen.

Das Auto bewegt sich in größeren und größeren Schwüngen, und gerade, als ich mich frage, ob wir noch mehr geben können, geben wir ihm eine letzte Anstrengung. Ich lange wieder nach oben, über meinen Kopf, drücke und drücke, gehe dabei im Schnee einen Schritt nach vorn.

Es ist gerade genug. Das Fahrzeug erreicht seinen Gipfelpunkt, steht gerade auf der Seite, dann landet es plötzlich mit einem Knall auf allen vier Rädern. Eine riesige Schneewolke steigt auf. Ich stehe da und versuche, wieder Luft zu bekommen, Ben geht es genauso.

Ich begutachte den Schaden. Er ist massiv. Die Motorhaube und das Dach und der Kofferraum sehen aus, als hätte man sie mit einem Vorschlaghammer bearbeitet. Aber faszinierenderweise ist die Karosserie nach wie vor in Form. Nur ein Problem sticht ins Auge. Einer der Reifen – der, der zerschossen wurde – ist in so schlechtem Zustand, dass wir damit unmöglich fahren können.

„Vielleicht gibt es einen Ersatzreifen“, sagt Ben, als würde er meine Gedanken lesen. Als ich zu ihm hinübersehe, eilt er schon zum Kofferraum. Ich bin beeindruckt.

Und eile ebenfalls zum Kofferraum. Mehrmals drückt er den Knopf, aber er lässt sich nicht öffnen.

„Achtung“, sage ich, und als er zurückgetreten ist, hebe ich mein Knie und trete mit meinem Absatz kräftig zu. Der Kofferraum springt auf.

Ich schaue nach unten und bin erleichtert, dort einen Ersatzreifen zu sehen. Ben greift ihn sofort und ich ziehe die Verkleidung zurück, darunter finde ich einen Wagenheber und Schraubenschlüssel. Die nehme ich und folge Ben, der den Ersatzreifen nach vorne schleppt. Ohne zu zögern, nimmt Ben den Wagenheber und klemmt ihn unter die Karosserie, dann nimmt er den Schraubenschlüssel und beginnt. Ich bin beeindruckt davon, wie sicher er mit den Werkzeugen umgeht, und wie schnell er das Fahrzeug anheben kann. Er entfernt alle Schrauben, zieht den nutzlosen Reifen ab und wirft ihn in den Schnee.

Dann setzt er den neuen Reifen auf, und ich halte ihn fest, während er die Schrauben wieder befestigt, eine nach der anderen. Er schraubt sie fest und senkt das Auto wieder ab. Als wir einen Schritt zurücktreten und schauen, ist es, als hätten wir einen ganz neuen Reifen. Ben hat mich mit seinen mechanischen Fertigkeiten überrascht. Das hätte ich nie von ihm erwartet.

Ich verschwende keine Zeit, sondern öffne die Fahrertür, springe wieder in den Wagen und drehe den Schlüssel um. Aber der Mut schwindet mir, als es ruhig bleibt. Das Auto ist tot. Ich drehe wieder und wieder die Zündung. Aber nichts. Gar nichts. Anscheinend hat der Unfall irgendwie das Auto zerstört. Hoffnungslosigkeit macht sich in mir breit. War das alles umsonst?

„Mach die Haube auf“, sagt Ben.

Ich ziehe am Hebel. Ben eilt nach vorne und ich steige wieder aus, um zu ihm zu gehen. Ich sehe ihm zu, wie er hineinlangt und anfängt, mit mehreren Drähten herumzufummeln. Ich bin überrascht von seiner Geschicklichkeit.

„Bist Du ein Mechaniker?“, frage ich.

„Nicht wirklich“, antwortet er. „Mein Vater ist einer. Er hat mir viel beigebracht, damals, als wir noch Autos hatten.“

Er hält zwei Drähte aneinander, und es gibt einen Funken. „Versuch es jetzt“, sagt er.

Ich beeile mich, wieder ins Auto zu kommen, drehe wieder an der Zündung, hoffe und bete. Dieses Mal ist das Auto ziemlich lautstark.

Ben wirft die Motorhaube zu und ich sehe ein stolzes Lächeln auf seinem Gesicht, das schon Schwellungen von der gebrochenen Nase zeigt. Er eilt zurück und öffnet seine Tür. Er will wieder einsteigen, als er plötzlich erstarrt und auf den Rücksitz starrt.

Ich folge seinem Blick und ich erinnere mich. Der Junge auf dem Rücksitz.

„Was sollen wir mit ihm machen?“, fragt Ben.

Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. Ich steige wieder aus, lange ins Auto und nehme den Jungen so sanft, wie es geht, heraus, versuche, nicht hinzusehen. Ich ziehe ihn einige Meter durch den Schnee, zu einem großen Baum hinüber, und lege ihn darunter ab. Ich schaue ihn noch für einen Moment an, dann drehe ich mich um und renne zum Auto zurück.

Ben steht immer noch da.

„Das war's?“, fragt er, er klingt enttäuscht.

„Was erwartest du?“, schnappe ich. „Einen Beerdigungsgottesdienst?“

„Es wirkt nur … etwas kaltschnäuzig“, sagt er. „Er ist für uns gestorben.“

„Wir haben keine Zeit für so etwas“, sage ich, mit meinem Latein am Ende. „Wir werden sowieso alle sterben!“

Ich springe zurück in den laufenden Wagen, meine Gedanken sind auf Bree fixiert, darauf, wie weit die anderen Slaventreiber uns schon voraus sind. Während Ben noch seine Tür schließt, brettere ich schon los.

Unser Auto fliegt über das verschneite Feld, einen steilen Graben hoch und mit einem Knall zurück auf die Autobahn. Wir schleudern erst, dann bekommen wir Haftung. Wir sind wieder in Fahrt.

Ich trete auf das Gas, und wir bekommen echte Geschwindigkeit. Ich bin erstaunt: Dieses Auto ist unbezwingbar. Es fühlt sich so gut wie neu an.

Sofort sind wir wieder über 100. Dieses Mal bin ich ein bisschen vorsichtiger, noch geschockt von dem Unfall. Ich schaffe es bis 110, weiter nicht. Ich kann nicht riskieren, noch einmal von der Straße abzukommen.

Ich denke, sie haben mindestens zehn Minuten Vorsprung, und wir werden sie vielleicht nicht mehr einholen können. Aber alles ist möglich. Es wäre nur nötig, dass sie ein einziges Schlagloch treffen, dass ihnen nur ein einziges Missgeschick geschieht … Wenn nicht, werde ich einfach ihren Spuren folgen müssen.

„Wir müssen sie finden, bevor sie die Stadt erreichen“, sagt Ben, als könnte er meine Gedanken lesen. Das wird langsam eine lästige Angewohnheit bei ihm, stelle ich fest. „Wenn sie die Stadt vor uns erreichen, werden wir sie nie wiederfinden.“

„Ich weiß“, antworte ich.

„Und wenn wir die Stadt betreten, werden wir es nie schaffen. Das weißt Du, oder?“

Denselben Gedanken hatte ich auch. Er hat Recht. Nach allem, was ich gehört habe, ist die Stadt eine Todesfalle, gefüllt mit Raubtieren. Wir sind kaum so ausgestattet, dass wir unseren Weg hinauskämpfen könnten.

Ich trete aufs Pedal, gebe etwas mehr Gas. Der Motor heult auf, und jetzt sind mit 120 unterwegs. Der Schnee ist nicht weniger geworden und prallt wieder von der Windschutzscheibe ab. Ich denke an den toten Jungen, sehe sein Gesicht, seine starren Augen. Ich erinnere mich, wie nah wir dem Tod waren, und ein Teil von mir will langsamer fahren. Aber ich habe keine andere Wahl.

Die Fahrt fühlt sich an, als würden wir kriechen, ewig brauchen. Wir fahren zwanzig Meilen, dann dreißig, dann vierzig … immer weiter, ewig durch den Schnee. Ich halte das Lenkrad mit beiden Händen, lehne mich nach vorn, beobachte die Straße genauer, als ich das in meinem Leben jemals zuvor getan habe. Ich weiche Schlaglöchern links und rechts aus wie in einem Videospiel. Was bei dieser Geschwindigkeit und in diesem Schnee schwierig ist. Dennoch schaffe ich es, fast allen auszuweichen. Ein oder zwei Mal schaffe ich es jedoch nicht, und dafür zahlen wir einen hohen Preis, mein Kopf schlägt gegen das Dach, und meine Zähne schlagen aufeinander. Aber was auch immer passiert, ich fahre weiter.

Als wir um die Kurve fahren, entdecke ich etwas in der Ferne, was mir Sorgen bereitet: Die Spuren des Autos der Sklaventreiber scheinen von der Straße wegzuführen, in ein Feld. Das macht keinen Sinn, und ich frage mich, ob ich die Dinge richtig sehe, besonders in diesem Blizzard.

Aber als je näher wir kommen, desto sicherer bin ich mir. Ich werde deutlich langsamer.

„Was machst Du?“, fragt Ben.

Mein sechster Sinn sagt mir, dass ich langsamer werden soll, und als näher kommen, bin ich froh darüber.

Ich trete in die Bremsen, und zum Glück fahre ich da schon nur noch 50. Wir rutschen und schlittern etwa 20 Meter weit, dann endlich kommen wir zum Stehen.

Gerade noch rechtzeitig. Die Autobahn endet abrupt in einem riesigen Krater, der tief in die Erde reicht. Wenn wir nicht angehalten hätten, wären wir jetzt ganz sicher tot.

Ich schaue nach unten, über den Rand des Abgrunds. Es ist ein massiver Krater, mit einem Durchmesser von hundert Metern wahrscheinlich. Es sieht aus, als wäre zu irgendeinem Zeitpunkt des Krieges eine riesige Bombe über dieser Autobahn abgeworfen worden.

Ich drehe das Lenkrad herum und folge den Spuren der Sklaventreiber, die uns auf ein verschneites Feld führen und dann in gewundene kleine Straßen. Nach mehreren Minuten führen uns die Spuren zurück auf die Autobahn. Ich beschleunige wieder, dieses Mal auf 130.

Ich fahre und fahre und fahre, und fühle mich, als würde ich bis ans Ende der Erde fahren. Nach weiteren ungefähr 40 Meilen fange ich an, mich zu fragen, wie lang diese Autobahn noch gehen kann. Der verschneite Himmel verdunkelt sich langsam, und bald wird es Nacht. Ich habe das Gefühl, mich beeilen zu müssen, und beschleunige das Auto auf 140. Ich weiß, dass es riskant ist, aber ich muss sie einholen.

Auf der Fahrt passieren wir einige der alten Schilder für die wichtigsten Verkehrsadern, die noch hängen und langsam verrosten: Den Sawmill Parkway, den Major Deegan, die 287, den Sprain … Der Taconic gabelt sich, und ich wechsle, um den Spuren der Sklaventreiber zu folgen, auf den Sprain Parkway, dann auf den Bronx River Parkway. Wir nähern uns nun der Stadt, der offene Himmel wird langsam durch große, verfallene Gebäude ersetzt. Wir sind in der Bronx.

Ich habe das Gefühl, sie einholen zu müssen, und beschleunige das Auto auf 150. Es wird so laut, dass ich kaum noch etwas hören kann.

Als wir um eine weitere Kurve fahren, macht mein Herz einen Sprung: Dort in der Ferne sehe ich sie, eine Meile vor uns.

„Da sind sie!“, schreit Ben.

Aber als wir aufholen, sehe ich, wohin sie unterwegs sind. Auf einem verbogenen Schild steht „Willis Avenue Bridge“. Es ist eine kleine Brücke, eingefasst in Metallträger, gerade mal breit genug für zwei Fahrspuren. An ihrem Eingang stehen mehrere Humvees, Sklaventreiber sitzen auf ihren Motorhauben, ihre Maschinengewehre montiert und auf die Straße gerichtet. Auf der anderen Seite der Brücke stehen weitere Humvees.

Ich beschleunige wieder, trete das Gaspedal so weit wie möglich herunter, und wir schaffen es über 150. Die Welt fliegt wie in einem Nebel an uns vorbei. Aber wir holen sie nicht ein: Auch die Sklaventreiber beschleunigen.

„Wir können ihnen nicht nach drinnen folgen“, schreit Ben. „Wir werden es nie schaffen!“

Aber wir haben keine andere Wahl. Sie haben mindestens einhundert Meter Vorsprung, und die Brücke ist vielleicht gerade mal noch einhundert Meter entfernt. Wir werden ihnen dort nicht mehr zuvorkommen können. Ich tue alles, was ich kann, unser Auto wird von der Geschwindigkeit durchgeschüttelt. Es gibt keinen andere Möglichkeit: Wir werden in die Stadt hineinfahren müssen.

Als wir uns der Brücke nähern, frage ich mich, ob den Wachen bewusst ist, dass wir nicht zu ihnen gehören. Ich hoffe nur, dass wir schnell genug durchkommen, bevor sie es mitbekommen und das Feuer auf uns eröffnen.

Das Auto der Sklaventreiber fliegt zwischen den Wachen hindurch, rast über die Brücke. Wir folgen etwa fünfzig Meter hinter ihnen, und noch merken die Wachen nichts. Bald sind wir nur noch dreißig Meter weit weg … Dann 20 … Dann 10 …

Als wir auf den Eingang zurasen, sind wir nahe genug dran, so dass ich den entsetzten Ausdruck auf den Gesichtern der Wachen erkennen kann. Jetzt wird es ihnen klar.

Ich sehe hoch, und die Wachen richten ihre Maschinengewehre auf uns.

Eine Sekunde später fallen die Schüsse.

Wir werden von automatischem Maschinengewehrfeuer getroffen, die Kugeln prallen von der Motorhaube und von der Windschutzscheibe ab, überall hin. Ich ducke mich.

Am schlimmsten ist, dass etwas sich niedersenkt, in unseren Weg, und ich kann sehen, dass es ein Tor mit Eisenzinken ist. Es wird auf die Brücke gesenkt, um unseren Zugang zu Manhattan zu verwehren.

Wir fahren zu schnell, ich kann auf keinen Fall mehr rechtzeitig anhalten. Das Tor senkt sich zu schnell, und ich merke, zu spät, dass wir schon in wenigen Augenblicken in dieses Tor fahren wird, das uns zerschmettern und unser Auto in Stücke reißen wird.

Ich bereite mich auf den Aufprall vor.