S E C H S U N D Z W A N Z I G
Ich denke schnell. Im Schnee liegt nur wenige Meter von der Leiche eines Psychos entfernt eine RPG im Schnee. Sie sieht intakt aus, als wäre sie nie abgefeuert worden. Ich laufe hin, mein Herz klopft. Ich hoffe nur, sie funktioniert – und dass ich in den nächsten paar Sekunden herausfinde, wie sie funktioniert.
Ich knie mich in den Schnee und schaufele sie heraus, meine Hände erfrieren, und ich halte sie gegen meine Schulter. Ich finde den Abzug und ziele auf den Mob, der kaum noch zwanzig Meter entfernt steht. Ich schließe meine Augen, bete, dass es funktioniert, und drücke ab.
Ich höre ein lautes, zischendes Geräusch, und einen Moment später wirft es mich um. Der Rückschlag wirft mich etwa zehn Meter zurück, ich lande flach auf meinem Rücken im Schnee. Es gibt eine Explosion.
Ich schaue auf und bin schockiert, was für einen Schaden ich angerichtet habe: Ich habe den Mob direkt aus der Nähe getroffen. Wo vor einer Sekunde von Dutzende von Leuten waren, sind jetzt nur noch Körperteile im Schnee verteilt.
Aber ich habe keine Zeit, mich über meinen kleinen Sieg zu freuen. In der Ferne kriechen dutzende weitere Psychos aus den U-Bahnhöfen hoch. Ich habe keine RPGs mehr, die ich abfeuern könnte, und weiß nicht, was ich sonst tun sollte.
Hinter mir höre ich das Geräusch von krachendem Metall und sehe Logan, der auf der Motorhaube des Humvee steht. Er hebt sein Bein an und tritt gegen das Maschinengewehr, das auf der Haube montiert ist. Schließlich löst es sich. Er hebt es hoch. Eine Munitionskette baumelt daran herunter, die er über seine Schulter legt. Das Maschinengewehr ist riesig, dafür vorgesehen, dass man es an einem Auto befestigt – nicht trägt – und es sieht aus, als müsste es um die fünfundzwanzig Pfund wiegen. Er hält es mit beiden Händen, aber obwohl er so groß ist, kann ich sehen, wie das Gewicht ihn niederdrückt. Er rennt an mir vorbei und zielt auf die nächste Gruppe von Psychos. Er drückt ab.
Der Lärm ist ohrenbetäubend, als das Feuer des Maschinengewehrs durch den Schnee rast. Aber die Wirkung ist beeindruckend: Die riesigen Kugeln reißen die ankommende Schar entzwei. Körper fallen wie Fliegen, wo immer Logan hinzielt. Irgendwann hört er auf, zu schießen, und die Welt kehrt zu ihrer verschneiten Stille zurück. Wir haben sie alle getötet. Für jetzt, zumindest, sind keine weiteren Psychos mehr in Sicht.
Ich schaue mir das Feld der Verwüstung an: Da ist der zerstörte Schulbus, vernichtet von der RPG, der zerstörte gelbe Bus, der auf der Seite liegt, in Flamen steht, Leichen liegen überall herum, unser Humvee ist ein Wrack. Es sieht aus wie nach einer schweren Schlacht.
Ich folge den Spuren des anderen Busses, desjenigen, in dem Bree ist. Sie sind am Flatiron links abgebogen.
Ich habe den falschen Bus gewählt. Das ist nicht fair. Das ist einfach nicht fair.
Während ich mir die Szenerie ansehe und versuche, Luft zu holen, kann ich an nichts anderes als an Bree denken, diese Spuren. Sie führen zu ihr. Ich muss ihnen folgen.
„Bree ist im anderen Bus“, sage ich und zeige auf die Spuren. „Ich muss sie finden.“
„Wie?“, fragt er. „Zu Fuß?“
Ich sehe mir noch einmal unseren Humvee an und stelle fest, dass es sinnlos ist. Ich habe keine andere Wahl.
„Nehme ich an“, sage ich.
„Der Seehafen ist mindestens fünfzig Blocks südlich von hier“, sagt Logan. „Das ist ein langer Weg – und durch gefährliches Gebiet.“
„Hast Du eine andere Idee?“
Er zuckt mit den Schultern.
„Es gibt kein Zurück“, sage ich. „Nicht für mich, jedenfalls.“
Er schaut mich prüfend an, er ringt mich sich.
„Bist Du bei mir?“, frage ich.
Schließlich nickt er.
„Dann los“, sagt er.
*
Wir folgen den Spuren, gehen Seite an Seite durch den Schnee. Jeder Schritt ist eine Höllenqual, weil meine geschwollene Wade sich langsam wie etwas anfühlt, dass nicht mehr zu meinem Körper gehört. Ich humpele und gebe mein Bestes, mit Logan Schritt zu halten. Das schwere Maschinengewehr zieht ihn runter und er geht selbst nicht allzu schnell. Immer fällt viel Schnee, der Wind schlägt ihn uns direkt ins Gesicht. Der Sturm fühlt sich sogar an, als würde er noch stärker werden.
Alle paar Meter kommt ein neuer Psycho hinter einem Gebäude hervor und auf uns zu. Logan feuert auf sie, metzelt einen nach dem anderen sie. Alle fallen in den Schnee, färben ihn rot.
„Logan!”, brülle ich.
Er dreht sich gerade noch rechtzeitig um, um die kleine Gruppe Psychos zu sehen, die uns von hinten angreifen, und schießt sie nieder. Ich bete, dass er genug Munition hat, um uns dort hinzubringen, wo wir hinmüssen. In meinem Gewehr ist nur noch eine einzige Kugel übrig, die muss ich für den Fall der Fälle aufheben. Ich fühle mich so hilflos und wünschte, ich hätte selbst mehr Munition.
Als wir an einem weiteren Block vorbeikommen, springen mehrere Psychos hinter einem Gebäude hervor und greifen uns gleichzeitig an. Logan feuert, aber er sieht den anderen Psycho nicht, der ihn von der anderen Seite angreifen will. Er kommt zu schnell, und Logan wird es nicht mehr rechtzeitig schaffen.
Ich ziehe das Messer aus meinem Gürtel, ziele und werfe es. Es trifft die Stirn des Psychos und er fällt vor Logans Schnee in die Füße.
Wir gehen weiter den Broadway entlang, werden schneller, bewegen uns so schnell wir können. Langsam scheinen es weniger Psychos zu werden. Vielleicht sehen sie, was wir anrichten, und werden vorsichtiger. Oder vielleicht warten sie nur, warten den richtigen Zeitpunkt ab. Sie müssen wissen, dass uns irgendwann die Munition ausgeht und irgendwann nirgendwo mehr hinkönnen.
Wir passieren die 19th Street, dann die 18th, dann die 17th… und schließlich stehen wir auf einer offenen Fläche. Union Square. Der einst so makellose Platz ist jetzt eine riesige, ungepflegte Grünfläche voller Bäume und taillenhohem Unkraut, das durch den Schnee heraufragt. Die Gebäude sind alle Ruinen, die Schaufenster der Geschäfte zersplittert, die Fassaden geschwärzt von Flammen. Mehrere Gebäude sind zusammengebrochen und nichts als Schutt im Schnee.
Ich schaue hinüber, um zu sehen, ob Barnes & Noble, mein geliebter Buchhändler, noch steht. Ich erinnere mich an die Tage, als ich Bree dorthin mitgenommen habe, wie wir mit der Rolltreppe hochgefahren sind und uns stundenlang in den Büchern verloren haben. Jetzt bin ich entsetzt, dass wirklich nichts mehr übrig ist. Das alte, verrostete Schild liegt auf dem Boden, zur Hälfte mit Schnee bedeckt. In den Fenstern steht kein ein einziges Buch mehr. Man nicht mehr sehen, dass das mal ein Buchladen war.
Wir eilen über dem Platz, treten Müll zur Seite, während wir den Spuren des Busses folgen. Alles ist gespenstisch ruhig geworden. Das gefällt mir nicht.
Wir erreichen das südliche Ende des Platzes und ich bin traurig darüber, wie die riesige Statue von George Washington, der auf einem Pferd saß, umgestürzt daliegt, auch zur Hälfte mit Schnee bedeckt. Es ist wirklich nichts mehr übrig. Alles, was in dieser Stadt einmal gut war, scheint ruiniert zu sein. Es ist wirklich erstaunlich.
Ich halte an, greife nach Logans Schulter, muss Luft holen. Mein Bein tut so weh, ich muss kurz ausruhen.
Logan hält an und will etwas sagen – als wir beide etwas hören und uns umdrehen. Auf der anderen Seite des Platzes kommen plötzlich Dutzende von Psychos aus dem U-Bahn-Eingang, direkt auf uns zu. Es scheint einen endlosen Strom von ihnen zu geben.
Noch schlimmer: Logan zielt und drückt ab, aber dieses Mal hören wir nichts mehr aus einem leeren, entsetzlichen Klicken. Seine Augen öffnen sich weit vor Überraschung und Angst. Wir können nirgendwo hin, nicht fliegen. Diese riesige Gruppe von Psychos, mindestens hundert – und es werden noch mehr – kommen näher. Ich wende mich in jede Richtung, suche verzweifelt nach einem Ausweg, einem Fahrzeug, einer Waffe. Irgendeiner Rettung. Aber da ist nichts.
Scheint, unser Glück verlässt uns.