A C H T Z E H N

 

 

Die Schlange funkelt mich an. Ich bin so geschockt, dass ich gar nicht weiß, wie ich reagieren soll. Die Schlange zögert aber nicht. Sie fährt ihre Zähne aus und versenkt sie in meine Waden.

Der Schmerz ist kaum noch auszuhalten. Ich sinke auf ein Knie, als die drei Zoll langen Zähne mein Fleisch durchdringen. Es fühlt sich an, als würde meine Haut in Flammen stehen, als würde sie brennen vor Schmerzen.

Meine Reflexe übernehmen, und ohne zu überlegen, greife ich die Schlange am Kopf, reiße sie weg und halte sie vor mich. Sie zischt, als ich Schwung hole und sie quer durch den Ring werfe. Sie schlägt gegen den Metallkäfig und fällt auf den Boden. Die Menge jubelt.

Die Schlange aber kommt sofort wieder auf mich zu. Jetzt brennt meine Wade so schlimm, tut so weh, dass ich darüber die Schmerzen in meiner Schulter vergesse. Was die Sache noch schlimmer macht, ist, dass Shira wieder auf die Beine kommt.

Ich höre ein metallenes Geräusch und sehe, dass eine weitere Waffe fallen gelassen worden ist: Dieses Mal ist es ein Speer.

Ich renne hinüber und hebe ihn auf. Als die Schlange wieder auf mich zukriecht, schleudere ich den Speer auf sie hinunter. Aber ich verfehle sie.

Die Schlange macht wieder einen Satz auf mich zu, und ich schaffe es gerade noch, ihr auszuweichen. Aber wieder kommt sie zurück. Noch einmal hebe ich den Speer, wirbele herum und werfe ihn nieder. Dieses Mal ist es ein Treffer.

Der Speer durchdringt unmittelbar den Kopf der Schlange und nagelt sie fest. Sie wird schlaff.

Die Menge grölt.

Gerade, als ich denke, ich könne mich einen Moment entspannen, werde ich von hinten getroffen, ein Ellbogen trifft mich hart, direkt auf meine Wirbelsäule. Ich fliege nach vorn, mein Kopf knall gegen ein Metallgeländer, gerade noch an einer hervorragenden Eisenspitze vorbei. Mein Kopf dreht sich vor Schmerz.

Ich drehe mich herum und sehe, wie Shira wieder ansetzt, ihr Gesicht verzerrt vor Wut. Sie springt hoch in die Luft, ihre Füße fliegen nach vorne und sie tritt mir in die Brust. Ich bemerke, dass ihre Zehen mit geschärften Metallklingen versehen sind: Wenn sie mit tritt, wird es tödlich.

Ich drehe mich in der letzten Sekunde weg, und sie tritt stattdessen in das Tor, prallt zurück und fällt hart auf ihren Rücken. Die Menge grölt.

Ich versuche, durch den Ring zu rennen, den Speer wiederzubekommen, aber als ich an ihr vorbeikomme, greift sie mir ihrer Hand nach meinem Fuß und ich stolpere. Ich lande hart, mit dem Gesicht zuerst, auf dem Boden. Eine Sekunde später fühle ich sie auf mir, wie sie mich von hinten umklammert, ihre Arme und Beine um meinen Körper wickelt. Die Menge grölt.

I rolle mich herüber, so dass sie jetzt auf dem Rücken auf dem Boden ist, während sie mich immer noch von hinten umklammert. Sie wickelt ihre muskulösen Beine um meine, dann wickelt sie ihren festen Unterarm um meine Kehle. Sir wird mich ersticken. Ich habe keinen Raum zum Manövrieren. Wieder einmal verliere ich.

Mit meiner freien Hand versuche ich, über meine Schulter zu fassen. Nur einen Fuß hinter mir, aber außerhalb meiner Reichweite, ist der Speer, er steckt immer noch in der Schlange Ich strecke mich so weit, wie ich kann, bis in die Fingerspitzen, und schaffe es, den Schaft zu berühren. Ich bin so nah dran. Aber ich bekomme kaum noch Luft.

Ich beuge mein Bein, was immer noch von dem Schlangenbiss entsetzlich weh tut, grabe meine Ferse in den Boden und drücke, schiebe uns beide zurück. Ich schaffe es, uns einen Zoll zu bewegen. Gerade genug, um den Speer zu fassen zu bekommen.

Schließlich habe ich ihn. Aber mir wird schwindlig, und ich beginne, Sterne zu sehen, weil ich keinen Sauerstoff mehr habe. Ich weiß, dass ich nur noch wenige Sekunden zu leben habe.

Mit einer letzten, höchsten Anstrengung schaffe ich es, den Speer anzuheben und in meine Richtung zu ziehen und zugleich in der allerletzten Sekunde meinen eigenen Kopf aus dem Weg zu nehmen. Ich lasse ihn mit voller Kraft heruntersausen, mit beiden Händen.

Knapp verfehle ich mit dem Speer mein eigenes Gesicht und durchbohre stattdessen Shiras Hals. Ich drücke weiter und weiter, höre das entsetzliche Geräusch von Metall, das in Fleisch eindringt, bis sich ihr Griff um meinen Hals schließlich lockert.

Sie wird schlaff neben mit, ihre Hände und Beine lassen langsam von mir ab. Ich fühle, wie das warme Blut aus ihrem Hals herausfließt, auf meinen eigenen. Schließlich kann ich mich losmachen, wegrollen und auf die Füße springen.

Ich stehe über ihr und schaue nach unten, reibe meinen Hals, schnappe nach Luft. Ihre Augen stehen weit offen, als würde sie zur Seite starren.

Nach einem Moment erstaunter Still springt die Menge wieder auf die Beine und grölt vor Begeisterung, noch lauter als zuvor. Jetzt lieben sie mich.

 

*

 

Als ich auf Shiras Leiche hinuntersehe, empfinde ich keinen Stolz. Ich denke nur an den Schlangenbiss, den brennenden Schmerz in meiner Wade, und frage mich, ob es giftig ist. Meine Wade ist schon rot und geschwollen, und bei jedem Schritt tut es neu weh. Ich vermute, wenn es giftig wäre, wäre ich schon tot oder zumindest gelähmt. Dennoch ist der Schmerz unglaublich, und es fällt mir schwer, zu gehen. Ich weiß nicht, wie ich so in der Lage sein soll, weiter zu kämpfen.

Ganz zu schweigen vom Rest: meine gebrochenen Rippen, die Wunde an meinem Arm von dem Splitter, die neue Bisswunde an der Schulter, mein geschwollenes Gesicht … Ich klammere mich an den Zaun und hole Luft. Ich weiß wirklich nicht, wie ich gegen noch jemanden kämpfen soll. Jetzt verstehe ich auch, warum es in der Arena Eins keine Überlebenden gibt.

Ich spüre Bewegung und sehe, wie der Anführer finster herunterstarrt. Er sieht nicht zufrieden aus. Die Menge jubelt weiter, und ich frage mich, ob ich den Anführer in irgendeiner Weise in Verlegenheit gebracht habe. Ganz offensichtlich sollen die Kämpfe in der Arena schnell sein, im Prinzip eine bessere Exekution. Sie sollen nicht länger als eine Runde dauern. Ganz offensichtlich hatte er erwartet, dass ich früher sterben würde.

Was die Sache noch schlimmer macht, ist, dass die Leute in der Menge wild um Geld wetten. Ich frage mich, ob der Anführer und seine Leute gegen mich gewettet haben – ob mein Sieg sie Geld gekostet hat. Ich frage mich, was die Einsätze waren. Wenn ich gewettet hätte, hätte ich 500 zu 1 gegen mich gewettet.

Seine Ratgeber umringen ihn, sie wirken aufgeregt, flüstern in sein Ohr, als würden sie einen Plan entwickeln. Langsam nickt er zur Antwort.

Als er das tut, öffnet sich die Tür des Käfig, und herein kommen zwei Sklaventreiber. Sie eilen zu Shiras Leiche hinüber und ziehen ihren toten Körper durch den Ring. Einer von ihnen beugt sich herunter und greift nach dem Speer und nach dem schlaffen Körper der Schlange. Noch mehr Blut verteilt sich auf dem Boden, der jetzt rot und glitschig ist. Ich nehme das alles auf, hole immer noch Luft, als ich ein leises Geräusch höre. Darauf folgt ein deutlicheres Geräusch, und der Boden unter mir zittert, dann bebt er. Bald wird es ein ohrenbetäubender Lärm.

Die ganze Menge springt auf die Füße, die Leute trampeln wie verrückt, alle drehen sich um, um zu den Eingangstunneln zu schauen. Herein kommt ein Dutzend Männer, die alle Fackeln halten. Sie machen den Weg für eine offensichtlich sehr spezielle Person frei. Die Menge grölt lauter und lauter, bis das Trampeln ohrenbetäubend wird. Ich mag dieses Geräusch nicht. Sie müssen wissen, wer das ist.

Nach einigen Sekunden erhasche ich einen Blick auf das, weshalb sie so schreien. Hinter einer Entourage von einem Dutzend weiterer Fackelträger kann ich nur einen Teil dessen entdecken, was mein neuer Gegner sein wird. Ich schlucke.

Das ist wahrscheinlich der größte und kraftvollste Mann, den ich je gesehen habe. Er überragt die Fackelträger um mindestens einen Fuß, auf jedem Quadratzentimeter seines Körpers beulen sich die Muskeln. Er ist ungefähr drei Mal so groß wie alle Männer, die ich je gesehen habe. Er trägt eine schwarze Gesichtsmaske, ominös und bedrohlich, so dass ich sein Gesicht nicht sehen kann. Vielleicht ist das besser so.

Seine Hände und Unterarme sind jeweils mit schwarzen Panzerhandschuhen aus hartem Material bedeckt, die mit Eisenspitzen versehen sind. Bis auf seine engen, schwarzen Shorts und die schwarzen Springerstiefel ist er nackt. Die Muskeln in seinen Oberschenkeln sind bei jedem Schritt sichtbar.

Als er näherkommt, wird die Menge verrückt. Schließlich jubeln sie ihm zu:

„MAL-COLM!  MAL-COLM!  MAL-COLM!”

Er scheint dem Jubel gegenüber gleichgültig, es interessiert ihn einfach nicht. Umgeben von einem Tross von zwei Dutzend Menschen ist er ein eingesperrtes Monster, bereit, alles zu zerfleischen, was ihm über den Weg läuft. Ich kann nicht einmal daran denken, dass diese Person gekommen ist, damit ich mit ihr kämpfe. Das ist ein absoluter Witz. Ich habe keine Chance.

Mit dem Sumoringer hatte ich Glück, weil er zu viel Selbstvertrauen hatte und unvorsichtig war. Auch mit Shira hatte ich Glück, aber das wäre fast schiefgegangen. Aber dieser Mann: Der kann mich ganz offensichtlich mit einer einzigen Hand überwältigen. Ich bin kein Pessimist. Aber als er die Leiter hochklettert, in den Ring kommt und da steht, zwei Mal so groß wie ich, ist das genug, dass meine Knie wanken. Das ist kein Mann – das ist ein Monster, etwas aus einem Märchen. Ich frage mich, ob sie ihn für besondere Anlässe aufheben, für Leute, die den Spielen getrotzt haben, die den Anführer in Verlegenheit gebracht haben. Oder ob sie ihn vielleicht als letztes Mittel aufgehoben haben, um die Leute schnell und einfach zu töten, ohne weitere Risiken einzugehen.

Er breitet seine Arme weit aus und wirft seinen Kopf zurück. Die Menge wird verrückt. Das Grölen ist so laut, dass es mir in den Ohren wehtut. Das Monster lässt mich nicht aus den Augen, das kann ich durch seine Maske durch sehen. Ich kann fühlen, wie sie mich durchdringen – seelenlose, schwarze Augen. Er senkt seinen Arm, er starrt mich noch immer an. Ich lasse das Geländer im Käfig los und stehe auf meinen eigenen zwei Beinen, sehe im ins Gesicht. Ich tue mein Bestes, um aufrecht zu stehen, furchtlos zu erscheinen. Ich bezweifle, dass es funktioniert.

Ich weiß nicht, als ich als nächstes tun soll. In dieser Arena gibt es kein offizielles Geräusch oder Signal, um den Beginn eines Kampfes zu markieren. Und wenn es eins gäbe, hätte ich das Gefühl, dass ohnehin niemand darauf achten würde. Die Kämpfe scheinen zu beginnen, wann immer die Teilnehmer beschließen, dass sie das wollen. Und ich bin nicht in der Stimmung, mit diesem Spiel zu beginnen. Er nimmt sich auch Zeit, genießt jeden Augenblick, versucht, mich einzuschüchtern. Es funktioniert.

Meine einzige Hoffnung ist, dass der Anführer eine weitere Waffe hineinwerfen lässt. Aber als ich in die finsteren Gesichter des Anführers und seiner Berater sehe, sehe ich kein Anzeichen dafür.

Er bewegt sich. Langsam schlendert er auf mich zu, als hätte er alle Zeit der Welt. Als wollte er das genießen. Ich studiere seine physische Erscheinung, suche nach irgendeiner möglichen Schwäche. Aber ich finde keins: Er ist ein Wall von festen Muskeln.

Als er näherkommt, weiche ich langsam zurück, laufe innen am Rand der Käfigwand entlang. Ich erkenne, dass mich das schwach wirken lassen wird, und ihn wahrscheinlich noch mutiger erscheinen lassen wird. Aber ich sehe nicht, wie er noch mutiger werden könnte, und ich weiß immer noch nicht, wie ich gegen diesen Kerl kämpfen soll. Vielleicht, wenn ich ihm lange genug ausweiche, komme ich auf eine Idee. Oder sie werfen mir eine Waffe zu. Oder ich lasse ihn müde werden. Aber all diese Möglichkeiten erscheinen unwahrscheinlich.

Er nähert sich langsam. Die Menge wird kribbelig, die Leute zischen und buhen, sie rufen mir zu. Sie wollen Blut. Und ich bin nicht mehr der Favorit.

Er geht etwas schneller auf mich zu und ich ziehe mich genauso schnell zurück. Er tritt nach linke, also trete ich nach rechts. Aber dieses Spielchen kann ich nicht ewig weiterspielen. Er kommt näher.

Er wird ungeduldig und fasst nach mir, versucht mich zu greifen. In letzter Sekunde weiche ich zur Seite aus. Ich bin schnell genug, er kann nur noch Luft greifen.

Die Menge lacht ihn aus. Er wirbelt herum, sein Nacken errötet. Jetzt ist er wirklich sauer. Er setzt an, rennt mit voller Kraft auf mich zu. Ich kann nirgendwo mehr hin.

In letzter Sekunde versuche ich, nach rechts auszuweichen, aber dieses Mal sieht er es kommen und schafft es noch, mich an meinem Shirt zu fassen zu kriegen. Sofort dreht er sich um und wirbelt mich mit einer Hand herum, er schleudert mich. Ich fliege wie eine Puppe durch den Ring und schlage gegen den Metallkäfig. Glücklicherweise verpasse ich wieder knapp eine der hervorstehenden Metallspitzen.

Die Menge schreit vor Begeisterung. Ich liege dort, ich habe keine Kraft mehr, meine Wade und Schulter pochen. Unter höchster Anstrengung schaffe ich es, auf meine Hände und Füße zu kommen, aber sobald ich das geschafft habe, fühle ich schon seine Hände auf meinem Rücken, wie sie wieder nach meinem Shirt greifen. Er schleudert mich wieder kopfüber.

Ich fliege wie eine Kanonenkugel auf die andere Seite des Rings. Ich fliege durch die Luft und knalle dann mit dem Kopf voraus in den Metallkäfig. Der Schmerz ist betäubend. Ich pralle ab und lande auf dem Rücken, auf dem Boden. Ich krümme mich zusammen.

Die Menge trampelt und grölt noch lauter.

Ich sehe gerade noch rechtzeitig hoch, um einen riesigen Fuß zu sehen, der direkt auf mein Gesicht zukommt. In letzter Sekunde schaffe ich es, mich aus dem Weg zu rollen, die Luft rauscht durch meine Ohren, als sein Fuß nur ein paar Zentimeter entfernt auf den Boden auftritt. Die Menge staunt. Das war knapp. Ein Sekundenbruchteil später, und sein Fuß hätte mein Gesicht zerschmettert.

Ich rolle mich herüber, und ohne zu überlegen, versenke ich meine Zähne in seinem Fuß. Ich fühle, wie sie sein Fleisch durchdringen, und schmecke schon sein salziges Blut, wie es meine Lippen heruntertropft. Ich höre, wie er vor Schmerzen aufstöhnt. Er ist menschlich. Das überrascht mich. Es ist ein schmutziger Trick, aber das ist alles, was mir einfällt.

Er zieht sein Ben weg und tritt mir ins Gesicht. Ich fliege wieder, drehe mich mehrmals, und schlage in einer Ecke des Käfigs auf.

Er fasst seinen blutigen Fuß an, prüft seine Hand, und lächelt mich zugleich höhnisch und mit neuem Hass an. Ich frage mich, ob er sich gerade entschieden hat, mich langsam statt schnell zu töten.

Ich krabbele wieder auf meine Füße, um ihm ins Gesicht zu sehen, und dieses Mal habe ich das Gefühl, dass ich ihn überraschen muss. So verrückt, wie es ist, ich fordere ihn heraus.

Ich springe in die Luft und trete aus der Luft heraus, ich ziele auf seine Leistengegend. Ich hoffe, dass wenn ich ihn hart trete, an genau der richtigen Stelle, mit meinen Stahlkappen, dass ich dann vielleicht etwas ausrichten kann.

Aber dafür ist er ein zu guter Kämpfer. Er muss meine Idee vorausgeahnt haben, denn er greift mühelos nach unten und blockiert mein Bein. Sein metallener Panzerhandschuh trifft meine Wade, direkt in die Wunde hinein, bevor ich irgendetwas ausrichten kann. Der Schmerz ist betäubend. Er erwischt mich kalt, und ich falle zu Boden, halte meine Wade, unfähig, mich zu bewegen.

Dennoch versuche ich, aufzustehen, aber er ohrfeigt mich mit seinem anderen Panzerhandschuh, quer über das Gesicht, und der Schlag wirft mich zurück zu Boden, mit dem Gesicht zuerst. Ich schmecke Blut in meinem Mund, und sehe, dass der Boden unter mir dunkelrot ist. Die Menge jubelt.

Ich versuche, wieder hochzukommen, aber bevor mir das gelingt, kann ich seine Hände auf meinem Rücken fühlen, wie er mich hochhebt, Schwung holt und mich wieder schleudert. Er zielt hoch, Richtung Oberseite des Käfigs, und fliege über den Ring genau dorthin. Dieses Mal denke ich schnell.

Als ich den oberen Rand des Käfigs treffe, halte ich mich mit beiden Händen an dem Drahtzaun fest, klammere mich gerade zu fest. Die Wand schwankt hin und her, aber ich schaffe es, mich festzuhalten. Ich bin hoch oben auf dem Metallkäfig, fast fünfzehn Fuß über dem Boden, ich klammere mich an mein Leben.

Das Biest wirkt verärgert. Er versucht, hochzugreifen und mich zu fassen zu bekommen, um mich wieder herunterzuziehen. Aber ich klettere noch ein Stück höher. Er versucht, eins meiner Beine zu fassen zu kriegen, aber ich kann es gerade noch rechtzeitig wegziehen. Ich bin ganz knapp außerhalb seiner Reichweite.

Er wirkt perplex, und ich kann sehen, wie die Haut auf seinem Nacken vor Frustration noch röter wird. Damit hatte er offensichtlich nicht gerechnet.

Die Menge springt wieder auf ihre Füße und grölt vor Begeisterung. Diese Taktik haben sie offenbar noch nicht gesehen vorher.

Aber ich weiß nicht, wie lange ich mich festhalten kann. Meine Muskeln sind schon schwach, und als ich mich an dem Käfig festhalte, beginnt er, zu schwingen. Das Biest schüttelt ihn. Ich halte mich daran fest wie an eine Boje in einem sturmumtosten Meer. Aber egal, wie sehr er schüttelt, ich weigere mich, loszulassen.

Die Menge tobt vor Begeisterung und lacht ihn aus. Ich sehe nach unten, und sehe, wie er noch röter wird vor Wut. Er wirkt erniedrigt.

Er beginnt, sich selbst nach oben zu ziehen. Aber er ist zu langsam, zu unbeholfen. Er ist viel zu schwer, um beweglich zu sein, und dieser Käfig ist nicht dafür gedacht, jemanden seines Gesichtes tragen zu können. Er klettert in meine Richtung, aber jetzt bin ich im Vorteil. Er braucht beide Hände, um sich hochzuziehen, und als er näherkommt, schwinge ich ein Bein und trete ihm hart ins Gewicht, erwische eine Ecke seiner Schläfe, direkt in der Ecke seiner Gesichtsmaske, mit der Stahlkappe auf meinen Zehen.

Es ist ein fester Tritt, einer, den er nicht erwartet – und zu meiner Überraschung funktioniert es. Er fällt zurück, runter vom Zaun, gut zehn Fuß tief und landet hart, flach auf dem Rücken, auf dem Boden. Er landet mit solcher Wucht, dass der gesamte Ring wackelt. Es hört sich an, als würde ein Baumstamm vom Himmel fallen. Die Menge grölt und schreit vor Begeisterung.

Mein Tritt hat seine Gesichtsmaske entfernt, die jetzt über den Boden fliegt. Er kommt wieder auf die Füße und sieht mich finster an. Zum ersten Mal kann ich sein Gesicht sehen.

Ich wünschte, ich hätte es nicht gesehen.

Es ist abstoßend und grotesk, und es sieht kaum noch menschlich aus. Jetzt verstehe ich auch, warum er diese Maske trägt. Sein Gesicht ist völlig verbrannt und verkohlt, große Fetzen hängen herunter. Er ist ein Bioopfer, und zwar das Schlimmste, das ich je gesehen habe. Er hat keine Nase mehr und Schlitze statt Augen. Er sieht mehr wie ein Tier aus als wie ein Mensch.

Er faucht und brüllt mich an, und wenn ich vorher noch keine Angst gehabt hätte, würde mein Herz spätestens jetzt vor Angst pochen. Ich kämpfe gegen irgendetwas, das aus einem Alptraum kommt.

Aber zumindest bin ich sicher für jetzt. Ich war klüger als er. Es gibt nichts, was er machen kann, außer da unten zu stehen und zu mir hochzusehen. Wir sind in einer Pattsituation.

Dann ändert sich alles.

Dummerweise habe ich nur nach unten gesehen statt nach vorne, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass aus dieser Richtung irgendeine Gefahr drohte. Aber einer von den Sklaventreibern von außerhalb des Rings hat es geschafft, mit einer riesigen Stange zu mir hochzuklettern. Damit stößt er mich direkt in die Brust. Ein elektrischer Schlag zieht durch meinen gesamten Körper. Es muss eine Art Werkzeug von Viehtreibern sein, wahrscheinlich reservieren sie das für Gelegenheiten wie jetzt.

Der Schock lässt mich loslassen, den Käfig loslassen. Ich falle durch die Luft und lande flach auf meinem Rücken. Der Stoß hat mir alle Kraft genommen, und zittere noch von dem elektrischen Schlag. Die Menge brüllt vor Freude, als ich wieder hilflos auf dem Boden im Ring liege.

Ich kann kaum atmen oder meine Fingerspitzen fühlen. Aber ich habe keine Zeit zum Nachdenken. Das Biest setzt auf mich an, es sieht verrückter als je zuvor aus. Er springt in die Luft und hebt seine Knie an, will mit beiden Füßen auf mein Gesicht springen, um mich ins ewige Vergessen zu befördern.

Irgendwie schaffe ich es in der letzten Sekunde noch einmal, mich aus dem Weg zu rollen. Die Luft, in die er tritt, rauscht an meinem Ohr vorbei, und dann kommt das donnernde Auftreten seiner Füße. Es reicht, um den Boden zu erschüttern, ich werde hochgeworfen wie ein Spielball. Ich rolle mich wieder weg, stehe auf und renne auf die andere Seite des Rings.

Eine weitere Waffe fällt plötzlich vom Himmel und landet auf dem Boden in der Mitte des Rings. Ein mittelalterlicher Morgenstern. Er hat einen kurzen Holzgriff und eine einen Fuß lange Kette, an deren Ende sich eine Metallkugel mit Zacken befindet. Ich habe diese Waffen schon vorher einmal gesehen, auf Bildern von Rittern in Rüstungen: Es war eine tödliche Waffe, die im Mittelalter verwendet wurde.

Ich nehme sie mir, bevor er es tun kann – nicht, dass er irgendein Interesse daran zeigen würde. Er versucht es nicht einmal, offenbar hat er nicht das Gefühl, die Waffe zu brauchen. Das kann ich ihm nicht verübeln.

Ich ergreife den Schaft und schwinge die Waffe, voller neu gewonnenem Vertrauen. Wenn ich einmal richtig treffe, kann ich vielleicht tatsächlich noch gewinnen. Es ist eine wunderschöne Waffe, und die Metallkugel mit ihren Zacken schwingt um das Ende der Kette, wieder und wieder, damit erschaffe ich mir einen Raum vor mir, halte ihn in Schach. Wieder und wieder schwinge ich die Waffe, wie einen Helikopter, und schaffe es, ihn aus seiner Konzentration zu bringen, er wird misstrauisch.

Aber langsam nähert er sich trotzdem. Als ich noch einen Schritt mache, rutsche ich auf aber einer Pfütze aus Blut aus: Meine Füße rutschen unter mir weg, und ich falle flach auf den Rücken. Dabei verliere ich die Waffe aus dem Griff und sie fliegt durch den Käfig. Glücklicherweise fliegt sie immerhin direkt auf seinen Kopf zu. Aber er ist gelenkiger, als ich dachte, und duckt sich einfach darunter. Die Waffe fliegt über seinen Kopf hinweg und knallt in eine Wand des Käfigs. Die Menge staunt lautstark, weil das so knapp war.

Ich liege flach auf meinem Rücken, und noch bevor ich aufstehen kann, steht er über mir. Er benutzt beide Hände, um mich an der Brust aufzuheben. Er hebt mich hoch, weit über seinen Kopf, wie ein Wrestler, dann trägt er mich über den ganzen Ring, stellt mir zur Schau, vor den tausenden von Schaulustigen. Sie sehen sich das an, sie werden verrückt.

„MAL-COLM!  MAL-COLM!  MAL-COLM!”

Vielleicht ist das sein Markenzeichen, bevor er die Leute endgültig tötet. Wie ich so da in der Luft baumele, so hoch über seinem Kopf, mich hilflos drehe und winde – es ist zwecklos. Es gibt nichts, was ich tun kann. Ich bin in seiner Hand. Jede Sekunde könnte die letzte sein.

Langsam trägt er mich über den Ring, wieder und wieder, er genießt die Verehrung, den Sieg. Der Lärm der Menge wächst zu einer ohrenbetäubenden Tonlage. Er hebt mich weiter hoch, sogar noch höher, setzt an, mich zu wegzuschleudern, und das letzte, woran ich denken kann, bevor ich fliege, ist, dass ich froh bin, dass Bree nicht hier ist, um meinen Tod zu sehen.