Z W A N Z I G

 

 

Ich bin mir nicht sicher, ob ich tot oder lebendig bin. Mein Körper schmerzt mehr als ich mir das je vorstellen konnte, und ich frage mich, ob es sich so anfühlt, auf der anderen Seite zu stehen. Irgendwie habe ich aber das Gefühl, ich bin noch am Leben: Wäre ich tot, wäre es hoffentlich nicht so schmerzvoll.

Ich schaffe es, ein Auge zu öffnen, und sehe, dass ich mit dem Gesicht nach unten auf einem metallenen Boden in einem abgedunkelten Raum liege, der von roten Notleuchten schwach erhellt wird. Ich schaue auf und erkenne jemanden vor mir.

„Brooke?“, fragt eine Stimme. Es ist eine männliche Stimme.

„Brooke?“, fragt er wieder, sanft.

Ich fühle eine Hand auf meiner Schulter, die mich sanft schüttelt.

Ich schaffe es, meine Augen weiter zu öffnen, und erkenne schließlich das Gesicht: Ben. Er lehnt sich zu mir herüber, schüttelt mich sanft, versucht, herauszufinden, ob ich noch am Leben bin.

„Das ist für Dich“, sagt er.

Ich höre Plastik am Metallboden kratzen und kann Essen riechen. Aber ich bin zu müde, um es anzusehen, und verstehe nicht wirklich, was passiert.

„Ich muss jetzt gehen“, sagt er. „Bitte. Ich will, dass Du das hier bekommst.“

Eine Sekunde später höre ich, wie sich die Tür öffnet, und Licht durchflutet den Raum. Ich höre marschierende Stiefel, Ketten, und Handschellen, die geöffnet werden. Dann werden die Schritte wieder leiser, und als sich die Tür schließt, wird mir plötzlich klar: Sie haben Ben gerade mitgenommen.

Ich will meinen Kopf heben, meine Augen öffnen, nach ihm rufen. Ihm danken. Ihn warnen. Mich verabschieden.

Aber mein Kopf ist zu schwer, ich kann ihn nicht heben, und meine Augen schließen sich. Nur wenige Augenblicke später schlafe ich wieder tief.

 

*

 

Als ich wieder aufwache, weiß ich nicht, wie viel Zeit vergangen ist. Ich fühle das kalte Metall auf dem Boden an der Seite meines Gesichtes, und dieses Mal bin ich in der Lage, allmählich meinen Kopf anzuheben. Mein Kopf fühlt sich an, als müsste er bersten, und jeder Teil meines Körpers schmerzt.

Als ich mich aufsetze, fühle ich einen stechenden Schmerz in meine Rippen, jetzt auf beiden Seiten. Mein Gesicht ist geschwollen, voller Beulen und Verletzungen, und meine Schulter bringt mich um. Am schlimmsten ist das intensive Pulsieren in meiner Wade, ein unerträglicher Schmerz, wenn ich versuche, mein Bein geradezurichten. Zuerst weiß ich nicht, wo das herkommt, aber dann fällt es mir wieder ein: Der Schlangenbiss.

Indem ich mich mit einer Hand abstütze, kann ich mich zur Hälfte aufsetzen. Ich sehe mich in dem abgedunkelten Raum um, ob Ben dort ist. Aber er ist weg. Ich bin alleine.

Neben mir steht ein unberührtes Tablett mit Essen. Sein Essen. Ich berühre es: Es ist kalt. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil er es für mich übriggelassen hat. Ich bin mir sicher, er hätte es mindestens genauso dringend gebraucht wie ich. Mir wird klar, was es ihn gekostet haben muss, diese Mahlzeit zu opfern. Wenn das seine letzte Mahlzeit war, dann haben sie ihn mitgenommen, damit er kämpft. Meine Zuversicht schwindet. Das bedeutet sicher, dass er bereits tot ist.

Ich sehe wieder zu dem Tablett herunter, aber es fühlt sich an, als wäre es das Essen eines toten Mannes. Ich kann mich nicht überwinden, es zu berühren.

Dann höre ich wieder Stiefel, und die Metalltür schlägt auf. Herein marschieren vier Sklaventreiber, die mich auf die Füße zerren und aus dem Zimmer schleifen. Der Schmerz ist so unbeschreiblich, dass ich kaum stehen und gehen kann. Mein Kopf ist so schwer, und das Zimmer dreht sich, und ich weiß nicht, ob ich es schaffen werde, ohne zusammenzubrechen.

Ich werde durch den Gang geschoben und geschubst, und in der Ferne wird das Geräusch der Menge wieder deutlicher hörbar. Meine Zuversicht schwindet mir, als mir klar wird, dass ich wieder in die Arena geführt werde.

Wenn sie denken, ich könnte wieder kämpfen, ist das ein absoluter Witz. Ich kann kaum gehen. Jeder hätte jetzt leichtes Spiel mit mir. Ich habe keinen Kampfwillen mehr übrig – und vor allem keine Kraft. In dieser Arena habe ich schon alles gegeben, was ich habe.

Ich werde ein letztes Mal geschubst, dann öffnet sich der Tunnel zur Arena. Der Lärm wird ohrenbetäubend. Ich blinzele vor dem grellen Licht, als ich die Lampe heruntergeführt werde. Ich zähle meine letzten Minuten.

Die Menge springt auf ihre Füße, als sie mich sieht. Die Leute trampeln heftig. Dieses Mal zischen und buhen sie nicht, sie scheinen mich zu lieben.

„BROOKE!  BROOKE!  BROOKE!”

Es ist ein surreales Gefühl. Ich bin zu Ruhm gekommen, aber für Handlungen, die ich verabscheue, und an dem letzten Ort auf der Welt, wo ich das jemals gewollt hätte.

Wieder werde ich geschubst. den ganzen Weg zum Ring, zurück zu der Metallleiter. Ich schaue auf und sehe, wie sich der Käfig öffnet, und klettere hilflos hinein.

Als ich ihn betrete, wird die Menge verrückt.

Ich bin immer noch im Halbschlaf, und das ist alles so surreal, dass ich mich frage, ob ich das wirklich alles schon einmal gemacht habe, oder ob das nur ein Traum war. Als ich hinunterschaue und die riesige Schwellung auf meiner Wade sehe, weiß ich, dass es Wirklichkeit war. Ich kann es kaum glauben. Ich bin wieder hier. Dieses Mal für einen sicheren Tod.

Sie haben keine Scherze gemacht, als sie sagten, es würde keine Überlebenden geben. Jetzt weiß ich, dass es keine Ausnahmen geben wird.

Ich stehe im leeren Ring und überschaue das Stadion, frage mich, wer mein nächster Gegner wird, von wo er kommen wird. Plötzlich ertönt ein Jubeln von der anderen Seite des Stadions. Der Tunnel öffnet sich, und ein neuer Kandidat marschiert herein. Ich kann ihn nicht sehen, weil er von einem Tross von Sklaventreibern umgeben ist. Die Menge wird verrückt, als er näher kommt. Aber ich kann so schlecht sehen, dass ich ihn nicht erkennen kann, bis er direkt am Rande des Rings ist, bis er die Leiter hochklettert, bis sich der Käfig öffnet und bis er tatsächlich hineingeschoben wird.

Und in dem Moment verlässt mich mein allerletzter Kampfwillen.

Ich bin entsetzt.

Das kann nicht sein.

Vor mir steht, und blickt mich ebenso entsetzt an, Ben.