S E C H S

 

 

Ich fahre das Motorrad in die schmale Lücke zwischen den Felsen, und das Nächste, was ich weiß, ist, dass wir fliegen. Eine Sekunde lang trägt uns die Luft, und ich frage mich, ob das Eis halten wird, wenn wir auftreffen – oder ob wir es direkt durchbrechen werden und in das eiskalte Wasser stürzen, in einen sicheren und brutalen Tod.

Eine Sekunde später durchfährt ein Ruck meinen gesamten Körper, als wir auf etwas Hartes aufprallen.

Eis.

Wir schlagen mit 140 auf, schnell, als ich es mir überhaupt vorstellen kann, und als wir landen, verliere ich die Kontrolle. Die Reifen bekommen keine Haftung, und mein Fahren wird eher ein kontrolliertes Rutschen. Ich tue mein Bestes, um wenigstens den Lenker zu steuern, der wild hin- und herschwenkt. Aber zu meiner Überraschung und Erleichterung hält wenigstens das Eis. Wir fliegen über das solide Eis, das der Hudson River jetzt ist, werden nach links und rechts geschleudert, aber zumindest in die richtige Richtung. Währenddessen bete ich zu Gott, dass das Eis hält.

Plötzlich höre ich hinter mir das schreckliche Geräusch von knackendem Eis, noch lauter als das Aufheulen des Motors. Ich sehe über meine Schulter und sehe einen enormen Riss, der sich bildet und der Spur unseres Motorrads folgt. Der Fluss öffnet sich direkt hinter uns. Unsere einzige Rettung ist, dass wir so schnell sind, dass der Riss uns nicht einholen kann, er bleibt immer einen Fuß hinter uns. Wenn unser Motor und unsere Reifen nur noch einige Sekunden durchhalten, dann können wir es vielleicht, vielleicht schaffen.

„SCHNELL!“, schreit Ben, die Augen vor Angst weit geöffnet, als er hinter sich sieht.

Ich gebe so viel Gas wie möglich, bin bei etwas über 150. Wir sind noch dreißig Meter vom gegenüberliegenden Ufer entfernt, und wir kommen näher.

Komm schon, komm schon!, denke ich. Nur noch ein paar Meter.

Das Nächste, was ich weiß, ist, dass es enormen Aufprall gibt, und mein ganzer Körper vor- und rückwärts geschleudert wird. Ben stöhnt vor Schmerz. Meine ganze Welt zittert und dreht sich, und in dem Moment wird mir klar, dass wir am gegenüberliegenden Ufer angekommen sind. Wir treffen mit 150 auf, schlagen hart auf das steile Ufer auf, unsere Köpfe werden ruckartig zurückgerissen. Aber nach ein paar weiteren üblen Erschütterungen sind wir auf dem Ufer.

Wir haben es geschafft. Wir sind wieder auf trockenem Land.

Hinter uns ist der Fluss nun vollständig aufgerissen, entzwei, Wasser strömt auf das Eis. Ich glaube nicht, dass wir es ein zweites Mal schaffen würden.

Aber jetzt ist keine Zeit zum Nachdenken. Ich versuche, wieder Kontrolle über das Motorrad zu bekommen, langsamer zu werden, weil wir schneller fahren, als mir lieb ist. Aber das Motorrad kämpft noch gegen mich an, die Reifen versuchen immer noch, Bodenhaftung zu gewinnen – und plötzlich fahren wir über etwas unglaublich Hartes und Unebenes, es fühlt sich an, als würden meine Zähne aus meinem Kiefer brechen.

Ich sehe herunter: Eisenbahnschienen. Die hatte ich vergessen. Es gibt hier immer noch alte Schienen, am Fluss entlang, wo früher Züge fuhren. Wir schlagen hart auf, springen darüber, das Motorrad schüttelt uns so heftig durch, dass ich den Lenker fast nicht mehr halten kann. Faszinierenderweise halten die Reifen immer noch und wir gelangen über die Schienen auf eine Landstraße, die parallel zum Fluss verläuft. Schließlich kann ich das Motorrad bremsen, bis auf 70 runter. Wir fahren an einem verrosteten, riesigen alten Waggon vorbei, der auf der Seite liegt, ausgebrannt, und ich biege scharf links ab, auf eine Landstraße mit einem alten Schild, auf dem steht „Greendale“. Es ist eine schmale Landstraße, die steil bergauf führt, weg vom Fluss.

Wir verlieren weiter an Geschwindigkeit, als wir fast geradeaus hochfahren. Ich bete, dass das Motorrad es im Schnee schaffen wird und nicht herunterrutschen wird, zurück nach unten. Ich gebe mehr Gas, als die Geschwindigkeit absinkt. Wir sind fast auf 20 Meilen pro Stunde runter, als wir endlich die Anhöhe erreichen. Wir sind wieder auf ebenem Land, und ich beschleunige wieder, als wir die enge Landstraße herunterfliegen, die uns abwechselnd durch Wälder und Acker führt, dann wieder durch die Wälder, schließlich an einem alten, verlassenen Feuerwehrhaus vorbei. Weiter geht es, hoch und runter, um Kurven, vorbei an verlassenen Landhäusern, vorbei an Herden von Rehen und Scharen von Gänsen, sogar über eine kleine Brücke über einen Bach.

Schließlich mündet die Straße in eine andere Straße, die Church Road, die ihren Namen passenderweise trägt, denn wir passieren die Überreste einer riesigen Methodistenkirche auf der linken Seite und ihren angrenzenden Friedhof – der natürlich noch intakt ist.

Das ist der einzige Weg, den die Sklaventreiber nehmen können. Wenn sie zum Taconic Parkway wollen, was sie müssen, dann können sie das nur, indem sie die Route 9 nehmen. Sie fahren von Norden nach Süden – und wir fahren von Westen nach Osten. Mein Plan ist es, ihnen den Weg abzuschneiden. Und jetzt, endlich, habe ich den Vorteil. Ich habe den Fluss etwa eine Meile südlicher gekreuzt als sie. Wenn ich nur schnell genug bin, kann ich ihnen zuvorkommen. Endlich fühle ich mich optimistisch. Ich kann ihnen den Weg abschneiden – und sie werden das niemals erwarten. Ich werde sie direkt treffen. Vielleicht kann ich sie töten.

Ich beschleunige das Motorrad wieder, über 140.

„WO WILLST DU HIN?“, ruft Ben aus.

Noch immer wirkt er tief erschüttert, aber ich habe keine Zeit, es ihm zu erklären: Plötzlich sehe ich in der Ferne ihre Autos. Sie sind genau dort, wo ich dachte, dass sie sein würden. Sie sehen mich nicht kommen. Sie sehen nicht, dass ich bereitstehe, um direkt in sie hineinzufahren.

Ihre Autos fahren hintereinander, mit einem Abstand von etwa zwanzig Metern, und mir wird klar, dass ich sie nicht beide erwischen kann. Ich werde mich für eins entscheiden müssen. Ich entscheide mich für das vordere: Wenn ich es von der Straße drängen kann, wird das hinter vielleicht bremsen oder ebenfalls von der Straße abkommen und verunglücken. Es ist ein gewagter Plan: Der Aufprall könnte uns sehr gut töten. Aber ich sehe keinen anderen Weg. Ich kann sie ja nicht gerade darum bitten, anzuhalten. Ich bete nur, dass Bree, wenn ich erfolgreich bin, überlebt.

Ich beschleunige weiter, nähere mich ihnen. Ich bin noch hundert Meter weit entfernt … Dann 50 … Dann 30 …

Schließlich wird Ben klar, was ich vorhaben.

„WAS HAST DU VOR?!“, schreit her und ich höre die Furcht in seiner Stimme. „DU WIRST IN SIE HEREINFAHREN!“

Endlich hat er es kapiert. Das ist genau, was ich hoffe, zu schaffen.

Ich drehe den Motor noch ein letztes Mal hoch, und kann kaum noch atmen, als wir über 150 kommen und mit Höchstgeschwindigkeit auf der Landstraße langen. Sekunden später fliegen wir auf der Route 9 – und prallen direkt in ihr erstes Fahrzeug. Es ist der perfekte Treffer.

Der Aufprall ist enorm. Ich fühle den Zusammenstoß von Metall auf Metall, fühle, wie mein Körper mit einem Ruck anhält, dann fühle ich mich selbst, wie ich vom Motorrad fliege und durch die Luft. Ich sehe eine Welt der Sterne, und während ich fliege, wird mir klar, dass es sich so anfühlen muss, zu sterben.