7. Kapitel
Harry war nicht da. So musste Viktoria die Cola wohl oder übel bei Rosa bestellen. Die nutzte ihre Chance, während sie das Glas im Schneckentempo aus dem Regal holte, um genauso langsam die Flasche aus dem Kühlschrank unter dem Tresen zu nehmen, und redete auf ihr Gegenüber ein: »Sie sind Journalistin, nicht?«
Viktoria nickte.
»Das hat mir der Gregor von den TN erzählt, Sie wissen schon, von den Telgter Nachrichten.«
Viktoria versuchte ein höfliches Lächeln. Doch ihr seltsamer Ausflug zu Martha Lütkehaus hatte sie nicht gerade fröhlich gestimmt. Irgendetwas ging hier nicht mit rechten Dingen zu.
Aber sie riss sich zusammen. Sie hatte schließlich einen Auftrag, den galt es zu erfüllen. »Sagen Sie mal, Frau König …«
»Ach, nennen Sie mich einfach Rosa. So nennen mich alle hier, sogar Harry. Ich weiß zwar nicht, warum, aber ich bin die Rosa.«
Vielleicht ist sie ja farbenblind, dachte Viktoria gnädig und versuchte, nicht zu sehr auf das unglaubliche Blumenmuster ihrer Kittelschürze zu starren. »Sie haben ganz recht. Ich bin Journalistin und soll einen großen Artikel über das Schützenfest schreiben, weil es ja hier noch so richtig ursprünglich und traditionell zugeht. So was kennen unsere Berliner Leser gar nicht.«
»O ja, das stimmt. Ist schon sehr traditionell. Und so ganz nebenbei sehr wichtig für unsereins. Ohne den Schützenverein könnten wir die Kneipe hier dichtmachen. Wir schenken in den drei Tagen Fest so viel Bier aus wie sonst in einem guten Monat. Wir stehen ja auch mit unserem Bierwagen den ganzen Tag beim Vogelschießen dabei. Da ist nix mit Spaß und selbst trinken, wir müssen da ganz wirtschaftlich denken.«
Viktoria nickte verständnisvoll.
»Gut, dass die alle noch leben …«, flüsterte Rosa verschwörerisch und blickte nach oben. »Gott sei Dank!«
Viktoria beschloss, sich dumm zu stellen. »Was meinen Sie? Wieso sollten die alle denn nicht mehr leben?«
Rosa kam mit ihrem rosa Gesicht ganz nah an Viktoria heran. »Wir hatten hier doch beinahe ein Blutbad. Wussten Sie das nicht? Die Elisabeth ist durchgedreht, wie in Bagdad wäre es hier beinahe zugegangen.«
»Ach was?« Viktoria fuhr mit ihrer Taktik extrem gut.
Und Rosa war glücklich, der arroganten Städterin endlich einmal eine spannende Geschichte erzählen zu können. Also erzählte sie. Von dem Abend, als Elisabeth wankend, aber dennoch sehr zielstrebig die Kneipentür aufstieß. »Zwei richtige Gewehre hatte sie über ihren Schultern und noch so ein Gedöns vor den Bauch gebunden, unheimlich sah das aus.« Die Bedienung hinter dem Tresen und auch sie selbst wären viel zu baff gewesen, um einschreiten zu können. Und so marschierte Elisabeth in den Versammlungssaal der Schützenbrüder. Dann sei alles blitzschnell gegangen. Keiner hätte geschrien oder um Hilfe gerufen, es wäre einfach nur mucksmäuschenstill gewesen. Dann habe sie ein dumpfes »Plong« gehört, und das war die Elisabeth. »Wie ein Sack Kartoffeln ist sie umgekippt. Total blau war sie.«
Viktoria hakte nach: Warum sei sie denn so wütend gewesen, die Elisabeth? Rosa antwortete eifrig und im Flüsterton der Verschwörung: »Na ja, ich habe da nur so was gehört. Bin ja nicht eine von diesen Klatschtanten, die überall ihre Nase reinstecken, aber man sagt, dass was mit der Ehe nicht in Ordnung ist. Er, also der Ferdinand, soll ihren Hochzeitstag vergessen haben. Und da sind wir Frauen ein bisschen empfindlich.« Sie blinzelte Viktoria zu. »Aber statt ihm einfach gehörig die Meinung zu sagen, wollte sie ihm wohl richtig eins auswischen. Alle wissen hier, dass für Ferdinand der Schützenverein heilig ist und dass er in diesem Jahr unbedingt König werden wollte. Wahrscheinlich hat ihr das nicht gepasst. War eifersüchtig auf die Schützenbrüder.«
»Und jetzt? Wird er dieses Jahr Schützenkönig, obwohl seine Frau ihn bis auf die Knochen blamiert hat?«
»Keine Ahnung, alle sprechen drüber, aber keiner weiß es, und keiner will ihn direkt fragen. Wird bestimmt nicht leicht für ihn, denn wenn er den Vogel runterholt, muss er ja auch eine Königin bestimmen. Was soll er denn dann machen? Und wenn er nicht mitschießt, denken alle, dass sie es geschafft hat mit ihrer irren Aktion.«
Die Cola war fertig. Viktoria nahm das Glas, bedankte sich brav bei Rosa und wollte schon gehen, als ihr Blick auf den Stapel mit den Speisekarten fiel. »Entschuldigung, eine Frage hätte ich noch.« Rosa schaute auf. »Der Biber da auf der Karte.«
»Ja? Was ist damit?«
»Der sieht so aus wie der Biber im Schützenvereinslogo.«
»Logo? Ach Sie meinen, der sieht so aus wie der Biber auf der Fahne.«
»Genau.«
»Stimmt. Er ist halt unser Wappentier. Aber besonders schön ist er nicht, oder?«
Viktoria lächelte. »Wahrlich nicht. Aber sagen Sie, haben Sie vielleicht auch Briefpapier, auf dem er zu sehen ist?«
Rosa schüttelte verständnislos den Kopf. »Wer schreibt denn heutzutage noch Briefe?« Dann verschwand sie durch die Schwingtür.
Viktoria ging Mario wecken. Er hörte nicht ihr Klopfen, erst als sie in seinem Zimmer stand, die Vorhänge aufriss und ihm die kalte Cola entgegenstreckte, rekelte er sich mit einem lauten Gähnen. Er stützte sich auf, nahm das Glas und trank es in einem Zug.
»Ah, das tut gut. Eine gute Idee, Victory. Ich hoffe, wir müssen jetzt nichts Wildes mehr machen. Das überlebe ich nicht.«
»Nee, es ist genau das Richtige für einen fetten Kater. Wir gehen jetzt zum Seniorennachmittag. Ist zwar fast schon zu Ende, aber einen Kaffee kriegen wir bestimmt noch.«
»Muss das sein?«
»Ja, muss. Diese Elisabeth Upphoff ist immer noch nicht zu Hause, und es ist der erste offizielle Fest-Termin. Also, aufstehen, anziehen, losfahren! Wir treffen uns in zehn Minuten vorm Eingang.«
Mario fuhr trotz Restkater und Viktorias Einspruch selbst. Bis zum Schützenzelt waren es bestimmt noch mal drei Kilometer. Es stand genau zwischen Westbevern und Telgte, sie hatten es schon vorher auf dem Weg zu den Telgter Nachrichten von der Straße aus gesehen. »Ich bin wieder topfit«, sagte Mario wenig überzeugend. »Komm, Victory, ich habe einfach keinen Bock zu laufen.« Sie stiegen ein, und er rülpste leise. Viktoria gab ihm wortlos einen Kaugummi. Er steckte ihn sich in den Mund und war plötzlich unverschämt gut gelaunt. Viktoria vermutete, dass er noch angeheitert war. Hämisch kommentierte er jeden, den sie auf dem Weg zum Festzelt sahen. Und das waren viele. Von überallher strömten grün-schwarz gekleidete Männer mit Hüten und Frauen in viel zu gemusterten Röcken, viele wankten heimwärts, sie hatten offensichtlich schon gefeiert, einige plauderten fröhlich miteinander, andere gingen ganz schnell, als drohte ihnen sonst, etwas Wichtiges zu verpassen. Mario lästerte: »Guck mal die Hochwasserhose da, Victory! … O Gott, o Gott, die Jacke spannt ja ganz schön, gleich springen die Knöpfe ab, Achtung! … Nee, guck mal schon wieder ’n roter Kopf. Hast du die Frau gesehen, ganz schön moppelig … Oh. Schau, wie wichtig der geht, der ist bestimmt im normalen Leben auch General oder mindestens Oberst, oder er wäre es gern.«
Viktoria hörte nicht zu. Das bleiche Gesicht von Martha Lütkehaus ging ihr nicht aus dem Kopf. Ihr stummer Schrei. Warum hatte sie Viktoria angesehen, als sei sie Mrs. Oberhorror? Klar, alle sagten, sie sei seltsam geworden, lebe sehr zurückgezogen, sie sei garstig, frustriert. Aber verrückt und total verängstig? Das hatte keiner gesagt.
Sie bogen rechts auf den Feldweg ab, der direkt zum großen Zelt führte. Eine Frau stand alleine am Abzweig und sah ihnen nach. Sie trug einen apricotfarbenen Rock, eng geschnitten und gerade kurz genug, dass man ihre Knie ein bisschen sehen konnte. Ihre Haare dufteten noch nach Friseur, ihre blonden Strähnchen lagen wohlgeordnet im geföhnten halblangen Haar, das ihr sanft auf die schmalen Schultern fiel. Leichtes Make-up bedeckte ihre Fältchen, ein Hauch von Rosa schimmerte auf ihren Lippen. Sie hatte gut aussehen wollen. Vielleicht würde Ferdinand dann wieder mit ihr reden, hatte sie gehofft. Doch er hatte weggeschaut. Als wäre sie Luft. Ach, weniger noch als Luft. Denn Luft braucht man zum Atmen. Ferdinand brauchte sie nicht. Sie drehte sich um, wollte nur nach Hause. Staub saugen werde ich, dachte sie und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.
Der Parkplatz, eine frisch gemähte Wiese, duftete wie das Meerschweinchen-Trockenheu einer Zoohandlung. Es waren viele Plätze frei, die meisten Leute waren zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs. Ein Festzelt stand direkt vor einem kleinen Wäldchen, es war fast so groß wie ein Fußballplatz. Als sie und Mario ausstiegen, blickten sie in viele neugierige Augenpaare. Kackauto, dachte sie. Es fällt wirklich auf, so knallgelb, wie es ist.
Obwohl es schon sechs Uhr am Nachmittag war, war es immer noch heiß, aus dem Zeltinnern drang eine Männerstimme, die so klang wie die eines Losverkäufers auf dem Deutsch-Französischen Volksfest.
Mario tauchte seinen Kopf in den kleinen Kofferraum, der eher den Namen Zigarrenkiste verdient hätte. Er kramte in seiner Fototasche, entschied sich dann für seine Nikon, ein Stativ und die passenden Objektive. Sie hatten sich geeinigt, dass er viele Porträts im Retrostil machen sollte. Das war gerade total angesagt. Ernst schauende Menschen in scheußlichen Klamotten vor kitschigen Sonnenuntergangstapeten messerscharf und optimal ausgeleuchtet aufs Bild gebannt. Retro war stylish, trashig war in. Genug Trash würde Mario hier finden, dachte Viktoria, als drei pummelige Mädchen in hellblauen Miniröcken und dunkelblauen Uniformjacken schwatzend und mit Eis in der Hand vorbeistapften. Später sah sie sie wieder, sie spielten im Musikzug Glockenspiel, Posaune und Schlagzeug – und ihre Gesichter waren ganz rot vor Freude. In Berlin existierten Dicke nur in der U-Bahn, beim Kaufhof am Alex oder am Wannsee – da versteckten sie sich in der Masse, in der Hektik des hellen Alltags. Nachts, in den Clubs, in den Kneipen, in den Kinos, ja sogar auf den Straßen – da sah man sie nie. Wahrscheinlich ist es bei den Berliner Übergewichtigen wie mit Vampiren. Nur umgekehrt. Die Moppeligen zerfallen im Dunkel der Nacht einfach zu Staub.
Mario hatte die Mädchen auch entdeckt und blinzelte Viktoria zu. »Hey, ihr drei. Bleibt doch mal stehen …« Ein Kicheranfall war die Folge, doch Mario blieb ruhig und machte seinen Job. Er postierte die Teenager, sie mochten um die vierzehn sein, genau vor dem Zelt. Als er im Sucher die knackigen Schenkel und die freundlichen Gesichter der Mädchen scharf gestellt hatte, wankte ein sechzigjähriger Uniformträger vorbei und guckte den Mädels auf den Po; Mario drückte ab. Viktoria würde später mit den Teenies sprechen, um ihre Namen aufzuschreiben. Jetzt hatte sie noch keine Lust auf pubertierende Kichererbsen.
Wegen der Hitze waren die Planen an den Eingängen des Festzeltes hochgeschlagen, Viktoria trat ein. Auf dem Fußboden lagen einfache Holzdielen, links befand sich eine Bühne mit Mikrofon und Musikanlage. Hinten rechts war eine Theke, bestimmt zwanzig Meter lang, und im ganzen Innenraum standen einfache Biertische mit einfachen Holzstühlen daran. Viele Plätze waren leer, das Kuchenbüfett, das gleich am Eingang platziert war, sah schon recht geplündert aus. Keine Torte, die mehr ganz war. Viktoria musste an die Tortendiagramme in den ARD-Wahlsendungen denken. An diesen Kuchenresten konnte sie genau erkennen, dass fünfundneunzig Prozent der Westbeverner Senioren Schwarzwälder Kirschtorte bevorzugten – es lag nur noch ein Stückchen auf dem runden Spitzenpapier –, der Rhabarberkuchen hatte nur so eben die Fünfprozenthürde geschafft.
Viktoria speicherte jedes Detail, das ihre Reportage nachher ein bisschen bunter und lebendiger machen konnte. Jetzt war Zeit, zu arbeiten. Sie griff sich eine Papierserviette und kritzelte alles auf, was sie sah. Links die Bühne, etwa zwölf Schritte lang, der Mann hinter dem Mikrofon etwa ein Meter achtzig groß, schwarze Hose, grüne Uniformjacke, eine goldene Nadel am Revers, spielte nervös mit seiner rechten Hand an der Jackentasche, in der linken hielt er den Zettel, von dem er ablas. Kündigte den Musikzug an. Sie schritt zwischen Bänken und Tischen entlang, hielt sich in ihrem sandfarbenen engen T-Shirt gerade. Sie wusste, dass der braune Rock ihr gut stand, die Schuhe, Sandaletten mit Fünf-Zentimeter-Absatz, klackten auf den rustikalen Dielen. Sie tat so, als merkte sie nicht, dass einige sie anstarrten. Sie ging noch ein bisschen gerader. Es machte Spaß. Das Stolzieren.
»O là là, Püppi, Näschen wieder ganz oben, was?!« Viktoria fühlte sich ertappt. Sollte sie den blöden Spruch ignorieren? Oder sollte sie dem unverschämten Schützenbruder eine reinhauen? Sie entschied sich für eine Zwischenlösung, blieb stehen und drehte sich in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. An dem Tisch saßen drei Männer, alle älter als siebzig. Ihre leer gekratzten Kuchenteller standen vor ihnen, daneben ein paar ausgetrocknete Schnapsgläser. Sie trat auf sie zu. Der hagere Opa in der Mitte schaute sie mit glasigen Augen an und schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, junge Frau. Ich habe Sie glatt verwechselt. Kannte mal ’ne Püppi.«
»Was für ein entzückender Name«, sagte Viktoria ironisch.
»Sie war vor allem eine entzückende Person. Hey, Josef …« Der Hagere stieß seinen rechten Nachbarn an, der gebannt auf den Minirock-Aufmarsch des Musikzuges starrte. »Sieht die Dame hier nicht aus wie Püppi?«
Der Sitznachbar schaute nur kurz in Viktorias Richtung. »Ich weiß nicht. Zwanzig Zentimeter kleiner und zehn Prozent hübscher – dann könnte es hinhauen.«
Das saß. Er hatte es nicht einmal böse gemeint, sondern ganz sachlich festgestellt. Beleidigen können die hier echt gut, fand Viktoria. Egal, sie hatte zu arbeiten. »Wie dem auch sei«, sagte sie gefasst. »Ich bin keine Puppe, sondern Viktoria Latell. Ich bin vom Berliner Express und mache eine Geschichte über Ihr erstes Schützenfest nach dem Amoklauf …«
»Ach, Sie meinen wegen des kleinen Ausrasters der ollen Upphoff-Emanze. Glauben Se mir, es wird so sein wie immer, das Schützenfest. Das lassen wir uns nicht kaputt machen. Und schon gar nicht von ’ner Frau!« Viktoria schrieb mit: »Alte Machos wollen sich Schützenfest nicht von einer Frau kaputt machen lassen.«
Sie ging zu den anderen Tischen. Der graue Alfred, der am Mittag noch mit Mario in der Kneipe gewürfelt hatte, winkte ihr und sah dabei erstaunlich fit aus. Sie steuerte auf ein paar ältere Damen zu. Vielleicht haben die Verständnis für Amok-Elisabeth, dachte sie. Doch die Golden Girls lächelten sie nur sanft an, als sie fragte, ob die es nicht gerechter fänden, wenn Frauen Schützenköniginnen werden dürften.
»Man merkt, dass Sie nicht von hier sind«, sagte die eine, und es klang nett. So als könne Viktoria, das arme Ding, nichts dafür, dass sie so dämliche Fragen stellte.
Doch sie blieb dran, wollte die Emanze in den Damen aufwecken: »Frauen können doch genauso gut schießen wie Männer. Warum sollten sie also nicht auch Königinnen werden?«
»Weil sie bereits Königinnen sind. Von Geburt an«, sagte die Alte mit den weiß-lila Haaren und nahm einen sehr würdevollen und kräftigen Schluck aus ihrem Likörglas. Der Trommelwirbel des Musikzuges setzte ein.
Viktoria nickte den Damen zu und suchte bei ohrenbetäubender Marschmusik nach Mario.
Beinahe hätte sie ihn nicht erkannt, so klein und zierlich sah er zwischen den beiden großbusigen Frauen in den noch viel größeren Seidenblusen aus. Die Matronen hatten den schmächtigen Fotografen offenbar dafür auserkoren, die Tortenreste zu vertilgen, und fütterten ihn jetzt abwechselnd mit Rhabarberkuchen, Marzipantorte und Apfelstrudel. Mario saß zufrieden an einem Tisch in der hintersten Ecke und nickte anerkennend mal der einen, dann der anderen Frau zu. Pascha, dachte Viktoria. Sie trat vor das Zelt, die Marschmusik wurde erträglich leiser, und tippte die Nummer von Upphoffs in ihr Handy. Doch statt eines Freizeichens sah sie nur »Netzsuche« im Display.
»Probleme?« Der Glatzkopf von den Telgter Nachrichten stand plötzlich neben ihr, um seinen Hals baumelte eine Kamera.
»Scheißempfang …«, sagte sie.
Er reichte ihr sein Handy.
»Danke. Ich fasse mich auch kurz.«
Sie hatte Glück, es nahm jemand ab.
»Ja, Upphoff.« Ein lautes Rauschen war im Hintergrund zu hören. »Kleinen Moment noch.« Das Geräusch verstummte. »Entschuldigung – Staubsauger.«
»Kein Problem, Frau Upphoff. Mein Name ist Viktoria Latell. Ich komme vom Berliner Express und würde mich gerne mal mit Ihnen unterhalten.«
»Oh.« Es klang erschrocken. »Muss das sein?«
Sie merkte, dass die Hausfrau nicht wollte, aber zu höflich war, einfach aufzulegen. Viktorias Chance.
»Nur ganz kurz, Frau Upphoff. Ich wäre in ein paar Minütchen bei Ihnen und dann bin ich auch schon fast wieder weg …«
»Ich weiß nicht.« Sie wollte wirklich nicht. »Ich mache gerade sauber.«
Noch ein paar Sekunden mehr Zeit zum Nachdenken, und sie legt auf. Der nächste Telefonjoker musste her. »Wissen Sie, Frau Upphoff, jeder hier erzählt mir etwas anderes über Sie. Und Sie kommen gar nicht zu Wort, das möchte ich einfach nicht. Es wäre doch gut für Sie, wenn Sie Ihre Sicht der Dinge darstellen könnten – und nicht am Ende Sie die Böse sind.« Dieser Trick klappte häufig und hatte schon so manchem das Zitat entlockt, das später in großen Buchstaben auf der Titelseite stand. Praktisch war, dass es, wenn es zwei zerstrittene Parteien gab – wie zum Beispiel bei jeder Prominentenscheidung –, wie ein Pingpong-Spiel hin und her ging. Erst redete sie, dann er – das perfekte Dreckwäschen-Gemisch.
Doch Elisabeth Upphoff wollte offensichtlich keine Dreckwäsche, sie war wohl eher sauber veranlagt. Und so griff Viktoria in den Zauberkasten der Journalistinnen-Notlügen, den sie die »Erniedrigungs-Taktik« nannte. Als Elisabeth Upphoff sagte: »Es tut mir leid, Frau ähm, Frau Labelle? Also es tut mir ja leid, dass Sie den weiten Weg aus Berlin gemacht haben, aber ich denke, ich werde jetzt auflegen«, da legte Viktoria mit samtweicher Stimme los.
»Ja, ich weiß, was Sie meinen, Frau Upphoff. Sie haben ja auch recht, mich geht das alles nichts an. Ich würde Sie auch so gerne zufriedenlassen, aber wissen Sie, ich mache auch nur meinen Job. Und mein Chef – unter uns gesagt kein netter Mann –, der macht total Ärger, wenn ich nicht wenigstens mit Ihnen gesprochen habe. Sie müssen ja nicht viel sagen, nur so viel, dass ich später sagen kann, ich habe mit Ihnen geredet. Das würde mir schon reichen.«
Es klappte. Viktoria hatte sich zur kleinen Maus gemacht, und fünfzehn Minuten später konnte sie Elisabeth Upphoff treffen. Die beschrieb ihr den Weg zu ihrem Einfamilienhaus in der Siedlung, deren Straßen alle Baumnamen hatten, und legte auf.
Der Kollege von den Telgter Nachrichten grinste breit, als Viktoria ihm das Handy wiedergab. »Genauso habe ich mir das bei euch vorgestellt.«
Sie zuckte mit den Schultern. Eine Ethikdiskussion war das Letzte, worauf sie jetzt Lust hatte. Sie lenkte ab. »Ich schau mal, wie es Mario geht. Der ist gerade bei der Fütterung. Und ich habe den Verdacht, dass er gemästet werden soll – bevor die Kuchendamen ihm also das Bolzenschussgerät zur Schlachtung auf den Kopf setzen, werde ich mal nach dem Rechten sehen.«
Gregor lächelte und nickte. »Na, dann rette den Guten mal.« Sie wollte gerade gehen, da fiel ihm noch etwas ein: »Wegen dem Lütkehaus …«
»Ja?« Sie blieb stehen.
»Ich habe da noch mal mit einem ehemaligen Kollegen gesprochen, der inzwischen pensioniert ist. Der ist ungefähr genauso alt wie der Lütkehaus.«
Das klang gut.
»Und konnte er sich an sein Verschwinden erinnern?«
»O ja. Er sagte, es hätte ihn immer gejuckt, da genauer nachzuforschen. Denn er hat die Version mit dem Auswandern nie geglaubt.«
Viktoria kam einen Schritt näher. »Warum nicht? Hat er das Bernhard Lütkehaus nicht zugetraut?«
»Doch, doch, das haben ihm alle zugetraut. Und es liegt auch nahe, da Lütkehaus selber immer gesagt hat, dass er irgendwann mal wegwolle und Australien das Land seiner Träume sei.«
»Aber?«
»Mein Kollege ist selber Australienfan und hat sich oft mit Lütkehaus darüber unterhalten. Die beiden kegelten zusammen im gleichen Verein. Ja, und irgendwann hat sich mein Kollege richtig freistellen lassen vom Verlag, drei Monate lang reiste er durch Australien. Er wusste, wie gerne Lütkehaus an seiner Stelle gewesen wäre, doch er hatte nicht genug Geld für so eine Reise. Klar, dass mein Kollege dem Daheimgebliebenen eine Postkarte schrieb: ›Gräme Dich nicht! Auch Du kannst und wirst bald hier sein.‹ Eine Kängurufamilie war auf dem Bild zu sehen.«
»Nicht besonders originell, aber bis dahin finde ich das alles ganz normal.« Viktoria klang skeptisch.
»Das ist es auch. Aber irgendwann, es muss kurz nach Bernhard Lütkehaus’ Abgang gewesen sein, unterhielt sich mein Kollege mit ein paar Leuten über das plötzliche Verschwinden des Kegelkameraden. Bernhards Frau Martha hatte ja jedem, der sie gefragt hat, erzählt, dass Bernd es nicht mehr in unserem Dorf ausgehalten hätte – und er nach Australien gegangen wäre. Er hätte sie unbedingt mitnehmen wollen, aber sie wollte in Westbevern bleiben.«
»Ich sehe immer noch nichts Verdächtiges«, sagte sie.
»Na ja, natürlich haben die Leute geredet. Und auch Zweifel an Marthas Australiengeschichte gehabt. Zwar war es wohl typisch für Bernd Lütkehaus, schnelle Entschlüsse zu fassen und sie genauso schnell durchzuführen. Aber dass er sich so gar nicht gemeldet hatte, erschien einigen doch sehr radikal. Auch meinem Kollegen.«
»Er glaubte Martha nicht?«
»Nein. Und nach der Geschichte mit der Postkarte schon gar nicht mehr.«
»Was war mit der Postkarte?« Viktoria hatte Mario, Elisabeth Upphoff und die Marschmusik längst vergessen.
»Martha hatte wohl einigen Nachbarn und Freunden drei Wochen nach dem Verschwinden ihres Mannes beiläufig eine Postkarte gezeigt, die er ihr geschickt hatte. Eine Kängurufamilie war drauf zu sehen.«
»Zufall?«, fragte Viktoria und wusste, dass es keiner war.
»Nein.« Gregor schüttelte den Kopf. »Hintendrauf stand: ›Gräme Dich nicht! Auch Du kannst und wirst bald hier sein.‹«
»Und alle glaubten, das seien die tröstenden Worte Bernhards an seine Frau gewesen, die er gerne bei sich gehabt hätte.«
»Genau. Dabei waren es exakt die Worte, die mein ehemaliger Kollege ihm geschrieben hatte.«
»Aber der Poststempel. Damit könnte man doch beweisen, dass die Karte schon älter …«
»Was heißt hier beweisen? Wir wissen einfach, dass die alte Lütkehaus lügt. Nur warum, das wissen wir nicht. Und letztlich ist das ja wohl auch …«
»Ihre Privatsache«, sagte Viktoria und lächelte. »Danke, dass du es mir trotzdem erzählt hast. Obwohl du gerade Ohrenzeuge meiner skrupellosen Journalistentricks geworden bist.«
»Vielleicht habe ich es dir ja genau deshalb erzählt«, sagte er und nickte ihr zum Abschied zu.