1. Kapitel

 

Wo fängt man an, wenn man anfängt? Welcher Moment ist der Moment? DER MOMENT. Wo stand der kleine Zeiger, wo der große, wo der Mond, die Sonne, die Sterne, wo stand Viktoria, als die Weichen ihres Lebens sich in eine andere Richtung verschoben?

Sie weiß es nicht sicher. Doch sie hat diese Ahnung, dass der Moment der Momente ziemlich erbärmlich war. Denn wenn sie all die Details betrachtet, von denen jedes kleinste zum nächsten kleinen und schließlich zum großen führen sollte, waren es zwei verbrauchte LR03-Batterien von Varta, die ihr Schicksal entscheidend beeinflussen sollten. Ohne die Batterien, die mindestens drei Jahre lang in einer Küchenschublade gelegen hatten, wäre sie heute eine andere.

Als sie an jenem Donnerstag eine gelblich braune Pampe in ihre Kloschüssel spuckte, ahnte sie von all dem natürlich nichts. Ihr war einfach nur zum Kotzen.

Ferdinand Upphoff ging es vierhundertachtundsechzig Kilometer entfernt – abgesehen von seinen chronischen Rückenschmerzen – gut. Er schlief. Vorher hatte er noch jene zwei saftlosen Batterien aus der Küchenschublade gekramt und sie in den neuen Wecker gesteckt. Der alte war ihm einfach zu laut gewesen. So hatte er sich im Quelle-Shop die kleine, viereckige Plastikuhr gekauft. »Sanfter Summton« stand darauf.

Ferdinand Upphoff hörte den sanften Summton am nächsten Morgen nicht. Die Batterien hatten ihre Lebenszeit beendet – sie lagen ohne jede Energie im Batteriefach des Weckers. Der Wecker schwieg, Ferdinand Upphoff verschlief und statt wie üblich um sechs, öffnete er erst um 7.17 Uhr die Augen – und das Einzige, was er dachte, war: »SCHEISSE!« Er sprach es jedoch nicht aus, denn Ferdinand Upphoff war im Großen und Ganzen ein anständiger Mann.

Aufstehen, Zähne putzen, Wasser ins Gesicht, ein bisschen Deo unter die Achseln, Haare kämmen, Pyjama ausziehen, Karohemd und Bundfaltenjeans anziehen, das verdammte Kreuz tat weh! Um 7.31 Uhr trank er im Stehen einen Kaffee, verbrannte sich, fluchte. Um 7.32 Uhr knallte er die Tür zu, der Motor heulte auf. Ferdinands Frau saß die ganze Zeit still im Wohnzimmer. Vor genau siebenundzwanzig Jahren hatte er ihr ewige Treue geschworen, und sie hatten sich das Jawort gegeben. Wer weiß: Hätte Ferdinand Upphoff nicht verschlafen, hätte er den Hochzeitstag nicht vergessen – und vielleicht wäre Viktoria dann immer noch Victory.

Victory kannte weder Ferdinand noch Elisabeth Upphoff, sie kannte nicht die Hochzeitskirche von Westbevern, nicht den Pastor, nicht die Taschenuhr vom Großvater. Für sie war einfach alles wie so oft.

Sie hatte erst viel gearbeitet und dann noch viel mehr getrunken.

Im Moment war Averna angesagt. Aber nach der Karussellfahrt der letzten Nacht erklärte sie diesen Trend für erledigt. Sie hatte mit Kollegen vom Berliner Express zusammengesessen. Sie waren gut drauf, wie immer.

Sie lachten laut, wie immer. Sie waren die Größten, wie immer. Und alles war gelogen, wie immer.

Viktoria Latell nannten sie Victory. Wohnhaft in Berlin-Kreuzberg, in der Oranienstraße gleich beim Inder Amrit und nicht weit vom Görlitzer Park entfernt.

Eine Dachgeschosswohnung mit Aufzug, Ahornparkett, Marmorbad, guter Isolierung. An jenem Abend vor ihrem Kater und Ferdinand Upphoffs Vergesslichkeit war sie gerade einen Monat lang zweiunddreißig Jahre alt. Sie kam damit klar, das Alter war ihr egal. Hauptsache, sie nahm nicht zu und die Haare saßen. Sie hatte sie inzwischen von dunkelbraun zu schwarzblau gefärbt. Das machte sie exotischer und passte zu ihren blaugrünen Augen – wenigstens dafür war sie ihrer Mutter dankbar. Sie aß nur noch ausnahmsweise. Zum Frühstück einen Apfel, mittags eine Banane und abends Salat. Anders ging es nicht. Sie hatte die Fünfundsechzig-Kilo-Grenze geknackt und wollte sie nicht wieder überschreiten. Gegen die Übelkeit trank sie jede Menge Cola light. Es funktionierte. Noch.

Komischerweise hatte sie an diesem Abend – entgegen ihrer Gewohnheit – tatsächlich gute Laune. Und das, obwohl Konstantin wieder mal nicht und ihre Mutter wieder mal angerufen hatte. Sie hatte genau dreiundzwanzig Minuten – Viktoria stoppte neuerdings mit – darüber gejammert, dass sie sich so alleine fühle und dass Viktoria sie viel zu selten besuchen würde, bevor sie mit den richtigen Vorwürfen begann. Sie habe es ja immer so schwer gehabt mit ihrer Tochter. Die alte Leier: Sie als alleinerziehende Mutter hätte sich nie einen Freundeskreis aufbauen können und die Männer, die Männer hätte so ein Kind wie Viktoria auch verschreckt. Sie kannte die Legende in- und auswendig – sie nervte trotzdem noch. Okay, sie war als Kind seltsam ernst gewesen. Selbst wenn sie gekitzelt wurde, hätte sie nur geschrien und nie gelacht, erzählte die Mutter gerne in großer Runde. Doch war das Viktorias Problem? Der letzte Mann im Leben ihrer Mutter wurde ganz alleine von ihr verschreckt. Er hieß Henry, war die Gutmütigkeit in Person und blieb fünf Jahre. Viktoria war vierzehn, als er ging, eigentlich gehen musste. Die Gefühlsschwankungen ihrer Mutter wären für jeden unerträglich gewesen. Immer wenn alles gut zu sein schien, wenn Henry und sie Abende lang gemütlich auf dem Sofa saßen, Scrabble spielten, fernsahen, wenn sie Urlaube planten, wenn alles so war, wie es sein sollte, dann drehte sie durch.

Beschimpfte ihn, weil er sich beim Scrabble verzählte, zerriss die Reisekataloge, betrank sich. Mediziner würden Tendenzen manisch-depressiven Verhaltens diagnostizieren – das Mädchen nannte es durchgeknallt, überdreht und ätzend. Sie wusste nicht, wie sie es hinbekam, aber Viktoria ertrug die schwankenden Launen ihrer Mutter mit ihrer immer gleich bleibenden schlechten Laune. Mit achtzehn zog sie aus und begann als freie Reporterin beim Express, der Zeitung, die ihre Mutter niemals las, weil sie ihr zu reißerisch, zu kommerziell, zu oberflächlich war. Mit neunzehn volontierte sie, mit einundzwanzig unterschrieb sie einen Redakteursvertrag. Weil sie wenig lachte, galt sie als tough. Weil sie – wenn sie doch lachte – umwerfend aussah, bekam sie viele Informationen. Weil sie lange Beine hatte, galt sie als sexy, und weil sie viel arbeitete, kam sie schnell weiter. Sie gehörte dazu. Wozu auch immer.

Elisabeth Upphoff hatte noch nie einen Averna getrunken. Sie schlief in der Nacht vor ihrem Hochzeitstag in ihrem blitzblanken, kühlen Schlafzimmer mit Moskito-Netz vor dem Fenster ein. Auf dem Nachttisch lag Die Wanderhure, ein leichtes Lächeln – ihre Zähne waren selbstverständlich geputzt! – zeigte sich auf ihrem Gesicht. Ferdi wird morgen staunen. Die Uhr, damit rechnet er nicht. Und dann das schöne Frühstück …

Sie rutschte ein wenig näher an den Rücken ihres Mannes, der gleichmäßig atmete.

Nach dem fünften Averna stieg Viktoria in ein Taxi. »Oranienstraße, beim Amrit«, sagte sie. Zum Glück ersparte der Taxifahrer ihr den sonst immer gleich ablaufenden Dialog.

»Ah, Amrit. Sie sind aber sicher, Oranienstraße? Das Restaurant gibt’s nämlich auch in der Oranienburger Straße.«

»Ja, ich bin sicher.«

»Man kann das nämlich sehr leicht verwechseln. Das ist ja hier so schlimm in Berlin. Alles gibt es doppelt.«

»Mmmh.«

Aber hier saß ein guter Taxifahrer am Steuer. Er schwieg, fuhr, fand den Weg und kassierte ohne viele Worte. Dass er zum Abschied noch ein freundliches »Tschüssi!« flötete, war eine Fata Morgana der betrunkenen Viktoria. Denn das passiert nicht im wahren Leben in Berlin. Beim Schlüsselsuchen grinste sie vor sich hin, noch berauscht von den Avernas. Wozu den Aufzug nehmen? Treppe hoch, fünfter Stock. Na und? Sie stieß die Tür auf. Der Anrufbeantworter auf der Flurkommode blinkte. Konstantin?! Sie drückte auf die Starttaste.

»Ja, guten Tag! Konstantin hier. Jetzt bist du nicht da, Frau Latell. Schade eigentlich. Aber nun gut, dann bis denn …«

Keine Erklärung! Kein: »Hey, Viktoria, ich konnte dich die letzen zwei Wochen nicht zurückrufen, weil ich mit einer lebensgefährlichen und total ansteckenden Virusinfektion in der Charité liege und die Quarantäne-Vorschriften es mir verboten haben, jemanden zu informieren!« Kein: »Es tut mir leid.«

Sie musste vom Averna aufstoßen. »Arschloch!«

Als sie ihre Stiefel – knallrot und sehr teuer – auszog, stolperte sie gegen den Türrahmen und stieß sich den rechten Ellenbogen. »Wichser!«

»Jetzt bist du nicht da, Frau Latell«, äffte sie den Tonfall von Konstantin nach. Konstantins Masche mit der förmlichen Anrede, sie hatte bei ihr voll funktioniert. Es klang so schön elitär und ironisch, so klug, so überlegen. »Frau Latell, wie sieht es mit Ihrem Zeitfenster aus? Könnten Sie vielleicht morgen Abend?« Natürlich konnte sie. Sie konnte immer, wenn Konstantin anrief. Er merkte nicht, dass sie andere Termine absagte, verschob, sich abhetzte. Es sollte ja lässig aussehen und cool. Sie war ja die großartige Viktoria Latell, die so großartige Geschichten in der großartigen Zeitung schrieb.

Konstantin arbeitete beim Radio. Er hatte eine tiefe Stimme, die er je nach seiner Zielsetzung warm und wohlig oder hart und zynisch klingen lassen konnte. Ihr war sie zuerst verfallen.

Er selbst kam später dazu.

Viktoria legte sich aufs Bett, das mal wieder bezogen werden musste. Ausziehen, Zähne putzen – vielleicht morgen? Das Licht ließ sie an, das half manchmal. Wenn der Gleichgewichtssinn vom Alkohol gerüttelt wurde, suchte sie sich immer einen Punkt an der Wand, starrte darauf wie eine Seekranke und hoffte auf Besserung. Der Punkt, den sie sich dieses Mal gesucht hatte, war nicht geeignet.

Sie hatte ihn die Nacht zuvor selber kreiert, weil sie eine Mücke mit Narziss und Goldmund erschlagen hatte. Das Buch hatte ihr Konstantin mal geschenkt und gesagt, er sei wie einer der beiden Hermann-Hesse-Helden. Sie mit ihrer gigantischen Menschenkenntnis wüsste sicher gleich, welcher. Und sie hatte es natürlich gelesen, das Buch. Tatsächlich kam sie nur schleppend voran, und am Ende wusste sie überhaupt nichts mehr. Entweder war Konstantin ein Flachleger, der durch die Gegend zog, Frauen erst glücklich, dann unglücklich machte und sein Leben in Einsamkeit verbringen musste, oder ein fanatischer Gläubiger, der sein Kloster nicht verließ und schwule Tendenzen hatte. Aber wahrscheinlich war die Botschaft viel einfacher: Lass die Finger von Konstantin!

Doch das tat sie nicht. Denn sie fühlte sich verwegen intellektuell, dass sie mit jemandem Sex hatte, der der Held eines Buchs war, das sie nicht einmal verstand.

Der Fleck, den die zerquetschte Mücke hinterlassen hatte, war relativ groß. Sie hatte sich offensichtlich vor dem Totschlag schon bei Viktoria bedient und so verteilte sich rund um den zerborstenen Mückenkörper ihr eigenes Blut an der Wand. Sie rülpste und hatte das Gefühl, jemand packte sie an den Füßen und schleuderte sie durch den Raum.

»KONZENTRIEREN TORI!«, lallte sie und starrte wieder auf den Fleck an der Wand. »Tief atmen! Starren!«

Dabei hatte sie doch eigentlich kein Problem mit Blut. Zumindest nicht mit ihrem eigenen. Mehrere Jahre hatte sie sich damit sogar ein kleines Zusatzgeld verschafft. Einmal im Monat rief die Charité an, weil sie weiße Blutkörperchen brauchten. Fünfundsiebzig Euro gab es pro Spende, und weil Viktorias Rhesusfaktor negativ und damit relativ selten war, brauchten sie ihr Blut oft. Irgendwie genoss sie es, wenn sie ihr in den linken Arm stachen, das Blut über einen langen Schlauch durch eine Maschine leiteten und es ihr dann in den rechten Arm zurückpumpten. Bin ich etwa eine Masochistin? Viktoria grinste, und ihre Augen fielen zu. Sofort startete das Karussell. »Leute, Leute, Leute, anschnallen, anschnallen, anschnallen – und es geeeeeht los!«

Sie riss die Augen wieder auf, und ihr Blick fiel auf Narziss und Goldmund.

Doch bevor sie ihr übliches Repertoire von Schimpfwörtern ausgestoßen hatte, musste sie doch eingeschlafen sein.

Elisabeth Upphoff stand im Wohnzimmer und betrachtete das schwarz-weiße Foto auf der Eichenanrichte. Ihr Mann Ferdinand war darauf noch zwanzig Kilo leichter, und er sah ein bisschen wie James Dean aus. Aber das fand nur sie.

Es war eine traditionelle Trauung gewesen, wenn auch nicht ohne kleine Extravaganzen, die Elisabeth – damals noch Baumkötter – still und leise durchgesetzt hatte. So hatte sie ihr Kleid in einer schlichten geraden Form schneidern lassen und dafür gesorgt, dass man ihre zarten Knie sehen konnte, die der wortkarge Ferdinand immer so gerne kitzelte.

Das Bild von Ferdinand mit der Tolle verschwamm, Elisabeth weinte. Ferdinand hatte verschlafen. Er hatte nicht gesehen, dass weiße Rosen auf dem Tisch standen. Er hatte nicht die reparierte Taschenuhr seines Großvaters gesehen, die in blauem Geschenkpapier neben dem hart gekochten Ei lag, nicht die aufgebackenen Brötchen gerochen, den geräucherten Schinken probiert – alles hatte sie vorbereitet. Alles zum Hochzeitstag.

Viktorias Wecker brummte, als sie gerade den Kampf gegen den Kater aufgab und sich im Badezimmer erleichterte. Als sie blass ins Schlafzimmer zurückwankte, war aus dem leisen Brummen ein schrilles Schreien geworden. Sie schlug auf die Aus-Taste. Was für ein beschissener, beschissener Tag.

Aber wenigstens ging es ihr ohne ihren Mageninhalt erheblich besser. Die Lösung für den Abend konnte nur lauten: Badewanne, Relaxing-Öl, Beine rasieren und eine Drei-Fragezeichen-Kassette. Ihre Laune stieg bei der Vorstellung an beinahe vierzig Grad heißes Wasser und die Stimme vom neunmalklugen Justus Jonas sofort.

Elisabeth Upphoffs Laune befand sich zur gleichen Zeit im deutlichen Abwärtstrend. Sie aß gerade geräucherten Schinken, zwei gekochte Eier und vier Brötchen – alleine. Es schmeckte ihr nicht.

Während Viktorias Tag in einem trägen Dämmerzustand vorüberging – zum Glück musste sie nur ein paar Polizeimeldungen umschreiben –, wurde Elisabeth Upphoff immer wacher. Wie einer der trommelnden Hasen von Duracel trippelte sie in ihrem roten Klinkerhaus vom Wohnzimmer mit dem noch gedeckten Frühstückstisch in die Küche, von der Küche auf die Terrasse und wieder zurück. Sie wusste nicht, wohin mit ihrer Wut, und so lief sie. Hin und her und hin. Ihre Gedanken überschlugen sich. Dreißig Jahre lang waren Ferdinand und sie nun zusammen. Sie hatten dieses Haus zusammen gebaut, sie hatten die Kinder groß gekriegt – Nicole hatte eine gute Position bei der Stadt und Frank eine sichere Stelle bei der Post. Sie und Ferdinand führten ein Leben, wie es in Westbevern, mitten im ruhigen Westfalen, üblich ist: gemächlich, beständig, ehrlich und möglichst ohne Aufregungen. Und so fand es Elisabeth normal, dass Ferdinand ein paar Jahre nach ihrer Hochzeit und ein paar Monate nach der Geburt von Nicole aufgehört hatte, ihre Knie zu kitzeln. Sie waren ja auch nicht mehr so zart: Wassereinlagerungen durch die Schwangerschaft.

Sie vermisste es zwar, aber wozu aufregen? Ferdinand war ein guter Mann. Auch wenn er ihr keine Komplimente mehr ins Ohr flüsterte wie früher und sein jungenhafter Charme zusammen mit seinen Haaren verschwunden war. Sie waren ein gut eingespieltes Team, eine Familien-AG. Jeder hatte seine Aufgabe: Wäsche waschen, Rasen mähen, Aldi, Neukauf, an warmen Wochenenden auch mal Grillen. Routine, ja. Aber sicher und klar und ohne Schnörkel. Und einmal im Jahr war es ja sogar noch da. Das Kribbeln, das Herzklopfen. An ihrem Hochzeitstag, da war Zeit für die Erinnerungen. Dann kicherte Elisabeth beim Gedanken an ihre verliebten Treffen vor ihrer Verlobung. Im Wäldchen neben dem Schützenplatz hatten sie sich geküsst, und es war viel aufregender gewesen, als sie es gedacht hätte. Und Ferdinand hatte zum ersten Mal die Knie seiner Frau gekitzelt. Ganz zart und mit Erfolg. Denn Elisabeth wehrte sich danach auch nicht mehr, als er mit zitternden Händen ihre Bluse aufknöpfte. Ach damals! Sie schauten sich an ihrem Hochzeitstag immer die alten Fotos an, und Ferdinand sagte jedes Jahr: »Wie Jackie Kennedy sahst du aus. Mann, Elli, war ich stolz!« Elisabeth wurde immer noch rot, und auch wenn er es ihr schon lange nicht mehr sagte, so wusste sie genau in diesem einen Moment, an genau diesem Tag, an jedem 15. Mai, dass ihr Mann sie liebte.

Doch jetzt, an diesem 15. Mai wusste sie es nicht mehr. Und während sie das Gefühl hatte, den Boden unter ihren Füßen zu verlieren und in den Abgrund zu stürzen – machte Ferdinand Mittagspause. Er hatte Hunger, weil er morgens nichts gefrühstückt hatte, weil der neue Wecker nicht funktioniert und er verschlafen hatte.

Wer weiß, vielleicht wäre auch da noch Viktorias Lebenslinie geradlinig geblieben wie bisher, wenn Ferdinand am Abend nach dem Verschlafen nicht direkt nach der Arbeit – er war Fliesenleger – zur Versammlung des Schützenvereins Westbevern e. V. gegangen und mit etwa drei Liter Bier und fünf Korn in seinem Blutkreislauf nach Hause gewankt wäre. Vielleicht wäre Viktorias Leben vierhundertachtundsechzig Kilometer entfernt auch weiter so verlaufen, wie es die letzten zweiunddreißig Jahre verlaufen war, wenn Ferdinand, als er neben Elisabeth im Bett lag, gesagt hätte: »Tut mir leid, Schatz.« Doch er schnarchte, als sie flüsterte: »Du hast unseren Tag vergessen.«

»Sehr geehrte Frau Latell. Heute ein paar Minütchen Zeit für den Herrn? Er wird um zwanzig Uhr da sein. Sie werden ihn an der Flasche Rotwein erkennen.«

Es war Konstantin, der Viktorias AB und sie selbst zum Leuchten brachte, als sie am Abend die Wohnungstür aufstieß.

»Sorry, Badewanne und Justus Jonas! Wir treffen uns ein anderes Mal.« Sie hatte noch zehn Minuten, bevor er klingeln würde. Obwohl sie ja eigentlich wusste, dass sie noch dreißig hatte, denn er kam immer zu spät. Sie rieb die Dusche trocken, packte den Rasierer weg, die Haare hatte sie nicht gewaschen. Auf keinen Fall sollte er merken, dass sie seinetwegen Körperpflege betrieben hatte. Schnell noch ein T-Shirt anziehen, das nachlässig genug, aber trotzdem taillenbetont saß, dazu die weite schwarze Cargohose, Gefährliche Geliebte locker aufschlagen und die Socken aus, damit er die tiefroten Fußnägel sah.

Er sah sie nicht. Stattdessen schauten sie fern, er schlief auf dem Sofa ein, und sie saß daneben. Müde, restverkatert und ratlos. Was ist das? Was mache ich hier?, fragte Viktoria sich im Stillen – Justus Jonas hätte sicher eine Antwort gehabt.

Vier Wochen später, als Viktoria im Zug nach Westbevern saß, hatte sie immer noch keine gefunden.

Nach seinem Sofaschlaf hatte sie Konstantin noch zweimal getroffen. Einmal kam er spät nachts, und sie hatten großartigen Sex. Beim zweiten Mal nahm er sie mit auf die Premierenfeier des neuen, zuckersüßen und mal wieder durch schicke Brauntöne klug scheinenden Film von Til Schweiger. Er kannte jeden zweiten Gast, sie jeden fünften, und so hatten sie jeder für sich eine Menge Lästereien zum Besten zu geben, Witzchen zu reißen und Champagner zu trinken. Es war nett. Sie waren hübsch. Konstantin hatte ein weißes Hemd und den braunen Leinenanzug an, sie trug das schwarze Kleid, das sie zusammen in einer noch unbekannten Boutique namens Yai in der Bleibtreustraße gekauft hatten. Viel zu teuer, fand sie, aber wozu hatte sie ihre Sonntagszuschläge und ihren Chefreportervertrag in der Polizeiredaktion?

Viel zu gewagt, fand sie auch, und viel zu – aber das durfte sie natürlich niemals aussprechen – viel zu unpraktisch. Kein vernünftiger BH passte darunter, weil eine Schulter freilag!

Aber als sie es anprobierte, nickte Konstantin anerkennend. Inzwischen glaubte sie, dass er es nicht wegen ihrer nackten Schulter tat, sondern weil sie gerade etwas Positives über seine letzte Sendung gesagt hatte.

Trotzdem: Die Premieren-Party war okay gewesen. Doch seitdem hatte er keine Zeit mehr gehabt. »Zu viel Arbeit!«

Viktoria zerdrückte gerade ihre leere Cola-light-Dose. Irgendwie quetschte sie sie in das Netz des Vordersitzes, in das eigentlich gar nichts passte. Das Blech vibrierte leise im Rhythmus des ICE. Sie musste aufstoßen. Scheißkohlensäure, dachte sie und suchte in ihrer Tasche nach der Agenturmeldung. Da war sie. Deshalb war sie hier.

Westbevern (dpa) – Eine 55-jährige Hausfrau aus Westbevern bei Münster stürmte am Freitag schwer bewaffnet die Versammlung eines Schützenvereins. Die zweifache Mutter hatte sich eine Bombenattrappe um den Bauch gebunden und zwei Jagdgewehre geschultert. Bevor sie jedoch um sich feuern konnte, verlor sie das Bewusstsein. Laut Pressemitteilung der örtlichen Polizei wurde sie mit einer Alkoholvergiftung in ein Krankenhaus eingeliefert und danach auf freien Fuß gesetzt. Mögliches Motiv für den Amoklauf: übersteigerte Wut auf den Verein. Dieser wollte der Westfälin nicht erlauben, beim diesjährigen Königsschießen teilzunehmen. Elisabeth U. empfand dies offensichtlich als frauenfeindlich. Hintergrund: Der Schützenverein Westbevern e. V. wurde im Jahr 1780 gegründet und ist damit einer der ältesten Schützenvereine Deutschlands. Bislang gab es nur männliche Schützenkönige.

Der Computerausdruck der Meldung war zerknittert. Mit Kugelschreiber war »Latell« mit ein paar Ausrufezeichen darüber geschrieben. Der Chefredakteur hatte es in dramatisch großen Buchstaben gekritzelt und sie kurz danach in sein Büro gerufen. Er lag in seinem Stuhl, auf dem er sich hin und her drehte, Schuppen sammelten sich auf den Schultern seines schwarzen Jacketts, und sein Blick traf, während er sprach, nicht ein einziges Mal den ihren.

»Das hier ist wieder eine typische Latell-Geschichte, Frau Latell. Da steckt alles drin. Wenn man nur will. Machen Sie mir aus dieser kleinen Meldung eine schöne Provinzposse, ja?!«

Sie starrte auf seinen Zeigefinger. Er fing doch tatsächlich an, damit in der Nase zu bohren.

»Sie wissen schon: Bekloppte Landdeppen streiten sich um noch bekloppteres Schützenfest. Der Streit eskaliert, die brave Hausfrau wird zum Selbstmordattentäter, so was in der Richtung. Aber immer schön sachlich bleiben und dabei zwischen den Zeilen ganz ironisch und zynisch sein und so – aber das können Sie ja …«

Hoffentlich findet er keinen Popel, dachte sie und sagte: »Ja danke. Kann ich. Wann soll es denn losgehen?«

»Na ja, kriegen Sie erst mal raus, wann das nächste Schützenfest steigen soll – und da sind Sie dann die ganze Zeit dabei. Der Siewers kommt auch mit, sagen Sie ihm, ich will das volle Programm. Porträts von rotgesichtigen und fetten Uniformträgern, Porträts von der spießigen Amok-Hausfrauen-Emanze und natürlich die Bilder vom Fest selbst. Kotzende Schützenbrüder, kreischende Weiber, na ja, und ein paar extreme Militaristen wären auch nicht schlecht, Sie wissen schon. Diese Typen, die auf Marschieren und Schießen stehen.« Er hatte keinen Popel gefunden, sein Zeigefinger kratzte jetzt seinen gegelten Scheitel, und ein paar zusätzliche Schuppen rieselten auf seine Schultern.

»Kann ich machen. Aber interessiert das hier in Berlin eigentlich irgendjemanden?« Viktoria widerstand dem Reflex, die Schuppen von seiner Schulter zu wischen. »Ich meine, gibt es in Brandenburg nicht auch Schützenvereine oder so was? Müssen wir dafür extra nach Westdeutschland fahren?«

Der Chef antwortete nicht, sondern winkte sie mit seinem Zeigefinger heran. Dann tippte er auf den Papierausdruck eines Fotos. Viktoria stellte sich neben ihn und schaute erst auf seinen wurstigen Zeigefinger, dann auf das Bild. Sie zog die Luft scharf ein – und ihr Chef grinste wie ein kleiner Streber. »Erkennen Sie das da?«

Viktoria nickte. »Ich denke schon.«

»Na, dann haben Sie doch noch einen Grund mehr, mal aufs Land zu reisen. Finden Sie die Ratte!«, sagte er. Viktoria spürte ihren Magen. »Wenn es sie denn jemals gab.«

Damit war alles gesagt. Als sie ihm den Rücken zugedreht hatte, hustete er, zog danach laut Rotz inklusive Popel hoch und sagte: »Frau Latell, sagen Sie mal, sind Ihre Schuhe von Gucci?«

»Nein«, sagte sie und drehte sich nach ihm um. »Die sind von Deichmann.«

Das war eine glatte Lüge.

Die Ratte finden! Viktoria sank auf ihren Schreibtischstuhl und atmete tief durch. Ihre Finger bearbeiteten wie von selbst die Tastatur. Sie tippten »Rattenmörder« und »Müggelsee« in das Suchfenster des hauseigenen Online-Archivs. Neunundzwanzig Treffer verkündete die Schrift auf dem Bildschirm. Viktoria druckte das Archivmaterial aus. Während der Drucker seinen Dienst tat, wippte sie nervös mit ihren Beinen. Da sie dabei immer wieder mit ihren Knien von unten an die Schreibtischplatte stieß, vibrierte die Colaflasche.

»Hey, Langbein, hör auf mit dem Gewackel«, neckte sie ihr Kollege Charly.

Doch Viktoria hörte ihn nicht. Nachdem die Ausdrucke vor ihr lagen, öffnete sie die Fotoangebote der Agenturen. Sie tippte »Westbevern« ein, und auf dem Bildschirm erschienen zwei Bilder. Eines war das klassische HvA-Motiv. Haus von Außen. Für jeden Fotografen ein Muss – auch beim Express. Egal, worum es ging, ob Mord, Lottogewinn, Kindesmisshandlung, Promi-Rendezvous – ganz egal –, immer musste es ein Foto von dem Gebäude geben, wo das Ereignis stattgefunden hat. So zeigte das erste Motiv zum Stichwort Westbevern eine Gaststätte. »Gasthaus König« stand in altdeutscher Schrift über der schwarzen Eingangstür, das Mauerwerk war hell, das Fachwerk dunkelbraun. Die Bildunterschrift, die Caption, sagte: »Gasthaus von Telgte, Ortsteil Westbevern/55-Jährige plante Amoklauf/Versammlung des Schützenvereins gestürmt/Polizeieinsatz/Amokläuferin Alkoholvergiftung.« Am Bildrand sah man ein Polizeiauto, dahinter einen Krankenwagen. Das war’s. Das zweite Bild war dasselbe, das ihr Chef vorhin mit seinem Zeigefinger bearbeitet hatte. Es zeigte den Raum, in dem die Schützenversammlung stattgefunden hatte. Tische, dunkelrot gepolsterte Stühle, Parkettboden. Kein Mensch war zu sehen. Stattdessen eine weiße Wand. Doch daran hing ein großes Stoffbanner. Nur das interessierte Viktoria. Darauf stand in goldener Schrift »Schützenverein Westbevern«. Daneben, ebenfalls in Gold auf Fahnenstoff gewebt, hockte ein Biber. Viktoria nahm den Stapel mit den RattenmordArtikeln. Sie kannte sie alle, denn sie hatte die meisten davon selbst geschrieben. Es dauerte nicht lange, und sie hatte, was sie suchte. Der Text war überschrieben mit: Die feige Ratte vom Müggelsee. Die Unterzeile lautete: Sarahs Mörder hinterließ rätselhaftes Geständnis. Es war der zweite oder dritte Artikel zu dem Neujahrsmord gewesen. Die Geschichte war groß aufgemacht, zwei Seiten, sieben Fotos, eine Grafik. Ein Foto zeigte ein Porträt von Sarah. Sie sah hübsch aus und älter als achtzehn. Sie hatte lange schwarze Haare, einen knallrot geschminkten Mund, dunkelbraune Augen, blasse Haut. Viktoria hatte das Bild von einer Schulfreundin bekommen, die zusammen mit Sarah in einer Foto-AG Porträtfotografieren geübt hatte. Was für ein Glück! So gute Opferfotos gab es wirklich selten. Die Freundin erklärte, dass sich Sarah eigentlich nie so geschminkt hätte wie auf dem Foto, das sei »halt nur zum Üben« gewesen. Viktoria nickte verständnisvoll und griff nach dem Bild. Schneewittchen, dachte sie, das Foto geht auf Seite eins. Sie hatte recht.

Ein anderes Bild zeigte den Tatort. Ein Gebüsch am Müggelsee, in dem Sarahs Mörder die Leiche notdürftig versteckt hatte. Der Fußgängertunnel, der von Friedrichshagen zum größten Berliner See führt, war auch zu sehen. Die Bildunterschrift lautete: »War der Mörder ihr schon hier auf den Fersen?« Wunderbar gruselig, fand Viktorias Chef. Andere Fotos zeigten die Spurensucher der Polizei im Einsatz, das Wohnhaus von Sarah, die mit ihren Eltern im Berliner Bezirk Friedrichshain gelebt hatte. Bilder von den Eltern gab es da noch nicht. Die hatten Viktoria und ihre Kollegen einen Tag später, blass und mit Tränen in den Augen, fotografiert. Viel gesagt hatten sie freilich nicht, sie standen schließlich unter Schock. Viel gefragt hatte Viktoria sie aber auch nicht. Doch das brauchte hier in der Redaktion niemand zu wissen. Neben dem Wohnhaus von Sarahs Eltern war eine Grafik zu sehen. Sie zeigte die seltsame Zeichnung einer hässlichen Ratte. Darunter stand: Lange Zähne, hinterhältiger Blick: So sieht das Wasserzeichen auf dem Brief aus, den Sarahs Mörder am Tatort hinterließ. Ganz Berlin sucht jetzt die feige Ratte!

Der Rattenmörder war die beste Geschichte des Jahres. Und das wusste Viktoria schon am frühen Abend des 1. Januar. Dabei hatte der Tag alles andere als vielversprechend begonnen. Sie hatte zwar frei, war aber trotzdem unausgeschlafen. Die Silvesterfeier hatte sich als lahmer Fondue-Abend mit Konstantins Freunden und deren Freundinnen herausgestellt. Man kannte sich zwar, aber nicht gut genug, um richtig abzufeiern. Um sich überhaupt bis zwölf Uhr wach zu halten, trank Viktoria jede Menge Prosecco. Das war eindeutig der falsche Plan gewesen. Um genau zehn Minuten nach zwölf verabschiedete sie sich betrunken und mit Sodbrennen im allgemeinen Silvester-Wünsche-Gebussel und ging zu Fuß nach Hause. Konstantin hatte nicht einmal so getan, als täte ihm ihr übereilter Abgang leid – und sein »Soll ich dich bringen?« klang so unaufrichtig, dass sie gar nicht darauf antwortete. So lahm der Abend auch war, wenigstens lag die Gastgeberwohnung nur ein paar Hundert Meter von ihrem Dachgeschoss entfernt. Sie starrte geradeaus und hoffte auf ein bisschen Glück. Denn das muss man in einer Silvesternacht in Berlin-Kreuzberg wahrlich haben. Doch alle Querschlägerraketen, Superpolen-Böllerbomber und Gaspistolen-Leuchtgeschosse zischten an ihr vorbei. Als sie im Bett lag, konnte sie nicht einschlafen. Der Prosecco kribbelte noch nach. Sie schlief erst ein, als es draußen bereits hell wurde, und erwachte, als ihre Mutter anrief. »Kannst du mich abholen?« Sie heulte fast. Viktoria fand es erbärmlich. Aber sie setzte sich in ihren Wagen und gabelte Marie Latell in der Lobby vom Westin Grand auf. Marie war blass, betrunken und still. Wenigstens hält sie die Klappe, dachte Viktoria. Schweigend fuhren sie nach Schöneberg, langsam gingen sie die fünfzig Treppenstufen hoch, und ohne jede Zärtlichkeit half Viktoria ihrer Mutter, die Jacke abzulegen. Dann klingelte ihr Handy. Bestimmt Konstantin, dachte Viktoria und nuschelte genervt ins Telefon: »Ja?«

»Entschuldigung. Sind Sie Frau Latell?«

»Ja – und?«

»Äh. Ja, tut mir leid, dass ich störe, aber hier ist eine Leiche.«

Viktoria war plötzlich hellwach – und freundlich.

»Eine Leiche? Wie meinen Sie das? Mit wem spreche ich denn – bitte?«

»Kock. Robert Kock. Sie haben mir mal Ihre Karte gegeben.«

»Mmmh. Ja, ich erinnere mich, glaube ich.« Viktoria hatte keine Ahnung, wer Robert Kock war.

»Sie haben mich mal interviewt. Wegen der Loveparade. Weil ich eine ganze Tüte mit diesen bunten Pillen gefunden habe, die die jungen Leute da immer nehmen.«

»Ja, ja, ich glaube, ich weiß. Sie waren der aufmerksame Herr Kock.« Viktoria war jetzt nicht nach Small Talk zumute. Was ist mit der Leiche?

»Und jetzt haben Sie …«

»Sie liegt vor mir. Soll ich jetzt die Polizei anrufen?« Herr Kock klang etwas kläglich.

»Bleiben Sie ganz ruhig, Herr Kock. Sie haben also eine Leiche gefunden?«

»Genau. Beim Spaziergang mit meinem Hund Theo. Der will ja sogar bei diesem Mistwetter raus.«

»Ich verstehe.«

»Ja, und da schnüffelt er im Gebüsch herum, ich will ihn holen, und da liegt sie.«

»Sie? Also eine Frau?«

»Nein, eher ein Mädchen. O Mann, ich glaube, mir wird gerade schlecht.«

»Keine Panik, Herr Kock. Sie haben alles richtig gemacht. Sagen Sie mir, wo Sie sind, ich komme sofort, und dann regeln wir alles. Ja?«

»Ja.« Er atmete hörbar.

»Ich rufe die Polizei, und gleich sind wir da.« Robert Kock beschrieb ihr genau, wo er stand. Den Hund hatte er inzwischen an die Leine genommen.

Viktoria wollte aus der Wohnung stürmen, doch ihre Mutter hielt sie fest, klammerte sich hilflos an sie und griff nach ihrer dicken Winterjacke. »Mama, lass mich. Leg dich schlafen, ich muss arbeiten!«

Während sie zum Auto lief, telefonierte sie schon mit Mario Siewers. Sie wusste, dass der Fotograf heute Dienst hatte – und dass er immer zu schnell fuhr. Gut so! Sie dirigierte ihn zum Fundort am Müggelsee. Kock hatte ihn sehr genau beschrieben. »Mario, wir sind die Ersten. Die Polizei ist noch nicht informiert. Also beeil dich!«

Es war saukalt in Viktorias Lada-Geländewagen. Selbst schuld, dachte sie. Sie wollte ja unbedingt ein Auto, das so aussah, als sei ihr egal, was für ein Auto sie fahre. Und nun hatte sie also diese zugige Kiste. Doch die Kiste fuhr und rappelte Richtung Friedrichshagen. Viktoria kannte die Strecke in- und auswendig. Im vorletzten Sommer hatte sie sich öfter mit Paul – oder hieß er Peter? – am Ufer des Sees getroffen. Er fand das unglaublich romantisch und sehr angenehm, mal raus aus dem Kreuzberg-Rummel zu sein. Viktoria drückte das Gaspedal durch und lächelte. Sex unter freiem Himmel war einfach nicht ihr Ding. Und Liebesschwüre im Vollmondschein noch weniger. Also vergaß sie Paul – oder Peter – und erinnerte sich nur noch an den richtigen Weg. Die Stelle, die ihr Herr Kock beschrieben hatte, kannte sie auch. Am kleinen Badeufer mit Blick auf die alte Brauerei hatte sie mit ihrem verliebten Verehrer gelegen. Als er sie küsste, hatte sie sich geärgert, dass er die strahlende Sonne über ihr verdunkelt hatte. Strahlende Sonne – unvorstellbar an einem Tag wie diesem. Es war grau. Es war kalt, geschätzte minus zehn Grad. Der Berliner Wind wehte. Scharf und unerbittlich. Gerade als die Heizung den Lada aufzuwärmen begann, war Viktoria da. Sie parkte an dem Seitenstreifen mit den Parkverbotsschildern und knallte die Tür zu. Sie wusste, dass sie schon längst die Polizei hätte anrufen müssen, aber die Versuchung war einfach zu groß. Sie als Erste am Tatort, der Chef würde jubeln.

Im Stechschritt marschierte sie Richtung Müggelsee. Ein paar Äste schlugen ihr beinahe in die Augen, doch sie schüttelte nur den Kopf. Dann entdeckte sie einen Mann in beigefarbenem Mantel. Herr Kock, dachte sie und sah, wie dessen Hund Theo an der Leine zerrte. »Herr Kock«, rief sie und hob die Hand. Der Mann drehte sich in ihre Richtung. Sie erkannte ihn nicht wieder. Sein Hund bellte. Eifrig hob er seine Hand und winkte sie heran.

Als sie vor ihn trat, bemerkte sie auch Mario, der in einigem Abstand Fotos von der Leiche im Gebüsch machte. Er hatte das große Teleobjektiv auf die Kamera geschraubt. Schließlich wusste auch er, dass er nicht zu nah an den Tatort gehen sollte, um sich Ärger mit der Polizei zu ersparen. Viktoria widerstand ihrem Reflex, gleich neben ihn zu eilen, sondern gab Herrn Kock die Hand. Es fühlte sich an, als hätten sich zwei Eisklumpen berührt.

»Kalt, ganz schön kalt«, murmelte der Mann.

Sie nickte nur. Ihre Finger waren – obwohl sie so schnell gegangen war – ganz starr. Sie schaffte es kaum, das Handy aus ihrer Daunenjackentasche zu fummeln. Als sie es mit der klammen Hand umschloss und herauszog, fielen ein benutztes Tempo und eine leere Kaugummiverpackung zu Boden. Bevor sie sich bücken konnte, wehte der Wind den ganzen Müll durch die Luft. Ihre Haare peitschten ihr ins Gesicht und in die Augen. »Autsch!«, fluchte sie, strich sich die lange Ponysträhne aus dem Gesicht und wählte die Nummer der Polizei.

Ein paar Stunden später saßen sie an Marios Laptop in der Redaktion. Sie hatten Zeit, die Zeitung war schon fertig. Aus dem Mord an dem achtzehnjährigen Mädchen war erst einmal nur ein kleiner Text mit einem briefmarkengroßen Foto vom Tatort geworden. Für den Schub wurde alles umgebaut. Das hieß: Viktoria sollte einen großen Text von hundertdreißig Zeilen Länge schreiben, Marios Fotos gingen auf die Titelseite und füllten eine Doppelseite im Innern des Express. Das Ganze musste um Mitternacht in den Druck gehen, damit die Leser morgen passend zur frischen Schrippe ihren Neujahrsmord bekamen.

Die meisten Bilder, die Mario gemacht hatte, konnten nicht veröffentlicht werden. Ein aufgeschlagener Kopf, Blut, Hirnmasse, bleiche Finger, tote Augen – das würde selbst den abgehärteten Lesern des Express den Appetit verderben. Mario scrollte schnell über die Leichenfotos. Er sagte nichts. Viktoria stellte ihre Cola beiseite. Sie druckten andere Fotos aus. Auf einem sah man die Beamten der Spurensicherung in ihren weißen Ganzkörperanzügen. Ein anderes zeigte die abgedeckte Leiche im Schatten des Gebüschs. Das nächste war ein Schuss in den dunklen Fußgängertunnel. Ein Bild vom Müggelsee, im Vordergrund Polizeibeamte, Hunde.

»Druck das mal«, Viktoria tippte auf den Bildschirm.

»Hey, nicht auf meinen Bildschirm tatschen, Victory!«

Doch Mario druckte.

»Was ist das?« Viktoria zog das Papier aus dem Drucker.

Mario zuckte mit den Schultern. »Weiß nicht. Müll oder so.«

Das Bild war eine Detailaufnahme von der Hand des toten Mädchens. Es war eines dieser Fotos, die man Mario überhaupt nicht zutraute, die er aber immer wieder machte. Kein Chef würde es je drucken, weil es einfach zu speziell war. Zu sehr Kunst statt Journalismus. Die Hand des Mädchens war ganz zart, die Fingernägel nicht zu lang, sie waren gepflegt, nur ein Hauch von pinkfarbenem Nagellack darauf. Am schlanken Handgelenk erkannte sie eines dieser Bettelarmbänder, die jetzt viele Teenager trugen. Es wird nie wieder klimpern, dachte Viktoria.

Mario räusperte sich. »Meinst du das?« Er zeigte auf etwas, das hinter der Hand zu erkennen war.

Viktoria nickte.

»Das habe ich noch größer.« Mario öffnete ein anderes Bild und druckte es aus. Im Gebüsch, nur ein paar Zentimeter von der zarten, toten Hand entfernt, lag ein Bogen Briefpapier mit schwarzer Schrift darauf. »Kannst du das lesen?«

»Noch nicht.« Mario zoomte auf die Schrift, und beide rückten ganz nah an den Bildschirm.

Viktoria las vor: »Es tut mir leid, kleiner schwarzer Engel.« Viktoria schaute Mario an, dann las sie weiter: »Manchmal laden wir so große Schuld auf uns – so groß. Doch zu sterben ist leichter, als damit zu leben. Ich weiß es jetzt.«

»Ach du Scheiße«, Mario lehnte sich in seinem Schreibtischstuhl zurück. »Ist das vom Mörder?«

»Wenn es von ihm ist, dann hat er komisches Briefpapier.«

Mario rückte wieder an den Monitor. Viktoria tatschte wieder auf den Bildschirm, doch Mario wies sie diesmal nicht zurecht. »Ein Wasserzeichen!«, sagte er.

Viktoria nickte. »Ganz genau. Das ist ein Briefbogen mit einem Wasserzeichen von einer hässlichen, großen Ratte.«

Mario pfiff durch die Zähne. Viktoria stand auf. »Druck das mal aus. Wir gehen zum Chef – ich glaube, wir müssen die Zeile mit Schneewittchen noch mal ändern. Rattenmörder ist irgendwie geiler, finde ich.«

Viktoria legte das Agenturfoto, das den Biber auf dem Schützenvereinsbanner zeigte, neben die Grafik von der Ratte. Sieben Monate lang hatten sie gerätselt, was es mit diesem Brief auf sich hatte. Sie hatten Firmenlogos in ganz Berlin und Brandenburg überprüft, hatten Symbolbücher studiert, Homepages gecheckt – doch nirgends fanden sie einen Hinweis, nirgends gab es eine Ratte, die so seltsam aussah wie die vom Tatort. Sie erinnerte sich noch an die fluchende Grafikerin, die mit dem Foto von Mario zum Chef lief. »Der Schwanz fehlt«, sagte sie. »Ich kann das nicht einfach nachzeichnen.«

»Na, dann machen Sie halt ein Schwänzchen dran«, sagte der Chef und grinste. »Ein hübsches kleines Rattenschwänzchen.«

Sie nahm das frisch ausgedruckte Agenturfoto und legte es auf den Kopierer. Sie vergrößerte das Bild, Stück für Stück. Dann nahm sie die letzte Vergrößerung und legte sie neben das Wasserzeichen der Ratte, das Mario damals fotografiert hatte. »Das gibt’s nicht«, murmelte sie. »Die Ratte ist ein Biber!«

Fast zufrieden öffnete Viktoria ihre zweite Dose Cola light, die noch recht kühl war. Gut, dass sie hier saß – weit weg von der Redaktion. Gerade hatten sie einen Anschiss kassiert, weil die BILD angeblich mal wieder viel besser war. Es ging um die Ekelgeschichte mit dem toten alten Mann, der ein paar Tage in seiner Wohnung verwest war und dessen hungriger Schäferhund seinen Kopf aus lauter Verzweiflung angefressen hatte. Die Kollegen von der Konkurrenz hatten den Namen des Hundes, der Express nicht. Er hieß: REX!

Viktoria schmunzelte vor sich hin. Den Sitz hatte sie zurückgestellt, die Knie am Vordersitz angelehnt. Noch zweieinhalb Stunden im klimatisierten ICE, dann umsteigen in Münster, am späten Abend würde sie in diesem Schützenkaff ankommen. Im Ortsverzeichnis sämtlicher Städte und Gemeinden Deutschlands hatte sie folgenden Eintrag gefunden: »Telgte, Nordrhein-Westfalen, Regierungsbezirk Münster, bestehend aus den Ortsteilen Telgte, Westbevern und Westbevern-Vadrup, 17 800 Einwohner.«

Das sind weniger Menschen, als ins Olympiastadion passen, dachte Viktoria und nahm einen Schluck aus der Dose.

Noch etwa eine Stunde bis Münster. Die Digitalanzeige des ICE zeigte 22.18 Uhr, und Viktoria gähnte laut. Das Großraumabteil war leer. Sie versuchte, in die Dämmerung draußen zu schauen, doch sie sah nur ihr Spiegelbild im Fenster. Blödes Augenbrauenzupfen, dachte sie. Sieht man wegen der Haare sowieso nicht.

Es war kühl. Viktoria deckte sich mit ihrem grauen Trenchcoat zu und knüllte ihren pinkfarbenen Strickpulli zu einem Kissen. Den Kopf lehnte sie an die Scheibe, schloss die Augen und spürte den kühlen Klimaanlagenwindzug in ihrer Nase. Ihr Atem wurde so gleichmäßig wie das leise Rattern des Zuges. Sie zuckte noch einmal, dann schlief sie ein.

Elisabeth Upphoff schlief nicht. Mit geöffneten Augen lag sie allein und hellwach im Ehebett. Ihr Magen fühlte sich an, als sei eine Armee Ameisen dort eingezogen. Morgen begann das Schützenfest. Dieses verdammte Schützenfest. Und das ganze Dorf würde über sie reden. Sie würden lachen, tuscheln oder noch schlimmer: mitleidig die Augenbrauen heben. »Schaut mal, da ist die verrückte Elisabeth!« – »Durchgedreht ist sie, einfach durchgedreht.«

Und das alles nur, weil sie so verletzt war.

Ferdinand liebte seinen Schützenverein. Er war schon als Sechzehnjähriger eingetreten. Klar, dass er eines Tages König werden wollte. Schon seit sie denken konnte, hatte er davon gesprochen. »Im nächsten Jahr, da hol ich den Vogel runter. Da pack ich es.«

Im letzten Jahr hatte er es beinahe gepackt. Er hatte vorher schon eine kleine Summe gespart, um die königlichen Verpflichtungen erfüllen zu können. Er hatte keinen Tropfen Alkohol getrunken, als es ans Schießen ging, er zielte ganz genau. Am Ende trugen die Schützenbrüder seinen verhassten und arroganten Nachbarn auf ihren Schultern. »König Ludwig! Er lebe hoch!« Er hatte die ruhigere Hand gehabt.

Doch in diesem Jahr sollte es endlich klappen. Und es sah gut aus. Es gab keinen Konkurrenten, Ferdinand hatte heimlich schießen geübt und selbst sein Horoskop – er war Schütze! – prophezeite: »Sie gehen gerade auf Ihr Ziel zu und schaffen es!«

Morgen begann das Schützenfest, an dessen Ende er auf den Schultern seiner Kameraden jubeln wollte. Das Schützenfest, bei dem Ferdinand König Ferdinand werden wollte. Das Schützenfest seines Lebens sollte es werden. Doch seine eigene Frau hatte alles kaputt gemacht. Weil sie ihre verdammte Wut nicht zügeln konnte, darüber, dass er ihren Hochzeitstag vergessen hatte. Und darüber, dass er sich nicht einmal entschuldigte. Jetzt wusste sie es besser. Sie hätte ihn einfach anschreien sollen, ein paar Tassen gegen den Fliesenspiegel werfen sollen. Doch das war einfach nicht ihre Art. Sie mochte keinen Streit. Und so wuchs ihre Wut. Als sie nicht mehr wusste, wohin mit ihren Gefühlen, beschäftigte sie ihren Kopf. Sie schmiedete einen kleinen Racheplan. Sie kaufte sich eine grüne Jacke und eine schwarze Hose und hängte sie in den Schrank. Und natürlich fand Ferdinand die Kleidungsstücke.

»Sag mal, Elli!«, rief er die Treppe herunter.

»Was denn?!«, kam es genervt aus der Küche zurück.

»Was ist das für eine Schützenjacke? Die ist mir doch viel zu klein …« Ja, er hat angebissen, dachte sie und antwortete ganz kühl:

»Das ist meine.«

»Deine?«

»Ja, sagte ich es dir noch nicht? Ich werde auch schießen. Ich will Königin werden.« Stille.

Elisabeth horchte. Hätte er doch nur geflucht, getobt, geschrien. Sie hätte zurückgebrüllt, die Türen geknallt, die Tasse geworfen. Ihr Zorn, der Frust – alles wäre herausgekommen. Doch so fühlte sich der Triumph, dass ihr Racheplan aufging, nur zartbitter an. Sie horchte weiter. Die Stille – sie dröhnte in ihrem Ohr. Und es hörte nicht mehr auf, das stille Dröhnen. Nicht am nächsten Tag, nicht in der nächsten Woche, nicht im nächsten Monat. Ferdinand sagte nichts mehr. Kein »Guten Morgen, Elli«, kein »Gute Nacht, Ferdi«, kein »Hast du an die Mülltonne gedacht? … Sieh mal die Rosen blühen« oder »Wusstest du, das Meierichs Tochter heiratet?«

Er schlief im Gästezimmer, und sie lag wach im Schlafzimmer. Ferdinand und sie schwiegen. Vierundzwanzig Stunden am Tag, vierundzwanzig zähe, klebrige Stunden, die Bauchschmerzen verursachten.

Viktorias Kopf lehnte noch immer an der kühlen Fensterscheibe des Zuges. Ein Speichelfaden drohte gerade aus ihrem linken Mundwinkel zu tropfen, da starrte er sie aus dem Dunkel an.

Ein Mann. Sie konnte ihn ganz deutlich sehen. Er hatte wasserblaue Augen. Das Gesicht war grau und weiß und farblos zugleich. Seine Arme baumelten wie zwei Fremdkörper an seinen Schultern. Blonde Haare fielen in seine Stirn. Dann sah sie die Füße mit den braunen Socken, sie berührten die Wiese unter ihm nicht. Sie bewegten sich langsam hin und her. Wie der ganze Körper, der an einem knorrigen Baum hing. Dann, kaum zu sehen, Millimeter um Millimeter, hob der Mann seine Arme. Seine wasserblauen Augen füllten sich mit Tränen, während sie Viktoria ansahen. Nein, anstarrten, nein, in sie hineinglotzten. Die Arme, er hob sie weiter. Und plötzlich packte er zu.

Viktoria schrie. Der Schaffner, der sie wach rüttelte, blickte sie erschrocken an.

»Oh, äh. Entschuldigung. Ich wollte Sie doch nur wecken, wir sind in Münster.«

»Ach, du Kacke. Was für ein beschissener Traum«, fluchte Viktoria und nieste. »Von Ihrer blöden Klimaanlage holt man sich ja ’ne Grippe.«