Niemand versah Tresendienst. In Irland findet man die merkwürdigsten Dinge in Kneipen, aber ein unbemannter Tresen gehört nicht dazu. Ich sah Mrs Bailey an, und sie sagte:

»Ich mach schon.«

Ich musste fragen:

»Arbeitet da nicht eigentlich jemand?«

Sie seufzte tief auf, sagte:

»Wir haben einen Burschen, aber er neigt dazu, sein eigener bester Gast zu sein. Meist ist hier nicht viel Betrieb, deshalb mache ich das hier gewöhnlich selbst.«

Ich marschierte mit ihr zu einem Tisch, setzte sie hin, verbeugte mich, fragte:

»Nach welcher Art Trank stehen Madam der Sinn?«

Sie war entzückt, sagte:

»Etwas Süßes.«

Ich warf einen raschen Blick auf die staubigen, aber wohlgefüllten Regale. Ich sagte:

»Dürfte ich einen nicht allzu schmächtigen Sherry vorschlagen?«

Sie schüttelte den Kopf, sagte:

»Das ist ein Altweibergetränk. Ich möchte keine Minute lang alt sein.«

Und wer konnte es ihr verübeln? Ich sagte:

»Crème de menthe?«

Sie klatschte in die Hände, sagte:

»Perfekt.«

Ich ging hinter den Tresen und war wie erstarrt, ein Alkoholiker vor dem Erschießungskommando. Dort oben waren sie, all die tödlichen Burschen: Jameson, Paddy, Black Bush, die Zielvorrichtungen parat.

In null Komma nix konnte es mich treffen. Ich sah Mrs Bailey an. Sie behielt mich nicht im Auge. Von einem Stapel Zeitungen auf ihrem Tisch hatte sie den Galway Advertiser ausgewählt und blätterte ihn durch. Ich schenkte ihr einen großen Menthe ein, nahm mir ein einheimisches Mineralwasser mit Kohlensäure und hinterließ zwanzig Euro an der Kasse. Heute keine Gratisgetränke. Ging hin und setzte mich ihr gegenüber, hob mein Glas, und wir ließen es klingeln. Ich sagte:

»Sláinte amach.«

»Leat féin.«

Sie nahm einen zierlichen Schluck, sagte:

»Das ist prima Stoff.«

Wir genossen einen Augenblick der Stille, des nicht unbehaglichen Schweigens, dann fragte ich:

»Was bekümmert Sie, Mrs B?«

Sie faltete die Hände im Schoß, dann:

»Sie quetschen mich aus, Bauunternehmer, Gläubiger, eine ganze Meute. Ich versinke und fürchte, ich werde verkaufen müssen.«

Eine weitere Institution von Galway sollte unter dem Fortschritt versinken, alles Anständige und Gute und, ja, Alte wurde demoliert. Sie fragte:

»Haben Sie gewusst, dass die Bäume am Eyre Square gefällt werden sollen?«

»Was?«

»Es heißt, sie würden ersetzt.«

Sie machte ein ersticktes Geräusch, setzte hinzu:

»Ich verstehe es nicht. Man fällt gesunde Bäume und ersetzt sie dann?«

Ihr fehlten die Worte, bis sie fast explodierte:

»Das ist Gotteslästerung!«

Ich hatte das Aroma der crème de menthe erschnuppert. Klar war das Zeugs süß, aber die Alkoholunterlage war so stark wie ein schwerer Verlust. Ich spürte den massiven Zwang, über den Tresen zu springen, den Mund unter einer der Zielvorrichtungen in Stellung zu bringen und bis zum Jüngsten Tag gegen den Mechanismus zu drücken. Mir schauderte, und sie legte ihre Hand auf meine, eine sanfte Berührung, fragte:

»Ist Ihnen kalt, a mhic?«

A mhic! »Mein Sohn« auf Irisch. In meiner Jugend hörte man das ständig. Im Claddagh verwenden es die alten Leute immer noch. Ein Kosewort, manchmal gescholten, aber nie schroff. Ich sagte:

»Zieht vielleicht ein bisschen.«

Sie sah sich um, sah Geister, die ich nie kennen würde. Ich hatte an meiner eigenen Mannschaft genug zu schleppen. Sie sagte:

»Sie werden es natürlich abreißen, irgendwas Monströses hochziehen, aber, so Gott will, werde ich bis dahin die ewige Ruhe gefunden haben. Wissen Sie was, Mr Taylor, man kann seine Zeit überleben, und das ist ein Leiden.«

Ich dachte an Synge, sein Deirdre of the Sorrows. Irgendwie lief es immer wieder auf dies Stück hinaus, die Passage, die mit rotem Bossmarker hervorgehoben war und die ich auswendig gelernt hatte. In dem Stück kauert Deidre am Boden und wiegt sich bei ihrer Totenklage. Sie hält den Toten eine Rede, wendet sich direkt an sie, erinnert sich der Tröstungen und des Behagens der Zeit, die sie mit ihnen verbracht hat, und der schieren Verzweiflung, da sie sie nicht mehr um sich hat. Es sprach mich in einer Weise an, mit der ich nie gerechnet hatte. Das bestürzende Innewerden, so bizarr das klingen mag, dass der Dramatiker mit mir sprach …, mir vielleicht etwas beizubringen versuchte.

Die Textstelle geht so:

Ihr drei seid’s, die weder Alter noch Tod werden kommen sehen; ihr, die ihr meine Gesellschaft wart, als die Feuer auf den Hügeln gelöscht wurden und nur die Sterne unsere Freunde waren. Ich werde meine Gedanken von jener Nacht – mitleiderregend aus Mangel an Mitleid – zu jener Zeit lenken, da eure Stäbe, eure Kittel mir ein kleines Zelt waren, da eine Birke mir Unterstand war, und auf einem trocknen Stein; obwohl von diesem Tag an meine eigenen Finger mir ein Zelt machen werden, indem sie meine Haare ausbreiten, und diese vom Regen knotig.

Gegen meinen Willen begann Synge mir zu gefallen. Seine Sprache sang den urzeitlichen Teil meiner Vorfahrenschaft an, den innersten Kern dessen, was mich zum Iren machte. Oder vielleicht war ich auch nur zu lange nicht mehr besoffen gewesen. Laut sagte ich:

»Es ist mitleiderregend aus Mangel an Mitleid.«

Mrs Bailey schluckte, starrte mich an, sagte:

»Ist das nicht ein schöner Gedanke –, traurig, aber wahr.«

Das Bitzel in meinem Glas Wasser starb ab. Ich sagte:

»Der Gedanke ist von Synge.«

Sie nickte, dann:

»Es gab einen Riesenkrawall, als sein Stück im Abbey aufgeführt wurde.«

»Ist Synge Ihnen vertraut?«

»Krawalle sind mir vertraut.«

Janet, das Zimmermädchen, steckte den Kopf zur Tür herein, sagte:

»Mrs B, Sie werden am Telefon verlangt.«

Sie berührte meinen Arm, sagte:

»Bin gleich wieder da. Ihre Gesellschaft tut mir wohl.«

Sie erhob sich unter Schwierigkeiten von ihrem Stuhl, ihre Knochen knarrten. Ich blätterte im Galway Advertiser, begann das Aufgebot für das bevorstehende Cuirt-Literaturfestival zu studieren, ohne viel wahrzunehmen, hatte nicht gemerkt, dass mir Janet über die Schulter spähte, bis sie ausrief:

»Da ist ja Ihr Freund!«

Ich sprang fast auf, machte:

»Was?«

Sie beugte sich vor, pikte mit dem Finger auf ein Foto, sagte:

»Da, das ist der Mann, den ich vor Ihrem Zimmer getroffen habe. Er trug eine große Plastiktüte. Erstklassige Manieren hatte er.«

Ich versuchte mich zu konzentrieren, betrachtete das Foto eines schwer gebauten Mannes mit vornehmem Äußeren und einer Mähne dicken weißen Haares, der einem Studenten einen Preis überreicht. Die Bildunterschrift lautete:

»Professor O’Shea von der Englischen Fakultät der NUI überreicht seinem Studenten Conor Smith den Preis für den besten Essay.«

O’Shea … Der Name klang irgendwie bekannt. Zuerst musste ich Janet festnageln, fragte:

»Erzählen Sie mir über … meinen Freund. Lassen Sie nichts aus.«

Sie war besorgt, legte ihr bereits unglaublich faltiges Gesicht in zusätzliche Falten, sagte:

»Habe ich was falsch gemacht?«

»Nein, nein, er wollte mich überraschen.«

Was ihm gelungen war.

Sie runzelte die runzlige Stirn, dann:

»Es ist schon etwas her. Ich saugte gerade im obersten Stockwerk, kam herunter, um Mülltüten für die Papierkörbe zu holen, und sah ihn vor Ihrer Tür. Er hat gefragt, ob das Ihr Zimmer ist, hat gesagt, Sie wären alte Freunde, er würde ein bisschen warten, ob Sie bald zurückkommen. Er konnte richtig gut reden, man merkte gleich, dass er das professionell macht, und sein Kölnischwasser – – einfach umwerfend.«

Ich sah ihn vor mir, stocherte:

»Und die Tüte, haben Sie gesehen, was drin war?«

Ihre Augen leuchteten auf.

»Also, das war jetzt seltsam. Ich hatte den Eindruck, es war eine Blume oder Pflanze. Er hat sie sich gegen die Brust gedrückt, als ob er sie verstecken wollte. Waren es Blumen?«

»Ja, gewissermaßen.«

Es sah nicht so aus, als würde Mrs Bailey einigermaßen bald zurückkehren, also nahm ich ihr Getränk, gab es Janet, sagte:

»Auf Ihr Wohl.«

»Ach, ich weiß nicht. Davon werde ich immer so ausgelassen.«

Ich bedachte sie mit meinem besten Lächeln, nachgemacht aufrichtig, sagte:

»Ausgelassen ist ausgezeichnet.«

In jener Nacht, während ich mich warf und wälzte, drängte etwas an die Oberfläche. Dann setzte ich mich auf: bei Charlie Byrne’s, als Vinny mich dem Professor vorstellte – dem Synge-Experten –, der war es, der Mann auf dem Foto.