Am Morgen nach der Beerdigung wachte ich auf, erstaunt darüber, dass ich nicht getrunken hatte. Hatte nicht einmal geraucht. War das Gnade? Kam mir jedenfalls nicht sehr gesegnet vor. Dunkle Schlangen kringelten und ringelten sich in meinem Hirn. Die bösartigen Schuldgefühle wegen meiner Mutter hatten epische Proportionen. Versuchte, das Bild, wie sie auf dieser Pritsche liegt, auf dem Schindanger zum Verwesen, auszusperren.

Heiland, wer würde da nicht saufen? Doch ach, es gab nicht genug Jameson auf der Welt, um den Gestank meiner vernachlässigten Sohnespflichten zu tilgen. Ich hatte sie dem Tode durch Vergammeln überlassen.

Ich ging die Daten meiner Gegenwart durch.

Tim Coffey, meinetwegen ermordet. Ein Irrer, von Synge besessen, der zwei Mädchen umgebracht hatte und Schnitzeljagd spielte. Von der gottverdammten Bürgerwehr ganz zu schweigen –, Pikenträger, auch das noch.

Ich braute Kaffee, redete mir ein, ich könnte ihn ohne den Schild des Nikotins wirklich genießen. Die Stille im Zimmer war bestürzend. Ging zum Radio, kriegte den Schluss von Coldplays »Yellow« mit.

Das war definitiv die Farbe des heutigen Tages.

Dann kamen die Nachrichten. Robin Cook war aus Blairs Kabinett ausgeschieden. Saddam Hussein hatte zweiundsiebzig Stunden, um den Irak zu verlassen. Die zweite UN-Resolution war gegenstandslos geworden. Der Krieg kam, tödlich und bald. Dann die Lokalnachrichten: Drei Leichen waren aus dem Kanal gezogen worden, eine davon ein Schwarzer.

Dann:

»In Kinvara wurde ein Mann aus Galway von einem Auto angefahren und schwer verletzt. Der Fahrzeugführer beging anschließend Fahrerflucht. Der Verletzte ist über Kinvara hinaus als Präsident der ›Vereinigung der Freunde der Erhebung am Vinegar Hill‹ bekannt.«

Ich atmete tief ein.

Präsident der ›Vereinigung der Freunde der Erhebung am Vinegar Hill‹? Das berühmteste Ereignis während der Rebellion von 1798, die Stunde der Pikenträger. Ich kannte ein Mädchen beim Sender Galway Bay FM und rief sie an, leierte ihr den Namen des Angefahrenen aus dem Kreuz. Ted Buckley. Dann sah ich die Nummer des Krankenhauses nach, rief an, ließ mich zur Intensivstation durchstellen, kriegte die Stationsschwester, sagte:

»Guten Morgen, hier ist Sean Buckley. Mein Bruder Ted wurde letzte Nacht eingeliefert.«

»Ja?«

»Wie geht es ihm?«

»Er hat ernsthafte Verletzungen erlitten, Mr Buckley. Rückgrat und Beine sind gebrochen; Kopfverletzungen hat er ebenfalls.«

»Oh Gott.«

»Soll ich Sie mit dem behandelnden Arzt verbinden?«

»Ämm, nein. Ist seine Frau da?«

Ich konnte den heraufdämmernden Argwohn hören. Sie sagte:

»Mr Buckley ist ledig. Wer, sagten Sie noch gleich, sind Sie?«

Ich legte auf.

Zurück ans Telefonbuch, und da war er:

Edward Buckley

21, Corrib Park

Galway

Darunter:

Ver. d. Freunde d. Erhebung am Vinegar Hill 1798 e. V., Kinvara

Betrieb den Verein von zu Hause aus, mit einer Zweigstelle in Kinvara. Ich dachte an meine Fahrt mit Kapuze im Lieferwagen, etwa zehn Minuten. Ich zog meinen Allwettermantel an und fand, ein kleiner Fußmarsch würde meinem Hinken guttun. Brauchte zwanzig Minuten bis Corrib Park, und dort herrschte rege Betriebsamkeit. Überall Menschen, und das war ein gutes Zeichen. Ich ging zum Haus Nummer 21, klingelte, hoffte wie sonst was, dass er keinen Hund hatte. Kein Geräusch. Ich ging um das Haus herum, machte mich an Mülltonnen zu schaffen, um zu prüfen, ob ich aus den Nachbarhäusern beobachtet wurde. Nichts deutete darauf hin. Ich schlug mit dem Ellbogen zu, hart und schnell, zerbrach eine Scheibe, kriegte das Fenster auf und kletterte hinein. Wenn ein Nachbar die Polizei rief, würde ich das ganz bald merken. Ich war in der Küche, übertrieben ordentlich, typische Junggesellenküche. Für unverheiratete Männer gab es nur zwei Möglichkeiten: entweder total verschlampt oder zwanghaft sauber, und er war eindeutig Letzteres. Nicht einmal eine Tasse zum Trocknen auf der Spüle. Der Fußboden makellos, Geschirrtücher gefaltet, in Reih und Glied. Ich entwickelte fast Mitgefühl. Blick auf die Uhr, fünfzehn Minuten, atmete freier. Keine Polizei. Ging durch die anderen Räume. Überall dasselbe, ordentlich bis zur Besessenheit. Ein Bücherregal, ausschließlich irische Geschichte, Schwerpunkt 1798. Über dem Kamin eine dick gerahmte Zeichnung von einem Priester –, Pater Murphy, Held der Erhebung.

Fand eine Tür zum Keller, drückte mit dem Arm gegen den Lichtschalter und ging hinunter. Hier stand er, der lange Holztisch, da waren sie, die Piken an der Wand. Ich flüsterte:

»Hab ich dich.«

Treppe wieder hoch, alles Papier eingesammelt, das ich finden konnte, und die Leinenvorhänge abgerissen. Dauerte etwas, und mir tat das Knie weh, aber schließlich hatte ich eine Strecke aus Papier und Textilien von der Küche bis zum Keller gelegt. Ich entsann mich seiner nikotinfleckigen Zähne und fand im Dingsbumsfach unter der Spüle Feuerzeugbenzin. Benetzte das Papier und konzentrierte mich dabei auf den Anfang der Strecke in der Küche und das Ende im Keller. Streichhölzer waren ordentlich neben einem Gasherd gestapelt. Ich öffnete die Küchentür, riss ein Streichholz an, ließ es fallen, sagte:

»›Feuersbrunst‹. Von Jack Taylor.«