Die Polizisten kamen, befragten mich kurz. Sie hatten wenigstens den Anstand, beschämt zu gucken, während wir das Ritual hinter uns brachten. Mein Lied pendelte zwischen »Weiß ich nicht« und »Weiß ich nicht mehr«. Ihr Refrain lautete: »Wir werden unsere Ermittlungen fortsetzen.«

Ich bekam »Gute Besserung!«-Karten von Mrs Bailey, Janet, Cathy. Am Tag vor meiner Entlassung saß ich in der Nische und saugte an einer Zigarette, blickte auf, und da stand Tim Coffey. Ich spürte einen Schauder, aber er streckte die Hand aus. Ich fragte:

»Wo haben Sie Ihren Schläger?«

Er grinste wissend, sagte:

»Ich bin bereit, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Was meinen Sie, Hand drauf?«

Ich hatte einen staubtrockenen Mund, sonst hätte ich ihm auf die ausgestreckte Hand gespuckt.

Er warf einen Blick auf mein Bein, sagte:

»Ich höre, Sie werden ein Humpeln zurückbehalten. ›Johnny Hinkebein‹ werden die Kinder Ihnen nachschreien; kleine Scheißkerle, können ja so grausam sein.«

Mit einer Stimme, so gleichmütig, wie ich eben konnte, sagte ich:

»Ich werde hinken, und Sie werden nachdenken.«

Das warf ihn ganz leicht aus der Bahn, aber er bewegte die Schultern, pegelte sein Körpergewicht ein, fragte:

»Und worüber, wenn ich fragen darf?«

»Wann ich komme.«

Von Ann kam keine Karte. Ich sah die Nachrichten. Eine Ölpest im Hafen, die die Schwäne und die Austernbänke gefährdete. Ich hörte jemanden rufen:

»Jack Taylor?«

Sah mich um und P. Malachy ins Gesicht, dem Freund meiner Mutter. Wir führten seit Jahren Krieg. Er begutachtete meinen Zustand, sagte:

»Zweifellos der Suff.«

»Ich habe seit sechs Monaten nichts getrunken.«

»Sehr glaubwürdige Geschichte. Du wirst dich bis zu deinem letzten Atemzug nicht ausnüchtern.«

Ich stand auf, weil man einem Mann wie ihm nie einen Vorteil gönnen sollte. In Wellen verströmte er abgestandenen Zigarettengeruch. Er trug den schwarzen Anzug, Schuppen auf den Schultern, wie eine übelmeinende Dohle. Der steife Kragen war schmuddelig, und man hätte den ganzen Kerl am liebsten in eine Waschmaschine gestopft und auf Mega-Schleudergang gestellt. Ich fragte:

»Sie müssen die Siechen pflegen und den Kranken beistehen?«

Er sah sich auf der Station um, Widerwille stand ihm mit Riesenlettern ins Gesicht geschrieben, sagte:

»Niemand will mehr etwas von der Geistlichkeit, außer alte Muttchen, die einen bei der Hand packen, fragen, ob man ihnen den Handschuh von Padre Pio besorgen kann.«

»Sankt.«

»Was?«

»Sankt Padre Pio. Er wurde während des Worldcups heiliggesprochen …, an dem Tag, an dem Spanien uns im Elfmeterschießen weggeputzt hat.«

»Die hätten Roy niemals nach Hause schicken dürfen.«

Auf dieser Büchse voller Würmer ließ ich den Deckel lieber drauf. Seit Michael Collins erschossen worden war, hatte nichts die Nation so gespalten. Entweder stand man hinter Roy Keane, oder man stand nicht hinter Roy Keane. Nicht einmal beim Thema Nordirland wurden derartige Leidenschaften geweckt. Malachy stieß ein tiefes Stöhnen aus, das Signal für Nikotin. Ich habe nie jemanden gekannt, der so süchtig war wie er. Er zündete sich mit der einen Kippe die nächste an. Nun schlug der Drang wieder mit ungezügelter Wildheit zu. Ich machte mich auf den Weg durch die Station, er folgte mir und jammerte:

»He, ich bin noch nicht fertig.«

»Sie werden doch wohl rauchen wollen, oder?«

»Und?«

»Und sogar Priester müssen sich an Regeln halten …, na, zumindest die krassesten.«

In der Nische riefen die zusammengekauerten Raucher im Chor:

»Herr Pfarrer.«

Er ignorierte sie, umklammerte meinen Arm, und ich sagte:

»Loslassen.«

Er ließ nicht los, sagte:

»Deine Mutter musste in ein Pflegeheim verlegt werden. Sie ist halbseitig gelähmt und braucht vierundzwanzig Stunden Betreuung.«

Das hätte sie gehasst, hatte mal gesagt:

»Pflegeheim? Schindanger trifft es besser. Sobald man da drin ist, kommt man nicht mehr raus. Versprich mir, Sohn, versprich mir, dass du das nie zulassen wirst.«

Ich habe es nie versprochen, aber mein Vater hätte sich im Grab umgedreht, und ich fragte:

»Wo ist es?«

»Grattan Road, es heißt St Jude’s.«

Er ließ meinen Arm los, ihm schien unbehaglich zu sein, also fasste ich nach:

»Ist es okay?«

»Es ist ein bisschen schlicht. Sie hat nicht viel Geld, aber, na ja, das Leben ist schwer.«

Einer der Raucher trat vor, bat:

»Herr Pfarrer, könnten Sie uns segnen?«

»Belästigen Sie mich nicht.«

Er fauchte und stapfte davon.