Am nächsten Morgen fühlte ich mich, wie es so schön heißt:
»Leer bis auf die
Erinn’rung an dich.«
Ich zog die Bücher über Synge aus dem Regal, nahm Block und Blei zur Hand, versuchte, ihn auf Papier zu bannen.
Er wurde 1871 in Dublin geboren. Sein Vater, ein Anwalt, starb, als Synge noch ein Kind war. Er studierte am Trinity College und ging später nach Paris. Eine Begegnung mit W. B. Yeats erwies sich als ganz entscheidend. Yeats schlug vor, er solle die Aran-Inseln besuchen, um zu erfahren, wie der irische Landmann lebt und arbeitet. Von 1899 bis 1902 fuhr er jedes Jahr dorthin. Als Resultat veröffentlichte er 1906 Die Aran-Inseln, einen Bericht über die Zeit, die er dort verbracht hatte. Dann gab es noch die Theaterstücke, das erste, Die Nebelschlucht, wurde 1903 uraufgeführt.
1904 Reiter ans Meer.
1905 Die Quelle der Heiligen.
Dann kam es natürlich 1907 im Abbey Theatre zu den berühmten Krawallen, als Der Held der westlichen Welt enthüllt wurde. Wenn schon sonst nichts, sicherte ihm dieser Skandal den Ruhm.
Dasselbe Jahr, 1907, erlebte seine Schmähung des Klerus, Kesselflickers Hochzeit.
Synge wurde Direktor des Abbey und brachte 1909 Gedichte und Übersetzungen heraus.
Seit 1897 litt er an der Hodgkinschen Krankheit (oder Lymphogranulomatose). Deirdre of the Sorrows wurde begonnen, aber nie vollendet, da er sich bereits ans Sterben gemacht hatte.
Sein Realismus und die dreist kompromisslose Schilderung seines Volkes machten ihm viele Feinde. Man kann über die Iren sagen, was man will, solang man es ihnen nicht ins Gesicht sagt.
Ich las meine Aufzeichnungen durch und versuchte zu begreifen, was ein Killer an Synge so toll fand, dass er das Werk dieses Mannes als Signet verwenden wollte. Ich kapierte es nicht. Mir gefiel, was Yeats über Synge sagte:
»Er war umso verhasster, da er seinem Land gab, was es brauchte, ein kaltes, ungerührtes Herz.«
Diese Beschreibung, ein kaltes, ungerührtes Herz, rührte an eine tiefe Saite in meiner Seele. Ich hatte es schon mein ganzes gebeuteltes Leben lang gewusst.
Ich lehnte mich zurück, versuchte, mir ein Bild davon zu machen, was die Verbindung zwischen Synge und dem Dramatiker sein konnte. Ich spürte, wie sich eine Idee formte, als das Telefon klingelte.
Scheiße.
Ich nahm ab, sagte:
»Ja?«
»Mr Taylor?«
»Ja.«
»Hier ist die Heimleiterin von St Jude’s, dem Pflegeheim.«
»Ja, natürlich, ich wollte Sie sowieso anrufen. Ich werde meine Mutter heute abholen lassen.«
Hörte eine verwirrte Stimme im Hintergrund, ihre gedämpfte Erwiderung, dann:
»Heute?«
»Ja, ein Krankenwagen wird sie abholen, denke ich mir.«
Ihr Atem kam in kurzen Stößen. Sie fragte:
»Wie um Himmels willen haben Sie das so schnell erfahren?«
Jetzt war ich mit Pause dran, dann fragte ich:
»Erfahren? Was erfahren?«
»Dass Ihre Mutter vor zwanzig Minuten gestorben ist.«
Ich ließ den Hörer fallen.