Im Baileys’s dachte ich dann über Jeffs Freund nach und entschied, dass ich in der Sache nicht übermäßig viel unternehmen konnte. Ganz vernünftig sagte ich mir, wenn er unschuldig war, konnte ihm nichts passieren. Keine Minute lang kaufte ich mir diesen Scheiß ab, nahm aber an, dass mein Eingreifen nichts ändern würde, und unternahm nichts. Für meine Mutter war die einzige Lösung ein anderes Pflegeheim. Ich wusste, dass ein anständiges teuer war und ich mir das nicht leisten konnte, unternahm abermals nichts.

Das Telefon klingelte, und ich stürzte mich auf die Ablenkung. Es war die Polizistin. Sie eröffnete:

»Ich habe das Buch.«

»Toll. Können Sie es hier abgeben?«

Keine Antwort, und ich musste sagen:

»Wellewulst, sind Sie noch dran?«

Als sie antwortete, war ihr Unwille nicht zu überhören.

»Bin ich vielleicht Ihr Botenjunge?«

»Nein … Ich …«

»Sie bestimmen immer Zeit, Umstände und Ort unserer Treffen.«

Wirklich?

Ich fragte:

»Wirklich?«

Sie machte sich nicht die Mühe zu antworten, sagte:

»Ich habe Geburtstag. Margaret lädt mich im Connemara Coast Hotel zum Abendessen ein. Danach sitzen wir zum Kaffee in der Lounge … Sagen wir 21 Uhr?«

»Aber das ist …«

»In Connemara, ja. Sie werden sich erinnern, dass ich da herkomme.«

»Das ist meilenweit weg. Wie soll ich da hinkommen?«

Ich schwöre, sie hat gelacht. Genüsslich schlug sie vor:

»Nehmen Sie einen Bus. Wenn die den Stock sehen, kriegen Sie wahrscheinlich Schwerbehinderten-Nachlass.«

Klick.

Diese Runde hatte ich kalt verloren. Es hatte eine Zeit gegeben, da Wellewulst respektvoll, fast unterwürfig gewesen war. Ich hatte sie definitiv eingeschüchtert. Wie bei allen Frauen, die ich kannte, hatte die Zeit sich der wackeligen Macht angenommen, die ich über die Damen ausgeübt haben mochte. Ich rief Bus Éireann an, und nach dreißig Minuten betäubender Frustration bekam ich den Fahrplan. Ich hatte mir das komplette Gewäsch von »für Auskünfte drücken Sie die 1, für Buchungen drücken Sie die 2, für Pauschalreisen drücken Sie die 3« angehört. Für Höflichkeit schien es keinen Knopf zu geben.

Mir war ein Lied im Kopf herumgegangen, das ich nicht identifizieren konnte. Stellte das Radio an, und – einer dieser unheimlichen Zufälle – da war es schon. Von Pink, mit dem Titel »Like a Pill«. Alt fühlte ich mich bei dem Lied. Es brachte mir nichts, dem »Gegengift« zu Britney zu lauschen. Manchmal kann man auch zu viel Information kriegen. Die Nachrichten kamen, und die Polizei sagte, ein Mann hätte ihr bei den Ermittlungen wegen der Attacke auf das junge Mädchen geholfen. Er sei ohne Anklageerhebung auf freien Fuß gesetzt worden. Ich rief Jeff an, und er bestätigte, dass es Pat war, und, ja, er war entlassen worden. Ich sagte:

»Braucht man sich also keine Sorgen mehr zu machen.«

Er antwortete nicht, und ich fragte:

»Jeff?«

Er klang angespannt, sagte:

»Wegen der Polizei mache ich mir auch keine Sorgen.«

Und legte auf. Ich überlegte, ob ich ihn noch mal anrufen sollte, ließ es aber. Das war ein Punkt, den ich von meiner Liste streichen konnte. Die Post kam, aufs Zimmer zugestellt von Janet, die sagte:

»Ist es nicht ein Wunder?«

»Die Post?«

»Och, nehmen Sie mich doch nicht auf den Arm. Ich meine wegen Ihres Trinkens.«

»Ach so.«

Sie schenkte mir ein warmes Lächeln, verströmte Zuneigung, fragte:

»Sprechen Sie Ihre Gebete, Mr Taylor?«

»Ömm, ja, natürlich, sogar auf Irisch.«

Das war keine komplette Lüge. Als ich sie gesprochen hatte, vor langer Zeit, hatte ich sie auf Irisch gesprochen

Sie überreichte mir ein Merkblatt, sagte:

»Die Totenliste für November.«

Einen surrealen Augenblick lang dachte ich, sie sagt mir, wer alles im November sterben wird, dann wurde mir klar, dass auf dem Merkblatt die Termine für Totensonntag und weitere Seelenmessen des Monats verzeichnet waren. Sie sagte:

»Damit Sie Ihre Lieben besuchen können. Ich weiß, dass sie Ihnen fehlen.«

Damit hatte sie recht, dann:

»Ein grimmiges Wetter haben wir.«

Und weg war sie. Ich faltete das Merkblatt zusammen, rollte es zu einem Kügelchen, warf es hoch, vergaß mein schlimmes Knie und versuchte, das Ding über die Auslegware zu kicken.

Keine gute Idee.

Schmerz raste den Oberschenkel hoch, und ich musste das Bein ruhig legen. Wäre ich abergläubisch, und als Ire kriegt man den Aberglauben gratis zum Heimatland dazu, hätte ich gesagt, das war die gerechte Strafe für die Verspottung christlichen Brauchtums. Ich nahm mich der Post an –, zwei Briefe. Im einen stand, ich könnte das Anrecht auf eine kostenlose warme Mahlzeit erwerben, wenn ich das Formular für eine Radisson-Kreditkarte ausfüllte. Der andere war von einem Anwalt, der im Auftrag Stewarts agierte, und enthielt einen Scheck über ein beträchtliches Sümmchen. Der Brief war in einem Ton gehalten, der durchblicken ließ, wenn ich nicht zufrieden sei, könnten leicht weitere Barmittel lockergemacht werden. Ich war zufrieden.

Legte den Kopf auf das Kissen und versuchte, nicht an meine Mutter zu denken.

Konzentrierte mich auf meinen neuen Plan. Einst war es eine Wohnung beim Hyde Park gewesen. Den hatte ich längst der Kanalisation anvertraut. Nelson Algren war schon lange einer meiner Lieblingsschriftsteller. Erst gegen Ende seines Lebens, nach übler Armut, literarischen Misserfolgen, Herzeleid ließ er sich schließlich in Sag Harbor nieder. Eine alte Walfängerstadt, alles mit dem Fahrrad zu erreichen, und nach New York kam man mit der Eisenbahn. Das Haus, das er sich gemietet hatte, sprach mich sehr an. Nah am Meer, kostete es $ 375,– im Monat. Es hatte einen kleinen Hintergarten, einen Kamin und genug Platz, um alle Dinge zu beheimaten, die er jahrelang in irgendwelchen Lagern vergraben hatte. E. L. Doctorow wohnte in der Nähe, Betty Friedan gegenüber, Kurt Vonnegut nur einen Ort weiter.

Ich hatte ein Jahrestagebuch in meinem Regal. Benutzte es, um vage über Einnahmen und Ausgaben auf dem Laufenden zu bleiben und für Telefonnummern. Die übrigen Seiten waren leer. Ich nahm einen schwarzen Filzschreiber, schrieb:

»SAG HARBOR, ODER ES KNALLT

So verrückt der Traum auch war, mich stimmte er herzlich froh, als hätte ich eine Zukunft.

Der Kalender des Allerheiligsten Herzens Jesu Christi sagte:

»Sei demütig vor dem Herrn.«

Ich wusste nicht viel über Demut, aber in Demütigungen kannte ich mich aus.

Ich überlegte, ob ich Wellewulst ein Geburtstagsgeschenk kaufe. Was kauft man einer lesbischen Polizistin, die einen überhaupt nicht leiden kann?

Stacheldraht?

In der Nähe des Hotels gibt es einen Eckladen. Obwohl er praktisch nebenan ist, hatte ich ihn jahrelang gemieden. In meiner Zeit als Polizist hatte ich den Besitzer mal wegen Preiswucher verwarnen müssen. Er hatte nicht eben wohlwollend reagiert. Er sagte:

»Du junger Spund, ich hab deiner Alten Kredit gegeben, als sie keinen Pott zum Pissen hatte.«

Einfach so.

Ich rechnete fest damit, dass er immer noch den Laden leitete, aber seine Raubkopie, der Sohn, stand hinter dem Ladentisch. Ich glaube, wir sind zusammen in die Schule gegangen. Ich sagte:

»Seamus.«

Er hob die Hand, um mir Schweigen zu gebieten. Eine Geste, auf die ich gar nicht gut zu sprechen bin. Das Radio sagte gerade, in Belfast sei ein junger Mann gekreuzigt aufgefunden worden. Er war so schlimm zusammengeschlagen worden, dass ihn sein eigener Vater nicht wiedererkannte. Seamus stellte das Radio ab, sagte:

»Jack Taylor, normalerweise beehrst du uns ja gar nicht als Kunde.«

Gleich schon mal bittere Worte. Ich wollte sagen:

»Nein, so eine Überraschung, und du stinkst vor lauter Charisma.«

Stattdessen:

»Wie geht’s deinem Vati?«

»Tot, danke.«

Bevor ich mich über seine Erwiderung empören konnte, kam ein Ausländer rein, und Seamus war sofort in Alarmbereitschaft. Wie auf Knopfdruck verengten sich seine Augen, und er schnappte:

»… Ihnen helfen?«

Der Mann war eingeschüchtert; den Ton kannte er. Er hielt den Blick gesenkt und sagte:

»Etwas Zucker, bitte?«

»Unterstes Regal, neben Tee und Kaffee.«

Seamus ließ ihn nicht aus den Augen. Als der Mann mit dem Zucker ankam, bellte Seamus den Preis. Ich weiß nicht, wie viel Sachen kosten, außer bei Getränken, und die kosten immer mehr, als ich mir leisten kann, nicht nur finanziell. Aber selbst ich wusste, dass der Preis inakzeptabel war. Ich wollte fragen:

»Weltweite Zuckerknappheit oder was?«

Ich bezweifle, dass er mich gehört hätte, so sehr passte er auf den Mann auf. Als der Mann weg war, sagte Seamus:

»Verdammte Diebe.«

»Du kennst ihn?«

»Nein, hab ihn noch nie gesehen.«

»Woher willst …«

Er bleckte mich an, Gift sprang ihm in die Augen, sagte:

»Sie sind allesamt Diebe und Lügner, und nur Gott weiß, welche Krankheiten sie einschleppen.«

Ich war für eine Erwiderung bei Weitem zu baff. Sein Blick hellte sich auf, und er schaltete auf freundlich um, fragte:

»Also was kann ich für dich tun, Jack?«

Ich kaufte Black Magic-Pralinen und eine schöne Glückwunschkarte. Er erzählte mir einen Witz, in dem ein Priester und Irish Stew vorkamen. Ich habe ihn mir Gott sei Dank nicht gemerkt. Er war schweinisch und bestimmt nicht komisch; Seamus amüsierte sich königlich. Gemerkt habe ich mir aber, dass er rief, als ich ging:

»Lass dich doch öfter mal blicken, hörst du?«