Am nächsten Morgen las ich ein Interview mit Marc Evans, dem Regisseur von Unsichtbare Augen, dem noblen britischen Gruselfilm. Einer seiner Sprüche ließ alle möglichen Erinnerungen hochkommen:

»Unsere Kameras zeigen nicht, wo die Action ist, sie folgen ihr.«

Ich saß dumm rum und dachte drüber nach, warum der Spruch eine solche Wucht hatte. War er eine schräge Metapher für mein Leben oder bot er einfach eine schlaue Perspektive? Ich machte Kaffee –, hatte mich zu richtigem Kaffee vorgearbeitet –, jawoll, Kaffeebohnen, Filter, die ganze Strecke. Am liebsten mochte ich das Aroma: einfach sieden, simmern lassen und diesem Duft gestatten, von der Wand abzuprallen. Ein Gefühl, ich konnte nicht genug kriegen davon. Frühmorgens, wenn man zur Bäckerei Griffin’s geht, da machen sie ein Brot namens Backenzahn. Ach, Scheiße, das ist ein Brot, für das man seine Seele gibt, aber die wahre Wonne findet während der Annäherung an die Bäckerei statt, der scharfe Geruch nach frischem Backen durchdringt den oberen Teil der Straße. Das hat schon nichts Tröstliches mehr, entzieht sich bereits der Analyse.

Echter Kaffee kommt aus derselben Nachbarschaft. Brauchte etwas, um mich darauf neu einzustellen. Wenn man ein Leben lang Pulverkaffee getrunken hat, ist man ernstlich im Arsch. Das Echte ist dann zu viel; man kriegt seinen Geschmack für so was nicht in die Gänge. Plus, es haut voll auf die Zwölf: zwei Tassen, und man steht nicht mehr. All meine Jahre mit Koffein habe ich nur verbracht, um die Kater hervorzuheben.

Trank ihn und jagte Lulle Nummer eins hinterher. Diese fünf Lullen pro Tag funktionierten nicht, aber darum wollte ich mir später Sorgen machen. Ich zog mir ein weißes Hemd und eine schwarze Cordhose an, überprüfte mich im Spiegel. Sah aus, als verkaufte ich etwas, aber nichts, was irgendjemand gebrauchen konnte. Meine Augen waren strahlend, klar. Sechs Monate clean und nüchtern, und jetzt zahlte es sich aus. Wenn ich das nur auch meiner Seele ausrichten könnte.

Nahm mein Notizbuch, las die paar Details, die ich über Sarah Bradley hatte: Alter zwanzig, Studentin, letztes Semester. Sie wohnte – hatte gewohnt – Newcastle Park 13. Adresse unter einem Unstern, keine Frage. Ich nahm an, dass diese Ermittlung alles in allem etwa zehn Minuten in Anspruch nehmen würde. Die Sonne schien, und ich blieb kurz auf dem Eyre Square stehen. Der Rasen war mit Sonnenbadenden vollgepackt. Gegen Abend hatten sie dann alle Sonnenbrand, die Summe eines irischen Sommers.

Als ich am GBC-Café vorbeikam, weiß ich auch nicht, was mich dazu bewog, einen Blick durch das Schaufenster ins Innere zu werfen. Mein Herz vollführte einen Freudentanz. An einem Tisch saß Ann Henderson, die Liebe meines Lebens. Ich hatte den Selbstmord ihrer Tochter ermittelt und mich verliebt. Mein Saufen hatte sie vertrieben. War ich über sie hinweg? War ich wie bitte was?

All meine Instinkte brüllten: »Weitergehen.« Wollte ich auch, aber wie sie die Schultern hielt, wie sie saß, da war doch etwas falsch. Eine Stimme in meinem Kopf, die fragte:

»Und was geht dich das an?«

Auch wieder wahr.

Nachdem sie mich verlassen hatte, tat sie sich mit einem Polizisten zusammen, Coffey nennt er sich. Er war, mit den unvergesslichen Worten von Polizeipräsident Clancy:

»Ein großes, dickes Landei.«

Mir war zu Ohren gekommen, dass sie vor Kurzem geheiratet hatten. Ich hatte gehofft, sie würden umziehen …, am liebsten nach Albanien. Es war mir seitdem gelungen, nichts mehr von ihnen zu hören.

Ich drückte die Tür auf, näherte mich, sagte:

»Ann.«

Sie fuhr auf. Nicht aus der Haut, aber fast. Sie hob den Kopf, und als Erstes bemerkte ich den blauen Fleck auf ihrem linken Wangenknochen; hatte genug gesehen, um zu wissen, dass es nur eine Erklärung gab. Eine Faust. Ihre Augen, mit Abstand das Schönste an ihrem Gesicht, waren überschattet, gehetzt. Es dauerte, bis sie sie fokussiert hatte, dann:

»Jack … Jack Taylor.«

Freute sie sich, mich zu sehen? Nein, der Blick in ihren Augen war unverändert elend. Ich deutete auf einen Stuhl, fragte:

»Darf ich mich dazusetzen?«

Keine schwere Frage, schien sie aber umzuwerfen, als wäre sie bereit, sofort loszurennen. Ich setzte mich, fragte:

»Was stimmt denn nicht?«

Eine Kellnerin kam, und Ann brach in Tränen aus. Die Kellnerin sah mich böse an, und ich versuchte zu übermitteln:

»Ich bin gerade erst dazugekommen, geben Sie mir nicht die Schuld.«

Ich winkte sie fort, und sie hatte das Gesicht von jemandem, der erwägt, die Polizei zu rufen. Ich wollte die Hand ausstrecken, Ann berühren, glaubte aber, es würde sie noch mehr verstören, und wartete. Ihre Schultern zuckten, während stumme Schluchzer sie quälten. Schließlich beruhigte sie sich, sie griff nach Papiertaschentüchern, begann sich die Augen zu tupfen, sagte:

»Tut mir leid.«

Warum war ich nicht einer dieser Typen, die ein strahlend weißes Taschentuch hervorziehen und ihr beim Tränentrocknen zur Hand gehen konnten? Ich fragte:

»Was? Dir geht es schlecht; das ist kein Verbrechen.«

Leichtes Lächeln, dann:

»Ich muss entsetzlich aussehen.«

Für mich …? Nie und nimmer. Behielt das aber für mich. Ich hatte einhundert Fragen, beließ es bei:

»Wie wär’s mit etwas Kaffee, einem Stück Plundergebäck …? He, ich weiß, die machen hier einen richtig heimtückischen Käsekuchen.«

Da sah sie mich an. Damals, ganz kurz, als wir Liebende waren, hatte ihr Nachglühen aus Kakao und Käsekuchen bestanden. Meins? Nur Erleichterung, neben ihr zu liegen, allein schon, dass mein Herz schlug. Sie sagte:

»Kaffee wäre gut. Entschuldigst du mich kurz, ich muss mein Gesicht reparieren?«

Frauen können das. Von Gram am Boden zerstört sein, aufs Damenklo gehen und zurückkommen wie ein Filmstar. Typen? Mit Gram kommen sie nicht so gut klar, es sei denn, man lässt einen Sechserpack und den Sky-Sportkanal als Trost gelten. Ich signalisierte der Kellnerin. Widerwillig näherte sie sich, und ich fragte:

»Zwei Kaffee?«

Sie hatte das Gesicht von jemandem, der einen abstechen will, knurrte:

»Sahne?«

»Hervorragend mitgedacht. Und nun ans Werk.«

Sie stapfte davon. Ich nahm an, dass sie länger nicht mehr die Zeilen der »Desiderata« gelesen hatte. Ich plante zu überprüfen, was der Kalender des Allerheiligsten Herzens Jesu Christi dazu zu sagen hatte. Hoffentlich war es diesmal was Anständiges, sonst war es Zeit für den Mülleimer. Der Kaffee kam, und frischgebackener Experte, der ich war, merkte ich gleich, dass es Pulverkaffee war. Am Geruch verraten sie sich. Kein Wunder, dass in den Hochglanzmagazinen Beiträge über Koffeinsnobs stehen.

Ann kam zurück, das Gesicht restauriert. Ihre Augen jedoch …, denen war noch kein Sichtschutz gegen Pein eingefallen, zumindest nicht bei Seelenpein. Sie lächelte ängstlich, setzte sich und machte die Äußerung, die jedes Gespräch niedermetzelt:

»Ja, Jack, dann erzähl mal, was es bei dir so alles Neues gibt.«

Vielleicht ist es das Alter, oder ich bin ganz generell mürrisch geworden, aber mit leerem Gelaber, small talk, bin ich so gut wie durch. Unverblümt machte ich:

»Lass den Scheiß.«

Das haute sie gegen die Lehne, aber ich war noch nicht fertig.

»Ich habe dich eine Ewigkeit nicht gesehen, und du kommst mit diesem ganzen wohlerzogenen Kack an. Du bist ganz offensichtlich verdroschen worden, und jetzt …? Sollen wir übers Wetter reden? Hör doch bloß verdammtnochmal mit so was auf.«

Heiland, ich hoffte, die Kellnerin war nicht in Hörweite. Ann sah schon wieder aus, als wollte sie wegrennen, griff dann nach ihrer Tasse, trank einen Schluck, einen winzigen Tremor in der Hand. Sie atmete tief ein, dann:

»Du weißt, dass ich geheiratet habe?«

Ich nickte, Elend umhüllte mein Herz. Meine Augen registrierten ihren Finger, einen glänzenden Goldring. Sie drehte geistesabwesend daran herum. Von allen Routen, die unser Geist einschlägt, besonders, wenn er bedroht ist, erinnerte ich mich an eine wahnsinnige These, die mein Freund Sutton, der Psycho, mal an mich hingequatscht hat. Wir waren in Nord-Kerry in einer Kneipe gewesen, in einer dieser alten Einrichtungen, wo, wenn es gegen drei Uhr morgens geht, der Wirt die Schlüssel auf den Tresen knallt und sagt:

»Schließt ab, wenn ihr fertig seid, Burschen.«

Ja, diese Art seltener Ort, ein Schatz, dessen Wert man gar nicht hoch genug veranschlagen kann. Ich war noch bei der Polizei und hatte Studentenschicht, einschließlich College-Bubis ärgern, Kifferpartys hochgehen lassen, die jungen Leute aus Flüssen ziehen –, ein Dienst, der einen entmutigt. Auf meinem Zwei-Tage-Urlaub sind Sutton und ich richtig ernsthaft trinken gegangen. Ernsthaft in dem Sinne, dass wir massiv soffen, ohne Boxenstopps. Durch den Kater hindurch und sauber bis auf die andere Seite. Engagiertes Feiern. Sutton ging hinter den Tresen, begann, zwei weitere schaumige schwarze pints zu bauen, ließ sie reifen, griff sich ein Glas mit Eiern vom untersten Regal, sagte:

»Eingelegt, bei Gott … Genau wie wir, würde ich sagen. Möchtest eins?«

Ich wollte keins, da aß er zwei, und während er mampfte, machte er:

»Jack, habe ich dir je von Männern berichtet, die mit ihrem Ehering spielen?«

Ich hätte mich daran erinnert, sagte:

»Nein.«

Er warf den Kopf zurück, ließ ein ganzes Ei in seinen Mund fallen, kaute wie ein Pferd, dann:

»Wenn ein Typ an seinem Ring rummacht, ist er sexuell unersättlich.«

Ich tat das mit einem Achselzucken ab, aber über die Jahre, wenn ich sah, wie ein Mann an seinem Ehering spielte, dachte ich:

»Aha.«

Zurück zu Ann, zu ihrer Frage, ob ich weiß, dass sie geheiratet hat: Und wie ich das wusste. Sagte:

»Ich hab’s gehört.«

Sie ließ ihre Augen oberhalb meiner Augen einrasten, fing an:

»Tim, mein Mann, er ist kein schlechter Mann, aber er ist mehr und mehr … frustriert.«

Dachte bei mir: »So nennt man das heutzutage.« Hielt meine Stimme neutral, fragte:

»Wovon?«

Sie winkte mit der Hand, eine Geste der Unbestimmtheit.

»Es ist nicht mehr so, wie als du bei der Polizei warst, Jack. Heute Polizist zu sein, ist fast unmöglich. Nach Abbeylara, nachdem dieser Lehrer seine Tochter umgebracht hat, hat sich die Öffentlichkeit gegen die Polizei gewandt. Es macht ihn so zornig … Dann schlägt er um sich. Er meint es nicht so.«

Hier haben wir die beste Ausrede, die die irische Psyche zu bieten hat. Egal, welche Scheiße abläuft, welche Sauerei verbrochen wird, das Lied ist stets dasselbe: »Sie hams nicht so gemeint.«

’türlich haben sie es so gemeint, und für gewöhnlich in böswilliger Absicht. Wenn Sie je die Gabe des Vergebens besitzen sollten, kann Ihr Gebet nur lauten:

»Vater, vergib ihnen, denn sie wissen verdammt genau, was sie tun.«

Sie sagte:

»Ach, Jack, diese Burschen bringen einen noch um.«

Musste mich zusammenreißen, um nicht zu erwidern:

»So ähnlich wie Ehemänner.«

Um Zeit zu gewinnen, nahm ich noch einen tüchtigen Hieb Koffein, und, ja, gefriergetrocknet. Fragte:

»Und er schlägt dich also?«

Die Scham auf ihrem Gesicht, dieser schreckliche Anblick von Opfern, der zusätzliche Horror von Verbrechen, wenn das Opfer findet, es hat’s verdient.

Heiland.

Sie sagte:

»Es gab furchtbaren Druck, Bestechungsvorwürfe. Tim, er liebt seinen Job, er ist gern Polizist. Wenn nicht …, würde er …«

Der Tim Coffey, an den ich mich erinnerte, baute einem ein Nest ins Ohr und berechnete einem dann Miete. Die Sorte Arschloch, die »ganz dick in der GAA« war, wobei er in Wahrheit nur ganz dick war. Wie jeder geborene Schinder hätte er überall überlebt. Ich sagte:

»Was würde er? Enden wie ich?«

Ihr Gesicht zeigte, dass sie das nicht gemeint hatte. Sie hatte, wie die Amerikaner sagen, »nicht die Pünktchen verbunden« oder »ihre Mathe nicht gemacht«. Mir wurde mit einem Ruck klar, dass sie mich wahrscheinlich überhaupt nicht im Sinn hatte.

Sie sagte:

»Tut mir leid, Jack, das wollte ich damit nicht sagen. Ich wollte gar nichts damit sagen. Jedenfalls fing ich an zu nörgeln, das machen Frauen immer, wenn sie Angst haben. Ich habe versucht, ihn aufzuhalten, aber es war, als hätte ich den Teufel in mir. Tim kann sich gut beherrschen, aber er hat die Beherrschung verloren.«

Diese Entschuldigung hat aktuell besonders Konjunktur, Ausredenmissbrauch. Der Beherrschungsverlierer hat in jeder Hinsicht den bösartigen Blödmann abgelöst. Ein Typ erschießt seine Familie, sagt: »Hab die Beherrschung verloren.«

Ich verlor sie auch gerade, fragte:

»Nur dies eine Mal?«

Stacheldraht in jeder Nuance.

»Wie bitte?«

»Er hat dich nur einmal vermöbelt, stimmt’s?«

»Ja.«

Sie log, und das konnte ich verstehen, sympathisierte vielleicht sogar ein bisschen damit. Ihr kam ein alarmierender Gedanke, und sie sagte:

»Du wirst doch nichts unternehmen, Jack?«

»Unternehmen? Was könnte ich denn wohl unternehmen? Er ist Polizist.«

Dann der schlimmste Moment: Sie nahm meine Hand, und ich spürte die Elektrizität. Heiland, man baut eine Mauer um seine Gefühle, eine veritable Festung, um die Nervenenden zu isolieren, dann eine lausige Berührung, und die ganze Verteidigung bröckelt. Sie beschwor mich:

»Jack, du musst es mir versprechen, gib mir dein Ehrenwort.«

Ich stand auf, war fast benommen und hätte definitiv kotzen können. Zog etwas Geld heraus, verstreute es auf dem Tisch, sagte:

»Das kann ich nicht versprechen.«

Ging hinaus, und es goss in Strömen. Wann war das denn scheißeaberauch losgegangen? Mein weißes Hemd war durchnässt, und ein vorüberfahrendes Auto spritzte mir eine Woge Schmutzwasser über die Hose. Ich hätte jemanden umbringen können. Bog links ab, maulte:

»Ich muss eine Ermittlung anstellen. Genau das werde ich tun, ich werde ermitteln.«

Als ich an der Abtei vorbeikam, sagte ein Kerl, den ich, glaube ich, kannte:

»Wenn man Selbstgespräche führt, ist das gar kein gutes Zeichen.«

Da kann ich mitreden.