Schob es auf die Filme. Ich hatte erwartet, dass unser Treffen mit Glaswand zwischen uns und Telefonen zur Kommunikation stattfindet. Ich hatte unrecht. Die Insassen saßen an Tischen, wachsame Aufpasser an der Wand. Ein Süßwaren-Automat florierte, und die Atmosphäre war fast wie ein Picknick. Brauchte eine Minute, um meine Brennweite einzustellen. Stewart war in der Mitte des Raumes, hob einen Arm. Ich ging hin, unsicher, wie ich mich benehmen sollte. Ich war ja kein Familienmitglied oder auch nur Freund. Er trug ein Jeanshemd, weite Jeans –, zu weite Jeans. Ich hatte damit gerechnet, dass er abgenommen hat, er war aber vor allem wabbelig, wie man von stärkereicher Kost und null Bewegung wird. Er hatte bereits die Kerkerblässe, und sein linkes Auge war veilchenblau, fast geschlossen. Ich gab ihm das Buch, und er streckte die Hand aus, sagte:
»Danke fürs Kommen.«
Ich nahm seine Hand und drückte sie. Sein früheres Auftreten, selbstgefällig, betucht, komfortabel, war weg, einer grimmigen Selbstbeherrschung gewichen, als müsste er seinem Blick befehlen, nicht wild in alle Richtungen zu flitzen. Ich setzte mich, nickte seinem Auge zu, fragte:
»Was ist passiert?«
Er lächelte vage, merkte es nicht einmal, sagte:
»Eine kleine Meinungsverschiedenheit, wegen Milchreis. Das ist nämlich der ganze Witz am Knast, wer deinen Nachtisch kriegt.«
Ich verstand nicht übermäßig viel davon und sagte nichts.
Er fasste sich vorsichtig ans Auge, sagte:
»Ich lerne jedoch dazu; ich habe mir einen Kümmerer gemietet. Ich habe immer schnell gelernt, aber hier dauerte es etwas, bis ich mich eingewöhnt hatte.«
Ich war neugierig, fragte:
»Wie funktioniert das mit dem Kümmerer?«
Ein leises Lachen, dann:
»Wie alles andere mit Geld. Ich bezahle den größten Schläger, dass er mir den Rücken freihält.«
Ich konnte es mir nicht vorstellen, sagte:
»Ich dachte, sie hätten Ihre Konten eingefroren. Ich meine, macht man das nicht immer so, bei Drogengeld?«
Jetzt lächelte er in voller Breite, und ich konnte sehen, dass er seine Zähne noch hatte. Der Kümmerer machte sich bezahlt. Er sagte:
»Ein paar der Konten haben sie eingefroren. Ich war immer ganz geschickt mit Geld, ist gar nicht so kompliziert. Man nimmt sich einen scharfen Anwalt, schon spielt man mit.«
Ich blickte in die Runde, sah die nie abreißende Schlange von Leuten, die nach Schokoriegeln anstanden, das gezwungene Lächeln auf den Gesichtern der Besucher und die gelangweilten Augen der Aufpasser.
Ich fragte:
»Das hier nennen Sie Mitspielen?«
Ihm entglitt die Selbstbeherrschung, und ich sah kurz einen kleinen Jungen, der Schiss hatte, aber er riss sich am Riemen, sagte:
»Ich hatte eine Schwester, Sarah.«
Ich bemerkte das Imperfekt, echote:
»Hatte?«
»Zwei Wochen vor meiner Hopsnahme wurde sie tot aufgefunden.«
»Tut mir leid.«
Er kippte den Kopf auf die Seite, als lauschte er einer weit entfernten Musik, dann:
»Sie haben sie doch gar nicht gekannt, warum sollte Ihnen das denn leidtun?«
Ich wollte sagen: »Ja, dann lecken Sie mich doch bitte am Arsch«, aber er fuhr fort:
»Sarah Bradley. Zwanzig Jahre alt, Abschlussjahr an der NUI, Geisteswissenschaften. Hier …«
Er griff in die Brusttasche seines Jeanshemds, zog ein Foto heraus, schob es über den Tisch. Ein sehr hübsches Mädchen, schwarze Locken umrahmten zwei große Augen, starke Wangenknochen und ein weit offenes Lächeln, strahlend weiße Zähne. Die Kamera hatte einen Moment stiller Zuversicht eingefangen, ein Mädchen, das genau wusste, was es tat. Ich sagte:
»Wunderschönes Mädchen.«
Und schob das Foto zurück. Er ließ es liegen, sagte:
»Sie hat in Newcastle Park gewohnt, hat sich mit zwei anderen Mädels ein Haus geteilt. Sie waren auf einer Party, und als sie nach Hause kamen, fanden sie sie unten im Treppenhaus. Das Genick war gebrochen.«
Er starrte mich an, und ich sagte:
»Schrecklicher Unfall.«
»Nein, war es nicht.«
Ich stand auf dem Schlauch, versuchte es mit:
»Sie meinen, er war nicht schrecklich?«
»Ich glaube nicht, dass es ein Unfall war.«
Das traf mich ungedeckt. Ich begann zu kapieren, wohin das lief, der Zweck meines Besuchs. Ich griff nach meinen Lullen und sagte:
»Bwoa …«
Er hob die Hand, bellte fast:
»Nicht rauchen! Ich habe sieben Tage die Woche rund um die Uhr Nikotinwolken, also gönnen Sie mir eine kleine Atempause.«
Was zum Teufel, ich beschloss, ihm den Gefallen zu tun. Ein Drogendealer, der keine Toleranz gegenüber Rauchern zeigt, das war ohne Worte. Den Nebelkerzeneinsatz der anderen Insassen gar nicht zu erwähnen. Er gebrauchte die Hände, um sein Gesicht an Ort und Stelle zu halten, kriegte dann physisch seinen Körper wieder in die Gänge, fuhr fort.
»Unter der Leiche meiner Schwester, unter Sarahs Leiche, lag ein Buch von Synge.«
»Synge?«
»Sogar Sie werden von Der Held der westlichen Welt gehört haben. Sarah hat Synge gehasst, diesen ständigen Totenklagen-Quatsch. Sie wollte ihn nicht im Hause haben, und bevor Sie loslegen, den anderen Mädels gehörte das Buch auch nicht. Ich habe sie gefragt. Sie hatten es noch nie gesehen.«
Ich sammelte meine Gedanken, dann:
»Kommen Sie, Stewart, Sie haben gesagt, sie studierte Geisteswissenschaften; da musste Synge dabei sein.«
Er beugte sich vor, und ich konnte seinen Atem riechen, einen Mix aus Zahnpasta und irgendwas für frischen Atem. Sein Gesicht war von großem Ernst.
»Ich bitte doch nur darum, dass Sie das überprüfen. Ich werde gut zahlen, sehr gut. Hier, ich habe ihre Adresse aufgeschrieben, Details … Bitte, Jack.«
Ich weiß nicht, was man braucht, um den Knast zu überstehen, welche Besessenheit einem über die Tage hilft. Ich entschied mich, ehrlich zu sein –, nie ein kluger Schachzug.
»Stewart, ich glaube nicht, dass es da was zu überprüfen gibt.«
Er legte die Hände flach auf den Tisch, bot seine ganze Energie auf, sagte:
»Sie haben aber doch nichts zu verlieren. Sie kriegen einen fetten Zahltag für, wofür …? Für ein paar Erkundigungen? Ich habe noch nie, und damit meine ich: noch nie jemanden um irgendwas gebeten. Vor Gericht sollte ich, hat der Anwalt vorgeschlagen, darauf hinweisen, dass ich zum ersten Mal straffällig geworden bin, und darum bitten, dass das in Betracht gezogen wird. Ich habe mich geweigert, und hier sitze ich jetzt und bettle Sie an.«
Ich hatte gehofft, nie wieder einen Todesfall überprüfen zu müssen. In die früheren Fälle hatte ich mich gegen meine Instinkte und mit grausigen Resultaten hineinziehen lassen.
Ich beschloss, zumindest so zu tun, als würde ich mitmachen, fragte:
»Was hat die Polizei gesagt?«
Er lachte kurz und scharf. An den anderen Tischen sah man zu uns herüber, und er sagte:
»Bemühen Sie sich bitte kurz in die Wirklichkeit, Jack. Wie viel Hilfe kann ein Dopedealer von der Polizei erwarten? Die haben gesagt, schade, dass ich es nicht war, der sich den verdammten Hals gebrochen hat.«
»Gab es ein gerichtsmedizinisches Gutachten?«
»Klar. Keine Drogen oder Alkohol im Organismus; das Urteil lautete auf Missgeschick. Was meinen Sie? Sollte ich das auf ihren Grabstein schreiben lassen?«
Die Leute standen auf, griffen sich ihre Mäntel, und ich fühlte eine Welle der Erleichterung, sagte:
»Okay, ich werde mal nachsehen, kann aber nichts versprechen.«
Er streckte die Hand aus, sagte:
»Danke, Jack, und danke für das Buch: Spike Milligan, perfektes Material für diese Klapsmühle. Sie werden es nicht bereuen, mir geholfen zu haben, das garantiere ich.«
Oh Mann, wie unrecht er damit hatte.
Ein Aufpasser begleitete uns durch den Warteraum hinaus, berührte mich am Arm, flüsterte:
»Sie sind Jack Taylor?«
»Ja.«
»Waren mal Polizist?«
Ich war verblüfft, überlegte, ob ich es abstreiten soll, sagte aber:
»Stimmt.«
»Und jetzt besuchen Sie Drogenpusher?«
Kurz wallte Zorn in mir auf, und ich erwog, ihm zu sagen, er solle sich gehackt legen. Doch ach, vielleicht wäre ein weiterer Besuch notwendig, obwohl ich inständig hoffte, dass es nicht dazu kommen würde, und ich sagte:
»Und?«
Er schob mich weiter, dann:
»Kein Wunder, dass sie Ihnen einen Arschtritt verpasst haben. Sie sind eine gottverdammte Schande.«
Draußen, als hinter uns die Tore geschlossen wurden, brannte mein Gesicht immer noch von der Bemerkung, und ich hatte das dringende Bedürfnis, etwas zu trinken. Konnte Jameson im Mund schmecken, meine Hand spüren, wie sie nach einer pint vom Schwarzen greift, die erste einer Serie versenkt. Ich hatte schon fast beschlossen, es darauf ankommen zu lassen, als ein Taxi vorbeikam. Ich winkte es heran. Als wir losfuhren, sah ich mich nicht um. Der Fahrer sagte:
»Sie wissen, warum Man U niemals Rio Ferdinand hätte einkaufen dürfen?«
Ich dachte an einen Mann namens Michael Ventris, der Linear B entziffert hat. Hat sein ganzes Leben damit verbracht, die Hieroglyphen zu knacken, die vor 4000 Jahren in Steine geritzt worden waren, die auf Kreta ausgegraben wurden und jahrzehntelang das größte Rätsel in Archäologie und Linguistik aufgaben. Ventris hat es schließlich gelöst, aber seine Leistung ließ ihn kalt. Er beendete sein Leben, indem er von hinten auf einen Lastwagen auffuhr. Die Besessenheit in seinem Leben war weg; der außergewöhnlichste Geist seines Jahrzehnts hatte die Fokussierung eingebüßt. Ich war schwer versucht, den Fahrer zu packen und zu sagen:
»Halten Sie verdammtescheißenochmal das Maul, ich habe eine wahre Geschichte für Sie«,
und dann zu fragen:
»Was passiert, wenn man ganz oben ankommt, und da ist es öd und leer?«
Wir waren in der O’Connell Street angekommen, und er machte gerade:
»Über Leeds will ich gar nicht erst anfangen.«
Ich zahlte ihn aus und merkte, dass der Drang, etwas zu trinken, nachgelassen hatte. Überquerte die Fahrbahn zum Kylemore und bestellte Steak mit Pommes. Aß, ohne einen einzigen Bissen zu schmecken. Die Kellnerin sagte:
»Da hat es ja jemandem geschmeckt.«
»Ja.«
Wie schlägt man in Dublin die Nacht tot? Die Sache war die, ich war hibbelig, aus dem Gleichgewicht. Hätte ich gesoffen, wäre ich zu Mooney’s gegangen und Schluss. Stattdessen ging ich ins Hotel, bat um meinen Zimmerschlüssel. Das Mädchen schenkte mir ein Lächeln, fragte:
»Gefällt es Ihnen in Dublin?«
»Immens.«
Auf dem Zimmer erwog ich ein Vollbad, brachte aber die Energie nicht auf. Lag auf dem Bett und dachte mir, ein Nickerchen würde mich beleben. Schlief zwölf Stunden lang. Träumte von meinem Vater. Er hielt ein Buch von Synge, sagte:
»Hier stehen die Antworten.«
»Aber ich kenne nicht mal die Fragen.«
Ich glaube, ich habe geschrien. Dann war ich auf einem Friedhof, habe versucht, die Namen auf den Grabsteinen zu lesen, aber überall stand Linear B. Ich erinnere mich nicht, wie es weiterging, aber offenbar war es betrüblich, weil ich mit Tränen auf den Backen aufwachte. Ich sagte laut:
»Was zum Teufel hatte das denn zu bedeuten?«
Duschte und packte. Mein Plan, die Buchhandlungen abzuklappern, hatte seinen Reiz verloren, also nahm ich den Zug um 11. Kein Teewagen-Service; ich glaube, der Ukrainer fehlte mir. Diesmal konnte ich lesen, und ich freute mich auf High Life von Matthew Stokoe. Fing das Buch an, als wir den Stadtrand von Dublin erreichten, und sah bis Athenry kein einziges Mal auf.
Es war Chandler auf Heroin, Hammett auf Crack. James M. Cain mit einer Lötlampe, und es passte auf ungeheuer wilde Weise zu meiner Stimmung. Geschrieben war es wie Schlagring auf Hirn, wie Kettensäge am Eingeweide. Es rockte das Blut nicht mit einem Stoß reinen Amphetamins, es peitschte es mit einem Stoß reinen Amphetamins. Die Prosa sang und kreischte auf jeder Seite, eine Jauchegrube voller verpfuschter Lebensläufe, mit einem Tick dunkler Euphorie illuminiert. Ich fühlte mich ausgesprochen fiebrig. Wie oft wirkt ein Roman wie ein literarischer Schlag in den Organismus? Ich hatte den Eindruck, Jim Thompson hätte gemordet, um das zu können. Wenn James Ellroy tatsächlich das Krimigenre aufgegeben hatte, dann war hier sein dunkler Erbe.
Ich schlug das Buch zu und kam mir vor, als hätte ich einen Marathon gelaufen. Kein einziges Mal hatte ich an Stewart oder seine Schwester gedacht. Der Zug fuhr auf der Brücke über den Lough Atalia, ich starrte auf die Bucht hinaus, und am Horizont hingen dunkle Wolken. Ich weiß nicht, ob ich ein Gefühl von Heimkehr hatte. Ich glaube, für so was braucht man ein Quäntchen Frieden. Ich ging ins Roches, eilig an der Schnapsabteilung vorbei, und kaufte ein bisschen ein. Beschloss, die Lemsips und griechischen Joghurts zufriedenzulassen. Ich war gesund genug. Als ich an der Kasse zahlte, sah ich auf, und da war wieder der blonde junge Typ. Er musterte mich kurz, war dann weg. Bestimmt Zufall.
Mrs Bailey war an der Rezeption, sagte:
»Herzlich willkommen.«
Ich griff in meine Tasche, zog ein Paket heraus, überreichte es ihr. Ihre Augen erhellten sich, sie rief:
»Ich liebe Geschenke.«
Sie riss das Papier ab, sagte:
»Bewley’s Fudge, meine Güte, davon krieg ich immer Zahnschmerzen.«
»Och.«
»Nein, nein, ich werde die Zahnschmerzen genießen. Da merkt man, dass man noch lebt.«
Ich ließ sie energisch kauend zurück und war erstaunt, dass sie echte Zähne hatte. Ich ging auf mein Zimmer, überprüfte mein Bücherregal und fand, genau, keinen einzigen Band Synge.
Besah den Allerheiligsten Herz-Jesu-Christi-Kalender, und der Tagesspruch lautete:
»Lass dich nicht von Wohlstand versklaven.«
Ich werd’s versuchen.