In der Nähe vom Eyre Square sah ich den jungen blonden Typ, kein Irrtum möglich, und er starrte mich an. Ich beschloss, dem ein Ende zu machen, ging auf ihn zu, aber er drehte ab und war weg, bevor ich ihn erreichen konnte. Ich schwor, nächstes Mal, so oder so, würde ich mit ihm plaudern. Ich meine, was zum Teufel, wurde ich bestalkt?
Ich betrat Nestor’s, Visionen von Whiskey vor Augen. Der Wachposten hatte Stellung bezogen, sagte:
»Heiland, seht euch den an.«
Das ist kein Kompliment, das ist so ungünstig wie nur irgend möglich. Ich schoss einen scharfen Blick auf ihn ab.
Jeff befüllte die Schnapsregale, sagte:
»Willkommen daheim, Kumpel.«
Ich setzte mich auf meinen üblichen Stuhl, den harten, Rücken zur Wand. War müde, das Knie tat weh, der verdammte Schmerzkiller schlug nicht an. Die Nachrichten liefen: eine Bombe in Bali, 187 Tote, drei Iren vermisst. Der Nachrichtensprecher spekulierte, ob al-Qaida was damit zu tun hatte. Jeff brachte eine Kanne Kaffee an, zwei Tassen. Ein Blitz des Ärgers durchzuckte mich, die selbstverständliche Annahme, ich würde nichts trinken –, ich hätte am liebsten ganz laut geschrien. Jeff hielt inne, fragte:
»Kaffee okay?«
»Klar, genau, was der Doktor mir verschrieben hat. Setzt du dich zu mir?«
»Wenn du nichts dagegen hast, ich müsste mal mit dir reden.«
Ich wedelte zum leeren Stuhl hin. Er setzte sich, schenkte zweimal voll. Gegen meinen Willen reagierte ich auf das Koffeinaroma. Vielleicht soff ich später, lebte bis dahin von der Vorfreude.
Der Wachposten fragte:
»Lust auf den Pott?«
»Pott?«
»Ja, für fünf Euro kann man sich aussuchen, an welchem Tag Bush den Irak bombardieren wird. 5., 15. und 25. sind schon vergeben.«
Ich dachte ein wenig darüber nach und sagte:
»20. November.«
Der Wachposten notierte etwas in einem kleinen roten Buch, sagte:
»Da wird schön was zusammenkommen; alle wollen mitspielen.«
Ich holte einen Fünfer aus meinem Portemonnaie und legte ihn auf den Tisch. Jeff fragte:
»Du hast von der Schülerin gehört?«
»Die, die attackiert wurde, meinst du?«
Er nickte. Jetzt, da er eine Tochter hatte, war er für so was natürlich besonders sensibilisiert. Aber ich hatte wie üblich unrecht. Ich hatte wieder einmal voreilige Schlüsse gezogen. Er sagte:
»Da ist ein Typ, den ich kenne, Pat Young, wir sind befreundet, seit etwa …«
Ich hob die Hand, damit er still war. Die Nachrichten waren vorbei, es gab wieder normales Radio, und Jimmy Norman spielte Emmylou Harris, meinen Lieblingstitel von Red Dirt Girl …, »Bang the Drum Slowly«. Bringt mich um. Jeff wartete, bis es durch war, und ich fragte:
»Was sagtest du gerade so richtig?«
»Pat ist ein guter Typ. Er hat es nicht leicht gehabt. In Bohermore haben sie andere Vorstellungen von Nüchternheit. Sie hören auf zu saufen und legen sich ein Moped zu. Nicht so unbedingt die Therapie aus dem Lehrbuch, aber bei Pat funktioniert sie.«
Mein Blick schweifte zum obersten Regal. Whiskey, Brandy, ich und du und Müllers Kuh … Wodka … Müllers Esel, der bist du. Tequila, na, da hatten wir etwas, was den Job erledigen würde, schnell, schonungslos und effizient. Ich hörte Emmylous Text »Meant to ask you about the war« und schnappte:
»Hat die Geschichte eine Pointe?«
Er war überrascht, zuckte physisch zurück, sagte:
»Vielleicht hängen sie Pat das an.«
»Was?«
»Die Sache mit der Schülerin.«
Ich brauchte etwas Zeit, bekam meinen Kopf in die Gänge, fragte:
»Wie ist es passiert?«
Jeff fuhr sich mit der Hand durchs Haar, tiefe Falten auf der Stirn. Wann hatte er sich die denn zugelegt? Er sagte:
»Pat wurde in der Nachbarschaft gesehen … Und das Mädchen kennt ihn.«
Zeit für: »Schnitt. Außen. Tag. Verfolgungsjagd«. Ich fragte:
»Was hat das zu bedeuten? ›Kennt ihn‹ …? Was soll ich daraus folgern?«
»Sie hat ihn mal um Geld gebeten, für ein Eis, und er wollte ihr keins geben.«
Ich sah das Problem nicht, sagte:
»Durch DNA kommt er locker wieder aus der Nummer raus.«
Jeff schüttelte den Kopf, sagte:
»Ich glaube nicht, dass wirklich eine Vergewaltigung stattgefunden hat. Die Polizei steht unter enormem Druck, ein Ergebnis zu präsentieren. So jemand wie Pat passt da prima rein.«
Ich hob die Hände, hatte genug, sagte:
»Traurige Geschichte, aber Scheiße passiert immer wieder.«
Jetzt hatte Jeff die Schnauze voll, sammelte sich kurz, legte los:
»Ich hatte gehofft, weißt du, mit deinen Kontakten, dass du vielleicht ein paar Ermittlungen anstellen, ein gutes Wort einlegen kannst.«
Ich war ehrlich verblüfft. Jeff war keiner, der bettelte, um einen Gefallen bat, aber jetzt saß er da und flehte mich an. Ich würde jetzt gern sagen, dass ich nett war, ängstlich bestrebt, meinem Freund beizustehen. Nein. Ich sagte:
»Bist du nicht der Typ, der mir dauernd damit in den Ohren liegt, dass ich die Ermittlerei an den Nagel hängen soll? Du bist doch der große Bedenkenträger, was mein Wohlergehen betrifft, meine Enthaltsamkeit.«
Das letzte Wort spie ich hervor wie einen Peitschenknall und schob dann absichtsvoll die Kaffeetasse beiseite.
Jeff atmete tief ein, dann:
»In der Stadt wird gemunkelt, es würde eine Bürgerwehr gegründet, und ich habe Angst, dass sie vielleicht Pat aufs Korn nehmen.«
Ich erlaubte meinem Gesicht eine spöttische Miene, und er seufzte; Enttäuschung tobte durch seinen Leib. Er schob den Stuhl zurück, sammelte die Tassen und die Kaffeekanne ein, zuckte die Achseln, sagte:
»Vergiss, dass ich um was gebeten habe.«
Auf der Stelle fühlte ich mich schlecht. Scheiße, ich wollte punkten, ja, aber ihn doch nicht am Boden zerstören, versuchte es mit:
»Heiland, Jeff, immer langsam, ich habe doch gar nicht gesagt, dass ich nicht helfen will, oder habe ich das gesagt?«
Sein Gesicht zeigte, wie sehr er mir zurufen wollte, wohin ich mir das schieben konnte, aber die Sorge um Pat Young war stärker als seine persönliche Bitterkeit. Ich konnte den Konflikt, den Aufruhr in seinen Augen sehen. Er straffte die Schultern, sagte:
»Okay, was immer du tun kannst … wäre … überaus … willkommen.«
Ich hatte ihn durch den Reifen springen lassen, und es tat mir leid. Das Knie war schuld, die Klerisei war schuld, die mich so unvermittelt angequatscht hat, die schlichte Tatsache war schuld, dass ich was trinken wollte, so dringlich, dass ich hätte heulen können. Die Wahrheit ist, dass ich mich häufiger schlecht benehme, als ich zuzugeben wage. Ich stand auf, um Schadensbegrenzung bemüht, sagte:
»Ich klemme mich sofort dahinter.«
Er sah mich zweifelnd an, fragte:
»Hast du schon mal von den Pikemen, den Pikenträgern, gehört?«
Ich kramte in meinem unsortierten Vorrat an irischer Geschichte, aufs Geratewohl:
»1798, die Rebellion … War das nicht so eine Art Geheimgesellschaft?«
Er ging zum Tresen, sagte:
»Die Pikenträger, die ich meine, sind noch nicht Geschichte.«
Dann ging er weg.