PROLOG

Ted Borgsten wurde durch einen harten Stoß unsanft aus dem Schlaf gerissen.

Der Bewegungsmelder hatte die Beleuchtung über der Haustür eingeschaltet. Jetzt sickerte das Licht durch die schmalen Ritzen der Jalousie herein, hell genug, um die Umrisse dreier maskierter Gestalten erkennen zu lassen, die um sein Bett standen.

In wilder Panik fuhr er hoch, aber sie warfen sich aus verschiedenen Richtungen über ihn, banden ihm die Augen zu, fingen seinen Schrei hinter dickem Klebestreifen ein und zerrten ihn aus dem Bett. Seine Arme wurden zwischen zwei kräftigen Körpern eingeklemmt, dann wurde er die Treppe hinuntergeschleppt, hinaus in die raue Septemberluft. Niemand sagte etwas. Der Angriff war durchdacht, professionell. Er hatte keine Möglichkeit, herauszufinden, wer sie waren.

Aber eins war ihm klar. Es waren Schuldeneintreiber. Wer sonst würde einen fünfundzwanzigjährigen Sportlehrer entführen?

Er wurde in ein Auto gestoßen, wo er der Länge nach auf die Rückbank fiel. Starke Arme zogen ihn sofort wieder hoch. Das Leder presste sich kalt an seinen Rücken und seine Schenkel. Ein Glück, dass er wenigstens seine Unterhose angelassen hatte, als er zu Bett ging.

Als ob das noch von Bedeutung wäre.

Er würde sowieso sterben.

Beim Davonfahren gruben die Reifen tiefe Spuren in den frisch gerechten Kies. Er und Tea hatten den Garten gestern für den Herbst vorbereitet. Ab jetzt würde Tea so etwas alleine tun müssen.

Tea!

Tea musste sie gehört haben, bestimmt hatte sie sich im Bett aufgerichtet, klein und dünn in ihrem geblümten Nachthemd, zu Tode erschrocken, als sie die fremden Schritte im Haus hörte.

Was hatten sie mit ihr gemacht?

Als Ted zu wimmern begann, bekam er sofort wieder einen Stoß in die Seite, aber die Unruhe war zu groß, er konnte nicht ruhig bleiben. Wie sollte er es ihnen deutlich machen? Sie mussten Tea in Ruhe lassen, ganz gleich, was sie mit ihm anstellen würden!

Ein harter Schlag traf ihn in der Magengrube. Ihm blieb die Luft weg. Tränen traten ihm in die Augen, seine Nase schwoll zu. Schniefend rang er um Luft.

Sollte er ersticken? War das die Absicht?

Sahen sie ihm zu oder hatten sie sich abgewandt, um seinen Todeskampf nicht ansehen zu müssen?

Drei gegen einen! Das war verdammt unfair!

Der kurze Wutanfall verdrängte seine Panik. Er konzentrierte all seine Kraft auf den Atem, bis es ihm gelang, durch den erstickenden Schleim in der Nase Luft einzuziehen.

Er musste sich beruhigen. Noch war nicht alles aus.

Seine Gedanken flogen in die verschiedensten Bahnen, auf der Suche nach einem Funken Hoffnung, an den er sich klammern könnte. Die Angreifer sprachen nicht, hatten sich maskiert und ihm außerdem die Augen zugebunden.

Sie wollten nicht von ihm gesehen werden.

Warum war das so wichtig, wenn sie ihn sowieso umbringen würden?

Sie wollen mich am Leben lassen!

Diesen winzigen Hoffnungsfunken versuchte er festzuhalten, doch so halbnackt zwischen zwei Muskelpaketen eingeklemmt, war das nicht ganz einfach. Bei jeder Kurve, die das Auto fuhr, fiel er hilflos zur Seite und hatte dabei das Gefühl, an eine Steinmauer zu prallen.

Die Straße wurde holpriger. Das war ein schlechtes Zeichen. Sie entfernten sich von bewohntem Gebiet und möglichen Zeugen.

Also war doch alles aus!

Inmitten all dieser Ängste hatte er ein weiteres Problem: Nach seiner späten Joggingrunde hatte er mehrere Gläser Wasser getrunken. In jeder Kurve drückte das jetzt auf die Blase. Er würde es nicht mehr lange halten können.

Aber er war selbst schuld. Er allein hatte es zu verantworten, dass er sich jetzt in dieser Lage befand.

Mitten in seinen Selbstvorwürfen hielt das Auto an.

Die Panik schlug wieder zu.

Ich will nicht sterben!

Sie zerrten ihn hinaus. Vor Angst verkrampfte sich sein ganzer Körper und warme Rinnsale sickerten an seinen Beinen hinunter.

Sie sagten immer noch nichts. Wahrscheinlich waren sie alle möglichen Reaktionen von Opfern gewöhnt, die dem Tod ins Auge blickten.

Der Wind strich kalt über Teds nackte Haut. Die Feuchtigkeit an seinen Beinen fühlte sich jetzt so eisig an, dass er vor Angst und Kälte zu zittern begann.

Wie würden sie es tun?

Mit dem Messer? Oder mit der Pistole?

Sein unwillkürliches Aufschluchzen klang laut durch die Stille.

Aber war es überhaupt still?

In einiger Entfernung hörte er die Motorengeräusche vereinzelt vorbeifahrender Autos. Und auch etwas ganz anderes.

Der Wind trug leises Wimmern an seine Ohren.

Sein Gehirn war vor Angst völlig benommen. War er das etwa selbst?

Nein, das Wimmern schien ungefähr zehn, zwanzig Meter von ihm entfernt zu sein.

Da weinte jemand!

Das musste Tea sein!

Er machte einen heftigen Ruck und versuchte etwas zu rufen. Hinter dem Klebeband gurgelte der Name in seiner Kehle. Er kämpfte mit den Armen gegen steinharte Muskeln.

„Aufhören!“

Sein eines Handgelenk wurde mit eisernem Griff gepackt, dann wurden die Augenbinde und das Klebeband über dem Mund abgerissen.

Das kam so plötzlich, dass er sich instinktiv duckte, um den Kopf mit den Armen zu schützen.

Jetzt sterbe ich!

Aber nichts geschah.

In einem langen Ausatmen stieß er die Luft aus und schlug dann die Augen auf. Der Stoff hatte so fest auf seine Augenlider gedrückt, dass er alles nur noch verschwommen wahrnahm. Das Erste, was er sah, waren seine nackten Füße auf festgetretenem lehmigem Kies.

Er hob den Blick und sah Bäume und einen See.

Der Brorsee.

Hier war er unzählige Male zum Schwimmen gewesen, zuletzt vor ein paar Wochen.

Sie waren nicht allein auf dem Parkplatz. Dort standen zwei weitere Autos – ein dunkler Stadtjeep und ein kleiner rostfleckiger Fiat mit offener Heckklappe.

Ein paar Meter von dem Fiat entfernt standen zwei dunkel gekleidete Männer mit Strumpfmasken.

Zwischen ihnen und dem Auto lag etwas auf dem Boden.

Ted zwinkerte ein paarmal, um besser zu sehen.

Jemand stieß einen jammernden Ton aus.

„Der da hat geglaubt, er könnte uns reinlegen.“

Ted zuckte zusammen.

Die Stimme kam von der Seite. In dem ausgeschnittenen Loch der Strumpfmaske bewegten sich Lippen.

Ted schielte verstohlen auf voluminöse Schenkel in eng anliegenden Jeans und Springerstiefel hinunter.

„Fünf Tage hat er sich versteckt gehalten. Das muss allerdings ganz schön beschissen für ihn gewesen sein, weil er genau wusste, dass wir ihn finden würden. Außerdem mussten seine Angehörigen dafür bezahlen, dass er sich versteckt hat. Hier, das ist seine Freundin.“

Ted musste den Kopf schräg nach hinten drehen.

Ein Handydisplay beleuchtete die grobe Hand, die es hochhielt. Die Stimme klang sachlich. Es hätte das Foto eines Autos sein können, auf das er stolz war. Doch das war nicht der Fall.

Ein einziger Blick genügte.

Ein blutiges, zerschlagenes Gesicht.

Ted drehte sich schnell wieder um.

Die sind ja total krank!

Er konnte sich kaum auf den Beinen halten. Seine Füße waren gefühllos geworden.

Jetzt war er endgültig geliefert!

Ein heiserer Jammerlaut stieg vom Boden auf und bohrte sich in sein Bewusstsein.

Eigenartigerweise hatte er allmählich akzeptiert, dass er sterben würde. Dass er die Hauptnummer in dieser makabren Vorstellung war.

Aber auf dem Parkplatz fand etwas anderes statt, etwas, das schon begonnen hatte, bevor er hergebracht worden war. Etwas, das er nicht hatte mit ansehen müssen, wofür er dankbar war.

Die beiden Maskierten bückten sich und hoben das jammernde Etwas hoch. Der heisere, gequälte Laut sank und stieg an, während sie ihre Last zum Auto schleppten und dann durch die Heckklappe schoben. Das Opfer machte einen Versuch, sich aufzurichten, wurde aber hinuntergedrückt. Die Klappe schlug zu.

Ted wollte seine Hände an die Ohren pressen, aber sein Körper gehorchte ihm nicht. Als die Beine unter ihm nachgaben, packten die Männer an seiner Seite seine Arme und zerrten ihn wieder auf die Füße.

Er wurde gezwungen, hinzuschauen.

Ted fror, dann schwitzte er wieder, seine Augen tränten. Mit verschwommenem Blick verfolgte er das Geschehen.

Einer der Maskierten lief mit einem Kanister um das Auto herum und schüttete eine Flüssigkeit darüber.

Bald hatte der Geruch Teds Nase erreicht.

Benzin!

Eine schwache Flamme flackerte in der Dunkelheit auf, die schnell größer wurde.

Die beiden Männer rannten auf Ted zu, dann kam die Explosion. Die Flammen schlugen in den Himmel. In wenigen Sekunden verwandelte sich das Auto in ein brennendes Inferno.

Der hatte doch noch gelebt!

Teds Beine zitterten. Übelkeit stieg in ihm hoch. Er erbrach sich über seine nackten Füße.

Die Männer neben ihm fluchten und traten zur Seite.

Als Ted sich mit dem Handrücken den Mund abwischte, begegnete sein Blick zwei wachsamen Augen hinter den Sehschlitzen der Maske. Augen, in denen keine Reue darüber zu sehen war, dass nur ein paar Meter von ihnen entfernt ein Mann lebendig verbrannt wurde.

„Kapierst du jetzt, um was es geht?“

Es war immer derselbe Mann, der sprach. Die anderen sagten nichts. Nicht einmal die beiden, die keuchend zu ihnen angerannt gekommen waren, um der grausamen Hinrichtung vom besten Platz aus zuzusehen.

„Du kannst damit rechnen, dass deine ganze Familie dran glauben muss, falls du Probleme machst.“

Ted sackte zu Boden. Die Tränen ließen sich nicht mehr zurückhalten. Er weinte vor Erleichterung, weil nicht er es war, der in dem brennenden Auto lag.

Sie würden ihn leben lassen. Wenigstens vorläufig.

Ohne weiteren Kommentar banden sie ihm wieder die Augen zu und stießen ihn ins Auto.

Ted sank auf den Rücksitz, voller Dankbarkeit, dass er eine neue Chance bekommen hatte, was auch immer das bedeuten mochte. Er leckte die salzigen Tränen von seinen aufgesprungenen Lippen und versuchte, sein Schluchzen zu unterdrücken.

Er war bereit, alles zu tun, einfach alles.

Hauptsache, Tea musste nicht leiden.

Und er selbst durfte am Leben bleiben.