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Scheiße, dachte ich, als ich wieder denken konnte. So eine Scheiße! Der Erdboden hatte mich buchstäblich verschluckt. Zweieinhalb Meter über mir war ein halber Quadratmeter blauer Himmel mit gezacktem Rand zu sehen. Vor mir, hinter mir und neben mir: ein schwarzes NICHTS. Mittendrin saß ich und konnte noch nicht genau beurteilen, was mir am meisten wehtat und in wie viele Teile ich mich zerlegt hatte. Um den linken Knöchel herum tat es sauweh, und wie es aussah, schwoll er binnen Minuten so dick an wie eine Avocado. Wenn ich denn was hätte sehen können. Durch das Loch in der Decke, oder was das war, drang kaum Licht zu mir herunter, und das bisschen, das durchkam, wurde auf der Stelle von der muffigen Dunkelheit um mich herum aufgesogen. Mein linker Ellbogen war blutig aufgeschrammt. Zumindest schmeckte es nach Blut, als ich an der Flüssigkeit an meinem Unterarm leckte. Ein bisschen wie Eisen. Und am Hinterkopf entwickelte sich eine fette Beule.
War das der Grund, warum es auf Sylt verboten war, durch die Dünen zu laufen, wo man wollte? Weil es gemeingefährlich war und man mir nichts, dir nichts in betonbewehrte Mega-Löcher fallen konnte? Hatten die Verbotsschilder überall und die hohen Geldstrafen, die einem bei Missachtung angedroht wurden, gar nichts mit dem angeblichen Dünenschutz zu tun? Keine Ahnung, wie ich auf diese Idee kam. Jedenfalls war das im Augenblick nicht mein Hauptproblem und daher sinnlos, mir darüber den Kopf zu zerbrechen. Der war ohnehin geschädigt genug.
Nachdem ich Gliedmaßen und Gedanken einigermaßen sortiert hatte, stellte ich fest, dass ich noch Glück gehabt hatte. Ich war auf einer dicken Filzdecke gelandet, die sich feucht anfühlte, meinen Sturz in die Tiefe aber einigermaßen abgefangen hatte. Ich tastete um mich herum: rauer, kalter Stein, so weit meine Hände reichten. Ich versuchte, hochzukommen oder wenigstens auf die Knie. Aber an Aufstehen war nicht zu denken mit meinem Klumpfuß.
Verdammt, wo war ich hier eigentlich? Fühlte sich an, wie ich mir Martins Grabkammern mit ihren toten Pharaonen immer vorstellte. Feuchtkalt, muffig, gruselig. Und das mitten in der Lister Dünenlandschaft bei achtundzwanzig Grad Außentemperatur. Ich lauschte angestrengt. War da nicht ein Scharren zu hören? Ein Scharren von tausend kleinen behaarten Füßen? Das Schleifen eines Nagetierschwanzes über den kalten toten Boden?
Das Frösteln, das mir unter die Haut kroch bis in die Zehenspitzen, verwandelte sich äußerlich in eine Gänsehaut von gefühlten zehn Zentimetern. Mehr vor Ekel als vor Kälte, obwohl ich meine ganze Willenskraft daransetzte, meiner Fantasie diese Gruselvorstellungen zu verbieten. Mit abnehmendem Adrenalinpegel allerdings begannen meine Hände und Füße klamm zu werden, so als würden sie nie wieder warm. So hatte ich mir immer die Extremitäten von Gollum vorgestellt, dem nackten schleimigen Gnom aus „Der Herr der Ringe“, der tief unter der Erde hauste und hinter diesem Ring her war, der alle Macht über die Welt versprach. Vielleicht war er am Ende der Trilogie gar nicht mitsamt dem Objekt seiner Begierde im Feuer zugrunde gegangen. Vielleicht war er hier. Bei mir. Seinen Ring hätte ich unter diesen Umständen jedenfalls gut gebrauchen können. Wie sonst sollte ich aus dieser Gruft herauskommen?
Warum war ich bloß so patzig zu dem Strandkorbwärter gewesen? Kein Wunder, dass der ausgerastet war. Wer will sich schon in die Nähe von Pädophilen rücken lassen, die sich mit der Bedrohung von Minderjährigen aufgeilen?
Ob sie nach mir suchen würden? So wie nach dieser Mia?
„Vermisst wird seit gestern 12.00 Uhr, High Noon, die sechzehnjährige Helena Stefanie Filius, genannt Fanny, aus Heidrege. Fanny ist 1,58 Meter klein, trägt ihre lockigen braunen Haare zu einem Dutt hochgenudelt und ist bekleidet mit Kopfhörern, einem blau-weiß geringelten Winz-Bikini von Tchibo sowie einem mintfarbenen T-Shirt mit der Aufschrift „Wann kommt endlich dieser Scheißprinz auf seinem Gaul vorbei?“. Sie wurde zuletzt am Strandkorb Nr. 207 in List auf Sylt gesehen, den sie zuvor mit roter Farbe zerstörte. Sachdienliche Hinweise nimmt jede Polizeidienststelle entgegen sowie die Kriminalpolizei Hamburg, Tel. 040/…“
Sogar der Zusatz „Fanny ist möglicherweise verwirrt und benötigt dringend Medikamente“ wäre inzwischen gerechtfertigt gewesen: Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wo ich mich befand, außer dass es eine Etage tiefer war als normal. Die Gesellschaft von Gollum und Konsorten erschien mir nicht abwegig. Und ein Verband, ein Paar Krücken und ein Schmerzmittel wären auch nicht verkehrt gewesen.
Mein Galgenhumor war in Wirklichkeit der Versuch, nicht in Panik zu geraten. Wer würde überhaupt jemanden finden wollen, der mutwillig Strandkörbe zerstörte und harmlose Strandkorbwärter als potenzielle Sextäter bezeichnete.
Ich tastete meinen Körper ab auf der Suche nach etwas, das mir aus dieser bescheuerten Lage helfen könnte. Aber da war nichts. Kein Seil, keine Taschenlampe und erst recht kein Handy. Wer trägt schon ein Handy im Bikinihöschen? Während sich ein Schluchzen aus meinem Brustkorb nach draußen kämpfte, verdunkelte sich mein Verlies plötzlich noch mehr. Hilfe. Stürzte jetzt der Himmel ein oder, noch schlimmer, die Erde über mir?
Es war nicht der Himmel. Auch nicht die Erde. Es war Jasper, dessen IQ ganz offensichtlich nur knapp über null lag. Wie blöd kann ein Hund eigentlich sein? Zuerst hätte ich Halleluja singen mögen, als sein Knautschgesicht in der Himmelsluke über mir auftauchte. Durch das Sonnenlicht hinter ihm hatte sein Kopf eine Art Halo um sich herum, sodass ich schon an eine himmlische Erscheinung glaubte. Sankt Jasper, dich schickt der liebe Gott persönlich. Gebenedeit seist du bis in alle Ewigkeit. Oder so. „Hol Frida, Jasper. Hol Frida. Schnell.“
Die Heiligsprechung hätte ich mir sparen können. Ich hatte nicht mit der Tollpatschigkeit von Mamas Hund gerechnet. Vor Begeisterung, mich aufgespürt zu haben, machte Jasper ein paar hektische Bewegungen mit den Vorderpfoten, die wie Trocken-Schwimmen aussahen. Dann fiel er runter und mehr oder weniger auf mich drauf. „Aaaieeh!“ Der plötzliche Schmerz trieb mir die Tränen in die Augen. „Mann, Jasper, du bist einfach ein hoffnungsloser Fall“, schluchzte ich und hörte erst wieder damit auf, als ich draußen Rufen hörte.
„Fanny! … Fanny, wo steckst du denn? Mann, das ist ein doofes Spiel … Komm endlich raus, der Typ ist weg.“
„Frida! Hier … hier bin ich. Hier unten. Und pass auf, wo du hintrittst.“
„F A A A N N Y Y.“ Fridas Stimme entfernte sich wieder.
„Lieber Gott, mach, dass sie mich findet. Ich verspreche auch, sie wie eine kleine Schwester zu behandeln und nie wieder ein böses Wort über sie zu verlieren.“
„Frida, hallo. Hallo, verdammt!“
Selbst als Jasper zu bellen anfing, dauerte es noch eine Ewigkeit, bis Frida mich gefunden hatte. Als sich ihr Wagenrad von Hut über die Öffnung zu meinem Verlies legte, entfuhr mir ein tiefer Seufzer der Erleichterung.
„Blödes Versteck“, sagte Frida. „Was machst du da?“
„Ich schau mir Sylt von unten an“, erwiderte ich und wischte mir mit dem nicht blutverschmierten Arm die Tränen weg. „Aber das hier ist wohl der Hintereingang und leider haben sie vergessen, eine Treppe einzubauen. Ich komm nicht mehr raus.“ Ich ahnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie recht ich hatte – mit dem Hintereingang.
Frida ließ das eine Ende von Jaspers türkisgrünem Tampen zu mir herab. Das andere hatte sie sich um den Bauch gewickelt. Ich erreichte es gerade mit den Fingerspitzen, aber natürlich nützte das überhaupt nichts. Selbst wenn ich es geschafft hätte, mir eine Schlinge um den Körper zu legen, sie hätte niemals die Kraft gehabt, mich nach oben zu ziehen. „Das hat keinen Zweck“, schniefte ich nach zehn Minuten, die ich mit zusammengebissenen Zähnen auf den Knien verbracht hatte. Mehr Entgegenkommen war einfach nicht drin mit der schmerzenden Avocado am Fuß. „Du musst Hilfe holen. Und eine Leiter oder so. Sag, dass ich verletzt bin und nicht laufen kann.“
„Okay“, sagte Frida nur. „Bis gleich.“ Ich erhaschte einen letzten Blick auf ihre Sommersprossen und weg war sie. Mist. Ich hätte sie noch um mein Sweatshirt bitten sollen, das im Strandkorb lag. Und um meine Shorts. Es war wirklich arschkalt hier unten.
Jetzt war ich froh, dass Jasper bei mir war. Ich kuschelte mich so dicht wie möglich an ihn heran und wünschte, er wäre ein Bobtail mit Hippiemähne und kein Kurzflor-Boxer. Trotz der Kälte schaffte ich es nach einer Weile, wegzudösen und nicht von Asseln oder zottigen Monstern zu träumen. Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich so vor mich hingedämmert hatte. Aufgeschreckt wurde ich durch ein Geräusch, das ich zuerst nicht einordnen konnte. Dann ließ es mir, eines nach dem anderen, die Nackenhaare zu Berge stehen. Es kam nämlich nicht von oben und hatte nichts mit einer Rettungsaktion für mich zu tun. Sein Ursprung lag irgendwo im Dunkel weit hinter mir. Ein Laut wie von einer zugeschlagenen Tür. Und dann eine Art Füßescharren oder An-der-Wand-lang-Schrammen, das von einem unterirdischen Echo verstärkt wurde. Es klang nach einem großen Tier – oder nach Menschen. War das Frida mit Verstärkung, die einen zweiten Zugang gefunden hatte? Eher unwahrscheinlich. Wie sollte sie den finden, wenn sie nicht wusste, wo er lag. Es war ja schon mühsam genug gewesen, meine Absturzstelle zu orten.
Jasper ließ ein leises untertouriges Knurren hören. Das war das Schlimmste von allem. Seine kurzen Haare stellten sich langsam unter meinen Fingern auf und die Furcht kroch mir in jede Zelle meines Körpers. Was war das? Meine Zähne fingen an aufeinanderzuschlagen – vor Kälte, die ich in diesem Augenblick nicht spürte, und vor Angst. Ich konnte überhaupt nichts dagegen tun. Sie klapperten einfach weiter, auch als ich sie zusammenpresste und mir noch dazu den Mund zuhielt.
Vorsichtig schob ich mich zur nächstgelegenen Wand, damit mich wenigstens von hinten nichts packen konnte oder so. Ich hatte einmal gelesen, dass ein Angriff von hinten viel traumatischer ist als einer von vorne, weil er völlig unerwartet kommt und man sich mental nicht im Geringsten dagegen wappnen kann. Mein rechtes Bein eng umschlungen kauerte ich auf der muffigen Decke, die ich hinter mir hergezogen hatte. Dabei stieß ich mit den Fingern auf eine Art eingesticktes Emblem, oder das, was davon übrig war. Es war rechteckig und fühlte sich glatter an als der übrige Stoff. Bis auf einen Hauch von roter Farbe konnte ich in dem dämmrigen Licht nichts Genaues erkennen. Wahrscheinlich irgendein Abzeichen oder eine Flagge vielleicht. Wer das wohl hier unten hinterlassen hatte?
Meine Anspannung gipfelte in einem Knall, der einem Schuss gleich ohrenbetäubend durch unterirdische Gänge zu hallen schien. Unkontrolliert zuckte ich zusammen, als habe mir jemand einen Elektroschock verabreicht, und schmeckte Blut auf meiner Unterlippe. Statt laut aufzuschreien, hatte ich hineingebissen. Angestrengt lauschte ich in die Dunkelheit. Waren da Stimmen? Ein Scharren? Dann nichts mehr. Totenstille.
Ich wagte kaum zu atmen. Was war hier unten los? Wer trieb sich in dieser unterirdischen Gruft herum und wie weit waren die weg von mir? War ich soeben Zeugin eines Verbrechens geworden und, falls ja, würde ich die Nächste sein?
Mann, Fanny, lass das, versuchte ich mich zu beruhigen.
Angespannt lauschte ich auf weitere Geräusche, konnte aber nichts mehr hören. Es war fast schon gespenstisch still. Wo blieb Frida nur?
Als ich sie endlich rufen hörte, schossen mir schon wieder die Tränen in die Augen, diesmal vor Erleichterung. Frida, das gute Kind, hatte Hilfe geholt.
„Hallo, hallo, hier“, hätte ich am liebsten geschrien, doch ich traute mich nicht, weil ich nicht wusste, mit wem oder mit was zusammen ich hier unten in diesem Verlies eingeschlossen war. Jasper übernahm es, Laut zu geben. Sein Gebell hallte in der Höhle wider und verstärkte sich noch, als Fridas Schopf am Rand des Lochs über mir auftauchte. „Alles klar?“, rief sie und ließ etwas Weiches nach unten fallen, das sich als mein Sweatshirt entpuppte.
„Alles klar“, presste ich hervor, um kurz darauf erstaunt die Augen aufzureißen.
„Machst du mal Platz da, Frida“, sagte eine männliche Stimme, die mir bekannt vorkam, aber nichts mit der von Martin zu tun hatte. Dann wurde eine Strickleiter zu mir heruntergelassen, gefolgt von zwei behaarten Beinen in weißen Turnschuhen, deren oberes Ende in einer orange-weißen Badehose steckte. „Hey, Fanny“, sagte die Stimme mit dem asymmetrischen Lächeln. „Beschäftigst du dich seit Neuestem mit Höhlenmalerei? Kein Wunder, dass man dich am Strand nicht sieht.“
Am liebsten hätte ich seine Wade umklammert und nie wieder losgelassen, so froh war ich, ihn zu sehen. Jan. Ausgerechnet! Wie hatte Frida das bloß angestellt?
„Darf ich jetzt auch mal runter?“, rief sie und war bereits dabei, ein Bein über den gezackten Rand der Öffnung zu strecken.
„Auf gar keinen Fall“, sagte Jan. „Sonst stecken wir am Ende alle hier unten fest. Aber du kannst jetzt die Fahne runterwerfen.“
Fahne? Wollten sie hier unten die Nationalhymne für mich singen oder was? Ich hörte an der Öffnung etwas über den Boden schleifen, dann wurde der Himmel rot und ein großes rot-weißes Stück Stoff kam herabgeschwebt, das sich über mir bauschte und mich dann vollständig unter sich begrub. Es entpuppte sich als riesige Hamburg-Fahne. Frida hatte sie kurzerhand vom weißen Fahnenmast eines Vorgartens in Westerheide geklaut und zusammen mit einem dicken Nylonseil hierhergeschleppt, wie sie mir später stolz erzählte.
Jan wickelte den jaulenden Jasper, der das für ein tolles neues Spiel hielt und in das Seil zu beißen versuchte, in die Fahne, band das Ganze wie einen Sack zusammen und kletterte über die Strickleiter nach oben. Zusammen mit Frida zog er dann das schwere Tier ächzend über ein dickes Eisenrohr nach draußen.
Jasper ist nur wenige Kilo leichter als ich und ich konnte nur hoffen, dass das dünne Fahnentuch auch mein Gewicht halten würde. Jan kam wieder zu mir runter und half mir, mich daraufzusetzen. Ich jaulte mindestens genauso wie Jasper, als ich schließlich in meiner improvisierten Seilbahn auf dem Weg nach oben mit dem kaputten Fuß gegen die Betonwand stieß. Zum Glück befand Jan sich da schon wieder mit Frida am oberen Ende und bekam mich nicht von unten zu sehen. Zwar hatte ich jetzt mein Sweatshirt an, aber darunter trug ich nach wie vor so gut wie nichts. War schon peinlich genug, dass er mich wie ein Baby in die Arme nehmen musste, um mich irgendwie aus dem Loch zu hieven. Als ich endlich wieder das Tageslicht erblickte und so etwas wie Wärme auf meiner Haut verspürte, zitterten mir die Knie, so froh war ich. „Cool siehst du aus“, sagte Frida und strich bewundernd über meinen blutverschmierten Arm. Wie ich im Gesicht aussah, wollte ich lieber gar nicht wissen.
Jan lehnte mich mit dem Rücken gegen einen der beiden großen Findlinge, die neben dem Eingang zu meiner Höhle lagen und an dem die Strickleiter befestigt war. Wie ein Profimasseur begann er, mein tiefgekühltes rechtes Bein zu bearbeiten. „Auf einem musst du schließlich gehen können, wenn wir dich zum Strandkorb kriegen sollen.“ Ich war zu k. o., um zu protestieren, auch wenn Frida mich angrinste wie drei Honigkuchenpferde auf einmal.
„Danke“, sagte ich und wuschelte ihr durchs Haar, obwohl ich das, ehrlich gesagt, lieber bei jemand anderem getan hätte. Und damit meine ich nicht Jasper.