20
„Tu ich nicht!“
„Helena Filius, es genügt weiß Gott, wenn zwei von euch in Lebensgefahr sind. Ich bin heilfroh, dass wenigstens du draußen bist.“
Helena? Nee, nicht jetzt. Die dämliche Helena-Masche funktionierte gerade nicht. Kein Anschluss unter dieser Nummer. „Aber ich bin die Einzige von euch, die sich da unten halbwegs auskennt.“ Ich funkelte Martin an, während Jan mitten auf der in völliger Dunkelheit liegenden Wiese die Falltür an ihrem rostigen Ring packte und sie nach oben zog.
„Bei diesem Teil des Labyrinths nicht, soviel mir bekannt ist.“ Martin verstummte für einen Augenblick, als er die grünspaksigen Steinstufen erblickte, die steil nach unten führten wie in eine Gruft à la Edgar Allan Poe. „Da kennst du dich genauso wenig aus wie ich oder die Herren Polizisten.“
Phh. Die Herren Polizisten!
„Na, dann wollen wir mal“, sagte ein bulliger Typ mit dunklem Schnauz, offenbar der Anführer der vier Polizeibeamten, die sich mit Taschenlampen und in schusssicheren Westen an uns vorbeidrängten, nachdem ich ihnen außer Atem erklärt hatte, wer sie dort unten alles erwartete. Martin und ich waren sofort zu Jan und den Polizisten geeilt, nachdem ich aus dem Loch geklettert war.
Die Aussicht, durch die rostige Tür am Ende der Stufen ins Ungewisse zu treten, schien sie nicht sehr zu begeistern. „Sag meiner Frau, dass ich sie liebe“, raunte ein sympathisch aussehender Mittdreißiger seinem jüngeren Kollegen zu, der trotz der mitternächtlichen Stunde machomäßig eine Porsche-Sonnenbrille trug. „Nur für den Fall, dass ich hier nicht lebend rauskomme.“ Der Junge grinste. Einer nach dem anderen verschwanden sie in der rechteckigen Öffnung, wobei der Letzte von ihnen auf der drittuntersten Stufe ausglitschte und gerade noch von einem Kollegen im freien Fall aufgehalten wurde, bevor er unsanft auf seinem Hintern landen konnte.
„Siehst du, ist gefährlich da unten“, sagte Martin und wischte sich mit dem Ärmel die winzigen Schweißperlen aus dem Gesicht, die sich neben seiner Nase gebildet hatten.
„Eben“, sagte ich, als er sich vorsichtig an den Abstieg machte. „Es muss einer auf dich aufpassen. Du hast ja schon Schwierigkeiten mit unserem Gartentor.“
Er drehte sich auf der schmalen Stufe um und sah mich durchdringend an. „Liebe Tochter“, sagte er, den Kopf in Höhe meiner Knie, „du weißt aber schon, dass ich in Ägypten Grabungen geleitet habe, oder?“
„Da hat offenbar Svea auf dich aufgepasst.“
„Genau. Und du passt jetzt auf Jasper auf, der hat’s auch nötig.“ Ohne ein weiteres Wort drückte Martin mir den türkisgrünen Tampen mit Jasper daran in die Hand, wandte sich um und folgte den Polizisten in den Bunker. Zornig stampfte ich mit dem Fuß auf. Die Wut fühlte sich heiß an und kribbelte auf meinen Wangen.
„Bist du jetzt sechs oder sechzehn?“ Jan grinste.
„Keine Ahnung, aber ich zähl gleich bis sechzig und dann geh ich da runter.“
„Warum bist du denn so wild drauf mitzukommen? Heute Nachmittag hätte dich nicht mal Johnny Depp in Boxershorts dazu gebracht, da runterzugehen. Und dein Ausflug mit Frida ist auch nicht gerade gemütlich verlaufen, wenn ich dich daran erinnern darf. Ganz zu schweigen von der Nummer gerade eben.“
„Phhh, Johnny Depp!“ Ich tippte mir an die Stirn. „Aber …es macht mich einfach wahnsinnig, hier zu stehen und nicht zu wissen, was da unten passiert. Ich … ehrlich gesagt, ich hab Angst um Martin. Wenigstens genauso viel wie er um mich. Er ist mindestens so tollpatschig wie Jasper.“
„Apropos …“, sagte Jan.
„Apropos!“, erwiderte ich, ging in die Knie und band meinen Hund an dem rostigen Ring in der Falltür fest, die umgeklappt auf dem niedrigen Gestrüpp ruhte. Trotzig blickte ich Jan in die Augen. „So. Und jetzt sind die sechzig Sekunden Vorsprung um, Herr Grabungsleiter in Ägypten.“ Ich zupfte Jan am Ärmel und zog ihn hinter mir her. „Warum haben die Bullizei-Typen eigentlich so lange gebraucht, bis sie rankamen?“, fragte ich, als ich mich beruhigt hatte und wir uns durch den Türspalt drängten.
„Zwei von ihnen kommen direkt von einem anderen Einsatz. Wieder ’ne Apotheke.“
„’ne Apotheke? Komisch. Haben die keine Banken hier?“ Dann fiel mir Mia ein. Brauchte sie nicht Medikamente? „Wo denn diesmal?“
„St.-Severin-Apotheke, Tinnum.“
„Tinnum?“
„An der Bahnlinie zwischen Westerland und Keitum.“
„Hmm.“ Ich starrte in die Düsternis vor mir. „Los, komm jetzt.“
Bis auf einen Knick ungefähr in der Mitte verlief dieser Gang ebenso schnurgerade wie der andere unterhalb der Dünen. Der Boden war allerdings weniger uneben und so gut wie keine Betonteile verstellten den Weg, sodass wir rasch vorwärtskamen.
Als ich zehn Minuten später Martins Grabungsassistentin mitsamt ihrem kaltschnäuzigen Töchterlein wiedersah, wurde zum zweiten Mal an diesem Tag scharf geschossen.
Dreißig Sekunden bevor wir die Öffnung zu Mias kuscheliger Katakombe erreicht hatten, gellte ein Schrei durch unseren Gang, gefolgt von einer krachenden Gewehrsalve, deren Echo, wie es aussah, den Rest der sandigen Kruste von Decke und Wänden raspelte.
Jan und ich warfen uns auf den Boden, wo auch schon Martin in Deckung gegangen war, die Hände über den Ohren, während die vier Polizisten nach Art von Guerillakämpfern mit gezückten Pistolen und dem Rücken zur Wand im Sandhagel die letzten Meter zurücklegten. Sie kamen gerade rechtzeitig, um den Eierkopf unter dem wohlgezielten Handkantenschlag eines gewissen Strandkorbwärters in sich zusammensacken zu sehen, während der Autoscheinwerfer ruckartig von Svea und Frida wegzoomte, nach einem Kick von Lars’ rechtem Bein aus der Latex-Hand flog, die ihn gehalten hatte, und mit der Rückseite nach unten auf den Boden schepperte. Von wo aus er ein kreisrundes weißes Loch in die Decke brannte.
Der Langhaarige, dessen Sonnenbrille ihm aus dem Haar gerutscht und bei Frida auf dem Schlafsack gelandet war, blickte hektisch um sich. Seine Nasenflügel blähten sich witternd wie die einer ausgehungerten Laborratte in einer labyrinthischen Versuchsanordnung auf der Suche nach ihrem Futter. Dann stürzte er in Richtung des unversperrten Gangs davon.
„Stehen bleiben!“, donnerte der bullige Polizist, worauf noch mehr Sand von der Decke rieselte, und richtete den kalten blauen Strahl seiner LED-Leuchte auf den Fliehenden. Aber es war nur noch ein Blick auf den mickrigen Rattenschwanz zu erhaschen, zu dem sein Haar gebunden war.
„Der kommt nicht weit“, erklärte Svea, während zwei Beamte hinter dem Kerl herrannten. „Dadrin ist es stockfinster. Und er hatte nur diese Lampe.“ Sie deutete auf den Autoscheinwerfer, dessen Licht jetzt an der Decke hin und her schwankte, da einer der Polizisten ihn bei der Verfolgung mit dem Fuß erwischt hatte. Es wurde einem übel davon, wenn man länger hinsah. Kurz darauf hörten wir einen Aufschrei, gefolgt von einem dumpfen Schlag. Dann war es still. Der Typ musste in vollem Lauf mit dem großen Betonbrocken kollidiert sein, hinter dem ich mich vorhin versteckt hatte.
Ich rappelte mich auf. Jan stand schon wieder senkrecht und half mir hoch. „Alles klar bei dir, Papa?“
„Sieht ganz so aus, mein liebes Kind.“ Er schenkte mir einen verschwommenen Blick über seine Brille hinweg, die mit abgebrochenem Bügel auf Halbmast in seinem Gesicht hing. „Hatten wir nicht vereinbart, dass du oben bleibst?“
Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er sich zu dem Oberpolizisten um. „Ist bei Ihnen auch alles in Ordnung, Herr Kramer?“
Der bullige Polizist nickte und bückte sich, um die Pistole sicherzustellen, die noch in Reichweite des Glatzkopfs lag. Dann zog er ein Paar Handschellen aus seiner Jackentasche und ließ sie vorsorglich um dessen Handgelenke klicken. „Kann mir irgendwer erklären, was eigentlich hier los war?“ Er räusperte sich, um seine Stimme von ihrem Schmirgelpapierton zu befreien. „Warum wurde geschossen?“
„Wegen Muffin, Mias Ratte“, rief Frida und strahlte den Polizisten an. „Die war unter dem Schlafsack vorgekrochen und lief auf den mit der Pistole zu.“ Sie kramte ein Stück Käserinde aus Mias Rucksack, hielt sie der weißen Ratte vor die rosa Schnauze, die dahinter hervorlugte, und streichelte sie hinter den Ohren. „Hier, Muffin. Die hast du dir echt verdient. Der hatte wohl Angst vor Ratten.“
Der Eierkopf gab ein Grunzen von sich, wälzte sich herum und öffnete mit schmerzverzerrtem Gesicht die Augen.
„Und dann hat der junge Mann hier die Chance genutzt, den Kerl und seinen Kumpanen außer Gefecht zu setzen“, sagte Svea. Sie lächelte Lars an, während sie sich schwungvoll erhob. „Vielen Dank. Sah echt professionell aus. Ohne Sie …“
„… hätten Sie immer noch uns gehabt“, grummelte Mr. Porschebrille, der mit seinem Kollegen aus dem Gang auftauchte, wo sie den verletzten Typen mit der Bomberjacke und den schmierigen Haaren eingesammelt hatten. Sveas „echt professionell“ hatte ihn wohl in seiner Eitelkeit getroffen. Der Rattenschwanz blutete aus einer klaffenden Stirnwunde und schien nicht aus eigener Kraft gehen zu können. Seine Hände waren vor dem Bauch mit Handschellen fixiert.
„Das war’s dann wohl“, sagte Lars Andresen und klopfte sich den Sand von den Händen und aus seinen Klamotten, während der Kerl ihn unter blutverschmierten Lidern finster anstarrte.
„Und wer sind Sie, junger Mann?“ Herr Kramer, der mit der LED-Leuchte, musterte Lars Andresen von oben bis unten, während seine beiden Kollegen sich um den Glatzkopf kümmerten, der anfing, sich am Boden zu regen. „Was haben Sie hier unten gemacht außer einem bisschen Kung-Fu?“
„Lars Andresen“, stellte er sich vor und schüttelte dabei zwei Häufchen Sand aus seinen Hosentaschen. „Ich wollte meine Nichte dazu überreden, wieder nach Hause zurückzukehren. Als ich erfuhr, dass sie verschwunden ist, und in der Sylter Rundschau das Bild von der siebenschwänzigen Ratten-Brosche sah, habe ich vermutet, dass sie irgendwo auf der Insel ist. Die Brosche hab ich ihr mal zum Geburtstag geschenkt. Sie weiß von meinem Bunker-Hobby, es hat sie fasziniert, seit ich ihr zum ersten Mal davon erzählte, und irgendwann kam ich drauf, dass sie sich das zunutze gemacht haben könnte.“
„Dann sind Sie …“, flüsterte ich fassungslos, „dann müssen Sie …“
„… der Bruder von Susanne Sander sein, der Mutter der vermissten Mia. Hundert Punkte, du Sturzvogel.“
„Was … woher wissen Sie?“, stammelte ich.
„Du hast mich nicht gesehen, aber ich dich, als du in das Bunkerloch bei den Dünen gefallen bist.“
„Und Sie haben mir nicht geholfen?“, fauchte ich empört. „Ich hätte tot sein können.“
„Warst du aber nicht. Ich hab dich schreien gehört.“
„Aber wirklich …“, schaltete Martin sich ein. „Das ist unterlassene Hilfeleis–“
„Was hätte ich denn machen sollen?“, gab Lars bissig zurück. „Ihre Tochter ist ein bisschen sehr auf Krawall gebürstet. Nach dem, was sie am Strand zu mir gesagt hat, hätte sie mich vermutlich wegen versuchter Vergewaltigung angezeigt, wenn ich versucht hätte, mich ihr in friedlicher Absicht zu nähern.“
„Aha.“ Martin runzelte die Stirn. „Was hast du zu ihm gesagt, Helena?“
„Ich … ehm …“
„Vergiss es“, sagte Lars großzügigerweise und ersparte mir damit die Peinlichkeit, meine Worte von damals vor Publikum zu wiederholen. „Außerdem habe ich die konzertierte Rettungsaktion beobachtet, bei der die zwei“, er nickte Jan und Frida zu, „dich wieder ans Tageslicht gehievt haben. Ich wusste also, dass du in Sicherheit warst.“
„Und die Geräusche im Bunker?“, fragte ich. „Waren Sie das?“
„Nein, allerdings habe ich vermutet, dass das Loch in den Bunker führen könnte, den ich vor ein paar Wochen bei der alten Flakstellung entdeckt hatte. Und als es dann diesen Einbruch in die Hörnumer Apotheke gab und Mia nicht wieder auftauchte, habe ich eben eins und eins zusammengezählt.“
„Was in diesem Fall null zu ergeben scheint.“ Der bullige Polizist, der anscheinend Kramer hieß, hatte unseren Dialog bis dahin aufmerksam, aber schweigend verfolgt. „Null Nichte nirgendwo. Nur dass der Einbruch bei Schrader in Hörnum auf das Konto Ihrer Nichte geht, davon dürfen wir nun wohl ausgehen.“ Er rieb sich die linke Seite seiner fleischigen Nase. „Hat jemand eine Idee, wo Mia Sander jetzt stecken könnte?“
Keiner sagte etwas. Nur der Eierkopf am Boden stöhnte leise auf.
„Sie sucht Igel“, ließ sich plötzlich Frida vernehmen. „Also dich, ihren Onkel.“