18
Wie zu erwarten, war Fridas Nylonseil nicht mehr da. Ich hatte es mit Absicht hängen lassen, damit der Kapuzentyp nicht darauf kam, dass wir zu zweit gewesen sein mussten, falls er zurückkehren würde. Außerdem hätte Frida so vielleicht noch eine klitzekleine Chance zu entwischen. Aber offensichtlich hatte der Kerl sein Nest selbst noch mal verlassen und das Seil mitgenommen. Hinter dem Findling lag es jedenfalls nicht.
Zitternd hielt Jasper sich in sicherer Entfernung. Erst jetzt fiel mir auf, dass er noch immer Martins Unterhemd anhatte. Gegen Sonnenbrand! Unwillkürlich musste ich lächeln über Fridas Einfallsreichtum.
„Das glaube ich nicht“, sagte Svea mit rauer Stimme, als sie das Loch erblickte. Sie ging in die Hocke und versuchte zwischen den scharf gezackten Betonkanten hindurch in dem schwarzen Bunkerschacht etwas zu erkennen. „Hier ist sie alleine reingeklettert? Dieses verrückte Kind. Von wem hat sie das bloß?“
„Na ja, Grabungen aller Art sind ja auch eine Spezialität von dir.“
Svea warf meinem Vater einen Blick zu, der keines weiteren Kommentars bedurfte.
„Frida!“, schrie sie in das Loch hinein, während sie ihre Hände zu einem Trichter vor ihrem Mund formte. „Frida, hörst du mich?“ Ihr eigenes Echo war das Einzige, was sie zur Antwort bekam.
„Oh, Mann, hätte ich sie bloß neulich mit mir runtersteigen lassen. Dann wär das hier nicht passiert.“ Jan wirkte niedergeschlagen. „Sie wollte doch unbedingt auch hier rein.“
„Du kannst nichts dafür.“ Martin legte Jan die Hand auf die Schulter. „Damit konnte schließlich kein Mensch rechnen.“
„Doch“, sagte ich. „Doch, bei Frida muss man grundsätzlich mit allem rechnen. Das müsste dir doch auch langsam klar sein.“
„Bei mir auch.“ Mit angespanntem Gesicht stand Svea auf und klopfte sich den weißen Dünensand aus den Händen. „Ich warte nicht mehr. Ich geh da jetzt runter.“ Entschlossen ging sie auf Jasper zu, der sichtlich erschöpft zwischen den Halmen des Strandhafers lag, und nahm ihm die türkise Leine ab, die ich ihm wieder umgebunden hatte, bevor wir losmarschiert waren.
„Aber das macht doch keinen Sinn, Svea. Lass das bitte die Polizei erledigen. Die sind sicher gleich da.“ Martin rieb sich unter seinen Brillengläsern die Augen. „Du wirst alles noch schlimmer machen. Sei doch bitte vernünftig.“
„Bis die kommen, kann viel passieren“, erklärte Svea kurz angebunden und streichelte Jasper über den Kopf.
„Du hast noch nicht mal eine Taschenlampe“, protestierte Martin. „Da unten ist es stockfinster.“
„Stimmt“, sagte Jan. „Aber ich hab eine.“ Er fing meinen erstaunten Blick auf. „Nur so eine Idee, falls euch inzwischen die Batterien ausgegangen sind.“ In der Tat hatte Tante Hedis Vorsintflut-Modell mittlerweile den Geist aufgegeben und Fridas Ersatz-Batterien hatten nicht gepasst.
Svea hörte gar nicht richtig zu. Geschickt knüpfte sie eine Schlinge in eines der Tau-Enden und drückte sie Martin in die Hand. „Ihr haltet das hier fest und ich seile mich ab.“ Sie ließ sich am Rand des Lochs nieder, ließ die Beine nach unten baumeln und blickte uns auffordernd an. „Na los, macht schon. Wer weiß … vielleicht ist sie verle…“
„Stopp“, sagte ich, bevor sie ihren Satz zu Ende bringen konnte. Ich konnte Svea unmöglich da reinklettern und womöglich ins offene Messer laufen lassen. Oder in den Lauf eines Gewehrs. „Da unten ist was faul. Das ist kein normaler Irrer, der sich da verbirgt. Er hat ein Gewehr.“ Fahrig wischte ich mir die Haare aus dem Gesicht. „Und er benutzt es auch“, schloss ich leise.
„Ein Gewehr?“ Forschend sah Svea mich an, Panik in den Augen und in der Stimme. „Das weißt du aber nicht erst seit eben gerade.“
„Nein“, gab ich zu. „Vorhin hab ich’s gesehen. Dort, wo ich Frida gefunden habe. Und als ich neulich zum ersten Mal da drin war, gab es einen Knall und etwas schleifte über den Boden oder an der Wand entlang. Ich dachte erst, ich hätte geträumt, aber Jasper hat es auch gehört. Seine Nackenhaare haben sich aufgestellt. Er hat leise geknurrt und am ganzen Körper gezittert.“
„Deshalb hast du so beharrlich nach den alten Bunkergeschichten gefragt“, sagte Martin. „Warum hast du das nicht gleich gesagt, statt mir von hinten durchs Knie all diese Fragen zu stellen?“
„Ich dachte, du würdest mich auslachen.“
„Tu ich nicht.“ Martin wurde sichtlich nervös. „Und jetzt ist Frida allein da drin.“
„Das ist eben die Frage“, sagte Jan leise. „Ob sie allein da drin ist. Da ist nämlich noch was …“
Entnervt rieb Martin sich die Stirn und setzte zweimal hintereinander seine Brille auf und ab. „Was denn noch? Muss man euch jeden Satz einzeln aus der Nase ziehen?“
Mit beiden Händen hatte Svea in wilder Entschlossenheit das Seil gepackt und sah aus, als würde sie in der nächsten Sekunde in den Schacht springen.
„Es gibt einen zweiten Eingang zu dieser Höhle. Jedenfalls glauben wir das. Fanny und ich haben ihn heute Nachmittag entdeckt. Beim Königshafen.“
„So ist es auch in Tante Hedis Bunkerbuch eingezeichnet“, unterbrach ich ihn.
„Tante Hedis Bunkerbuch???“
„Egal“, sagte ich. „Mitten auf der grünen Wiese tauchte jedenfalls plötzlich wie aus dem Nichts ein Mann auf. Das heißt, wir wissen nicht, ob es ein Mann war. Er hat eine Zigarette geraucht und ist dann Richtung Strand weggegangen.“
„Und dann?“ Martins rechte Hand umfasste angespannt die Schlinge.
„Dann haben wir uns das angesehen. Ich bin über eine Metallöse im Boden gestolpert, die in einer Betonplatte verankert war und sich als Schlüssel zu einer glitschigen Treppe entpuppte.“
„Ihr wart da drin?“, fragte Svea.
„Nein“, sagte ich und fasste nach Jans Hand. „Es war so … so … unheimlich.“
„Wusste Frida davon?“
„Nein. Auch nicht von den Geräuschen. Nur Jan, Jasper und ich wissen davon. Und der, der sich da unten verkriecht.“
Svea schlug sich die Hand vor den Mund. Ein ersticktes Geräusch wie von einem Tier in Todesangst drang durch ihre verkrampften Finger.
„Okay“, sagte Martin. „Neuer Plan. Jan und ich gehen runter. Jetzt. Ihr beiden ruft noch mal im Polizeirevier an und führt sie so schnell wie möglich zu dem zweiten Eingang.“
„Kommt nicht infrage“, sagte Svea. „Halt fest.“
Martin reagierte reflexartig und den Bruchteil einer Sekunde später hatte Svea sich wie Tarzan an einer Liane nach unten geschwungen. „Bring die Taschenlampe mit“, drang es nach einem stumpfen Plupp von ihren Sneakers nach oben. Ohne zu überlegen, riss ich sie Jan aus der Hand, stopfte sie in den Bund meiner Jeans und rutschte hinter Svea her. Jan blieb nur noch, geistesgegenwärtig das Seil zu packen, damit mein Vater nicht mit in das Loch hineingezogen wurde.
„Gib mal her.“ Sveas fordernder Ton ging mir trotz meines schlechten Gewissens auf den Keks. Wortlos reichte ich ihr Jans Taschenlampe. Ihr bläulicher Lichtkegel fuhr nervös in jede Ritze des Schachts auf der Suche nach etwas, das Frida hinterlassen haben könnte. Aber die einzigen Indizien menschlicher Anwesenheit, die wir fanden, waren eine leere PET-Flasche und der grüne Wollfaden, dessen eines Ende zur Spirale gekringelt unter der Deckenöffnung lag und von dort Richtung Gang führte. Als ich einen Schritt darauf zu machte, knisterte es unter meinem rechten Fuß. Ich bückte mich nach einem zerknüllten hellen Papierball mit einer durchsichtigen Plastikhülle drum herum. „RAUCHEN KANN TÖDLICH SEIN“, las ich, nachdem ich ihn glatt gestrichen hatte. Und „Chesterfield“. Sonst stand nichts darauf. Ich zerknüllte die leere Zigarettenpackung zwischen meinen Fingern und warf sie zurück neben die zu einem schwarzen Tarantelgerippe erstarrte Bananenschale auf dem Boden.
„Hier ist nichts“, schrie Svea. „Wir gehen jetzt los.“
„Polizei ist unterwegs“, rief Martin zurück. „Jan ist schon los zum Königshafen. Ich bleibe mit Jasper hier.“
Wir waren etwa zehn Meter in den unterirdischen Gang vorgedrungen, als ich plötzlich stockte. Chesterfield … Wieso eigentlich Chesterfield? Die Kippen, die Jan und ich bisher an den einschlägigen Orten gefunden hatten, stammten von Zigaretten der Marke Nil. Beim Luftschutzraum im Lister Urwald hatten welche herumgelegen und bei der Falltür der alten Flakstellung auch. Und jetzt Chesterfield. Ich überlegte. Das konnte nur zwei Dinge bedeuten: Entweder es war der Person, mit der wir es hier zu tun hatten, egal, welche Marke sie rauchte. Oder es war mehr als eine, die hier unten ihren Geschäften nachging. Es sei denn, Frida hatte plötzlich mit dem Rauchen angefangen.
„Was ist denn?“ Svea hatte gemerkt, dass ich ihr nicht mehr folgte, und drehte sich ungehalten zu mir um. Sie leuchtete mir mit der Taschenlampe in die Augen, sodass ich sie zukneifen musste. Abwehrend hielt ich beide Hände in ihre Richtung. „Nimm das weg. Das nervt.“
„Wo bleibst du denn? Dieses Teil hier hat keine große Reichweite. Und wer weiß, wann die Batterie ihren Geist aufgibt. Bleib bitte dicht hinter mir.“ Der Lichtkegel kletterte an mir herunter und zitterte von meinen Turnschuhen an Sveas Sneakers vorbei wieder nach vorn. Bitte!, hatte sie gesagt. Immerhin.
„Svea“, sagte ich zögernd. „Hier ist mehr als einer.“
„Was?“ Wieder traf mich das gleißende Licht mitten ins Gesicht und ich musste meine Augen mit beiden Händen abschirmen, bis Svea gnädigerweise den Lichtstrahl an die Wand lenkte.
„Hier unten muss außer Frida mehr als eine Person sein.“
„Woher willst du das wissen?“
„Die leere Zigarettenschachtel eben war ’ne Chesterfield. Und vor den Bunkereingängen am Königshafen und im Lister Urwald lagen nur Nil rum.“
Svea schwieg und ließ ihren Scheinwerfer sinken, worauf am Boden ein scharf konturierter kreisrunder weißer Lichtpunkt erschien.
„Hast du nicht gesagt, du hast einen Schuss gehört, als du neulich hier unten warst?“, sagte sie schließlich.
„Ja, du meinst …“
„Vielleicht bringen die sich ja gegenseitig um …“
„Dachte ich auch schon. Aber da war keine Leiche. Jedenfalls nicht, als ich Frida vorhin …“ Die Worte erstarben auf meiner Zunge. Wie konnte ich bloß so taktlos sein. „Die Chesterfields waren definitiv nicht da, als ich hier rausgeklettert bin“, fuhr ich hektisch fort. „Die Schachtel muss später hier gelandet sein. Und frische Nils haben wir erst heute Nachmittag bei der Falltür gefunden.“
„Es soll ja auch Nichtraucher geben“, sagte Svea sarkastisch. „Mit anderen Worten: Wir haben keine Ahnung, mit wie vielen Leuten wir es hier zu tun haben und was die hier unten treiben. Komm, weiter.“ Sie drehte sich um und setzte sich wieder in Bewegung, dem schwankenden Lichtkegel hinterher, der an Boden und Betonwänden entlanggeisterte. Wie schon vor ein paar Stunden verlor ich auf der Stelle jegliches Zeitgefühl. Nach wenigen Minuten bereits hatte ich den Eindruck, mich schon seit einer halben Ewigkeit hier längszutasten.
„AUA.“ Ich war über einen dicken Feldstein gestolpert.
„Pscht“, zischte Svea, knipste die Lampe aus und blieb stehen, während ich in der totalen Finsternis gegen ihren Rücken prallte. Den Schrei in meiner Kehle konnte ich gerade noch ersticken. „Ich dachte, ich hätte was gehört.“ Wir lauschten in die Dunkelheit und ich hatte das Gefühl, meine Ohren summten vor Konzentration und erfanden ihre eigenen Geräusche. Aber da war nichts. Svea holte tief Luft, knipste Jans Lampe wieder an und wir folgten dem Tunnel weiter. Nach ungefähr zehn Schritten hielt ich ein kleines Wollgespinst in der Hand.
„Svea, schau mal.“ Der Lichtstrahl traf meine Hand, aus der es uns smaragdgrün entgegenleuchtete. Der Faden der Ariadne – er war zu Ende. Ich konnte es nicht sehen, aber ich war mir sicher, dass es um Sveas Mund zuckte. Oder dass sie die Lippen zusammenpresste, so fest sie konnte. Zärtlich berührte sie das, was von dem Wollknäuel übrig geblieben war.
„Dann kann es nicht mehr allzu weit sein“, flüsterte sie, umklammerte die Taschenlampe so fest, dass die gebräunte Haut um ihre Fingerknöchel sich spannte, und wandte sich um.
Wir stolperten weiter vorwärts, bis Svea erneut innehielt und das Licht löschte. Erst dachte ich, es sei eine optische Täuschung, weil ich so sehr auf den Lichtkegel der Taschenlampe fixiert war, der uns den Weg wies. Um uns herum herrschte pechschwarze Nacht und dennoch hatte ich das Gefühl, ein weißer Schleier liege über der Dunkelheit. Doch als sich unsere Augen an das schwarze Nichts um uns herum gewöhnt hatten, nahmen wir tatsächlich einen Lichtschimmer wahr, der von weiter vorne kam.
„Sieh mal, da.“ Svea zuckte zusammen, als ich ihr die Hand auf die Schulter legte und in ihr Ohr flüsterte. Sie nickte. Wir wagten es nicht mehr, die Lampe anzuknipsen, und tasteten uns vorsichtig mit Händen und Füßen vorwärts durch den Gang wie zwei Blinde ohne Blindenhund. Zwar war Jasper auch als Blindenhund garantiert eine Fehlbesetzung, aber ich hätte ihn doch gern bei mir gehabt. Ich konzentrierte mich so darauf, selbst kein Geräusch zu machen, dass ich wie angewurzelt stehen blieb, als unmittelbar vor mir ein schepperndes Klonk ertönte.
„Scheiße, die Taschenlampe“, murmelte Svea. „Ich hab sie fallen gelassen. Bleib, wo du bist.“ Während sie, offenbar auf allen vieren, nach dem kostbaren Stück fahndete, hörte ich plötzlich Stimmen.
„Rühr mich nicht an!“
Woher kam das? Von vorne, von hinten? Ich hatte völlig die Orientierung verloren.
„Mach keine Dummheiten. Leg das weg.“ Eine zweite Stimme, gefolgt von einem scharrenden Geräusch. Dann raste ohne Vorwarnung ein Knall durch unseren Tunnel, der sich seitlich, über und unter uns an den Wänden brach und dessen Echo wie eine Monsterwelle in unsere Gehörgänge donnerte. Adrenalin flutete meine Adern, aber mein Fluchtreflex kapitulierte vor dem ohrenbetäubenden Lärm, und an Angriff war erst recht nicht zu denken. Schreiend ging ich zu Boden, die Hände auf die Ohren gepresst, und drückte den Kopf auf die Knie. Sand rieselte von allen Seiten auf mich herab und instinktiv kniff ich die Lippen zusammen, um ihn nicht auch noch zwischen die Zähne zu kriegen.
Als ich gefühlte Minuten später wieder zu mir kam und der Knall im Nirwana dieses Labyrinths endlich zu verebben schien, befürchtete ich, meine Trommelfelle hingen in Fetzen vor meinem Innenohr wie der schäbige Aula-Vorhang vor unserer Schulbühne. Langsam löste ich die Hände von den Ohren und hob den Kopf, worauf mir eine Portion Sand aus den Haaren ins T-Shirt rutschte. „Svea? Bist du okay?“ Ich hatte kein Gefühl mehr für die eigene Stimme, wusste nicht, ob ich flüsterte oder laut redete.
Svea antwortete nicht. Konnte sie mich nicht hören? Konnte ich sie nicht hören? Benommen richtete ich mich auf und kroch in ihre Richtung, bis ich auf etwas Weiches stieß. Ich hatte ihren Oberarm erwischt. „Svea.“ Ich nahm ein ersticktes Schluchzen wahr. Gott sei Dank. Meine Ohren funktionierten noch. „Svea, alles okay bei dir?“ Bevor ich eine Antwort bekam, röhrte eine sich überschlagende Stimme durch den Schacht.
„Bist du wahnsinnig? Willst du das Teil hier zum Einsturz bringen oder was?“
Unter ihrer dünnen Windjacke erstarrte Svea ebenso wie ich. Ihre Ohren hatten den Anschlag also auch überlebt. Bevor sich wenigstens darüber so etwas wie Erleichterung in mir breitmachen konnte, passierte alles ganz schnell. Ohne Rücksicht auf Verluste sprang Svea auf, knipste die Taschenlampe an, als sei es ihr egal, wer wen zuerst entdeckte, und rannte los. Ich folgte ihr, so schnell es die zackigen Schatten an Wänden und Boden zuließen, und kurz darauf standen wir in der Öffnung zu dem Raum, der rechts von uns in den zweiten Gang mündete. Der Anblick, der sich uns bot, deckte sich zu null Komma null Prozent mit dem, was wir befürchtet hatten. Wir brauchten einen Augenblick, um das absurde Szenario vollständig zu erfassen.
„Frida! – Oh, Gott.“
Ein Gewehrlauf richtete sich auf uns, um dann umgehend auf sein ursprüngliches Ziel zurückzuschwenken. Am anderen Ende des Gewehrs saß im Schein der dreidochtigen Kerze Frida auf dem Schlafsack und blickte, die schmutzige Hand am Abzug, mit zusammengekniffenem rechten Auge durch das Suchfernrohr wie ein Profikiller. Sie hielt einen Kerl in Schach, der mit erhobenen Händen und schreckgeweiteten Augen im Eingang zu dem anderen Gang stand und offenbar unglaublich wütend war. „Gehört sie zu euch?“, fragte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch. „Wenn ja, dann wird’s höchste Zeit, dass ihr kommt. Dieses Gör bringt mich noch um.“
„Sie wird ihre Gründe dafür haben“, parierte Svea und richtete ihre Taschenlampe zur Abwechslung auf seine Augen. Bevor sich die Lider blinzelnd und zuckend über ihnen schlossen, trafen mich zornige Funken in Katzenaugengrün.
Weißt du, warum ich ausgerechnet hier bin? Nicht weil ich so einen morbiden Geschmack habe. Nee. Ich bin wegen Igel hier. Wusstest du, dass mein lieber Onkel ein Schleicher ist? So nennt man Leute, die in alten Gemäuern herumlungern, stillgelegten Fabriken, Bergwerken, alten Bunkern auf der Suche nach dem ultimativen Kick. So einer Art Horror mit Hinterausgang. Ehrlich gesagt, die haben keine Ahnung. Der wahre Horror lauert in der ganz normalen Kleinfamilie. Aber ohne Hinterausgang. Man muss nur ein bisschen an der Oberfläche kratzen, und schon bricht alles auseinander und die Monster fallen einen an. Dazu brauchst du noch nicht mal ’nen Klappspaten.
Igel jobbt zurzeit hier auf Sylt. Und ich bin sozusagen auf Besuch. Ehrlich gesagt, ein Ferienhaus mit Seeblick wär mir lieber gewesen als das hier. Ich bin auch in eins eingebrochen und hab zwei Wochen drin gewohnt. Aber dann wurde mir die Sache zu heiß. Hab mich immer nur nachts rausgetraut, und das war Mist. Deshalb hab ich das mit dem Untertauchen wörtlich genommen. Unter die Erde tauchen, in eine von Igels Schleicher-Höhlen. Ist’n echter Profi, dein Brüderlein. Auf seiner Homepage hab ich auch den Eingang zu meiner Gruft entdeckt.
Aber darum geht’s jetzt nicht. Soll ja kein Schulaufsatz werden: „Mein spannendstes Ferienerlebnis“, oder so. Ich hoffe, dass er sich mit noch was anderem auskennt als mit seinen Bunkerlöchern: mit dir nämlich. Meiner lieben Mami. Er muss acht gewesen sein, als ich geboren wurde. Er muss mitgekriegt haben, was damals passiert ist, was sein Schwesterherz so treibt. Ein Zeitzeuge sozusagen. Bisher hab ich ihn noch nicht erwischt, aber sicher bald.
Na, Muffe vor dem, was er auspacken könnte?