EPILOG

Als wir nach Hause kamen in den Priel Nr. 11, war Frida ausgezogen. Aus Solidarität mit Marzipans zukünftigen Söhnen und Töchtern hatte sie sich in Martins Zelt im Garten eingerichtet. Dort übernachtete sie bis zum Ende der Ferien in der Gesellschaft von neun Hühnerkacke-Eiern und mit Jasper als Bodyguard. Auf keinen Fall wollte sie verpassen, wie die Babys schlüpften, sagte sie, auch wenn das freudige Ereignis laut Wikipedia erst in sechzig bis achtzig Tagen zu erwarten war. Einmal allerdings, als ich nachts aufs Klo musste und danach das Fenster zum Garten aufmachte, sah ich, wie Frida sich verschlafen aus ihrem Zelt wurstelte und mit ihrer Patchworkdecke im Schlepptau zurück in ihr kuscheliges Bett in Tante Hedis Haus tappte.

Jan und ich verbrachten den Rest der Ferien überwiegend und unfallfrei auf einer von Tante Hedis selbst gestrickten Wolldecken in einer Sandkuhle am Oststrand. Nicht weit von den sogenannten Lister Seekühen, die seit rund siebzig Jahren stoisch im Wattenmeer stehen.

„Hey, sag mal, wusstest du eigentlich, dass die Lister Seekühe ebenfalls Überbleibsel aus dem Zweiten Weltkrieg sind? Das waren Seezielbatterien für Schießübungen und sie gehörten …“

Der Rest dieser hochinteressanten Information ging leider verloren. Sie vernuschelte zwischen zwei Lippen, die nach Marshmallows schmeckten, und einem abgrundtiefen Grübchen.

Von Mia hab ich übrigens noch einen Brief bekommen, vor ein paar Wochen, als die Schule längst wieder angefangen hatte. Ihre Sauklaue hat sich auch unter Tageslicht-Bedingungen nicht wesentlich gebessert, aber ihr selbst geht’s wieder gut. Sie hinkt nur noch ein kleines bisschen und epileptische Anfälle hatte sie seit dem auf Sylt auch keine mehr.

„Aber diesem Feigling von meinem Doktor-Vater hab ich vorletzte Woche die Meinung gegeigt“, schrieb sie. „Ohne Zeugen. Seine Familie kann ja schließlich nix dafür, dass er so ein Arsch ist. Meine Mutter sagt, er hat gestern gekündigt, um irgendwo in Süddeutschland Chefarzt zu werden. Dahin kann er seine epileptischen Gene gern mitnehmen. Ich hoffe nur, alle Krankenschwestern bringen sich dort rechtzeitig in Sicherheit.

Und apropos Krankenschwester: Meine Mutter hat tatsächlich nur eine Strafe auf Bewährung bekommen, so wie dein Jan vermutet hatte. Sie war keinen Tag von zu Hause weg, außer zur Gerichtsverhandlung natürlich. Jetzt arbeitet sie wieder im Krankenhaus. Nur ohne kriminelle Kollegen. Und der neue Oberarzt ist jetzt eine Frau .“

Von meinem Schutzengel krieg ich auch Post. Regelmäßig und jede Menge, wenn auch per Mail oder SMS.

„Vermisst wird sehnsüchtig die 16-jährige Fanny Filius aus Heidrege bei Hamburg. Sie ist meistens ein bisschen verwirrt und verdreht damit auch anderen Leuten ständig den Kopf. Sachdienliche Hinweise und Küsse, auch fernmündlich, wenn’s nicht anders geht, nimmt Jan entgegen. Tel. 0172…“

Fernbeziehung ist zwar bescheuert, aber für solche SMS lohnt sich das doch, oder? Martin geht’s da ähnlich und manchmal sitzen wir beide auf dem Sofa und bedauern uns gegenseitig. Er vermisst Svea. Die ist jetzt wieder in Ägypten und Frida in der Zeit bei ihrem eigenen Vater. Sie und Svea werden mir wohl erhalten bleiben. Bis auf Weiteres jedenfalls. Die Sache scheint ernst, genau wie die mit meiner Mutter und Benno. Aber ich glaub inzwischen, ich kann damit leben. Hätte schließlich viel übler kommen können.

Apropos übel und der Vollständigkeit halber: Von Marzipans neun Kindern sind fünf unbemerkt abgehauen. Drei Schlangeneier sind noch auf Sylt von Möwen gefressen worden; die haben sich garantiert den Magen verdorben. Und auf eins ist Frida draufgetreten. Frida hofft jetzt, dass Marzipan bald wieder Mutter wird, und sucht einen passenden Kornnatterich für sie. Per Facebook. Falls jemand einen hat: Haltet bitte bloß die Klappe.

Und apropos Mutter: Meine müsste ich dringend auch mal wieder besuchen. In Berlin tobt schließlich der Bär, oder wie war das?