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Zum Glück kam ich schneller wieder auf die Beine als gedacht. Am nächsten Morgen war die Schwellung deutlich zurückgegangen. Mein linker Fuß changierte ins Gelbgrüne und ich konnte ihn wieder vorsichtig aufsetzen und die ersten Schritte machen. Und ich konnte mein Handy schmerzfrei aus der Hosentasche ziehen, als es dieses „unappetitliche Pupsgeräusch“ machte, wie meine Mutter es nannte, wenn es auf lautlos geschaltet war.

„Hallo, mein Schnuffel.“

„Mama.“

„Ich hab gerade deine mörderische Seesternkarte gekriegt. Ist heute immer noch alles Scheiße?“

„Geht so.“ Offensichtlich hatte Britta ihre Hormonwolke Nr. 7 kurzfristig verlassen, um sich nach dem Grund für meine drastischen Urlaubsgrüße zu erkundigen.

„Was ist denn los bei euch? Kommst du vor lauter Renovieren nicht zum Ferien-Machen?“

„Doch … schon“, druckste ich herum.

„Aber?“

„Ach, ich bin in so ein Scheißloch gefallen und hab mir eine fette Bänderdehnung im Sprunggelenk geholt.“

„Beim Renovieren? So baufällig hatte ich Tante Hedis Bude gar nicht in Erinnerung.“

„Nee, am Strand. In den Dünen, um genau zu sein.“

„Och, so ein Pech. Und Martin trägt dich jetzt nicht auf Händen?“

„Nee, der trägt lieber andere Leute auf Händen. Und ich darf an Krücken gehen.“ Mist. Wieso war mir das jetzt rausgerutscht? Das Letzte, was ich wollte, war, eine neue Beziehungskrisenlawine ins Rollen zu bringen.

„Wie, andere Leute?“ Ich konnte förmlich sehen, wie Brittas Augenbrauen nach oben wanderten und dort stehen blieben.

„Na ja, wir haben Besuch gekriegt, für den Rest der Ferien.“

„B-e-s-u-c-h. Aha. Und gleich für den Rest der Ferien.“

Ich hörte Alarmstufe vier in ihrer Stimme und beeilte mich zurückzurudern, indem ich Svea und Frida mit Schwung unter den Teppich kehrte. „Ja, von einem … Kollegen von Papa und seiner … ehm, Familie.“

„Kenn ich den?“

„Nö, glaub nicht.“

„Und die sind blöd?“ Nur noch Alarmstufe eins Komma fünf.

„Geht so. Die zehnjährige Tochter nervt.“

„Aber so hast du wenigstens Gesellschaft, wenn du nicht laufen kannst.“

„Super. ’ne Zehnjährige mit Hyperaktivitätssyndrom.“

„Aber, Fanny …“ Mama tat ihr Möglichstes, um mich fernmündlich aufzuheitern. Und ich tat so, als würde ihr das gelingen, damit sie sich nicht in den nächsten Zug nach Sylt setzte und mich live vor Ort aufmunterte. Mama auf Sylt. Das hätte mir gerade noch gefehlt. War alles schon kompliziert genug. „Tschüss, mein Schnuff“, beendete sie nach zehn Minuten das Gespräch und klang zum Glück vollends arglos. „Sieh zu, dass du die Krücken bald loswirst. Und wenn du von Sylt zurück bist, besuchst du mich bald in Berlin. Dann machen wir uns ein kuscheliges Wochenende, okay? Hier gibt’s definitiv keine hyperaktiven Zehnjährigen.“

Nur hyperaktive Mütter, dachte ich. Mit hyperaktiven Lovern. „Ja, Mama, super“, sagte ich in der Hoffnung, dass Benno beim Kuscheln nicht mit von der Partie sein würde. Und dass sie mir die gespielte Vorfreude abnahm.

Nach zwei öden Tagen in Tante Hedis Strandkorb – unterbrochen nur von lästigen Bewegungs- und Gehübungen, Fridas nervigem Geplapper und witzigen SMS von Jan – war ich die Krücken tatsächlich wieder los. Und entschlossen, meine Bunkerbesichtigungspläne umgehend in die Tat umzusetzen. Mit Taschenlampe und Florett plus Brustschutz bewaffnet stand ich endlich vor dem zugemüllten Eingang des ehemaligen Luftschutzraums im Lister Urwald. Das Areal war wirklich nicht groß. Es grenzte an ganz normal bewohnte Grundstücke und bis auf zwei unerschrockene Kaninchen sah ich keine wilden Tiere.

Von der Seite und von hinten sah der Bunker aus wie ein schlichter Erdhügel. Hätte ich nicht gewusst, dass da irgendwo eine Tür sein musste, hätte ich ihn nicht bemerkt. Zwischen zerstörten Plastikgartenstühlen, alten Zeitungen und einer fleckigen Matratze tastete ich mich zum Eingang vor. Auf dem Boden daneben lagen mehrere Zigarettenkippen, die frisch geraucht aussahen. Ich bückte mich und stupste sie mit dem Florett an, um die Marke identifizieren zu können: Nil. Das waren die aus der hellblauen Packung.

Die rostige Eingangstür stand tatsächlich einen Spaltbreit offen, wie es auf dem Foto im Internet den Anschein gehabt hatte. In der Mitte oben hatte sie einen „Spion“, dessen Glasauge allerdings geborsten war, sodass er im Widerschein meiner Taschenlampe aussah, als funkte mir ein pulsierender Stern kryptische Morsezeichen entgegen. Mein Herz klopfte, als hätte es die Absicht, von innen den Kunststoff-Brustschutz sprengen, den ich sonst zum Fechten trug. Warum ich mir das sperrige Teil heute umgebunden hatte, wollte ich mir selbst nicht wirklich eingestehen. Als kugelsichere Weste war es jedenfalls nur bedingt geeignet. Obwohl: In Filmen oder Büchern tauchten immer wieder diese Geschichten auf von dem Lederportemonnaie in der Brusttasche oder dem Tagebuch oder gar der Bibel, die ihrem Träger das Leben gerettet hatten. Zum Beweis steckte meist eine silbrige 5-Millimeter-Metallkugel darin. Auf die Sorte Beweis konnte ich allerdings gut verzichten.

Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und stieß mit dem Pistolengriff des Floretts die Tür auf. Das metallische Kreischen, das aus den rostigen Scharnieren drang, ging mir durch Mark und Bein, während sich der Spalt um fünf Zentimeter vergrößerte. Mein Florett und ich zuckten zurück. Wenn dadrin tatsächlich jemand war, dann musste er jetzt ahnen, dass er Besuch bekam. Wollte ich da wirklich alleine rein? Ohne dass irgendjemand wusste, wo ich war? Warum bloß hatte ich nicht Martin mitgenommen? Der kannte sich wenigstens aus hier. Ich starrte den Spion an und überlegte. Vielleicht funktionierte er ja doch noch. Und drinnen stand jemand und nahm mich mit blutunterlaufenen Augen ins Visier. Ich machte vorsichtig einen Schritt zurück und erstarrte, als ich auf etwas Weiches trat, das deutlich hörbar die Luft einsog. Langsam drehte ich mich um. Hinter mir stand jemand. Ich hatte ihn nicht kommen gehört.

„Capt’n Jack Sparrow, nehme ich an?“, grinste ein mir nicht unbekanntes Grübchen unter der Kapuze des Sweatshirts hervor, die sich der Jemand gegen den Nieselregen über den Kopf gezogen hatte. „Spielen wir heute Fluch der Karibik? – Oder doch eher Lara Croft?“

„Mann, du Idiot!“, schrie ich, als ich meine Sprache wiedergefunden hatte. „Du hast mich zu Tode erschreckt! Tu das nie wieder. Was willst du überhaupt hier?“ Vor mir oder vielmehr hinter mir stand Jan.

„Gucken, was du so treibst, wenn du nicht gerade damit beschäftigt bist, Strandkörbe zu dekorieren oder in Löcher zu fallen. Hast du jemanden gemeuchelt?“

„Was?“ Er bückte sich und zog zu meinem Entsetzen eine steife Hand aus dem Müll zu unseren Füßen, die unterhalb des Handgelenks abgetrennt worden war.

„Sauberer Schnitt. Wusste gar nicht, dass ein Florett so scharfkantig ist.“ Ich atmete erleichtert aus. Zwischen zwei Fingern hielt Jan die grünspaksige Hand einer ehemaligen Schaufensterpuppe, die den Bunkereingang wie einen gruseligen Tatort erscheinen ließ.

„Das reicht jetzt.“ Ich stakste aus dem Müllhaufen und schnurstracks in Richtung der grün lackierten Bank, die an der nächsten Wegbiegung stand. Ziemlich bedient ließ ich mich darauffallen und warf mein Florett in das grüne Dickicht gegenüber. Jan folgte mir und ließ sich neben mir nieder.

„Sorry“, sagte er. „Ich wusste nicht, dass du so dünnhäutig bist. Ich wollte dich nicht so erschrecken, dass du aus den Latschen kippst.“

„Das ist leider danebengegangen. Außerdem bin ich nicht aus den Latschen gekippt.“

„Darf ich dich zur Versöhnung zu einem Picknick einladen?“ Er hatte einen Rucksack dabei, der an einigen Stellen seltsam ausgebeult war.

„Was? Hier?“

„Nee, dort.“ Er stand wieder auf, ging die paar Meter zu dem Erdhügel zurück und stieß mit einem Tritt die Tür zum Bunker auf. Diesmal quietschte sie nur boshaft in den Angeln, als wolle sie sich über mich lustig machen. „Da drin ist es trocken.“

„Du warst schon mal hier?“ Ich funkelte ihn an.

„Erraten.“

Ich klaubte mein Florett aus einer „Liane“, stapfte zum Bunker zurück und folgte ihm entschlossen durch die Metalltür ins Halbdunkel. Unter meinen Füßen knirschten Betonbrösel. Jan sah sich nach einer geeigneten Ecke um, wo er die beiden Gartenpolster deponieren konnte, die er mitgebracht hatte. „Und zwar virtuell und in echt.“

„Wie hast du das gefunden?“

„Genauso wie du. Ich hab einfach ‚Lister Urwald‘ bei Google eingegeben. Und Google hat mir jede Menge Bildmaterial ausgespuckt. Inklusive Lagebeschreibung.“ Wie blöd von mir, wieso war ich darauf nicht selbst gekommen? Ich hatte es noch mal über die Seite versucht, die wegen des niedrigen Batteriestatus kollabiert war, die Bilder aber nicht wiedergefunden. Und Martin hatte natürlich sofort gewusst, worauf ich hinauswollte, als ich ihn notgedrungen nach dem Eingang zum Urwald fragen musste. Aber dann war er doch so gnädig gewesen, es mir zu verraten. „Alle Lister kennen den. Und bevor du lange herumfragen musst, kann ich es dir auch gleich sagen.“

Ich ließ mich auf Jans kariertem Polster nieder und legte mein Florett neben mich auf den mit leeren Flaschen, Dosen und Scherben übersäten Boden. „Sieht aus, als wären wir nicht die Einzigen, die zu diesem lauschigen Plätzchen kommen.“ Ich blickte mich um. Sabrina + Robert, stand in gelb fluoreszierenden Buchstaben an einer der beschmierten fensterlosen Wände über dem umgestürzten alten Grill, der neben Resten von Holzkohle in einer Ecke lag. „Und? Hast du was Interessantes entdeckt?“

Jan schob seine Kapuze vom Kopf. „Vielleicht.“

„Nun sag schon.“

„Es gibt eine Website mit allem Möglichen über die Sylter Bunker. In der Rubrik ‚Erinnerungen‘ findest du zum Beispiel Berichte von Sylter Autoren aus dem Zweiten Weltkrieg. Die waren damals nicht älter als du und ich.“ Jan wühlte eine Coladose aus seinem Rucksack, aus der zischend die Kohlensäure entwich, als er an dem silbernen Metallring zog. „Ein Besucher der Website, ein Typ namens Lars, ist besonders aktiv. Er hat mehrere Bilddateien mit Bunkeraufnahme ins Netz gestellt, quer über die Insel verteilt. Darunter waren auch Bilder von diesem Luftschutzraum hier. Sein letzter Eintrag liegt erst eine knappe Woche zurück, und ein Hinweis darauf, dass von hier ein Gang wegführt, existiert nicht.“

„Nicht schlecht, Sherlock Holmes“, sagte ich und griff mir ein Rucola-Käse-Sandwich aus einer braunen Papiertüte. „Aber dann ist das hier das falsche Ende von meinem unterirdischen Gang … Vielleicht hab ich inzwischen das richtige gefunden“, ergänzte ich kauend nach einer kleinen Kunstpause.

„Wo?“

„Hörnum, an der Südspitze von Sylt. Zwischen dem Sansibar und der Hörnumer Odde.“

„Was soll da sein?“

„Ein vom Sturm frei gespülter Bunker, der vor ein paar Jahren auf den Strand gestürzt ist. Ende 2008, um genau zu sein. Es gab sogar ein Video von dem Ereignis, aber als ich es anklickte, um es mir anzusehen, hieß es, die Seite sei nicht mehr verfügbar. Das ist doch komisch, oder nicht?“

„Du meinst, das Video wurde absichtlich von der Seite gelöscht?“

„Na, aus Versehen wohl kaum. Da will jemand was vertuschen.“

„Wie willst du denn einen Bunker vertuschen? Vielleicht wollten die bloß nicht, dass sich Massen von Touris aufmachen, um ihn zu besichtigen. Nach dem Motto: Sightseeing mit Gruselfaktor. War womöglich gefährlich. Außerdem: Wer hätte denn Einfluss genug, so was Riesiges wie einen Bunker verschwinden zu lassen? Das ist doch kein Bauklotz, den man mal eben wegtragen kann.“

„Eben“, sagte ich. „Die Gemeinde hätte Einfluss genug. Oder …“ – Kunstpause – „die Bundeswehr.“

„Kann es sein, dass du zu viele Spionagefilme gesehen hast?“

„Quatsch. Aber irgendjemandem müssen die Bunker doch gehören. Und die sind dann auch für deren Sicherheit verantwortlich.“

„Und du meinst, die Bundeswehr ist die Rechtsnachfolgerin der Wehrmacht aus dem Dritten Reich?“

„Wer denn sonst. Die haben das von denen geerbt.“

„Weißt du was?“, sagte Jan. „Ich finde, wir fahren dahin und sehen uns die Sache an.“

„Das ist doch mal ein konstruktiver Vorschlag.“ Ich stand auf und klopfte mir den Betonstaub von der Hose. „Jetzt gleich?“

„Na klar, oder willst du warten, bis ich Max und Moritz wieder an der Backe hab?“