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So wütend ich auch auf sie gewesen war, ich hatte Frida noch nie weinen sehen. Fast hätte ich selbst losgeheult, als ich ihre schmalen Schultern zucken sah, aber das hätte nun gar niemandem genützt. Während sie schon fünf Minuten vor ihrem Kidnapper herstolperte, wagte ich mich endlich aus meinem Versteck und kletterte mühsam an dem Knotenseil nach draußen. Noch nie war ich so froh gewesen, die salzige Seeluft zu atmen. Und jetzt? Ich stellte mir vor, wie Frida in diese feuchtkalte Katakombe zurückmusste und mit zusammengekniffenen Lippen trotzig gegen die Tränen kämpfte. Wie viel Angst sie haben musste. Wie sie an Svea denken würde. Und an Jasper, der sie gerade so schändlich im Stich gelassen hatte. Wieso war er einfach abgehauen? Und wo steckte er jetzt? War er überhaupt noch am Leben?

Ich begann zu laufen.

Auf dem Weg über den Strand zurück zur Strandhalle begegnete ich keiner Menschenseele. Verlassen lag der große Parkplatz vor mir. Bis auf einen riesigen Schaufelbagger, der im Lichtkegel der einzigen Straßenlaterne einen Schatten warf wie ein gefräßiges Urzeitmonster. Auch Martins Jeep stand nicht mehr da. Kein Wunder. Er und Svea mussten längst zu Hause sein. Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich im Bunker gewesen war. Auf jeden Fall zu lange, schloss ich aus den vielen Sternen am Nachthimmel.

Ich checkte mein Handy. Wie erwartet: Martin hatte schon zigfach versucht, mich anzurufen.

Und gerade klingelte es wieder. „Fanny, wo steckst du, verdammt?“

„Hallo, Papa, endlich! Ihr müsst ganz schnell kommen …“

„Fanny, zum Teufel, wir hatten dir ausdrücklich gesagt, du sollst zu Hause warten, und jetzt … Ich hatte geglaubt, ich könnte mich auf dich verlassen. Und was soll diese absurde Geschichte auf meinem Handy: ‚Frida ist im Bunker‘?“

„Sie ist wirklich da, Papa. Kommt bitte ganz schnell her. Dann erklär ich euch alles.“

Unter einem fahlen Sichelmond ging ich ihnen auf der Straße nach List entgegen. Untätig herumstehen hielt ich nicht aus.

Weit kam ich nicht. Martin musste gefahren sein wie der Teufel, denn keine fünf Minuten später kam sein Jeep mit quietschenden Reifen vor mir zum Stehen. Und kaum waren Svea und Martin vor mir aus dem Auto gesprungen, beichtete ich ihnen schweren Herzens und mit einem verdammt schlechten Gewissen die ganze irre Geschichte. Nur das mit dem Gewehr ließ ich erst mal weg. Svea alarmierte die Polizei und die diensthabende Beamtin versprach, so schnell wie möglich ein oder zwei Streifenwagen zu schicken. Doch es kam etwas anders.

Plötzlich hörten wir aus dem Gebüsch ein klägliches Winseln, gefolgt von einem beherzten Sprung auf die Fahrbahn. „Jasper!“ Ich rannte meinem Hund entgegen. „Jasper! Wo warst du bloß?“

Mein sonst so unbekümmerter Boxer schien nicht mehr er selbst. Den türkisen Tampen hinter sich herschleifend kroch er auf mich zu und legte sein Knautschgesicht auf meine Füße. Während ich in die Hocke ging, blickte er mich von unten an, als wolle er sagen: „Sorry, ich hab’s komplett vermasselt.“

„Ich hab’s auch vermasselt“, sagte ich leise zu ihm, „aber so was von.“ Gott, war ich froh, dass er wieder da war. Sein Orientierungssinn glich nämlich eher dem einer gestrandeten Qualle als dem eines Hundes. Ich löste den Tampen um seinen Hals, in dem Reste von Strandhafer und Heidekraut hingen, und streichelte ihn. Svea sah jetzt völlig aufgelöst aus. Ihre Wimperntusche war verschmiert und der Pferdeschwanz glich einem traurigen Besen. „Jasper“, flüsterte sie und kniete sich vor ihn hin. „Wo ist sie? Wo hast du Frida gelassen?“

Als wir die blutverkrustete Bisswunde an seinem Ohr wahrnahmen, blickten wir uns nur an. Jetzt hätte ich am liebsten Jan angerufen, um nicht so allein zu sein mit meinem schlechten Gewissen. Zum Glück brauchte ich darüber nicht weiter nachzudenken, denn unvermutet tauchte plötzlich sein blonder Schopf an der Weggabelung auf. Froh drückte ich ihm kurz darauf die Hand.

„Ich halt das nicht mehr aus“, sagte Svea und wischte sich die Tränenspur aus dem Gesicht. „Komm, Jasper, zeig mir, wo Frida ist.“

Eine halbe Stunde später standen wir zu viert am Rand des Bunkerlochs, das ich mittlerweile von unten besser kannte als von oben.


Sicher interessiert dich, woher ich das alles plötzlich weiß. Das von dir und vom Doktorvater. Tja, ich kann nix dafür. Ich hab nicht in deinen Sachen geschnüffelt oder so. Ich war nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Und das auch noch unfreiwillig. Echt Pech gehabt. Da muss der liebe Gott die Finger im Spiel gehabt haben. Oder der andere, sein Kumpel mit den Hörnern, der für die Hölle zuständig ist, so wie es sich anfühlt.

Es war in der Notaufnahme bei euch, als ich nach meinem letzten epileptischen Anfall dort gelandet war. Ihr habt mir was gespritzt, damit die unkontrollierten Zuckungen aufhören. Leider habt ihr nicht mitgekriegt, dass ich wieder bei Bewusstsein war und in der Lage zu verstehen, was ich hörte. Irgendwie hab ich gespürt, dass du mich zwischendurch ängstlich ansiehst. Aber ich hab die Augen nicht aufgemacht. Ich hätte gern gewollt, aber ich konnte nicht. Es hat mich gelähmt, was da in meine Ohren tröpfelte wie eine giftige Medizin und dann direkt weitersickerte in mein Hirn. Erst dachte ich, ich träume, bin im falschen Film. Einem, der für Jugendliche unter achtzehn ungeeignet ist.

Akustisches System an Zentralcomputer: Höchste Alarmstufe! Achtung, abschalten. Akustisches System an Zentralcomputer: Höchste Alarmstufe! Achtung, abschalten.

Aber mein Zentralcomputer ist nicht abgestürzt. Leider. Ich war die ganze Zeit online und habe mitgekriegt, worüber ihr gesprochen habt. Wozu sie dich zwingen. Und warum sie das können. Scheiße.

Gibt’s in der Medizin nicht so was wie eine Amnesie, oder wie nennt ihr diesen Total-Blackout, diesen Mega-Filmriss, wenn man sich an nichts mehr erinnern kann? Wenn das Gehirn die Schotten dicht macht, weil man etwas erlebt oder erfahren hat, das man nicht aushalten kann? So was könnte ich jetzt echt gebrauchen. Mit der Garantie, dass nie wieder Licht ins Dunkel kommt. So wie bisher.

Danach musste ich weg. So schnell es irgend ging.