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Ohne Zwischenfälle und ohne dass wir die Aufmerksamkeit der übrigen Verkehrsteilnehmer oder gar der Polizei erregt hätten, fuhren Jan und ich so schnell wie nur möglich auf der L 24, der Hauptverkehrsader von Sylt. Seit wir den Bunker verlassen hatten, hatte sich der Himmel unmerklich immer mehr zugezogen und die Konturen der Landschaft verschwammen allmählich in einem diesigen Weiß. Die trutzigen Reetdächer von Rantum, die aus dem Nebel ragten wie ordentlich gekämmte Riesen mit Pagenkopffrisur, hatten wir bereits hinter uns gelassen. Wegen der verminderten Sicht drosselte Jan das Tempo, doch ich hatte ohnehin jedes Gefühl für die Geschwindigkeit verloren. Vorbei ging es an der Abbiegung zum Samoa mit der Strandsauna. Vorbei an der breiten Auffahrt zum Sansibar-Parkplatz, wo nun auch die dicksten Geländewagen nicht mehr zu sehen gewesen wären, hätten um diese Uhrzeit schon welche rumgestanden.
Es konnte nicht mehr weit sein zum Südende der Insel, und da bremste Jan die Harley auch schon ab, als das gelbe Ortsschild von Hörnum sich mehr erahnen ließ, als dass wir es gesehen hätten. Die paar Touristen, die in ihren Windjacken schon Richtung Bäcker unterwegs waren, und die Einheimischen drehten die Köpfe nach uns, als das satte Motorgeräusch von Sveas Easy-Rider-Kutsche uns voraus durchs Dorf blubberte.
Vor einem etwas trostlos aussehenden Café hielt Jan an und stützte uns mit seinem rechten Fuß auf dem Kantstein ab. Als ich das Visier von Fridas Helm hochklappte, griffen die klammen Finger des feuchten Seenebels nach meiner Haut und die Luft fühlte sich so buttermilchdick an, dass ich glaubte, meine Worte würden von ihr verschluckt, noch bevor sie Jans Ohren erreichten. Mit der rechten Hand deutete ich an seinem Kopf vorbei gen Westen. „Fahr so weit Richtung Odde, wie du kannst“, schrie ich. „Nicht am Leuchtturm vorbei. Andere Seite. Die Poller fangen ungefähr da an, wo der FKK-Strand liegt.“
Jan wendete die Maschine und wir brauchten satte vier Minuten vom Abzweig Odde Wei bis ans Ende der Straße Süderende, von wo aus ein schmaler Sandweg zum Strand führte. Der Himmel war jetzt von einem derart konturlos schmutzigen Weiß, dass es aussah, als hätte er komplett aufgehört zu existieren. Je mehr wir uns dem Strand näherten, desto undurchdringlicher wurde die Nebelsuppe. Wir stellten Sveas chromblitzende rote Harley am Beginn des Sandwegs ab und schon nach zehn Metern war sie im Nebel fast nicht mehr zu erkennen. Hand in Hand tasteten wir uns Richtung Poller voran. Das helle Nebellicht blendete uns, sodass wir die Augen zu Schlitzen zusammenkneifen mussten. Weit weg konnte die Sonne nicht sein. Die luftige Wand aus grauen Betonpollern sahen wir trotzdem erst, als wir unmittelbar vor ihr standen. Wie sollten wir da jemanden finden, der um keinen Preis gefunden werden wollte?
Dort, wo sich die Spuren unserer Schuhe in den weichen Untergrund drückten, waren die Tetrapoden noch dünn gesät. In einer langen unordentlichen Zweierreihe hatten sie sich tief in den Sand gebohrt, als hätten ein paar Riesen mit ihnen Fang-den-Hut gespielt. Drohend und dunkelgrau von der Feuchtigkeit ragten ihre dicken, glatten Betonfinger vor uns auf, ineinander verkrallt, wie um sich gegenseitig festzuhalten. Wir hörten die Wellen der Nordsee aus der Ferne anrollen und spürten ihre Vibrationen in den Beinen, ohne sie sehen oder ihre Entfernung einschätzen zu können. Ein Frösteln lief mir über den Rücken.
So schnell es ging, folgten wir der Pollerreihe Richtung Norden. Ab und zu hatte sich ein Stück Treibholz zwischen den Zapfen verkeilt oder ein grün oder orange schimmernder Tampen. Eine Person, die sich zwischen den Betonriesen hindurchgezwängt hätte, konnten wir allerdings nirgends entdecken. „Wenn sie schlau ist, hat sie sich mit ihrer Apothekenbeute in einen Strandkorb verzogen“, sagte Jan.
„Vielleicht – vielleicht aber auch nicht.“ Ich versuchte, meinen Schritt zu beschleunigen, und zog Jan hinter mir her. Je weiter wir kamen, desto dichter lagen die Tetrapoden, bis sie sich zu einem breiten Wall aufschichteten, der in einem scharfen rechten Winkel zum Meer hin abknickte.
„Sie wird doch wohl nicht so bescheuert gewesen sein, da rauszuklettern“, stöhnte Jan, als ich begann, mich über die rutschigen Betonklötze Richtung Wasser vorzukämpfen. „Wenn ich das richtig sehe, dann hat die Flut eingesetzt und drängt jetzt mit Macht gegen den Strand. Das ist Wahnsinn, sich da draußen zu verstecken. Vor allem bei dem Wetter.“
„Vielleicht kennt sie sich damit nicht aus. Mit Ebbe und Flut, meine ich. Vergiss nicht, sie kommt aus Friedrichstadt. Das liegt nicht direkt an der Küste.“
„Aber so gut wie“, maulte Jan.
„Oder sie hat sich zwischen diesen Pollern eingeklemmt und kommt nicht mehr raus.“
„Dann würde man sie ja wohl schreien hören, oder nicht?“
„Kommt drauf an. Schließlich will sie nicht entdeckt werden.“ Ich drehte mich zu Jan um, legte einen Zeigefinger vor den Mund und lauschte. Aber außer dem Brausen der See und vereinzelten Möwenschreien war nichts zu hören. „Vielleicht kann sie nicht mehr schreien.“ Ein scheußlicher Gedanke überflutete meine Gehirnwindungen. „Nun komm schon, Jan.“
Quasi auf allen vieren setzten wir unseren mühsamen Weg durch das Tetrapodenlabyrinth fort. Die Poller hatten jetzt sozusagen die Füße im Wasser, und je weiter wir uns nach vorn kämpften, desto tiefer wurde die sie umspülende Nordsee. Geschätzte dreißig Meter weit hatten wir uns schon auf dem Wall vorgearbeitet und bedrohlich klatschten die Wellen gegen den Beton. Der Wind hatte deutlich aufgebrist und weiter draußen trug das Meer garantiert schon Schaumkrönchen, wenn auch unsichtbar durch diese Nebelsuppe. Meine langen braunen Haare flatterten vor meinen Augen herum und erschwerten mir zusätzlich die Sicht. Genervt hielt ich inne und wollte sie mit einem Gummiband aus meiner Jeanstasche zu einem Knoten hochbinden. Da sah ich es. Für einen kurzen Augenblick hatte eine Böe die undurchdringlichen Nebelschwaden vor mir zerrissen und zu Fetzen gebündelt. Wie das Lumpenkleid einer Hexe schwebten sie über der Stelle, wo der steinerne Wall ins Meer tauchte. Für zwei, drei Sekunden konnte ich etwas erkennen.
„Jaaaan!“
Das, was ich sah, ließ mich entsetzt aufschreien: Keine vier Meter vor mir trieb eine weiße Hand auf der Wasseroberfläche und wurde rhythmisch gegen das Holz einer gesplitterten Palette geschlagen, die sich zwischen zwei Tetrapoden verkeilt hatte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Haut aufreißen und Blut aus der Wunde strömen würde. Falls überhaupt noch Blut kam. Ich ließ das Gummiband fallen und deutete auf die Stelle. „Jaaan, da. Schnell.“
Ich weiß nicht, woher, aber ich wusste, dass es Mia war. Ich wusste es einfach. War sie tot? Waren wir zu spät gekommen? War sie hier einsam im Nebel in der Nordsee ertrunken und an diesen monströsen Wellenbrechern zerschmettert worden? Hatte sie einen Anfall gehabt und sich das Rückgrat gebrochen? Oh, bitte, nein. Was für ein Scheiß-Tod. Ich schüttelte mir die Haare aus dem Gesicht. Das durfte einfach nicht sein.
Der Anblick der weißen Hand, die von den Wellen hochgehoben und wieder fallen gelassen wurde wie ein totes Stück Treibholz, spülte eine Adrenalinwelle durch mein Blut. Die Tränen, die mir aus den Augen schossen, spürte ich nicht. So schnell es ging auf dem immer glitschiger werdenden Damm, von dem schleimig grüner Seetang wie der Bart eines Seeungeheuers herabhing und im Salzwasser auf und ab wippte, tastete ich mich weiter, nur den einen Gedanken im Kopf: Bitte, lass sie nicht tot sein. Bitte, bitte nicht!
Verbissen kämpfte ich mich vorwärts, den Blick stur geradeaus auf Mia gerichtet beziehungsweise auf die Stelle, wo sich die Nebelfetzen vor ihr wieder zu einer weißen Wand geschlossen hatten. Das war ein Fehler. Einen Rest Aufmerksamkeit wenigstens hätte ich auf mich selbst konzentrieren sollen. So genügte eine Sekunde der Unachtsamkeit, um die Rettungsaktion beinahe scheitern zu lassen. Ich übersah eines der Seetangpolster zu meinen Füßen. Als ich mit dem rechten Fuß darauftrat, kam ich ins Rutschen. Unaufhaltsam. Meine Finger griffen ins Nichts. Die glatte Betonoberfläche der Poller bot keinerlei Halt und mit einem gellenden Schrei stürzte ich in die anthrazitgraue See, die sich an den Pollern brach und über mir zusammenschlug. Ich schluckte eine satte Portion Salzwasser, während ich versuchte, mich irgendwo am Damm festzuhalten und gleichzeitig einen Sicherheitsabstand zu wahren.
Verzweifelt krallte ich mich an einem Tau-Rest fest, den ich in einem Spalt zu fassen bekommen hatte. Bis ich den Kopf endlich über Wasser bekam, waren meine Klamotten bis auf die letzte Faser durchnässt und zogen mich hinunter Richtung Meeresboden. Mit den Füßen versuchte ich, irgendwo Halt zu finden, doch vergeblich. Gleichzeitig machte die nasse Kleidung mich zentnerschwer und ich spürte, wie meine Kraft nachließ. Scheiße, Scheiße, Scheiße. Angst kroch mir in jede Körperzelle. Sollte ich hier jetzt auch noch draufgehen?
„Fanny, hier, versuch meinen Gürtel zu fassen.“ Gott sei Dank. Jan war da. „Fanny, los, versuch’s.“
Die salzige Gischt brannte mir in den Augen. Ich griff nach dem Ende des grob geflochtenen Lederriemens, der über meinem Kopf baumelte, aber er glitschte mir immer wieder aus den Fingern. „Ich schaff’s nicht“, schrie ich und schluckte dabei noch mehr Wasser.
„Du musst“, schrie Jan zurück.
Verzweifelt strampelte ich mit den Beinen. Da, endlich! An einer Stelle unter Wasser war offenbar ein Stück Beton aus dem Poller herausgebrochen. Es gelang mir, meinen rechten Fuß in die Nische zu setzen. Gleichzeitig erwischte ich Jans Gürtel und konnte mich ein Stück hochziehen. Ich hatte das Gefühl, siebzig Kilo zu wiegen statt knapp fünfzig. Eineinhalb Meter über mir stemmte Jan sich mit den Füßen auf das nach innen verkantete Ende eines Pollers. Mit beiden Händen hatte er das Schnallenende seines Gürtels gepackt und zog mich Zentimeter für Zentimeter nach oben. Schließlich umfasste er mit einer blitzartigen Bewegung mein Handgelenk.
„Das war knapp“, keuchte er, während er mich an sich zog und ich spürte, wie meine Muskeln nachgaben. Jans feuchte Locken klebten grün schimmernd statt blond an seiner Stirn und es tropfte daraus in mein Gesicht.
Ich fühlte mich völlig ausgepumpt, unfähig, mich zu rühren. Aber eine Verschnaufpause konnten wir uns nicht erlauben. Wir mussten weiter. Da vorn lag Mia, und wir waren ihre einzige Chance. Ich musste mich zusammenreißen. Ich musste einen Fuß vor den anderen setzen. Und beide Hände dazu.
Jan kletterte jetzt dicht hinter mir. Wir schoben und zogen uns gegenseitig, damit nicht noch mal einer abstürzte. Fast gleichzeitig erreichten wir das Mädchen, das zu der bleichen, auf der Wasseroberfläche treibenden Hand gehörte, und ich war mehr als froh, dass nicht ich jetzt an ihrer Stelle war. Leblos hing ihr Körper auf dem kalten Gestein. Der Kopf ruhte oberhalb der Holzpalette, ihre Augen waren geschlossen.
Sie war zarter, als ich sie in Erinnerung hatte. Die Haare klebten ihr ums Gesicht wie störrische Rabenfedern. Ein dünnes hellrotes Rinnsal sickerte aus einer Wunde an der Schläfe und mäanderte, von der hochspritzenden Gischt zerstäubt, über ihre rechte Wange, wo es sich mit Spuren schwarzer Schminke vermischte. Ihr linker Fuß war zwischen zwei Betonteilen eingeklemmt und wirkte seltsam verdreht. Wie die Klaue eines Raubvogels krallte sich ihre linke Hand um eine schmale, aufgeweichte Pappschachtel mit blauen Streifen, deren obere Lasche abgerissen war und den Blick auf zehn Blisterfolien mit Tabletten frei gab.
Es war Mia, daran bestand kein Zweifel, auch wenn sie der trotzigen Punk-Göre aus der Zeitung kaum mehr ähnelte. Zerbrechlich sah sie aus, wie sie da durchnässt und leblos zwischen der düsteren Betonstruktur hing, und überhaupt nicht mehr bedrohlich, so wie gestern Nacht bei dem Loch im Stollen oder noch vor ein paar Tagen, als ich mit Jan den Bunker unter dem Sansibar besichtigt hatte. Und sie lebte! Jan und ich waren nicht zu spät gekommen. Mia lebte.
Bevor Jan behutsam ihren Kopf auf sein klitschnasses Sweatshirt bettete, reichte er mir sein Handy. Mein eigenes konnte ich vergessen. „Martin“, schluchzte ich in das viereckige Hightech-Teil mit den abgerundeten Ecken, das mir an diesem Ort seltsam unwirklich erschien. „Martin …“
„Fanny, zum Teufel, was fällt euch eigentlich ein?“, schnaubte er, als er erkannte, wer dran war. „Wir stehen hier auf dem Polizeirevier und warten auf euch. Wo bleibt ihr? Und was …?“ Dann ließ er mich endlich reden, räusperte sich einmal deutlich und setzte umgehend Kommissar Kramer und seine Truppe davon in Kenntnis, dass wir Mia gefunden hatten. Und wo.
„Bis gleich, Papa“, murmelte ich, bevor ich Jan das Handy zurückgab. Und „alles wird gut, Mia, ganz bestimmt“. Der Wind wehte meine gestammelten Worte von meinen Lippen, während ich Mias eiskalte Hand hielt und zitternd vor Kälte mit Jan auf Hilfe wartete. Ich weiß nicht, wen ich damit mehr beruhigen wollte – sie oder mich selbst.
Binnen Minuten waren die Kollegen von der Hörnumer Polizeistation vor Ort. Jede einzelne von ihnen kam mir vor wie eine Stunde. Aus Westerland heulte mit Blaulicht ein Krankenwagen heran, dessen Besatzung sich zu uns auf den steinernen Wall quälte und begann, so vorsichtig wie möglich den geschundenen Körper zu bergen. Mithilfe eines motorisierten Schlauchboots der Wasserwacht brachten sie Mia an Land.
Ungefähr zur gleichen Zeit holperten schließlich Martin, Svea und Frida auf den Strand, im Jeep, der nach drei Metern im Sand stecken blieb und dabei laut aufjaulte. Ebenso wie Jasper auf dem Rücksitz, den noch immer keiner aus seinem Unterhemd befreit hatte. Er sah darin aus wie E.T. auf der Flucht in seine extraterrestrische Heimat.
Mias Lider flackerten, aber sie war nach wie vor ohne Bewusstsein, als sie sie auf einer Stabilisierungstrage in den Krankenwagen schoben. Oberhalb ihres Handgelenks steckte ein Infusionsschlauch und man hatte eine knisternde Aluminiumdecke über sie gebreitet, um sie warm zu halten. Jan und ich bekamen auch eine Decke über die Schultern und irgendwer reichte uns einen Becher Kaffee. Trotzdem fing ich an, mit den Zähnen zu klappern und zu heulen wie ein Schlosshund, als ich meinen Vater, Svea, Frida und Jasper von den Dünen her aus dem Nebel auftauchen sah. Vor ihnen lief Kommissar Kramer, an der Seite von Lars-Igel. Er lächelte mir zu, als er neben Mia im Ambulanzwagen Platz nahm und ihre unverletzte Hand hielt. „Quitt“, sagte sein Blick. Und: „danke“. Seine katzengrünen Augen kamen mir plötzlich kein bisschen stechend mehr vor.
Jan legte seinen Arm um mich.
„Und dann ritten sie zusammen in den Sonnenuntergang“, flüsterte ich matt und ließ mich kinoreif an seine nasse Brust sinken, während drei letzte salzige Tränen sich der Schwerkraft ergaben und mir im Schneckentempo übers Gesicht kullerten.