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„… ist möglicherweise verwirrt und benötigt dringend Medikamente. Sachdienliche Hinweise nimmt jede Polizeidienststelle entgegen sowie die Kriminalpolizei Hamburg, Tel. 040/…“

„Und nun der NDR2-Verkehrsservice für den ganzen Norden: Vorsicht auf der A7 Hamburg Richtung Flensburg. Zwischen Bad Bramstedt und Großenaspe befinden sich Kühe auf der Fahrbahn. Niebüll: Die Wartezeiten für die Fähren zu den Inseln sowie für den Autozug nach Sylt betragen derzeit …“

„Danke“, sagte Martin und schaltete das Radio aus, „das haben wir gerade hinter uns.“

In der Tat. Seit zwanzig Minuten klemmte Papas Jeep Huckepack auf dem knallroten Autozug, der uns von Niebüll über den neun Kilometer langen Hindenburgdamm nach Sylt schütteln sollte. Wahrscheinlich heißt er deshalb „Shuttle“, weil man sich darin fühlt, als würden einem die kleinen grauen Zellen einzeln aus dem Hirn gesiebt. Jasper klemmte hinter mir auf dem Rücksitz zwischen Martins Allwetter-Ausrüstung, die neben einem polartauglichen Schlafsack auch noch ein Zweimannzelt enthielt, seinem Laptop und einem Jahresabo National Geographic von 2011, für das er bisher noch keine Zeit gehabt hatte. Ich hatte mich auf meine XXL-Sporttasche, Gummistiefel und mein Florett beschränkt, um im Training zu bleiben.

„Wieso hast du eigentlich gepackt wie für eine dreiwöchige Expedition ins neuseeländische Outback?“, fragte ich und kurbelte das Seitenfenster herunter, um mich der Realität in Form der einheitlich matschigen Wattlandschaft zu meiner Rechten auszuliefern. „Andere Leute nehmen auf eine einsame Insel höchstens ein Fernrohr mit, ein Feuerzeug und vielleicht noch ihre Frau.“ Ich lehnte mich nach draußen, um das vordere Ende des Zugs zu sehen. „Dabei ist Sylt noch nicht mal einsam.“ Im Gegenteil. Der doppelstöckige Autozug war ausgebucht bis zum letzten Platz und es sah aus, als mache die halbe Republik dort Urlaub.

„Kommt noch“, antwortete Martin. Um seine Mundwinkel zuckte es verdächtig. „Fürs Erste genügen ja vielleicht eine Tochter und ein Hund.“

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine Ahnung, dass er das „Kommt noch“ vollkommen ernst und das „Fürs Erste“ wortwörtlich meinte.

„Ich möchte einfach für alle Eventualitäten gerüstet sein.“

„Vor sechs Wochen sah es bei Tante Hedi noch ganz okay aus. Und die eine oder andere Bettdecke wird sie ja wohl auch besessen haben.“

„Das werden wir gleich sehen. In einer Dreiviertelstunde sind wir da.“

Jasper streckte neben meinem Kopf die Nase zum Seitenfenster hinaus, legte sein Knautschgesicht in noch mehr Falten und sah aus, als sei ihm schlecht. Seine Ohren versuchten im Wind zu flattern, aber sie sind so klein, dass sie sich nur nach hinten legten wie frisch gegelt. Mir war auch ein bisschen übel. Drei Wochen mit Papa in Großtante Hedis Eingeborenen-Bude. Was war da schon zu erwarten außer Muff, Staub, gruseligen Tapeten und LANGEWEILE hoch fünf.

Ich sollte mich täuschen. Sehr.

Tante Hedis Haus ist reetgedeckt und liegt in einem sympathisch unordentlichen Garten am nördlichen Ende von List, kurz bevor die Heide- und Dünenlandschaft beginnt. Es gab nur eine kleine undichte Stelle im Dach, wie sich gleich am zweiten Tag herausstellte, ansonsten war Papas Erbstück eine wahre Fundgrube.

Martins Tante war Hobbyornithologin gewesen, ungefähr 1,80 Meter groß, und sie hatte einen ausgeprägten Sinn für schrille Deko besessen. Ihr Wohnzimmer war voller ausgestopfter Vögel, die Wände und Regale bevölkerten, oder besser gesagt „bevögelten“ und dafür sorgten, dass man sich an jedem Platz des Zimmers aus unheimlichen wimpernlosen Vogelaugen beobachtet fühlte. Ich kam mir vor, als sei ich nicht allein im Raum, selbst wenn Martin gerade im Garten zugange war.

Auf den Fensterbänken tummelten sich historische Lockenten nebst Vogeleiern in allen Farbschattierungen und Musterungen. In Tante Hedis Kleiderschränken hingen abgedrehte Klamotten in Überlänge und auf dem Wohnzimmertisch und seinem wackeligen Pendant im Garten standen schwere viereckige Aschenbecher aus Glas, bis zum Rand voll mit Kippen, die problemlos einen halben Kindergarten hätten vergiften können.

Nur der Vollständigkeit halber: Tante Hedi ist keineswegs an Lungen- oder Kehlkopfkrebs gestorben. Sie hat sich das Genick gebrochen bei dem Versuch, im zarten Alter von 78 Jahren auf einen Baum in ihrem Garten zu klettern, um drei Vogeljunge vor räuberischen Elstern zu retten. Ein kleiner Vogel hat überlebt, einen hat sich die Elster geholt, wie eine vom Gekreische alarmierte Nachbarin uns erzählte. Und der dritte ruht nun zusammen mit Tante Hedi auf dem Lister Friedhof.

Lediglich die Tapetensituation in Tante Hedis Haus hatte ich korrekt in Erinnerung. Martins und meine Lieblingstapete hing im Klo: rosagelber Blümchendruck auf dunkel olivfarbenem Grund. Und an der Wand eine Art Zeitungsständer, der vom Kreuzworträtselheft bis zu Mare, Geo Wissen und Die Vogelwelt alles beherbergte, was man an diesem Ort zur Ablenkung so braucht.

Ich schlief oben in Tante Hedis Gästezimmer, mit einem goldgerahmten röhrenden Hirsch über meinem Bett und zwei Plakaten des Deutschen Instituts für Vogelforschung, die mich in Multicolor über aktuell bedrohte Arten sowie die Verbreitungsgebiete der Teichralle und der Pfuhlschnepfe in Norddeutschland und Skandinavien aufklärten. Vom Fenster aus hatte ich einen guten Blick auf die krüppelige Kiefer, die Tante Hedi zum Verhängnis geworden war. Eine leuchtend rote birnenförmige Gummiboje baumelte an einem der dicken unteren Äste. Genau in der richtigen Höhe, um mir und meinem Florett als Sparringspartner zu dienen. Was wohl Tante Hedi damit gemacht hatte. Geboxt?

Papa richtete sich bei den toten Vögeln unten auf dem Sofa ein. Es wäre ihm pietätlos erschienen, sich in Tante Hedis Bett zu legen, das in der oberen Etage im schönsten und größten Zimmer des Hauses stand. Die Sonne schien dort durch die beiden weißen Sprossenfenster und zauberte Schattenmuster auf die helle Streifentapete von den Klematisranken, die bis unter den Dachfirst geklettert waren und sich im Wind vor dem Fenster wiegten. Ein großer Schreibtisch stand vor einem der Fenster, ein weißer Korbschaukelstuhl vor dem anderen. Die Bretter der Bücherregale bogen sich unter Nachschlagewerken, Reiseführern und ornithologischen Bildbänden. Den geringsten Raum im Zimmer nahm das Bett ein. Es war kleiner als meines zu Hause. Großtante Hedi war nicht verheiratet gewesen und hatte sich wohl schon in jungen Jahren mehr für die Vogel- als für die Männerwelt interessiert, wie ein Buch auf ihrem Nachttisch bewies, das man nur noch im Antiquariat oder beim Antiktrödler findet. Wenn überhaupt.

Daneben lehnte hinter der altmodischen Tütenlampe ein Stück windgebleichte Wurzel an der Wand, die aussah, als stamme sie eher aus einem südamerikanischen Mangrovenwald als vom Sylter Strand. Sie erinnerte an eine mitten im Angriff erstarrte Kobra und wollte nicht so richtig in die gemütliche Atmosphäre des Zimmers passen. Es sollte sich um eine Art Omen handeln für das, was kommen würde, aber das war mir zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht klar.

Wir krempelten die Ärmel hoch und machten uns an die Arbeit. Die ersten paar Tage auf Sylt verbrachten wir mit Aufräumen, Entrümpeln, Wegwerfen. Wir rissen alle Fenster auf, leerten die Aschenbecher, enteisten den Kühlschrank und versuchten, die undichte Stelle im Reet zu finden. Das Badezimmer allerdings brauchte ein Sofort-Lifting. Einheitlich nikotingelbe Wände plus nackte Glühbirne am frühen Morgen waren noch nicht mal bei Sonnenschein zu ertragen. Geschweige denn unter dem bleigrauen Himmel der ersten Tage. Wie war das? „Ein kurzer Schauer und dann scheint meist wieder die Sonne.“ Von wegen.

Martin strich die Wände in einem sonnigen Hellblau und ich lackierte die Holzpaneele darunter in Meister-Proper-Weiß. In einem Elektroladen trieben wir neben einem neuen Staubsauger eine Art Lüster auf, den wir in der Ecke neben dem Fenster so tief hängten, dass an Tag fünf unseres sogenannten Urlaubs die Morgensonne durch die herabhängenden Glasprismen winzige Regenbogen an die Wände warf. Sie fingen an zu tanzen, sobald der Wind mit den Prismen spielte. Oder der heiße Luftstrom aus meinem Föhn.

Ehrlich gesagt wunderte ich mich damals ein bisschen über Martins Aktionsdrang. Normalerweise ging er die Dinge nämlich lieber ruhig an. Was mich vollends hätte stutzig machen sollen, war sein Großeinkauf am Ende der ersten Woche. „Wer soll das denn alles essen? Du hast ja eingekauft wie für eine zweiwöchige Belagerung.“ Während einer Aufräumpause saß ich in Tante Hedis marodem Strandkorb im Garten und beobachtete, wie Martin stoisch einen Supermarktkarton nach dem anderen ins Haus trug. Als er damit fertig war, brühte er uns umständlich einen Kaffee in Tante Hedis Zwiebelmusterkanne und dem Porzellanfilter, der noch aus Vorkriegszeiten zu stammen schien. Mit zwei vollen Kaffeebechern und zwei Riesenstücken Käsekuchen auf einem Tablett kam er raus und ließ sich neben mir im Strandkorb nieder.

„Ich habe eine Überraschung für dich“, sagte er.

Hilfe. Martins Überraschungen hatten bisher meist damit zu tun gehabt, dass er für mehrere Monate nach Ägypten oder Mesopotamien oder in die Wüste des Tschad verschwand. Ich pikte die Spitze meines Käsekuchens auf meine Gabel und stopfte sie mir in den Mund, um nicht antworten zu müssen.

„Wir bekommen Besuch“, sagte Martin.

„Wann?“

„Morgen, zur Mittagszeit.“

„Mama? Mit Benno?“

„Nicht ganz“, sagte Martin. „Von einer Freundin und ihrer Tochter.“ Ich bekam einen Hustenanfall.

„Wie schön, dass du mir das auch schon mitteilst“, hustete ich und ein paar Käsekuchenkrümel landeten auf meinen Füßen.

„Ich wollte dich erst mal in Ruhe hier ankommen lassen.“

„Ruhe ist gut. Ich leiste hier Sklavenarbeit, seit ich den Fuß über die Schwelle gesetzt habe.“

Anscheinend hatte ich Martin unterschätzt. Und zwar gewaltig. Während ich mir die Zunge verbrannte an dem heißen Kaffee, mit dem ich den Hustenanfall zu ersticken versuchte, eröffnete er mir das ganze Ausmaß seiner Überraschung. Nämlich, dass er sich sehr wohl auskannte mit dem Unterschied zwischen einer Frau und einer korinthischen Säule. Der Unterschied hieß Svea und würde in Kürze in Großtante Hedis Haus eintreffen, um hier mit uns und ihrer Tochter Frida die restlichen Ferien zu verbringen.

„Svea ist Doktorandin der Archäologie und war in Al-Bahariyya meine … äh … Grabungsassistentin.“

Grabungsassistentin. Ja klar! Ich bekam nur ein Krächzen heraus.

„Wow, dann hat sie dir wohl nicht nur beim Buddeln assistiert … Weiß Mama davon?“

„Was hat denn Mama damit zu tun?“

„Ooch …“ Zusammen mit dem Kaffeeduft sickerte ein unschöner Gedanke in mein Bewusstsein und anschließend in mein limbisches System, wo nach den Erkenntnissen der Hirnforschung die Gefühle losgetreten werden. Neben einer Mutter, die mit meinem ehemaligen Fechtlehrer nicht nur fremd-, sondern gleich bis nach Berlin gegangen war, hatte ich einen Vater, der in Ägypten nicht nur auf Grabschmuck und einen Haufen alter Knochen gestoßen war, sondern offensichtlich auch noch auf ein attraktives Fundstück jüngeren Datums. Mein limbisches System löste Alarmstufe 3 aus. Ich sprang auf, kippte den Kaffee in den spärlichen Rasen und überließ den restlichen Käsekuchen den beiden fetten Möwen, die wie Geier in der Kiefer saßen. Großtante Hedis Punching-Boje kriegte meinen linken Ellbogen ab und dann rannte ich davon Richtung Dünen und Richtung Strand.

Svea! Ich fasste es einfach nicht. Da hatte ich mir eingebildet, Martin kenne Frauen nur aus dem Fernsehen, und dann servierte er mir eine taufrische Svea zum Kaffee. Mit Anhang und Ankunftsdatum. Wahrscheinlich konnte ich schon froh sein, dass er sie live in der Wüste ausgegraben hatte und nicht im Internet. So wie Janas Vater. Jana ist meine beste Freundin, und seit ihr Vater vor zwei Jahren seine Frau mit einem gewissen Andi teilen musste – ihrem Personal Trainer – und sie jetzt noch nicht mal mehr teilen darf, googelt er sich dauernd eine Neue runter. Und alle paar Monate sitzt Jana dann einer anderen Susanne, Jutta oder Gabi beim Frühstück gegenüber, während Janas Papa jetzt einen eigenen Fitnesstrainer hat, um sich in Form zu halten für die jeweilige Lebensabschnittsteilzeitpartnerin. Sogar seinen spärlichen Haarwuchs hat er per modische Vollglatze ins einundzwanzigste Jahrhundert zu beamen versucht. Hat nicht geklappt, wenn ihr mich fragt. Seitdem sieht er aus wie Mamas Lieblingsvampir Nosferatu aus diesem uralten Stummfilm.

Und das Gleiche passierte jetzt mir. Nur dass sie Svea heißt statt Jutta und vierunddreißig ist statt dreiundvierzig. Und dass Papa noch seine einsteinschen Zauselhaare trägt und sich anscheinend direkt mit Sex fit hält statt per Trainer. Ab sofort auf dem Vogelzimmersofa genau unter mir, wo diese verdammten Vögel ihm beim Vögeln auch noch zugucken können.

Krass. Genau so hatte ich mir meine Ferien vorgestellt.