21
Igel!! Geil. Der Name passte wirklich perfekt. Ich musste grinsen, während Lars Andresen alias Igel sich nervös durch die Stoppelhaare fuhr. „Woher willst du das wissen?“
„Hab ich gelesen.“ Frida krabbelte auf allen vieren zu Mias improvisiertem Nachttisch, wischte eine Tablettenpackung und zwei zerknautschte Blisterfolien beiseite und reichte ihm den Karoblock, der auf der Pappkiste mit den Tampen lag und über und über mit windschiefer Schrift bedeckt war. „Mann, die hat vielleicht ’ne Sauklaue. Schlimmer als Mamas Hieroglüpfen.“
„Die heißen Hieroglyphen“, sagte Martin mechanisch. „Und hüpfen tun sie auch nicht.“
„Ist doch egal.“ Gelangweilt verdrehte Frida die Augen. Ich stellte mich neben Lars-Igel und versuchte wie er, Mias kryptische Zeichen zu entziffern. Frida hatte recht.
… ein verdammter Mist, kämpfte ich mich durch die Krakel. Hab ihn heute in List verpasst. Er jobbt ab morgen für fünf Tage in Hörnum, weil da ein Kollege krank geworden ist. Hat mir sein Strandwärterkumpel am Weststrand verraten. So eine Scheiße. Wie soll ich da jetzt wieder hinkommen, ohne aufzufallen. Na ja, muss eh noch mal zur Apotheke, if you see what I mean. Damit keine Sicherung bei mir durchknallt. Denn das wollen wir doch nicht, Mami, oder? Und meine Chessies sind auch schon wieder alle.
„Fuck! Wieso hab ich das heute Nachmittag übersehen?“, murmelte Lars.
Mami? Warum schrieb Mia an ihre Mutter, wenn sie genau von dort abgehauen war? Und dann in diesem Ton. Ich blickte auf. „Ab morgen“, stand da. Morgen! Das war heute. Es musste inzwischen weit nach Mitternacht sein. Igel bückte sich, um eine kurze, dicke Papierwurst aufzuheben, die aussah, als habe ihr jemand mit Schwung den Hals umgedreht. Mias letzte Schachtel Chesterfields, oder die vorletzte. Während Herr Kramer und seine Mannen gerade anderweitig beschäftigt waren, registrierte ich, wie Igel versuchte, Mias Hieroglyphen möglichst unauffällig in der Innentasche seiner Jeansjacke verschwinden zu lassen. Als er wieder hochkam, trafen sich unsere Blicke. „Halt die Klappe“, buchstabierte ich aus der Art, wie er den meinen mit seinen hypnotischen Augen festhielt.
„Warum bist du eigentlich zurückgekommen, mitten in der Nacht?“ Übergangslos wechselte ich zum Du. Jemanden, der Igel hieß, konnte man unmöglich siezen.
„Ich amüsier mich einfach gern mit schießwütigen Zehnjährigen in düsteren Grotten.“ Mitleidig sah Igel mich an wie ein besonders begriffsstutziges Exemplar der Gattung Teenie. „Mann, ist doch wohl klar. Nachdem ich Mia heute Nachmittag hier nicht angetroffen hatte, wollte ich’s jetzt noch mal versuchen. Ich dachte, so spät nachts ist sie auf jeden Fall da. Außerdem muss ich ja tagsüber wieder Touris schocken. In Hörnum, falls du immer noch nicht lesen gelernt hast.“ Igel kratzte sich am Ohrläppchen, wo ein Ohrring mit grünem Stein mit seinen Augen um die Wette funkelte, und grinste mich dabei provozierend an.
Durch ein Scharren wurde ich aus unserem Geplänkel gerissen. Der Typ am Boden wand sich wie eine Schlange, während sein Kumpel an seinen Handschellen zerrte.
„Ich würde sagen, meine Damen und Herren“, ließ Chef-Polizist Kramer sich vernehmen, „die Einzelheiten klären wir auf dem Revier. Die Herrschaften hier werden langsam unruhig. Der da braucht einen Arzt. Und mir gefällt Sylt von oben auch besser als von unten.“ Zustimmendes Gelächter von seinen Leuten. Sie waren ebenso erleichtert, wieder an die frische Luft zu kommen, wie wir.
In einer zwölfköpfigen Kolonne stapften wir wie vor fast siebzig Jahren die Soldaten – Ladies first – durch den Tunnel zurück in die Oberwelt. Mit unsicheren Schritten kletterten wir die glitschigen, steilen Stufen empor, überrascht, dass die Nacht sich schon davongemacht hatte. Nur ein besonders heller Stern war noch am Himmel zu sehen.
Der Eierkopf hatte mittlerweile ein faustdickes Ei am Kopf, was seine optische Erscheinung nicht aufpeppte. Im milchigen Licht der Morgendämmerung schimmerte es bläulich-türkis, als die Polizisten ihn in einen ihrer Streifenwagen bugsierten, und erinnerte mich an das Gelege des Trauerschnäppers auf Tante Hedis Plakat des Deutschen Instituts für Vogelforschung. Mittlerweile kannte ich diese blöden Eier mitsamt ihren gefiederten Eltern über meinem Bett offensichtlich auswendig. „Warum muss ich jetzt an das Spiel ‚Doppelkopf‘ denken?“, flüsterte Jan mir zu und ich musste kichern, was mir einen strengen Blick des Oberpolizeidirektors einbrachte.
„Wir sehen uns auf dem Revier in Westerland“, sagte er knapp. „Sie wissen, wo das liegt?“ Martin nickte ergeben und blinzelte müde in den Morgen. „Soll ich Ihnen einen Polizeiwagen schicken? Wir sind leider komplett mit den beiden Jungs hier.“ Der Typ mit dem fettigen Rattenschwanz stöhnte auf, als Mr. Porsche ihn unsanft auf die Rückbank des Polizeiautos schob.
„Danke, nein“, hörte ich meinen Vater sagen. „Ich hab zwar meinen Wagen hier, aber ich glaube, ein kleiner Fußmarsch durch die Heide tut uns jetzt ganz gut.“ Lars-Igel schwang sich auf seine mintgrüne Vespa, die er an der Asphaltstraße abgestellt hatte, und nickte den Polizisten zu zum Zeichen, dass er ihnen aufs Revier folgen würde.
Während Frida zwischen Martin und Svea über die Sand- und Bohlenwege der Heidelandschaft hüpfte, plapperte sie wie ein Wasserfall und schilderte ihr unterirdisches Abenteuer nicht nur in Multicolor, sondern auch noch in Dolby Surround. „… wie eine düstere Fee sah sie aus. Ihre Augen waren ganz schwarz und ich konnte sie kaum sehen hinter ihren Zottelhaaren. Ich hab erst in ihrer Höhle gemerkt, dass sie ein Mädchen ist. Und sie hatte Muffin auf Jasper gehetzt. Die hat ihn ins Ohr gebissen. Deshalb war er weggelaufen.“ Frida redete ohne Punkt und Komma und ich dachte, sie müsste ersticken, wenn sie nicht bald Luft holte. „Sonst kam sie mir nicht so richtig gefährlich vor. Sie …“ Nicht nur das eine oder andere Schaf ging auf akustischen Abstand, auch Martin schien es langsam zu viel zu werden.
„Ich glaub, ich hol doch den Jeep“, sagte er. „Wir müssen ja gleich nach Westerland aufs Revier.“ Sprach’s und machte auf dem Absatz kehrt.
Schweigsam trottete ich mit Jasper an der Leine neben Jan her, der sein Fahrrad über die holprigen Bohlenwege schob, und grübelte. Irgendein Gedankensplitter geisterte mir im Kopf herum und hörte nicht auf zu piksen. Er war wichtig, das spürte ich, aber mir wollte partout nicht einfallen, worum es ging. „Und dann ist sie abgehauen und hat einen Haufen Tampen mitgenommen. Aus ihrer Kiste … Sie wollte eine Strickleiter aus meinem Knotenseil machen.“
„Warum bist du denn nicht zu der Öffnung in den Dünen zurückgegangen, nachdem Mia weg war?“, stoppte Svea abrupt den Redeschwall ihrer Tochter. „Dort hätten wir dich viel früher gefunden.“
„Na, weil sie doch mitsamt der Strickleiter abgehauen war“, hörte ich Frida rufen, eine explosive Mischung aus Ungeduld und Empörung in der Stimme. „Sie hat gesagt, ich brauch mir gar keine Hoffnungen zu machen, dass ich da rauskomme. Deshalb dachte ich, vielleicht geht’s ja bei dem anderen Eingang, von dem Fanny mir erzählt hatte. Dem mit der Falltür. Aber dann hab ich schon Igel kommen hören und …“
Strickleiter? Moment mal …
Wie ein Stadtplan bei Google Maps baute sich ein Bild vor meinem inneren Auge auf, erst verschwommen und dann immer klarer. Unterschiedlich dicke türkis-, blau- und orangefarbene Tampen ringelten sich darauf zu einem Knäuel wie Marzipan in ihrem Terrarium. Es waren ganz bestimmte Tampen. Solche, die jemand zwischen den Hörnumer Tetrapoden herausgeklaubt hatte. Oder geschnitten. Und die dann in einer Pappkiste drei Meter unter der Erde gelandet waren. „Klick“, sagte es in diesem Augenblick bei mir. „Klick, klick, klick.“
„Jan.“ Ich ließ seine Hand los, packte ihn am Ärmel und zog ihn näher zu mir heran. „Wir müssen nach Hörnum“, wisperte ich, auf Zehenspitzen stehend, in sein Ohr. „Jetzt sofort.“
„Hörnum?“
„Zur Hörnum Odde, wenn du’s genau wissen willst. Der Inselschutzwall.“
„Aber wir haben doch ein Date.“
„Date?“
„Polizeirevier, Schimanski. Schon vergessen?“ Ungeduldig schüttelte ich den Kopf.
„Ich glaub, ich weiß, wo Mia steckt.“
„Was?“
„Erinnerst du dich noch? Das Vampirmädchen bei den Tetrapoden. Die Durchgeknallte mit den nassen Stiefeln und den Schiffstauen.“
„Du meinst, das war MIA?“
„Pst, nicht so laut. Ich weiß es. Ich kann nur selbst nicht fassen, dass ich so blöd war und es nicht gleich kapiert hab.“
„Dann sollten wir das vielleicht der Polizei …“
„Die sind doch jetzt vollauf mit den beiden Kerlen beschäftigt. Um Mia kümmern die sich später. Hast du die Tablettenpackung neben Mias Bett gesehen, die zusammen mit den zerknautschten Blisterfolien zwischen den Tampen lag? Phenhy-irgendwas stand da drauf und die Dinger sahen ziemlich leer aus.“
„Aber die geknackte Apotheke in Tinnum. Da hat sie sich garantiert neu versorgt.“
„Und wenn sie nicht gefunden hat, was sie suchte? Du hast doch das Foto von dem Einbruch in der Hörnumer Apotheke gesehen. Ein Haufen Viagra-Packungen lag da rum, aber die Apothekerin hatte nicht mit Sicherheit feststellen können, dass irgendwas fehlte.“
„Kein Wunder, diese Schachteln sehen ja auch alle gleich aus.“
„Eben. Wie willst du dich da zurechtfinden, erst recht, wenn du die Regale nicht höchstpersönlich eingeräumt hast? Mensch, Jan, ich hab ein ungutes Gefühl im Bauch. Los, komm mit.“ Ich drückte Frida Jaspers türkise Leine in die Hand und begann zu laufen. „Muss ganz dringend auf Klo“, rief ich Svea zu, während Jan sich aufs Rad schwang. „Wir sehen uns später!“
„Kannst du das noch nicht alleine?“, fragte Svea und ich konnte förmlich sehen, wie sie dabei eine Augenbraue hochzog und ein fette Ladung Ironie aus ihren Augen blitzte.
Während ich uns aus der Küche was zu trinken besorgte, hatte Jan mein Notebook aus seinem Stand-by-Dämmer zum Leben erweckt und war dabei, den Suchbegriff „Phenhy…“ zu googeln. „Nun mach schon“, murmelte er vor sich hin und es war ihm anzusehen, dass er das Notebook am liebsten geschubst hätte, um den elektronischen Info-Scan zu beschleunigen. Ich blickte ihm über die Schulter. „Phenhydan Filmtabletten“, spuckte das Internet wenige Sekunden später aus. Und „Anti-Epileptikum“. Jan ließ die Hände auf die Tastatur sinken.
„Epilepsie“, sagte ich leise. „Mia hat epileptische Anfälle.“
Jan klickte Phenhydan an und jeder für sich überflogen wir die verschiedenen Einträge. „Phenhydan scheint ein Notfallmedikament zu sein.“ Mit dem Zeigefinger tippte Jan auf dem Bildschirm die vierte Eintragung an, neben der eine Ampulle abgebildet war. „Und in Tablettenform dient es zur Dauermedikation. Der Patient muss täglich eine Tablette nehmen, um das Anfallrisiko zu minimieren. Lebenslang. Stell dir das mal vor.“
„Täglich. Siehst du! Und Mias Tabletten waren alle.“
Unsere Blicke rasten über den Bildschirm. „Sämtliche derzeit auf dem Markt befindlichen Antikonvulsiva unterdrücken epileptische Anfälle, heilen das Krampfleiden jedoch nicht. Charakteristische Nebenwirkungen: Schwindel, Müdigkeit, Ataxie.“
„Was ist das?“
„Ataxie – Störung der Bewegungskoordination“, schleuderte Wikipedia uns entgegen. Jan scrollte weiter nach unten.
„Sieh mal.“
„Laut einer Meta-Analyse der amerikanischen Food and Drug Association (FDA) ist bei Patienten, die Antikonvulsiva einnehmen, die Suizidneigung signifikant erhöht“, stand dort, wo Jan den Bildschirm berührte.
„Was heißt das?“
„Die bringen sich schneller um.“
„Klingt nicht gut.“
„Klingt gar nicht gut.“ Er gab den neuen Suchbegriff „Epilepsie“ ein.
„Altgriechisch für ‚der Anfall‘“, lasen wir, „früher auch Fallsucht genannt. Es handelt sich um ein genetisch bedingtes spontan auftretendes Krampfleiden.“ Meine Augen übersprangen ein paar Zeilen und blieben am Stichwort Komplikationen hängen. „Während eines Anfalls kann es zu Platz-, Schnitt-, Biss- und Risswunden kommen sowie zu Wirbelbrüchen durch extreme Anspannung der Rückenmuskulatur. Bei manchen Menschen treten Verwirrtheitszustände mit Desorientiertheit, Fehlhandlungen, Verhaltensauffälligkeiten bis hin zu aggressivem Verhalten auf.“
Es kamen noch ein paar Verhaltensregeln für Leute, die Zeugen eines epileptischen Anfalls wurden. Man solle Krampfende nicht festhalten, hieß es da, „ausgenommen Badende, deren Kopf über Wasser zu halten ist“. Das war ja wohl logisch. Die meisten epileptischen Anfälle endeten angeblich spätestens nach wenigen Minuten von selbst.
„Ziemlich ätzendes Krankheitsbild“, sagte Jan.
„Und tendenziell tödlich, wenn es dir am falschen Ort passiert. Oder wenn du ganz allein bist.“ Ich klickte die Seite weg. „Wir müssen so schnell wie möglich nach Hörnum“, sagte ich. „Ich bin ganz sicher, Mia versteckt sich bei diesen Betonklötzen, bis ihr Onkel Igel auftaucht. Und der ist ja bekanntlich erst mal auf der Polizeiwache beschäftigt.“
„Aber wie kommen wir da jetzt so schnell hin? Die Busse fahren nur im Halbstundentakt und so früh morgens noch gar nicht.“
Mein Blick fiel auf Sveas Motorradhelm, der in der Diele neben Tante Hedis Regenmantel hing. „Du kannst nicht zufällig Motorrad fahren?“
„Doch, kann ich zufällig. Mein Onkel hat’s mir beigebracht. Auf seinem Firmenparkplatz. Und ein paar offizielle Fahrstunden hatte ich auch schon.“
„Okay“, sagte ich und schnappte mir Sveas Motorradschlüssel von der Fensterbank. „Dann darfst du jetzt ’ne kultige Harley fahren. Los geht’s.“
„Ist dir eigentlich klar, dass ich mit der Aktion meinen Führerschein riskiere, bevor ich ihn überhaupt habe? Und Svea wird begeistert sein, wenn ihr klar wird, dass wir beide mit ihrem heißen Ofen über die Insel donnern.“
„Du siehst doch, dass es um Leben und Tod geht, oder?“ Ich zog die Haustür hinter uns zu und lief voraus.
„Übertreibst du da nicht ’ne Spur? Es sei denn, du sprichst von meinen Fahrkünsten. Ich bin noch nie ein Motorrad mit Beiwagen gefahren.“
„Da haben wir Schwein gehabt. Svea hat das Teil gestern abmontiert, weil sie mit Martin eine Spritztour über die Insel machen wollte.“
„Oh, Mann, in deiner Gesellschaft bleibt einem aber auch nichts erspart.“
Statt einer Antwort küsste ich ihn auf die Nasenspitze.
Vielleicht hätte ich besser die Harley küssen sollen. Zur Ermunterung. Zweimal würgte Jan sie ab. Ich dachte schon, ich hätte ihm mein Vertrauen einen Tick zu früh geschenkt, doch nach dem dritten Fehlversuch röhrte der Motor von Sveas Maschine endlich los. Ich atmete tief durch, um meine Aufregung etwas in den Griff zu bekommen, und schlang meine Arme enger um Jans Brust. Drei Minuten später ließen wir den Ortsausgang hinter uns und sausten an Mellhörn und Westerheide vorbei gen Süden. Einunddreißig Kilometer bis Hörnum, las ich auf einem Verkehrsschild.
Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich nicht, wie knapp alles werden würde. Und dass ich recht behalten würde mit meiner flapsigen Prophezeiung, es gehe um Leben und Tod …