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Schweißgebadet federte ich mit meinem Florett unter der Kiefer vor und zurück und übte in der heißen Mittagssonne Scheinattacken gegen Tante Hedis Gummiboje. Um mich abzureagieren, bevor Martins Gäste kamen. Das satte „potato-potato-potato“, das ich vorm Haus gehört hatte, klang nicht nach seinem Jeep. Und die Kinderstimme, nachdem das Motorengeräusch verstummt war, nicht nach dem Nachbarjungen.
„Ist es das?“
„Sieht ganz so aus.“
Keuchend hielt ich inne. Waren sie das etwa schon? Verdammt, wo blieb Martin? Sollte ich jetzt auch noch das begeisterte Empfangskomitee spielen? Ganz bestimmt nicht. Die Boje hatte keine Chance gegen meinen nächsten Angriff. Ein Stich mitten in ihr rotes Herz gab ihr den Todesstoß.
„Oh, geilo, darf ich auch mal?“
Ich ließ mein Florett sinken. Ach du Scheiße: Außerirdische! Auf dem Priel Nummer 11, zwischen Tante Hedis Heidekrautrabatten, näherten sich in dunkelroter Ledermontur mit weißen Streifen zwei Gestalten mit riesigen runden Kugelköpfen und heruntergeklapptem Visier. Ich hatte das Quietschen der Gartenpforte nicht gehört, als sie hereinkamen. Martin musste sie geölt haben. „Hallo“, sagte die größere der beiden Gestalten und riss sich den schwarzen Kugelkopf ab, unter dem ein dunkelblonder Pferdeschwanz zum Vorschein kam. „Du bist sicher Fanny.“
„Hey. Intelligenzbestien aus dem All. 100 Punkte. Und von welcher Galaxis kommt ihr?“
„Aus Hannover“, sagte das kleinere Weltraummonster und schob sein Plexiglasvisier nach oben. Unter zwei dunkelbraunen Knopfaugen und schweißverklebten Ponyfransen grinste mich ein Gesicht an, das mit den vielen dunkelbraunen Sommersprossen darin aussah, als sei ein Glas Nutella davor explodiert. „Ich bin Frida“, sagte es, bevor es sich ebenfalls aus seiner extraterrestrisch anmutenden Kopfbedeckung schälte. „Menno, ist das heiß hier.“
„Das kann man wohl sagen.“ Fridas Star-Wars-Mutter zippte ihren schräg über die Brust verlaufenden Reißverschluss auf, bevor sie mir lächelnd die Hand reichte. „Schön, dich endlich kennenzulernen, Fanny“, sagte sie. „Ich bin Svea.“
Mein „Finde ich nicht“ ging in der Slapstick-Nummer meines Vaters unter, der endlich vom Einkaufen zurück war und damit die Begrüßungsformalitäten unterbrach. In diesem Augenblick nämlich blieb Martin mit dem Einkaufsnetz an der Klinke der Gartenpforte hängen und wäre um ein Haar im Heidekraut gelandet. Seine Andy-Warhol-Ray-Ban-sonst-was-Brille hing auf Halbmast über seinem linken Ohr und durch das XL-Loch im Netz purzelten die frisch gefangenen Meerestiere zwischen die Kieselsteine des schmalen Gehwegs. Wie auf Kommando prusteten Svea, Frida und ich los. War es das, was Svea an meinem Vater gefiel? Sein trotteliger Charme? Und Martin? Sveas Anblick schien ihn jedenfalls ganz schön aus dem Tritt zu bringen.
Während wir zu dritt Krabben & Co. aus den Kieseln klaubten und uns dabei die Finger mit der glitschigen Marinade bekleckerten, in der sie bis zu ihrem unsanften Kontakt mit dem Festland geschwommen waren, rettete Martin sich und die übrigen Einkäufe in die Küche, um einen Begrüßungstrunk zuzubereiten. Nicht ohne Svea zuvor noch kurz durch ihren Pferdeschwanz zu wuscheln. Dabei strahlte er sie an, als sei sie wenigstens Penelope Cruz.
Kurz darauf saßen die beiden mit einem Glas Ramazotti-Limette auf Eis im Strandkorb. Frida hatte ihren Orangensaft in einem Zug heruntergestürzt und bearbeitete jetzt mit meinem Florett die Boje. Zwar hatte ich ihr erklärt, wie sie den schweren blauen Pistolengriff (der heißt wirklich so) halten musste, aber bei ihr sah es mehr aus wie Speerwerfen. „Oh, Mist“, sagte sie plötzlich und ließ das Florett auf die empfindliche Spitze mit dem Elektrokontaktpunkt fallen. „Marzipan. Wir haben sie draußen vergessen. Sie hat bestimmt schon einen Sonnenstich.“
„Ach was“, beruhigte Svea sie. „Sie kommt aus den Maisfeldern der amerikanischen Südstaaten. Da ist sie Hitze gewöhnt.“ Aber Frida war schon auf die Straße gelaufen. Als sie wiederkam, trug sie eine große durchsichtige Plastikkiste, die sie mühsam durch die Terrassentür in die Küche bugsierte.
„Was ist das denn?“ Ich war hinter Martin und Svea her in die Küche geschlendert.
„Meerschweinchen, siehst du doch“, sagte Frida ironisch. Und damit packte sie das Terrarium mit der orange-roten Schlange darin mitten auf den Esstisch neben die Kornblumen. „Heißt Marzipan.“ Ich fixierte erst Marzipan mit einem Blick, der mindestens so bösartig war wie der seine, dann Martin und verließ schließlich wortlos die Küche. Dabei warf ich so heftig die Tür hinter mir zu, dass Marzipan auf seinem Geröllhaufen vibrierte. „Menno, pass doch auf“, rief Frida mir hinterher und streichelte den Deckel des Terrariums. „Marzipan ist schwanger.“
Womöglich hätte ich dankbar sein sollen, dass nur unsere beinlose neue Mitbewohnerin schwanger war und nicht auch noch Svea. Aber meine Dankbarkeit hielt sich in Grenzen. Schlangen sind für mich so ziemlich das Ekligste, was es gibt. Schlimmer als Spinnen. Deshalb konnte ich auch die Harry-Potter-Filme im Kino nie angucken. Schlangenmonster im Großleinwandformat und ihr gruseliges Zischen in Dolby-Surround. Nein danke. Was fiel Svea-Frida eigentlich ein? Hätten sie nicht auf ihrem eigenen Planeten in Hannover bleiben können, statt eine Invasion auf meinen zu unternehmen? Mit einer amerikanischen Kornnatter der Gattung „Pantherophis guttatus“ im Gepäck, wie ich im Hinausstürmen noch mitgekriegt hatte. Und was fiel meinem Vater ein, mir dieses Trio infernale zuzumuten? Ohne Vorwarnung und ohne Veto-Recht!
„Vermisst wird seit gestern Abend, 22.00 Uhr, die siebzehnjährige Mia Sander aus Friedrichstadt. Mia Sander ist 1,71 Meter groß, hat schwarz gefärbte, kurze Haare und ist bekleidet mit einer olivfarbenen Hose, schwarzem Kapuzenshirt sowie einem roten Tuch. Sie hat eine weiße Ratte bei sich, mit der sie zuletzt am Busbahnhof Friedrichstadt gesehen wurde. Mia ist möglicherweise verwirrt und benötigt dringend Medikamente. Sachdienliche Hinweise nimmt jede Polizeidienststelle entgegen sowie die Kriminalpolizei Hamburg, Tel. 040/…“
Als ich vom Oststrand zurückkam, wo ich, wie mir schien, stundenlang im Watt herumgelaufen war und mir den linken Fuß an einer scharfkantigen Austernschale geratscht hatte, saßen sie beim Kaffee auf den rot lackierten Gartenmöbeln. Zum Glück ohne Marzipan. Aber dafür mit Tante Hedis vorsintflutlichem schwarzen Kofferradio auf einem der Stühle. „Cool. Eine weiße Ratte“, nuschelte Frida zwischen zwei Bissen Zimtfranzbrötchen. „So wie die aussieht, müsste sie doch leicht zu finden sein.“
„Kommt drauf an“, sagte Martin. „Wahrscheinlich ist sie längst am Bahnhof Zoo in Berlin oder am Hamburger Hauptbahnhof. Und da sehen viele so aus.“
Was für ein Klischee, dachte ich. Das kennt er doch bloß aus „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Die Geschichte der Christiane F.“. Die Christiane F. hatte ich als Schullektüre in der achten Klasse gehabt und Martin hatte sich bei einem Heimaturlaub mal kurzfristig von seinen Mumienbüchern abgewandt und es gelesen. Weil er wissen wollte, was seine Tochter so im Kopf hat, wie er meinte. Frag mich doch einfach, wenn du wissen willst, was ich im Kopf habe, hatte ich damals gedacht.
„Was für ein Klischee“, sagte Svea und ich konnte nicht verhindern, dass sich meine rechte Augenbraue hob. „Kann doch auch was ganz anderes sein. Vielleicht hat sie Liebeskummer. Oder Stress mit ihren Eltern. Oder der Dorfpastor hat sich an sie rangemacht und sie kann es niemandem sagen.“
„Was für eine blühende Fantasie du hast“, sagte Martin und fuhr mit seinem Zeigefinger über ihren kleinen Finger.
„Na ja, man braucht ja nur die Zeitung zu lesen.“
„Die suchen sie aber schon ganz schön lange, diese Mia“, sagte ich. „Das haben wir doch auf der Fahrt hierher schon dauernd im Radio gehört.“
„Das ist in der Tat ungewöhnlich.“ Martin schenkte Svea und sich Kaffee nach. „Normalerweise senden sie diese Suchmeldungen nur ein, zwei Tage.“
„Dann kann man dem Mädchen nur wünschen, dass sie genügend Medikamente mitgenommen hat“, sagte Svea.
„Wo würdest du dich verstecken, Fanny, wenn du abhauen wolltest?“ Während Frida ihr Franzbrötchen mampfte, schienen die Nutellapunkte in ihrem Gesicht zu pulsieren, als würden sie abwechselnd kleiner und wieder größer werden.
„Keine Ahnung. Willst du mich loswerden oder was?“
„Also, ich würde hierher fahren. Nach Sylt. Und im Strandkorb von deiner Tante Hedi wohnen.“
„Und Marzipan? Den würdest du zu deiner Mama in die Wüste schicken? In einem dicken braunen Briefumschlag?“
„Die“, sagte Frida. „Es muss ‚die‘ heißen. Marzipan ist ein Mädchen. Sonst könnte sie doch nicht schwanger sein.“ Sie leckte ihren Zeigefinger ab. „Marzipan würde ich natürlich mitnehmen. In meinem Rucksack. Aber dann müsste ich bald abhauen, sonst wird sie zu schwer.“
„Soll das heißen, die wächst noch?“
„Ja, klar. Sie wird noch ungefähr einen halben Meter länger und sechs Zentimeter dicker. Sie ist noch ziemlich jung.“
„Ein Teenie und schon schwanger“, sagte ich. „Wie habt ihr das denn hingekriegt?“
„Das wirst du ja wohl wissen, wie das geht“, sagte Frida. „Hattest du keinen Sexualkundeunterricht in der Schule?“
Martin brach in schallendes Lachen aus, während ich an Öko-Rebhuhn denken musste. Meinen Biolehrer, der sich einen abgebrochen hatte mit seinen Eierstöcken, Mutterkuchen und der Spermiendichte. Vor allem mit der Spermiendichte, die er bei unserer Generation in Gefahr sah, weil sie dem „Dauergefunke“ der Handys in den Jungs-Hosentaschen ausgesetzt sei. „Seid mal leise, das ist gerade wichtig“, hatte Jonathan gerufen und zum Gejohle der ganzen Klasse demonstrativ sein Handy ausgeschaltet. „Ich will noch Kinder. Wenigstens drei Stück.“
„Uaaaahlll-Kunde“ hatten wir Öko-Rebhuhns Unterricht genannt, der ihm selbst ziemlich peinlich zu sein schien.
„Und, wo würdest du dich nun verstecken?“, riss Martin mich aus meinen Gedanken.
„Was? Keine Ahnung.“ Ich zuckte die Schultern. „Und außerdem: Das würde ich dir jetzt ganz bestimmt nicht auf die Nase binden. Vielleicht brauche ich mein Versteck ja noch mal.“
„Also, der Strandkorb ist jedenfalls besetzt“, erklärte Frida.
„Sylt käme sowieso nicht infrage“, sagte ich. „Da ist es viel zu voll.“
Ich sollte mich täuschen. Denn man kann sich da sehr gut verstecken – an Orten, so einsam wie ein Grab. Das Grab entdeckte ich drei Tage später. Aus Versehen und vollkommen unfreiwillig …