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Das Busgeschaukel war einschläfernd. Außerdem war ich kaputt von der langen Strandwanderung. Abwesend schaute ich zu, wie links von mir die karge Mondlandschaft vorbeiflog, die bei diesem trüben Wetter besonders deprimierend aussah. Durch nordfriesisches Genöle wurde ich aus meinen Gedanken gerissen.

„Das wird ja imma schöna. Nu fang’se schon an, in unser’n Hörnum Apotheken auszurauben.“ Ich fuhr zusammen. Zwei Bänke schräg vor uns saß, mit dem Rücken zu uns, Käpt’n Blaubär mit seiner Frau und wetterte lautstark über das, was in der Zeitung stand. Dabei hackte er mit seinem knorrigen Zeigefinger auf die Stelle ein, die ihn offenbar besonders erboste. „Scheibe auf der Rückseite eingeschlagen, Leita aus Hansens Garten angelehnt und rinn inne Bude.“

„Und wie viel fehlt?“ Das war die Blaubärin.

„Die Kasse hamse wohl nich aufgekriegt. Aber dafür sämtliche Medikamentenschränke durchwühlt. Wohl auffe Suche nach Drogen. Muss aussehen, als hätte da ne Bombe eingeschlagen.“

Jan stieß mich mit dem Ellbogen an und grinste. „Na, der wär doch was für dich. Hört sich an, als hätte er jede Menge Weltkriegserfahrung. Los, da sitzt deine Chance.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und sah mich feixend an. Ich rutschte eine Etage tiefer in meinem Sitz. Ich hatte nicht die geringste Lust, mich von diesem keifenden Alten womöglich auch noch dumm anmachen zu lassen.

„Nee, keinen Bock jetzt. Da warte ich lieber, bis diese blöde Bibliothek wieder aufmacht.“

„Das dauert noch fast ’ne Woche. Und du weißt nicht mal, ob sie dein Buch haben.“

Auch wieder wahr. „Aber der da vorn ist mir gerade zu gallig drauf.“

Jan räusperte sich, strich sein Hemd so glatt, wie es ging, stand auf und steuerte geradewegs auf Blaubär und seine Frau zu. „Entschuldigen Sie bitte, der Herr“, sagte er und ich musste kichern, „darf ich Sie etwas fragen?“

„Was?“, schnauzte Blaubär misstrauisch, und das bezog sich nicht auf den Inhalt von Jans Frage, sondern darauf, dass überhaupt jemand das Wort an ihn gerichtet hatte. Schwerhörig war er also auch noch. Als er Jan das Gesicht zuwandte, konnte ich im Profil seine Hakennase erkennen und die lange Narbe auf seiner linken Wange, die von der Form her an Sylt erinnerte. Darüber stach ein Auge aus dem verwitterten Gesicht, so blitzeblau wie ein Aquamarin.

„Ich möchte Sie gern etwas fragen“, wiederholte Jan und ließ sich auf dem Sitz vor dem erstaunten Ehepaar nieder.

„Was denn, mein Jung“, schaltete sich die Blaubärin ein, die ebenso rundlich war wie ihr Mann hager. Und ebenso freundlich wie er übellaunig. Zum Glück schienen ihre Ohren noch in Ordnung.

„Leben Sie schon lange auf der Insel?“ Jan hatte ein paar Dezibel zugelegt, damit er nicht alles zweimal sagen musste.

„Na, selbstvaständlich. Lebenslänglich, min Dschung. Emma und ich, wir sind hier geboan.“

„Ich in Westerland und mein Willem in Rantum.“

„Rantum, jawoll“, bestätigte Willem Blaubär, der plötzlich viel versöhnlicher wirkte. „1936 war das. Da war hier noch nix los auf der Insel. Noch nich mal der Krieg.“ Der Krieg. Bei ihm klang es wie „Kriech“.

„Können Sie sich daran noch erinnern?“, fragte Jan, ganz der lässige TV-Kommissar.

„Na, kloar kann ich das.“ Willem zog ein kariertes Stofftaschentuch aus der Jackentasche, schnäuzte lautstark seinen gewaltigen Zinken hinein und verstaute das verseuchte Stück Stoff umständlich wieder in der Jacke. „Ich war neun, als der Kriech aus war. Vor allem gegen Ende wimmelte es von Militär und Waffen auf der Insel. War’n mehr Soldaten als Schafe hier. Und als Einwohner. Wir hatten vier Seefliegerhorste auf Sylt, jede Menge Bunker in den Dünen, und der Strand war Sperrgebiet.“

„Das war doch sicher spannend für einen kleinen Jungen.“

„Nä. Nich so spannend. Gefährlich war das vor allem und zu essen gab’s auch nich viel. Die ham Flachwasserminen am Strand verlegt. Und nachts schoss die Flak.“

„Flak?“, fragte Jan.

„Tja, das wisst ihr heute zum Glück allens nich mehr. Flugabwehrkanonen war’n das. Mit denen ham se auf die Bomber vom Engländer geschossen, wenn der aufm Weg nach Berlin war. Oder nach Hamburg.“ Hamburg. Es wurde Zeit, mich einzuschalten. Ich stand auf und setzte mich neben Jan, der weiter ans Fenster rutschte.

„Moin“, sagte ich.

„Moin, min Deern“, sagte Emma. „Und wer bist du?“

„Fanny, aus Hamburg“, stellte ich mich vor. „Mein Vater hat mir erzählt, dass die meisten Bunker nach dem Krieg gesprengt wurden. Haben Sie als Kinder noch in den Trümmern gespielt?“ Willems Augen leuchteten auf, als seien sie von einem Sonnenstrahl getroffen worden.

„Hamwa“, sagte er, „war verboten, aber hamwa trotzdem. Am Standort Puan Klent, da, wo das Schullandheim ist, kannten wir jeden Stein. Und in den geräumten MG-Nestern an der Dünenkante hamwa mit angeschwemmten Stöckern und Brettern vom Strand Scharfschützen gespielt.“

„Was ist ein MG-Nest?“, fragte ich und stellte mir eine Art Seeadlerhorst vor.

„Maschinengewehr-Schießstand“, erklärte Willem. „Sieben Stück gab es an der Westküste. Die hatten alle Frauennamen. Mit Anna fing’s an, oben bei List. Dann kamen Berta, Cäcilie und Dora. Und vor Puan Klent lagen Frida, Hilda und Inge. Allens streng nach Alphabet.“ Er grinste. „Nur Emma ham se ausgelassen.“ Mit seiner knorrigen Hand tätschelte er die runden geröteten Finger seiner Frau, als habe er es mit einem Hund zu tun. „Aber ich hab ja meine eigene Emma. Und die ist mindestens genauso explosiv.“ Emma lächelte nachsichtig.

„Warum interessiert euch das?“, fragte sie. „Müsst ihr ein Referat schreiben, für die Schule? Normalerweise will heute niemand mehr was davon wissen. Wenn nicht gerade ein Bunker auf den Strand fällt. Dann kommen natürlich alle wieder gerannt. So wie vor vier Jahren bei Hörnum.“

Ich sah Jan an, unsicher, ob ich mit der Wahrheit herausrücken sollte. „Ich wäre neulich fast in ein Betonloch gefallen“, sagte ich schließlich.

„Wo?“ Willem legte den Kopf schief, kniff die Augen zusammen und funkelte mich aus seinen Aquamarinsplittern interessiert an.

„In der Nähe von List“, erklärte ich vage. „Beim Strand.“

Willem zuckte die Schultern. „Da kenn ich mich nich so aus“, sagte er. „Aber jede Menge Bunker da oben. Dass die jetzt als Touristenfallen da rumliegen …“ Er schüttelte den Kopf. „Obwohl“, er grinste spitzbübisch, „gar keine schlechte Idee. Wird immer voller hier.“

„Und der bei Hörnum?“, schaltete Jan sich ein. „Der auf den Strand gefallen ist? Wir waren da gerade, aber von einem Bunker haben wir weit und breit nichts gesehen. Außer dem Keller vom Sansibar.“

„Ach, das Sansibar“, sagte Willem verächtlich. „Allens Schickimicki. Viel Protz aufm Parkplatz und zu viele Pelzmäntel. Aber als Weinlager ist so’n Bunker praktisch. Fünfundzwanzigtausend Flaschen sollen da liegen.“

„Den anderen vor Hörnum haben sie mit Baggern wieder eingebuddelt“, erklärte Emma. „War ein Riesending mit meterdicken Betonwänden. Aber die Touristen fingen an, drauf herumzuklettern, und das war einfach zu gefährlich.“

„Das haben wir uns schon gedacht“, sagte Jan und sah mich an. Emma zupfte Willem Blaubär am Ärmel.

„Aufstehen, Willem“, sagte sie resolut. „Wir sind schon in Westerland. An der nächsten Station müssen wir raus.“ Für ihr Alter erstaunlich standfest erhoben die beiden sich und gingen zur mittleren Bustür.

„Schönen Tach noch, ihr zwei“, sagte Willem und hielt sich eisern an einer Stange fest. „Und passt auf, dass ihr nicht wieder in ein Loch fallt.“

„Machen wir, und vielen Dank“, riefen wir hinterher. „War echt interessant.“ Dann waren die beiden in der Menge am Bahnhofsvorplatz verschwunden.

„Frida“, sagte ich und ließ mich gegen die Rückenlehne fallen. „Ein MG-Nest namens Frida. Typisch.“

„Hätte genauso gut Fanny heißen können“, sagte Jan. „So explosiv wie Frida bist du schon lange.“ Er grinste. „Und wie Emma erst recht.“

Als ich abends im Bett lag und die unheimlich wabernden Schattenarme betrachtete, die das Licht der Straßenlaterne durch die Kiefer vorm Fenster auf die Zimmertapete warf, dachte ich darüber nach, wie er diesen Satz wohl gemeint haben könnte. War ich in seinen Augen eine Granate oder eher eine Art Rohrkrepierer? Ich entschied mich für die Granate, auch wenn ich mich von der langen Strandwanderung so zerschlagen fühlte, als wäre ich bereits hochgegangen und würde jetzt in tausend Fetzen zersprengt zu Boden taumeln.

Oder als hätte mir jemand vorzeitig die Zündschnur abgeschnitten.