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„Sieht so aus.“ Beim Anblick der modrigen Stufen, die nach unten führten, kam das alte Gollum-Gefühl in mir hoch. Es kroch mir unter die Haut und stellte die flaumigen Härchen an meinen Unterarmen auf, sodass sie sich an der Innenseite meiner Ärmel rieben und anfühlten wie ein kleiner Pelz.
Wir sahen uns an. Unwillkürlich tastete ich nach Jans Hand. Ich schüttelte den Kopf und behutsam ließ Jan die Falltür wieder zu Boden sinken, bis sie mit trockenem Knirschen einrastete. Von unten hörten wir das Schlagen der Tür an ihrem Metallrahmen, verstörendes Echo einer lang zurückliegenden Vergangenheit. „Ich will da jetzt nicht rein“, sagte ich und fühlte mich außer Atem, obwohl ich gar nicht gerannt war. Alles in mir sträubte sich gegen die Vorstellung, da jemals wieder runterzumüssen.
„Musst du auch gar nicht“, sagte Jan. „Wir können das alles hier einfach vergessen.“ Er strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht und sah mir forschend in die Augen. Meine Lippen zitterten, und wie kleine Insekten in frischer Farbe blieben meine Pupillen kleben an seinem Blick und an seinen langen dunklen Wimpern, die die goldenen Sprenkel verschatteten. Weder konnte ich die Augen zumachen noch weggucken.
„Ja“, sagte ich leise, „vergessen wir’s.“ Ich hielt seine Augen in meinen nicht länger aus und wollte mich zur Seite drehen, doch er hielt mich einfach fest. Dann zog er mich an sich, als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt.
Es WAR die selbstverständlichste Sache der Welt. Ich leistete null Widerstand, noch nicht mal pro forma, ließ mich einfach fallen. Es war ganz leicht. Und es tat so gut, sich endlich anlehnen zu können. An jemanden, der nicht zu meiner implodierten Familie gehörte und auch nicht erst überlegen musste, was ihm wichtiger war: seine E-Gitarre, sein Surfbrett – oder ich.
Ich spürte, wie Jans Herz schlug unter dem türkisfarbenen Sweatshirt, das er anhatte. Es fühlte sich vertraut an, als gehörte es so. Als gehörten wir so. Und ich weiß nicht, warum, aber mir kamen die Tränen. Wie eine Riesenwelle, von der ich vorher nicht geahnt hatte, dass sie sich unter der Oberfläche bereitmachte, über mich hinwegzufluten. Und dabei alle Dämme einzureißen, die ich unsichtbar um mich herum aufgebaut hatte.
Als ich klein war, hatte ich mich gefühlt wie Balu. Nichts konnte mir passieren, ich war groß und stark wie ein Bär und guckte nicht weiter nach vorne als bis zum nächsten Tag. Höchstens. Aber seit ungefähr einem halben Jahr fühlte sich mein Leben an, als hätte es jemand mittendrin in zwei Teile gebrochen: in bevor Britta ging und danach. Mamas und Papas Trennung war einfach das Letzte. Der Kummer und die Wut darüber nagten an mir wie ein Schmerz, der sich nur durch Gewebe zersetzendes Cortison in Schach halten ließ und schon chronisch geworden war. Ebenso chronisch wie die Trennungsorgie in meiner Klasse. Bei den Eltern wohlgemerkt, nicht den Schülern. Meinem halben Jahrgang war mittlerweile die eine Hälfte seiner Erziehungsberechtigten abhandengekommen, in einem Fall durch Herzinfarkt, beim Rest durch Beziehungsinfarkt. Super.
Okay, meine eigene Beziehungsbiografie war auch nicht gerade eine Erfolgsgeschichte. Die letzte Pleite lag gerade erst ein paar Wochen zurück und hieß Aaron. Aaron, der Gitarrenfreak, dessen Herz mehr für Heavy Metal schlug als für mich. „Krieg erst mal raus, was du wirklich willst“, hatte ich zu ihm gesagt, bevor ich mitten in seinem letzten Auftritt aus der Aula geflohen war. Er hatte es wohl rausgekriegt, denn seitdem hatte ich nichts mehr von ihm gehört. Nur gesehen: „Happy Single“, stand unter „Beziehungsstatus“ auf seiner Facebookseite. Aaron, der happy Arsch.
Im Gegensatz zu ihm war Martin wohl nicht happy als Single. Die Sache mit seiner nagelneuen Svea, die für ihn ja wohl gar nicht so nagelneu war, hatte mich kalt erwischt, auch wenn ich versucht hatte, sie so kaltschnäuzig wie möglich zu parieren. Die ganze Zeit über hatte ich die coole Socke gespielt, die mit allem klarkommt und mit Galgenhumor (so heißt mein Cortison) über alles weggeht. Aber jetzt hatte meine pseudo-toughe „That’s life – macht mir doch alles nichts aus“-Fassade offensichtlich einen Knacks wegbekommen. Oder gleich mehrere. Fühlte sich an wie der Grand Canyon, der langsam volllief. Erst kribbelte es in der Nase, auf die Lippen beißen half nichts, und dann standen meine Augen schon unter Wasser. Die Tränen rollten mir die Wangen herunter, eine nach der anderen, und wollten gar nicht wieder aufhören. Die ersten fünf versuchte ich noch einzufangen, aber dann ließ ich sie laufen. Jans Shirt wurde ganz nass, denn wir standen so wenigstens fünf Minuten eng umschlungen in der Nachmittagssonne, bis sich die Flutwelle aus meinen Augen allmählich in einen Schluckauf verwandelte. „Hey“, sagte Jan und stupste meine Stirn mit der Nase an, „hör auf damit.“ Ich blickte zu ihm auf und mit dem Zeigefinger strich er mir über den Abdruck eines Knopfes von seinem Sweatshirt, der sich auf meiner geröteten Wange abzeichnete. „Mit Schluckauf kann man nicht küssen.“
„Hicks“, sagte ich.
Dann bewies ich ihm das Gegenteil. Ich schloss die Augen und dachte an nichts mehr. Als ich sie nach einer gefühlten Ewigkeit wieder aufmachte, waren die Dämme in mir total aufgeweicht und schrien nach Sandsäcken. Aber keine Chance. Mindestens einer hatte ein dickes, fettes Loch. Und mein Schluckauf war ganz weg. (Ehrlich, das ist die beste Methode gegen Schluckauf, die ich je ausprobiert habe. Unbedingt zu empfehlen. Kann man bloß nicht bei jedem machen. ☺)
Wir nahmen den langen Fußweg zurück durch die Heidelandschaft, an der Jugendherberge vorbei, über die Sand- und Bohlenwege bis dort, wo die Häuser von List anfangen. Wir gingen Hand in Hand und sprachen nicht viel. Trotzdem kam mir der Weg so kurz vor wie noch nie, und von mir aus hätten wir ewig so weitergehen können. An die mysteriöse Person, die wir bei dem unterirdischen Eingang zur Flakstellung gesehen hatten, verschwendete ich keinen Gedanken. Ich war hier oben. Mit Jan. Und alles war neu. Und aufregend. Und … einfach nur gut.
„Hallo, ihr zwei, wisst ihr, wo Frida steckt?“, empfing uns Martin am Holztor zum Garten. „Es ist schon nach sieben.“
„Ehm, nein, keine Ahnung“, erwiderte ich und wollte mich unauffällig mit Jan an ihm vorbeidrücken. „Jan kennst du ja schon.“
„Hallo, Jan“, sagte Martin. „Ich habe mich noch gar nicht bedankt für die Rettungsaktion in den Dünen neulich. Vielen Dank für deine Hilfe. Und ich bin übrigens Martin.“ Hoppla. Diese Form von Lockerheit kannte ich gar nicht an meinem Vater. Sollte er die Lage etwa sofort gepeilt haben?
„Kein Problem“, sagte Jan und grinste leicht verlegen. „Man muss ein bisschen aufpassen auf Fanny.“
„Diese Erfahrung habe ich auch schon gemacht“, erwiderte Martin, und mir war gerade nicht sehr klar, worauf sich das bezog.
„Mist!“ Svea klappte ihr Handy zu und trat aus der Küche nach draußen. „Der Teilnehmer ist vorübergehend nicht zu erreichen … Oh, hallo, Fanny.“ Sie sah erleichtert aus, als sie uns bemerkte, und dann leicht irritiert. „Ist Frida nicht bei euch? Ich hatte gehofft, du hast sie im Schlepptau.“
Zum Glück nicht, dachte ich. Das hätte gerade gar nicht gepasst. „Nee“, sagte ich. „Ich hab sie heute zuletzt beim Mittagessen gesehen. Wo ist sie denn hin?“
„Sie ist kurz vor vier mit Jasper los“, sagte Svea und runzelte die Stirn. „Zum Weststrand, hat sie gesagt, und ich dachte eigentlich, sie ist mit dir zusammen weg.“
„N…nein“, sagte ich mit einem Anflug von schlechtem Gewissen, weil ich mich in den letzten Tagen nicht sehr um Frida gekümmert hatte. „Wir waren zwar auch am Strand, aber Frida haben wir dort nicht gesehen.“
„Dabei hätte sie euch auffallen müssen.“ Svea flocht ihre langen schlanken Finger zwischen die kräftigen von Martin und wirkte weit weniger gelassen als sonst. „Sie hatte Jasper eins von Martins ollen Unterhemden übergezogen. Gegen Sonnenbrand.“
„Typisch“, grinste ich. „Das ist übrigens Jan“, setzte ich hinzu, um etwas Anteilnahme zu zeigen. „Er hat mich neulich zusammen mit Frida aus diesem Loch geholt.“
„Svea“, sagte Svea und reichte Jan die Hand. Jetzt war mir klar, woher Martins plötzliche Lockerheit kam. „Irgendwas machen wir falsch“, bemerkte sie an Martin gewandt. „Ständig verschwindet eins von unseren Kindern.“
Oder von unseren Eltern, dachte ich, aber das behielt ich für mich.
„Das klärt sich bestimmt gleich auf“, sagte Martin. „Wahrscheinlich kommt sie in fünf Minuten quietschvergnügt um die Ecke und hat selbst gefangene Krebse in ihrem Kescher. Außerdem passt Jasper auf sie auf.“
„Warum beruhigt mich das jetzt nicht?“, fragte Svea trocken. „Ich warte noch genau eine halbe Stunde. Dann gehe ich los und suche sie.“
Frida kam nicht in dieser halben Stunde. Und auch nicht in der nächsten. Svea und Martin waren bereits losgefahren. Ich sollte zu Hause die Stellung halten, falls Frida von alleine wieder auftauchen würde. „Du meldest dich sofort, wenn sie da ist, okay?“, hatten sie mir eingeschärft.
„Na klar.“ Es war jetzt kurz nach acht. Jan hatte sich vor einer Viertelstunde verabschiedet, was ungefähr fünf Minuten in Anspruch genommen hatte (hmmm). Er wurde zum Zwillinge-Hüten erwartet, da sein Onkel und seine Tante sich in einer Strandbar mit Freunden verabredet hatten und dabei auf die Gesellschaft von Max und Moritz keinen Wert legten.
„Tut mir echt leid“, Jans Grübchen vertiefte sich um ein, zwei Millimeter, „aber irgendwie muss ich mir die Ferien hier ja verdienen.“
Ich begleitete Jan ein kleines Stück bis dort, wo die Heidelandschaft anfing. Dort verabschiedeten wir uns noch mal. „Ich muss jetzt wirklich los, Fanny“, nuschelte er zwischen zwei Küssen. „Sonst krieg ich Stress mit Max’ und Moritz’ Eltern.“
„Den kriegst du sowieso. Und zwar mit Max und Moritz höchstselbst“, grinste ich. „Aber ich muss ja auch zurück. Auf Frida warten.“
Ich blickte ihm erst noch sehnsüchtig nach, bekam dann aber doch ein ungutes Gefühl im Bauch. Wo steckte Frida nur?
Martin und Svea hatten den Jeep bis zur Weststrandhalle genommen und wollten den Strand und den Dünenkamm in Richtung Kampen nach ihr absuchen. Vielleicht hatte sie es sich ja verbotenerweise in einer der sandigen Kuhlen gemütlich gemacht und war darin eingeschlafen. So richtig vorstellen konnte ich mir das angesichts von Fridas Aktionsdrang allerdings nicht. Bei Jasper schon eher.
Die inzwischen dunkelorangefarbene Sonne näherte sich jetzt rasch dem Horizont und war von List aus hinter den Dünen des Ellenbogens nur noch zu erahnen. Lila-orangefarbene Schlieren verfärbten den Himmel dramatisch. „Unheilschwanger“, das Lieblingswort meines Deutschlehrers, kam mir in den Sinn und es klang genauso blöd wie immer in meinen Ohren. Noch höchstens eine halbe Stunde, dann würde die Sonne wie eine reife Pflaume ins Meer plumpsen.
Ich ging nach Hause. Es war deutlich kühler geworden und ich griff mir die hellblaue Fleecedecke vom Sofa, bevor ich mich mit meinem Krimi draußen in den Strandkorb setzte. Eigentlich brauchte ich den gar nicht. Schließlich hatte ich genügend Dinge zum Darüber-Nachdenken und zum Träumen. Ich zündete die beiden großen kugeligen Windlichter aus rotem Wachs an, die Svea gekauft hatte, und merkte ziemlich schnell, dass das zum Lesen nicht reichen würde. Taschenlampe. Wo war unsere Taschenlampe? Widerstrebend stand ich auf, doch sie hing nicht mehr an ihrem Haken in der Diele. Ob Martin sie mitgenommen hatte? Wäre ja naheliegend. Oder sie lag irgendwo bei Frida im Zimmer, wie das meiste, was man in letzter Zeit vermisste. Ich ging nachsehen, aber in Fridas Tohuwabohu war keine Taschenlampe. Dafür machte ich eine andere Entdeckung.
Auf dem Weg nach draußen gab ich Marzipans Terrariumdeckel einen Klaps. „Wir werden deine Freundin schon finden“, sagte ich leichthin zu ihr. „Wer soll dich sonst mit toten Mäusen füttern? Ich bestimmt nicht.“ Die werdende Mutter, die sich zu einer Art dreilagiger Acht zusammengerollt hatte, zeigte sich wenig beeindruckt von meiner fürsorglichen Ansprache. Träge lag sie unter ihrem knochenfarbenen Kletterast, den Frida am Strand gefunden hatte. Dabei fiel mein Blick auf etwas blau-silbern Schimmerndes auf dem Boden vor dem Terrarium. Es waren zwei Batterien. Daneben lag die aufgerissene Plastikhülle der neuen, durch die sie offenbar ersetzt worden waren.
Ich ging in die Knie und spielte nachdenklich mit den beiden Metallröllchen in meiner Hand. Wozu brauchte Frida die? Meines Wissens besaß sie weder einen Gameboy noch anderen technischen Schnickschnack. Und für ein Handy brauchte man keine Batterien. Mein Gesicht verzog sich zu einer ungläubigen Grimasse, als mir die logische Erklärung zu dämmern begann. Ich wusste, was die Batterien zu bedeuten hatten. Ich wusste es sehr genau. Ich brauchte nur eins und eins zusammenzuzählen: Diese Dinger waren dazu gedacht, eine Taschenlampe zu bestücken, und zwar ebenjene, die jetzt nicht mehr an ihrem Haken hing. Und selbige Taschenlampe wiederum war unverzichtbar, wenn man beabsichtigte, heimlich einen unterirdischen Stollen zu erforschen. So wie Frida.
„Diese kleine Irre.“ Wütend schlug ich mit der flachen Hand noch mal auf Marzipans Terrarium, worauf Fridas Kuscheltier sich doch noch zu einer Reaktion herabließ und böse züngelnd hochfuhr. „Die hat doch den totalen Sockenschuss.“ Dabei musste ich an die Geräusche denken, die mich in dem alten Bunker so sehr erschreckt hatten, und mein Herz fing an zu rasen.