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Eine Weile stapfte ich über Trampelpfade und Bohlenwege durch die Dünen. Als ich endlich am Weststrand ankam, hatte ich mich halbwegs abgeregt. Bei dem schönen Wetter, das jetzt wohl endlich tatsächlich begann, war der Strand voll mit Urlaubern, die sich in den Standkörben brutzeln ließen, johlend ins Wasser rannten oder mehr oder weniger elegant Strandtennis spielten. Ich zog die Flipflops aus und tappte noch ein bisschen durchs seichte Uferwasser, dann warf ich mich in den abgelegensten der Strandkörbe, dicht an den Dünen, und grub meine Zehen zum Trocknen in den warmen Sand. Ich versuchte NICHTS zu denken. NICHTS, NICHTS, NICHTS. Statt SVEA, SVEA, SVEA. Und FRIDA.

„Darf ich bitte deine Strandkorbkarte sehen?“ Eine unfreundliche Stimme schreckte mich auf. Ich musste kurz weggenickt sein. Ich blinzelte in die Sonne, die vom Untergehen noch ein paar Stunden entfernt schien, bis sich ein Schatten davorschob. Der Schatten hatte stacheliges Haar, das wie Borsten gen Himmel stand, eine kratzige Stimme und war im Gegenlicht nicht wirklich zu erkennen. Schräg über die Brust seines dünnen Baumwollpullis spannte sich der Gurt einer abgegriffenen Tasche aus blauem Kunstleder.

„Ich hab keine“, antwortete ich, nachdem ich reflexartig in der Brusttasche von Martins Oberhemd gefummelt hatte, das ich überm T-Shirt trug. Darin steckte aber nur die halb leere Spraydose, mit der ich Großtante Hedis Gartenbank einen neuen roten Anstrich verpasst hatte.

„Dann wirst du jetzt wohl eine kaufen müssen.“ Der Schatten zog eine Art Quittung aus seinem Kunstlederbeutel. „Macht sechs Euro bitte für den halben Tag.“ Ich blickte auf mein Handy zwecks Uhrzeit-Check. Sechs Euro? Um fünf Minuten nach fünf. Hatte der sie nicht alle? Ich hatte höchstens eine halbe Stunde hier gesessen. Und sein Arbeitstag war wahrscheinlich seit genau dreihundert Sekunden zu Ende.

„Hab ich auch nicht.“

„Ach nee. Dann stehst du leider auf der Stelle auf.“ Ich rührte mich nicht.

„Na, wird’s bald?“ Seine Augen konnte ich nicht erkennen, aber seine Haltung signalisierte, dass nicht mit ihm zu spaßen war, so als würde er am liebsten jeden Moment handgreiflich werden. Ich warf ihm meinen unterirdischsten Blick zu und richtete mich in meinem Sitz auf. In Zeitlupe entfernte ich den Sand zwischen den Zehen und wurstelte mich in meine Flipflops, während er mich grimmig beobachtete. Als ich mich erhob, immer noch in Zeitlupe, drehte er sich um und ging.

Idiot!

Das dachte ich nicht nur, das sprayte ich auch mit meinem Rest roter Farbe in Großbuchstaben hinten auf den weißen Strandkorb. Quer durch die Nummer 207, deren schwarze Null für das O herhalten musste, das jetzt unter roten Punktaugen mürrisch den Mund verzog. Ich mach so was sonst nicht. Aber dieser Blödmann in Kombination mit Martins eigenmächtigen Urlaubsplänen brachte offenbar das Schlechteste in mir zum Vorschein. Ich ließ die Spraydose zurück in meine Hemdtasche gleiten, mich selbst rückwärts in den Sand fallen und betrachtete mein Werk.

„Idee 15 Punkte. Ausführung 5–6.“ Ich fuhr herum. Unterhalb der Dünen im Sand saß breit grinsend ein Typ in wild orange-weiß gemusterten Badeshorts. Lässig nahm er den langen Halm aus dem Mund, auf dem er herumgekaut hatte, während er mich offensichtlich bei der Ausführung meines dilettantischen Strandgraffito beobachtet hatte, drehte einen Knoten hinein und warf ihn dann weg.

„Scheiße.“

„Kein Problem. Dieser Strandbulle nervt schon den ganzen Tag.“

„Sitzt du schon länger hier?“

„Erst seit du schliefst.“

„Wie spannend, mir beim Schlafen zuzusehen.“

„Ja, aber leider hab ich nicht verstanden, was du gesagt hast.“

„Gesagt? Ich dachte, ich hätte geschlafen.“

„Und dabei gesprochen. Klang, als würde dich was aufregen.“

So leicht war ich zu durchschauen? Sogar im Schlaf?

„Ooch, nur dass mein Vater mir gerade die Ferien ruiniert hat“, gab ich zu, ohne es zu wollen.

„Aha. Du machst also doch Ferien hier. Ich dachte eher an eine Lehre zum Malergesellen oder so.“

Ich blickte an mir herunter. Martins blau gestreiftes Oberhemd war mit roten und weißen Farbklecksen übersät. Dito meine ausgefransten Jeans-Bermudas, die schon länger keine Waschmaschine mehr von innen gesehen hatten. Die Haare hatte ich notdürftig unter eine Baseballkappe gestopft, unter der mir zwei farbverschmierte Strähnen ins Gesicht wehten. Und wahrscheinlich hatte ich statt Sonnencreme rote Punkte im Gesicht. Na super. Das Sams auf Urlaub. Fehlte nur noch der Taucheranzug.

„Oder zur Fachfrau für Haushaltsauflösungen“, sagte ich.

„Was?“

„Ich helfe meinem Vater dabei, das Haus meiner Großtante zu entrümpeln. Da ist ein Bikini eher unpraktisch.“

„Und damit ruiniert er dir die Ferien? Mit der Entrümpelungsaktion?“

„Nicht mit der Arbeit. Die stört mich nicht. Aber mit seiner neuen Freundin, von der ich eben erst erfahren habe und die offensichtlich morgen hier aufkreuzen wird. Mitsamt ihrer Tochter, für die ich dann womöglich den Babysitter spielen darf.“ Wütend warf ich ein Häufchen Sand Richtung Strandkorb. Wütend auf Martin und wütend auf mich selbst. Wozu erzählte ich diesem Typen das eigentlich alles? Ich kannte ja noch nicht mal seinen Namen. Geschwätzigkeit gegenüber Leuten, die ich nicht kannte, war mir eigentlich zuwider.

„Das kenn ich“, sagte er. „Mir drücken sie auch ständig meine kleinen Cousins aufs Auge. Als Beschäftigungstherapie sozusagen und zum Ausgleich dafür, dass ich mit meinem Onkel und meiner Tante hier Urlaub machen darf.“ Er pustete eine seiner blonden Ringellocken aus dem Gesicht. „Max und Moritz sind witzig, aber auch echt anstrengend. Ohne meine Kopfhörer hätten sie mir garantiert schon ein Ohr abgequatscht. Oder zwei.“ Er lachte, was ein Grübchen auf seiner rechten Wange zum Vorschein brachte. Das linke fehlte, sodass sein Gesicht nicht ganz symmetrisch wirkte. Vielleicht hatten sie ihm das schon abgequatscht.

„Max und Moritz, echt jetzt?“

„Klar. Und ich bin Jan“, fügte er hinzu, als wären meine Gedanken gerade in Leuchtbuchstaben über meine Stirn gelaufen wie die Schlagzeilen bei der Tagesschau. „Aus Berlin.“

„Fanny. Hamburg.“

„Hallo, Fanny. Nett, dich kennenzulernen.“

Ich spürte, wie ich rot wurde, und hoffte, dass man das unter den roten Punkten nicht bemerken würde. Wie einfach er das sagte. Ohne gleich den Obercoolen geben zu müssen, wie das bei den meisten Typen der Fall war.

„Danke gleichfalls“, hörte ich mich sagen, während ich aufsprang und mir den Sand aus der Hose klopfte. „Aber jetzt muss ich los.“

„War’s das schon mit deinen Ferien? Oder besteht die Chance, dir noch mal am Strand zu begegnen?“

„Bestimmt“, antwortete ich vage, brachte ein schiefes Lächeln zustande und wandte mich zum Gehen.

„Wo wohnst du denn?“, fragte Jan.

„Direkt hinter den Dünen. Dort wo der Staub zum Fenster rausfliegt. Oder wo man demnächst Schreie hört, weil ich Klein-Frida den Hals umgedreht habe.“

Ich ging davon und hätte mich gern noch einmal umgedreht, um zu gucken, ob er mir nachsah. Aber das verbot sich natürlich von selbst.

„Tschüss dann“, rief er mir hinterher. Ich hob die Hand und winkte, ohne mich umzublicken.

Als ich nach Hause kam, hatte Martin seine Supermarktbeute in Vorratskammer und Kühlschrank verstaut. Von ihm fehlte jede Spur. Nur Jasper lag träge unter Tante Hedis Boje im Schatten und schnarchte. Ich türmte meine Klamotten zu einem sandigen Haufen und verzog mich für eine Stunde ins Badezimmer. Als ich wieder rauskam, hatten meine Haare und mein Gesicht wieder ihre normale Farbe, und meine Fußnägel leuchteten in metallic Petrol. Jetzt war mir wohler. Nur in meinem Kopf musste ich noch Ordnung schaffen. Aber dafür musste ich erst was in den Magen kriegen.

Ich holte mir aus der Küche ein halbes Baguette und plünderte Martins maritime Delikatessen in ihren durchsichtigen Plastikbehältern mit dem roten Hummer darauf, die er extra bei Gosch besorgt hatte. Sicher um das Wiedersehen mit Wüsten-Svea auf kulinarisch hohem Niveau zu feiern. Zusammen mit einem Becks Lemon trug ich alles in mein Zimmer, wo ich auf dem Bett das Liebesmahl schon mal vorwegnahm. Nicht schlecht, diese Krebsschwänze. Auch die nackten Nordseekrabben mit Zitrone aß ich bis auf die letzte Babykrabbe auf. Nur die Kingsize-Garnelen ließ ich liegen. Ihre pechschwarzen Stecknadelaugen machten mich immer nervös. Als seien die Biester gar nicht tot, sondern würden sich für den ersten Biss mit einer Attacke ihrer zahlreichen Knickebeine rächen.

Obwohl es erst halb neun und die Sonne noch immer nicht komplett untergegangen war, verkroch ich mich unter die Bettdecke und vertiefte mich in den blutrünstigen schwedischen Krimi, der auf dem Boden neben meinem Nachttisch lag. Das tat ich immer, wenn ich über etwas nicht nachdenken mochte. So was wie unerwünschte Hausgäste oder unerwartete Strandbegegnungen zum Beispiel. Irgendwann hörte ich Martin unten im Vogelzimmer rumoren. Als er nach oben kam und den Kopf zu mir ins Zimmer streckte, stellte ich mich schlafend. Ein bisschen leiden sollte er schon auch.

Am nächsten Morgen erwachte ich gegen halb elf, weil mir die Sonne ins Gesicht schien. In Boxershorts und Totenkopf-Schlafshirt tappte ich nach unten, wo Martin schon mit Last-Minute-Arrangements beschäftigt war. Er hatte einen Kornblumenstrauß in einem Bierglas auf dem Küchentisch deponiert und war dabei, mit Tante Hedis vielschwänzigem Feudel den schwarz-weiß karierten Fußboden zu wischen. Zur Begeisterung von Jasper, der versuchte, den Feudel zu fangen, und sich schwanzwedelnd in ihn verbiss, wenn es ihm gelang. Nachdem die beiden Krümel und Staub halbwegs gleichmäßig in der gesamten Küche verteilt hatten, stellte Martin seufzend Feudel und Eimer in die Ecke und blickte mich an. „Na, gut geschlafen?“

„Hm.“

„Sah aber nach Tiefschlaf aus, als ich gestern Abend bei dir reingeschaut habe.“

„Kann sein.“ Ich schlurfte zum Kühlschrank und holte die Milch raus.

„Kann ich mich darauf verlassen, dass du was anhast, wenn unsere Gäste kommen?“

„Deine Gäste. Außerdem: Ich hab was an.“

„Du weißt, was ich meine.“

„Nee, keine Ahnung.“

„Helena!“

„Wer soll das sein? Kenn ich nicht.“ Ich knallte die Kühlschranktür zu und zerrte die Brotschublade aus ihrem Gehäuse. „Ich bin dir doch ganz egal. Du willst bloß nicht, dass ich dich vor deinen Gästen blamiere. Mann, wo sind denn die verdammten Cornflakes?“

„In Hedis Bonbonglas eine Tür weiter. Ich habe mich noch nie für dich geschämt, Fanny. Das weißt du. Und ich möchte auch nicht heute damit anfangen.“

Warum kriegen Eltern immer diese distanziert-gediegene Art drauf, wenn sie sauer sind auf einen? „Brauchst du auch nicht. Es reicht vollkommen, wenn ich mich fremdschäme. Und zwar für einen Vater, dem es piepegal ist, ob er seiner einzigen Tochter die Ferien versaut mit einer Tusse, die zwanzig Jahre jünger ist als er. Und von der er vorher nicht ein Sterbenswort erwähnt hat.“

„Ich hätte gerne noch mit dir geredet, gestern Abend. Aber wie gesagt: Tiefschlafsyndrom. Im Übrigen ist Svea keine Tusse, sondern eine tolle Frau, wie du in Kürze feststellen wirst.“

„Ach ja? Dann ist Klein-Frida wahrscheinlich auch ein Traum von einem Kind, mit dem ich dann immer schön in der großen Sandkiste am Strand spielen darf. Damit die tolle Frau und der tolle Martin ihre Ruhe haben vor der lästigen Brut. Wie alt ist das Gör überhaupt?“

Martin warf mir einen langen Blick zu. „Zehn“, sagte er. Dann leerte er den Putzeimer in den Ausguss, verstaute ihn mitsamt Feudel im Keller und verschwand nach oben. Ich verrührte meine Cornflakes mit Milch und Kakao zu einer trüben Pampe, die optisch in etwa meiner Laune entsprach, und war dabei, sie auszulöffeln, als er wieder herunterkam. Er hatte ein frisches weißes Hemd an und seine bestsitzende Jeans. Im grau durchsetzten Haar trug er seine tropentaugliche Andy-Warhol-Sonnenbrille.

„Wow. Fünf-Minuten-Frischzellen-Kur?“

„Eher Fünf-Minuten-Terrine. Jedenfalls dann, wenn ich nicht schnell noch mal bei Gosch vorbeifahre. Vielen Dank auch, dass du alles aufgegessen hast, ohne mir Bescheid zu sagen.“

„Die Riesen-Garnelen sind noch da. Die haben so fies geguckt.“

„Die kannst du jetzt in den Müll werfen. Ungekühlt riskierst du damit eine Fischvergiftung.“ Damit schnappte er sich den Autoschlüssel und war weg.

Fischvergiftung! Gute Idee. Vielleicht sollte ich ein paar von den Kingsize-Biestern, die bei mir übernachtet hatten, unter ihre frischen Kollegen mischen, für die Martin gleich bei Gosch Schlange stehen würde. Dann würde sein Liebesmahl mit Svea in einer eher unruhigen Nacht enden. Und zwar ganz anders unruhig als geplant.

Mit diesem überaus zufriedenstellenden Gedanken ging ich nach oben und zog mich an.