Alte Autos stapeln sich, zum Teil ausgeweidet, zum Teil warten sie noch auf die Entnahme ihrer Innereien. Draußen vor dem Gelände steht auf einem Schild: »An- und Verkauf von Autos. Bargeld – sofort.« In Wirklichkeit sieht der Laden in Neukölln eher aus wie ein Schrottplatz, nicht wie ein Autohandel.
Isabel sitzt mit Adamu in einem dieser alten Autos auf den versifften Polstern, der Mann aus Uganda auf der Fahrerseite, sie als Beifahrerin. Es ist eines der besser erhaltenen Exemplare. Sie sind geschützt durch die Berge von Schrott um sie herum, keiner wird sie hier suchen. Isabel isst das Brot, das Adamu ihr reicht, sie trinkt aus seiner Wasserflasche.
»Du bist sicher, dass niemand kommt?«
Adamu schüttelt den Kopf.
»Ich wohne schon seit vier Tagen hier und es war noch niemand da.«
Isabel sieht ihn fragend an, Adamu lächelt, aber er sieht dabei traurig aus.
»Zu viel Polizei im Haus – und ich habe auch keine Papiere. Da bleibe ich doch lieber über Nacht an meinem Arbeitsplatz. Aber ab morgen kann ich bei einem Freund schlafen.«
Es wird bereits dunkel. Isabel ist müde und ihr ist kalt.
»Kann ich auch hierbleiben?«
Adamu sieht sie zweifelnd an.
»Hier leben viele Tiere, nicht alle sind niedlich.«
Isabel kann sich vorstellen, wovon er spricht. Sie sieht sich um, die kaputten Autos, der Müll einer reichen Gesellschaft.
»Den Job in der Bergmannstraße bist du wahrscheinlich meinetwegen los.«
Adamu seufzt. Isabel kann sich denken, warum. Natürlich war es besser in der Küche des Restaurants, wo sie beide gearbeitet haben. Aber vermutlich bekam Adamu Probleme, als sie von einem Tag auf den anderen nicht mehr dort erschien, weil sie nach Krögers Tod auf der Flucht war. Isabel wusste, wie das lief. Der Besitzer des Lokals fürchtete, dass bald die Polizei auftauchen würde. Er wollte sich selbst schützen, also musste Adamu verschwinden und das Restaurant eine Weile ohne Illegale auskommen. Hoffentlich hat Adamu wenigstens noch sein Geld bekommen, denkt Isabel. Oft genug werden Leute wie sie und er um ihren Lohn gebracht, weil sie sich nirgends beschweren können. Weil sie keine Rechte haben.
»Mehmet hat mir den Job hier besorgt. Er kennt den Händler.«
»Ich weiß, er hat mir ja auch gesagt, wo ich dich finde.«
»In meinem eigenen Auto«, sagt Adamu und spielt mit dem Lenkrad.
Er lacht, Isabel bemüht sich um ein Lächeln.
»Und was hast du hier zu tun?«
»Fast dasselbe wie in der Küche. Die Reste weg und dann sauber machen, was man noch braucht.«
»Ehrlich: In der Küche war es wärmer.«
»Aber doch ganz ähnlich wie hier: Es kam zurück, was die Deutschen übrig gelassen hatten.«
»Mülltrennung«, meint Isabel und Adamu schmunzelt.
»Die Deutschen trennen gerne, nicht nur den Müll.«
Isabel lacht nicht. Sie beißt in das Brot, sie sieht, wie schnell es kleiner wird, und wünscht sich, sie hätte noch eins.
Adamu errät ihre Gedanken.
»Ich gebe dir Geld mit«, sagt er.
»Aber du hast doch selbst nicht viel.«
»Und du hast gar nichts.«
Seine Fürsorge rührt sie.
»Warum findet die Polizei den Mörder von Kröger nicht?«, fragt sie.
Adamu zuckt die Schultern.
»Sie haben auch die Tatwaffe noch nicht. Das habe ich von Mehmet gehört.«
Isabel will nicht zugeben, dass sie Kröger im Keller hat liegen sehen. In einer Lache Blut, die Augen weit aufgerissen. Selbst Adamu vertraut sie nicht, obwohl sie sich jetzt zu ihm geflüchtet hat. Sie hat Angst, er könnte auch denken, sie sei die Täterin.
Wieder das Bild vor Augen, wieder kommt die Angst zurück. Sie hat Mühe, das Zittern zu unterdrücken.
»Vielleicht ein Stück Holz, hat Mehmet gesagt.«
Isabel sieht ihn nachdenklich an.
»Ja, ich habe manchmal Holz hochgetragen für Kröger«, sagt Adamu, als könnte er ihre Gedanken erraten. »Aber ich habe nicht mit einem Stück Holz auf ihn eingeschlagen.«
Einen Moment schweigen sie beide. Unsicher sehen sie sich an.
Adamus Blick sagt: Wir misstrauen uns alle. Jeder hatte einen Grund, ihn zu töten.
»Es war sinnlos, ihn umzubringen«, sagt sie dann. »Es gibt zu viele Krögers. Und einer mehr oder weniger ändert diese Welt nicht. Ziehst du um, triffst du den nächsten, sie sind überall.«
Sie würde so gerne bleiben.
Sie sieht, dass Adamu nur einen Schlafsack hat. Trotzdem zögert sie zu gehen.
Da – das Martinshorn. In unmittelbarer Nähe.
Sie sehen sich an, jeder sieht nur die Augen des anderen blitzen, denn es ist schon viel zu dunkel. In der Ferne leuchtet ein Blaulicht.
Gleichzeitig öffnen sie die Tür. Adamu steckt ihr noch schnell Geld zu. Sie will es nicht nehmen, aber sie braucht es. Immer noch fällt es ihr schwer, auf Hilfe angewiesen zu sein.
»Danke.«
»Wo willst du hin?«, fragt Adamu.
»Ich weiß noch ein ziemlich sicheres Versteck«, sagt Isabel. »Aber ich wünschte, ich müsste da nicht hin.«
Dann verschwindet sie in der Nacht, während Adamu sich den Schlafsack vom Rücksitz holt.