23
Melein war schließlich eingeschlafen. Niun wischte sich die Müdigkeit aus den Augen, legte sich das schwere Metallei in den Schoß und lehnte sich mit dem Rücken gegen die warme, atmende Flanke des Dus. Duncan lag ausgestreckt und bäuchlings im Sand, und seine zerfetzten und behelfsmäßigen Gewänder waren nicht dafür geeignet, ihn gegen Schrammen und Sandwunden zu schützen. Seine nackte Haut über den Stiefeln war durch Abschürfungen und Sonnenbrand verwundet. Seine Augen, die nicht vom Schleier geschützt wurden und nicht das Hilfsmittel einer Membrane besaßen, verströmten Tränen, die durch einen ständigen Staubüberzug streiften, wie bei einem Dus, das Miuk geworden war.
Duncan war im Moment zu erschöpft, um ihnen Schwierigkeiten machen zu können. Niun bemerkte, daß sich ein Jo am Felsen niedergelassen hatte, seine Luin-Tarnung ein bißchen zu dunkel für den roten Sandstein an der Stelle, an der es sich festklammerte, um während dieser heißen Tageszeit Schatten zu finden. Der Name Jo bedeutete Mimikry. Die Kreatur tat niemandem etwas. Sie wartete auf Schlangen, die ihre natürliche Nahrung darstellten. Der Jo war kein schlechter Lagergefährte.
Niun neigte sich über den Gegenstand seiner Wache und hielt die Arme darum geschlungen. Er stützte den Kopf auf und entspannte sich endlich genug, um eine Weile zu schlafen, jetzt, da Melein sich niedergelassen hatte. Sie war beinahe in Ohnmacht gefallen, bevor sie in diesem Versteck angehalten hatten, und war stärker beladen und verwundet gewesen, als sie zugeben wollte. Sie hatte sich von den beiden Männern entfernt und sich in die Abgeschiedenheit der Felsen zurückgezogen und dabei lange Stoffstreifen mitgenommen. »Ich denke, daß sie meiner Seite helfen werden«, sagte sie. Und da es keine Kath'en oder Kel'e'en gab, die sie pflegen konnte, pflegte sie sich selbst. Niun fürchtete sehr, daß ihre Rippen gebrochen waren oder zumindest angeknackst. Er machte sich Sorgen und empfand eine tiefe, kalte Furcht, die er nicht loswurde.
Aber sie war zurückgekommen, die Hand gegen die Seite gepreßt, hatte dünn gelächelt und bekanntgegeben, daß sie sich etwas besser fühlte und erwartete, schlafen zu können. Und die Spannung von Niuns Nerven ließ nach, als er sah, daß sie es wirklich konnte, daß ihre Schmerzen nachgelassen hatten.
Die Furcht verschwand nicht.
Er ertrug Duncans Gegenwart, und die Angst vor irgend etwas, das Duncan ihm antun konnte, war weit geringer als die Furcht um Melein, davor, sie zu verlieren, allein zu enden.
Der letzte Mir.
Er träumte vom Edun, dessen Türme im Feuer zerbröckelten, erwachte und klammerte die glatte Form des Pan'en an sich in der Furcht, daß auch er in die Dunkelheit fiel.
Aber er saß im Sand, das Dus reglos hinter sich. Der Jo stürzte sich mit einem geschickten Sprung auf eine Eidechse, trug sie zu seinem Kopf-nach-unten Platz auf dem Felsen, umhüllte seine Mahlzeit mit seinen gefleckten Flügeln und verspeiste sie mit einer geschäftigen und zierlichen Bewegung, schluckte die Eidechse Stück für Stück hinunter.
Niun plazierte das Pan'en neben sich, so daß er es ständig an sich spüren konnte, und lehnte den Kopf an das Dus. Er fiel wieder in Schlummer und erwachte mit einem unangenehmen Hitzegefühl. Er blickte der voranrückenden Linie des Sonnenlichtes entgegen, die bis zu Duncan vorgedrungen war, und sah, daß sie diesen bis zur Taille bedeckte und auf die nackte Haut von Knie und Hand fiel. Der Mensch regte sich nicht.
»Duncan«, sagte Niun. Er erzielte keine Reaktion und bewegte sich zögernd selbst, beugte sich vor und schüttelte den Menschen. »Duncan!«
Braune Augen starrten zu ihm empor, verwirrt und von der Hitze verschleiert.
»Die Sonne, dummer Tsi'mri, die Sonne. In den Schatten!«
Duncan schob sich an eine andere Stelle und brach wieder zusammen, riß den Schleier weg und legte das nackte Gesicht in kühleren Sand. Die Augen blinzelten, und die Empfindsamkeit kehrte in sie zurück, als Niun seinen Platz wieder einnahm.
»Geht es weiter?« fragte der Mensch mit schwacher Stimme.
»Nein. Schlafe!«
Duncan hob den Kopf und richtete den Blick auf Melein, legte den Kopf wieder mit Blick auf Niun hin. »Irgendwo«, sagte er leise flüsternd, »wird mein Volk jetzt schon auf Kesrith gelandet sein. Sie braucht medizinische Hilfe. Du weißt das. Wenn wir sicher sein könnten, daß die da oben Menschen sind – könnten wir mit einem Flugzeug Verbindung aufnehmen. Hör zu: der Krieg ist vorbei. Ich glaube nicht, daß du uns gut genug kennst, um es zu glauben, aber wir pflegen nicht, Dinge darüber hinaus zu verfolgen. Keine Rache. Kein Krieg. Komm mit mir! Nimm mit meinem Volk Verbindung auf! Es würde Hilfe für sie geben. Und keine Vergeltung. Keine.«
Niun lauschte den Worten geduldig und glaubte zumindest, daß Duncan glaubte, was er sagte. »Vielleicht ist es sogar wahr«, antwortete er. »Aber sie würde das niemals akzeptieren.«
»Sie wird sterben. Aber wenn sie Hilfe...«
»Wir sind Mri. Wir nehmen keine Arzneimittel außer unseren eigenen. Sie hat getan, was entsprechend unserer eigenen Wege getan werden konnte. Sollen Fremde sie berühren? Nein. Wir leben oder wir sterben, wir heilen oder wir heilen nicht.« Er zuckte die Achseln. »Vielleicht ist unser Weg, mit Dingen umzugehen, nicht einmal weise. Ich dachte manchmal, daß er es nicht ist. Aber wir sind die letzten, und wir halten uns an das, was alle unsere Vorfahren beachtet haben. Alles andere hat jetzt keinen Nutzen mehr.«
Und er fing an, daran zu denken, was Melein geplant hatte, und daß sie diesen letzten kleinen Sieg über die Tsi'mri errungen hatten, daß sie die Heiligkeit und die Geschichte ihrer Art an sich gebracht hatten, und seine Finger glitten über die glatte Haut des Pan'en, das er an sich hielt.
»Ich habe mit zwei Traditionen gebrochen«, gab er letztendlich zu. »Ich habe dich gefangengenommen, und ich habe Lasten getragen. Aber in der Ehre der She'pan werde ich keinen Kompromiß eingehen. Nein. Ich glaube nicht an eure Ärzte. Und ich glaube nicht an euer Volk und eure Wege. Sie sind nicht für uns.«
Duncan betrachtete ihn lange und nüchtern. »Nicht einmal zum Überleben?«
»Nicht einmal zum Überleben.«
»Falls ich jemals zu meinem Volk zurückkehren sollte«, sagte Duncan schließlich, »werde ich sicherstellen, daß bekannt wird, was die Regul getan haben, was in jener Nacht am Hafen wirklich geschehen ist. Ich weiß nicht, ob dabei irgend etwas Gutes herauskommen wird; ich weiß, daß ich nichts zum Besseren ändern kann. Aber es sollte gesagt werden.«
Niun senkte den Kopf als Respekt vor dieser Geste. »Die Regul«, sagte er, »würden dich töten, bevor sie dich solche Dinge sagen ließen. Und wenn du hoffst, daß ich dir erlauben werde, unsere Gesellschaft zu verlassen und zu ihnen zu gehen, dann muß ich dir sagen, daß ich es nicht erlauben werde.«
»Du glaubst mir nicht.«
»Ich glaube dir jetzt nicht, was sie tun werden, weder deine Art noch die Regul.«
Daraufhin schwieg Duncan und starrte ins Leere. Er sah sehr mitgenommen aus. Er rieb sich an einer Linie getrockneten Blutes, die sich durch das unrasierte Gesicht zog, und war dann wieder still, schien aber nicht schlafen zu können.
»Lauf nicht wieder weg!« riet ihm Niun, denn ihm gefiel die Stimmung des Menschen nicht. »Versuche es nicht! Ich habe es dir zu leicht mit uns gemacht. Verlaß dich nicht darauf!«
Braune Augen, Tsi'mri und störend, zuckten in seine Richtung. Duncan raffte sich in eine sitzende Stellung auf und bewegte sich, als schmerze ihn jeder Muskel, rieb sich den Kopf und schnitt eine Grimasse des Unbehagens. »Ich möchte lieber am Leben bleiben«, sagte Duncan. »Wie du.«
Die Worte trafen. Sie waren zu dicht an der Wahrheit. »Es kommt nicht nur darauf an«, meinte Niun.
»Das weiß ich«, sagte Duncan. »Ein Waffenstillstand. Ein Waffenstillstand, der Friede zwischen uns vorsieht, zumindest bis du sie irgendwo in Sicherheit gebracht hast, bis sie wiederhergestellt ist. Ich weiß, daß du für sie töten würdest, ich weiß daß du es unter anderen Umständen vielleicht nicht tätest. Ich verstehe, daß, was immer sie auch ist, sie etwas sehr Besonderes ist – für dich.«
»Eine She'pan«, sagte Niun, »ist die Mutter eines Hauses. Sie ist die letzte. Ein Kel'en ist nur das Instrument ihrer Entscheidungen. Ich kann keine Versprechungen machen, außer auf meine eigene Rechnung.«
»Könnte es keine weitere Generation geben?« fragte Duncan plötzlich in seiner Unschuld, und Niun spürte Verlegenheit, war aber nicht beleidigt. »Kannst du nicht – wenn die Dinge anders lägen...«
»Wir sind blutsverwandt, und die Angehörigen ihrer Kaste paaren sich nicht«, antwortete Niun sanft, dazu bewegt zu erklären, was Mri noch niemals Außenstehenden erklärt hatten. Aber dies war einfache Kel-Lehre, und es war nicht verboten, es auszusprechen. Es verlieh ihm Mut, wieder die Dinge zu bekräftigen, die schon immer festgelegt und wahr gewesen waren. »Eine Kath'en oder Kel'e'en könnte mir Kinder für sie tragen, aber es gibt keine mehr. Für uns gibt es keine andere Möglichkeit. Entweder überleben wir, wie wir waren, oder wir haben beim Überleben versagt. Wir sind Mri; und das ist mehr als der Name einer Art, Duncan. Es ist ein sehr alter Weg. Es ist unser Weg. Und wir werden ihn nicht ändern.«
»Ich werde nicht die Ursache dafür sein«, sagte Duncan, »daß die Arbeit der Regul vollendet wird. Ich werde bei euch bleiben. Ich habe meinen Versuch gemacht. Vielleicht mache ich ihn irgendwann wieder, vielleicht, aber nicht zu irgend jemandes Schaden, ihrem oder deinem. Ich habe Zeit. Ich habe alle Zeit der Welt.«
»Und wir haben sie nicht«, meinte Niun. Er dachte mit schmerzender Furcht, daß Duncan, in manchen Dingen weiser als er, denn Menschen-Kel'ein konnten Kastengrenzen überschreiten – daß Duncan vermutete, daß Melein nicht überleben würde, und eine Furcht in seinem eigenen Herzen sprach darauf an. Er sah zu ihr hin, um zu erkennen, wie sie ruhte, und sie schlief noch. Der Anblick ihres regelmäßigen Atems beruhigte ihn ziemlich.
»Mit Zeit und Ruhe«, sagte Duncan, »wird sie vielleicht wieder werden.«
»Ich nehme deinen Waffenstillstand an«, sagte Niun, und in großem Überdruß löste er seinen Schleier und schlang den Mez um die Schulter, entblößte sein Gesicht vor dem Menschen. Es war schwer und beschämend; nie zuvor hatte er sein Gesicht einem Tsi'mri gezeigt, aber diesen hatte er als Verbündeten angenommen, sei es auch nur für den Moment, und in der Richtigkeit der Dinge verdiente es Duncan, ihn zu sehen, wie er war.
Duncan betrachtete ihn ausführlich, bis die Verlegenheit zu stark wurde und Niun seinem Blick auswich.
»Der Mez ist in der Hitze und Trockenheit eine Notwendigkeit«, erklärte Niun. »Aber ich schäme mich nicht davor, dein Gesicht zu sehen. Zwischen uns ist der Mez gar nicht erforderlich.«
Er umschlang das Pan'en und drückte sich gegen die feste Weichheit des Dus und versuchte zu ruhen, sich so weit es ging zu entspannen, denn in der Kühle und dem Schatten des Abends würden sie weitergehen, zu einer Zeit, in der die Regul sicherlich darauf vertrauten, daß selbst ein Mri sich nicht an die Klippen wagen würde.
* * *
Ein Flugzeug wurde in der Ferne hörbar, eine Erinnerung an fremde Gegenwart in der Umgebung von Sil'athen. Niun hörte es, raffte sich auf und lauschte, um festzustellen, wie nah oder wie weit weg es war. Melein war wach und Duncan regte sich, suchte sofort in die Richtung, aus der das Geräusch kam.
Es war spät. Die Säulen waren rot geworden und brannten im Abendlicht. Durch sie hindurch konnte man Arain als unheilvolle rote Scheibe erkennen, die sich in der Hitze des Sandes kräuselte.
Melein versuchte aufzustehen. Niun bot ihr rasch die Hände an und half ihr, und sie war nicht mehr zu stolz dazu, diese Hilfe anzunehmen. Er blickte in ihr verzerrtes Gesicht und dachte an die Last, die er selbst tragen mußte. Seine Unfähigkeit, auch nur irgend etwas für sie tun zu können, überwältigte ihn.
»Wir müssen gehen«, sagte sie. »Wir müssen wieder runter nach Sil'athen. Von dieser Stelle aus kenne ich keinen anderen Ausgang. Aber das Flugzeug...« Ihr Gesicht zog sich zu einem Ausdruck des Zorns und der Enttäuschung zusammen. »Sie beobachten Sil'athen. Sie glauben, daß wir uns dort verbergen. Und wenn sie Männer zu Fuß haben...«
»Ich hoffe, daß sie zu Fuß sind«, sagte Niun. »Sie würden mir Befriedigung verschaffen.« Und dann erinnerte er sich an Duncan, und war glücklich, daß er in Hal'ari gesprochen hatte, das auch Melein ihm gegenüber benutzt hatte. Aber es sah danach aus, daß sie es mit Regul zu tun hatten, die nicht zu Fuß sein würden.
»Der Abstieg«, sagte Melein, »ich denke, daß es am besten wäre, im letzten Tageslicht zu gehen, so daß wir beim Klettern sehen können. Erst irgendwann später wird der Mond aufgehen. Das wird uns inzwischen etwas Dunkelheit verschaffen, um zu Beginn das offene Gelände zu überqueren.«
»Das wird das Beste sein«, stimmte er zu. »Wir werden essen und trinken, bevor wir aufbrechen. Vielleicht haben wir danach keine weitere Gelegenheit mehr, anzuhalten.«
Und was die Reise Melein kosten würde, das lag schwer auf seinem Geist.
»Duncan«, sagte er ruhig, während sie gemeinsam aßen, beide unverschleiert. »Ich werde nicht mehr tragen können, als ich muß. Beim Abstieg...«
»Ich werde ihr helfen«, sagte Duncan.
»Hinab ist es leichter«, meinte Melein und blickte Duncan mißtrauisch an, als entspräche die Absprache der beiden Männer keineswegs ihrem Geschmack.
Es war das letzte von den Nahrungsmitteln, die sie mitgenommen hatten. Hiernach würden sie jagen und schnell wieder Wasser finden müssen, an diesem Ort, an dem es nur wenig Luin gab. Niuns Geist eilte zu solchen Dingen voraus, zu Schwierigkeiten über Schwierigkeiten, aber solchen, die angenehmer waren als die unmittelbar anstehenden.
Dann machten sie sich wieder auf den Weg zu dem Pfad, den sie gekommen waren, und als sie schließ- lich diese große Kluft hinabblickten, die im nachlassenden Licht matt und unwirklich aussah und am Grunde völlig schwarz war, drückte Niun das Pan'en fest an sich und fürchtete den Abschied sogar um seinetwillen. Als er an Melein dachte, wurde ihm kalt.
Falls sie stürzt, wollte er Duncan warnen, aber es wäre nicht gut gewesen, die kleine Vertrauensbasis zwischen ihnen zu entehren, und er dachte, daß der Mensch seine Gedanken kennen mußte. Duncan erwiderte seinen Blick offen und nahm den Auftrag an, der ihm übertragen wurde.
»Geh zuerst!« befahl Niun, und der Mensch schlang den hinterherwehenden Schleier über das Gesicht und steckte ihn fest, wie auch Niun es mit seinem Schleier gemacht hatte. Dann setzte er die Fü- ße auf den Abhang, stützte sich vorsichtig ab und streckte die Hand zu Melein empor.
»Niun«, sagte Melein mit einem Blick, der offenkundige Qual zeigte. Das war das einzige, vor dem sie Furcht gezeigt hatte, sich den Händen eines Menschen anzuvertrauen, wenn sie ohnehin bereits große Schmerzen hatte.
Dann, die Hand gegen die Seite gepreßt, streckte sie ihre Finger zu Duncans Hand aus, und setzte ganz, ganz vorsichtig die Füße auf den Abhang, begann den Abstieg mit Duncans Hand als Stütze, während er seinen Körper gegen jede erreichbare sichere Stelle stützte und den Arm ausgestreckt hielt, um ihr festen Halt zu verschaffen, sollte sie ausgleiten. Mit kleinen Schritten stiegen sie abwärts, und Niun stand da mit dem Pan'en als kaltes und wenig Trost spendendes Gewicht in den Armen und sah zu, wie Melein und Duncan zusammen in diesem Schatten verschwanden.
Hinter ihm warteten die Dusei und verlagerten ihre Gewichte nervös hin und her.
Und dann drang etwas von hinten an seine Ohren.
Ein Flugzeug, das über den Säulen entlangstrich.
Er packte die Tragestange des Pan'en, die einzige Möglichkeit, es während des Abstieges zu tragen, zischte den Dusei etwas zu und begann den Abstieg, fürchtete, daß er erlaubt hatte, gesehen zu werden, daß er jetzt ausglitte und auf Melein und Duncan stürzte.
Das Flugzeug flog direkt über ihm vorbei und gab ein mächtiges Brüllen von sich, das an den engen Wänden widerhallte, und Niun kauerte sich eng an den Felsen und zitterte vor Anstrengung, auf diesem Abhang sein Gleichgewicht zu behalten. Steinchen rutschten unter seinen Füßen weg. Als das Flugzeug aus dem Blickfeld verschwand, ergriff er die Gelegenheit und glitt einige Längen tiefer in den Schatten hinein, und die großen Körper der Dusei kamen hinterher, von derselben Furcht beseelt, vermittelten eine Angst an ihn zurück, die seinen Magen sich senken ließ. Er begann zu fürchten, daß er das Pan'en nicht würde festhalten können. Seine Finger fühlten sich an, als seien sie bis auf den Knochen durchschnitten. Und nachdem er eine weitere Strecke zurückgelegt hatte, konnte er nicht mehr viel Schmerz empfinden, nur eine zunehmende Taubheit und einen Verlust an Kontrolle über seine Finger. Er lehnte sich gegen einen Felsen und nahm das Pan'en in die andere Hand, kehrte seine gesamte Haltung an der Klippenseite um und wurde von oben mit Steinchen und Staub von den Klauen der Dusei überschüttet. Sie waren gerade an einer Stelle, an der sie nicht anhalten konnten, und Niun stürzte sich verzweifelt ins Rutschen, bis er tiefste Dunkelheit erreicht hatte.
Und an einem Halteplatz holte er Melein und Duncan ein, und Duncans Gesicht war ihm in dieser Dunkelheit zugewandt. Melein hielt immer noch Duncans Hand, für einen Moment gegen einen Felsbrocken gebeugt.
Dann kletterte sie schwach weiter und lehnte sich dabei viel an Duncan. Niun nahm den festen Platz ein, den sie vorher gehabt hatten, stemmte den Körper gegen das Gewicht, das er hielt, und wartete, um die Dusei anzuhalten, sie dort festzuhalten, so unangenehm es war, bis Melein sicher unten angelangt war. Sie kamen, berührten ihn mit den Schultern, und er hielt sie mit ruhigem Willen fest, mit einem starken Wollen, daß sie dablieben: Still! Halt! Sie waren geduldig, selbst in diesem unangenehmen Zustand, mit seinen Sinnen verbunden.
Wieder überflog ihn das Flugzeug, die Lichter blinkten vor dem matten Himmel. Niun blickte hinauf, zitterte vor Anspannung, hielt seine Position, hilflos, mit der schwachen Überzeugung, daß sie verloren waren.
Sicher hatte man sie erspäht, zur ungünstigsten Zeit am ungünstigsten Ort.
Wieder kam die Maschine.
Niun nahm das Pan'en wieder in die rechte Hand und setzte sich wieder nach unten in Bewegung, hoffte verzweifelt, daß Melein und Duncan genug Zeit gehabt hatten, denn es gab keine weiteren Stellen zum Ausruhen mehr, an die er sich erinnerte. Beim Abstieg rutschten seine Stiefel auf dem Pfad, brachte er sich immer wieder an dem einen oder anderen Felsen zum Halt, mit einer Kraft, die seine Muskeln vor Müdigkeit nicht mehr abbremsen konnten. Er gelangte immer tiefer, bis er seinen Abstieg kaum noch kontrollieren konnte, und fiel von der letzten Biegung in den Sand, durch den Fall auf die Knie gedrückt.
Die Dusei kamen hinterher, kletterten mit scharrenden Klauen und zerstreutem Sand herab und erreichten sicher den Grund.
Dort saß Melein wie ein blasses Gewirr von Gewändern im Schatten, und Duncan kniete neben ihr. Die eine Hand hatte sie gegen die Lippen gepreßt, die andere gegen die Seite, und ihre Gewänder waren blutbefleckt.
Mit dem Pan'en in den Armen fiel Niun neben ihr auf die Knie, und sie konnte den Hustenanfall nicht unterdrücken, den sie mit dem Schleier dämpfte. Blut strömte. Niun sah es, und die Membrane zuckte über sein Blickfeld und blendete ihn. Er zitterte, konnte einen Moment lang nicht sehen, bis sich seine Sicht wieder klärte.
»Es fing beim Klettern an«, sagte Duncan. »Ich denke, daß die Rippen nachgegeben haben.«
Und das Flugzeug überflog wieder die Kluft.
Niun warf einen Blick blinden Zorns hinauf.
»Geh weg!« befahl er Duncan und stand auf, ließ das Pan'en in den Sand fallen. Er blickte Melein ein letztesmal an; ihre Augen waren geschlossen, das Gesicht entspannt, ihr Körper lag in Duncans Armen. Und nicht einmal einen Sen'en gab es, der sich um sie kümmerte.
Niun rief scharf nach den Dusei und setzte sich rasch in Bewegung, in Richtung auf das Ende des kleinen Tales, in Richtung des Haupttales von Sil'athen.
»Niun!« rief Duncan hinter ihm her, aber er beachtete es nicht.
Er sah das Flugzeug über dem Ende des Tales schweben. Er langte nach den Schnüren an den Rändern der langen Ärmel des Siga und band sie an ihre Plätze an den Ehrengürteln um seine Schultern, befreite die Arme von dem hinderlichen Stoff. Und er belebte die Hände wieder, die verwundet und taub waren vom Tragen des Pan'en.
Duncan rannte jetzt und versuchte, ihn einzuholen. Er hörte das gequälte Husten des Menschen, den sofortigen Preis für solche Eile in Kesriths dünner Luft. Er sah das Flugzeug auf dem Sand und Regul, die herauskamen und auf der Rampe standen. Das Dus an seiner Seite stöhnte ein Drohbrüllen, und die beiden anderen verstreuten sich und bildeten die Flanken – Jagdtaktik der Dusei, wenn sie hetzten.
Er sah den Regul, der feuern wollte, die Waffe gehoben. Er befand sich nicht in der Schußlinie, als sie sich entlud; aber seine Augen waren klar und seine Hände ruhig, als er feuerte, und der Regul brach zusammen, eine Fleischmasse, die sich noch regte. Sie starben an Körpertreffern nicht leicht. Einen Moment später fuhr die Rampe ein und ließ den verwundeten Regul umfallen. Feigling, verfluchte Niun den Regul Piloten.
Und er warf sich zwischen die Felsen und kroch in Deckung, als das Flugzeug wieder aufstieg, auf ihn zu drehte und wieder abschwenkte. Wieder war er im Freien, im Haupttal jetzt, und dort schwebten weitere Flugzeuge.
Sie würden ihn schließlich erwischen. Er rannte geduckt an den Felsen entlang, die die offene Sandfläche umgaben, wurde von den Flugzeugen mit Sensoren verfolgt, und schließlich hielt er in einer taktischen Verzweiflungsmaßnahme an und feuerte auf das nächstbefindliche – die ersten Schüsse erzielten keine Wirkung. Dann fing das Flugzeug an, Schwierigkeiten zu haben, und rutschte in einer großen Staubwolke inmitten des Tales davon.
Andere stießen herab. Der Himmel war von ihren Geräuschen erfüllt. Sie flogen tief und zogen hoch, gewarnt durch das Schicksal des anderen.
Niun rannte und hielt keuchend inne, und jetzt schon hatte die Luft den Kupfergeschmack zu großer Verausgabung, und er konnte nicht mehr klar genug sehen, um zurückzufeuern. Schüsse rissen die Felsen auf, wenn er sich dahinter verbarg, und er taumelte, als ein Brocken zersplitterte und sein Arm getroffen wurde. Warmes Blut strömte heraus.
Lichter spielten auf den Klippen und machten es unmöglich, verborgen zu bleiben. Es gab nur wenig Deckungsmöglichkeiten, alle wurden zerrissen durch Schüsse. Niun rannte und stürzte und raffte sich wieder auf und rannte zum nächsten Felsen. Er wußte nicht, was aus den Dusei geworden war. Das war nicht ihre Art zu kämpfen, dieser Zorn aus Feuer und Licht.
Das Tal wurde zertrümmert, Stelen und natürliche Gebilde wurden zu Geröll gesprengt. Das war die endgültige Rache der Regul an seiner Art, das letzte Heiligtum des Volkes zu zerstören und das Land zu verwüsten, wie sie alles zerstört hatten, was sie berührten. Ein Fehlschuß dicht an ihm vorbei warf ihn zu Boden, daß er weiterrollte, blind durch die Membrane, die seine Augen schützte, und er stand auf und rannte, zu sehr mitgenommen, als daß er noch hätte feuern können, rannte und rannte nur, bis er ein deutliches Ziel für sie war.
Ein Flugzeug trieb ihn, sank so tief herab, daß der Sog des Vorüberflugs Sand aufwirbelte. Und dann kam Niun ein Gedanke mit plötzlicher und deutlicher Befriedigung, und er warf sich nach links, auf das Ende des Tales zu, einen sehr alten Ort, unter den sichtlosen Augen von Eddan, Liran und Debas, seinen Lehrern. Kämpfe mit dem Land, mach es zu deinem Verbündeten, hatten sie ihm immer gesagt, und er hörte ihre Stimmen klar und ruhig durch das Brüllen der Flugzeuge.
Er fiel mit ausgestreckten Gliedern hin, und das Flugzeug schwebte weiter über ihm und warf Sand auf, und er lag still und regte sich nicht, als es aufsetzte und Scheinwerfer über den Sand schweifen ließ, wo er lag.
Es setzte auf – und die Erde explodierte. Eine große, blasse Form türmte sich auf, zog an dem Flugzeug, fing es in den konvulsivischen Zuckungen des Mantels. Gräber und Maschine, eingehüllt in eine Sandwolke, und die Erschütterungen ihres Kampfes ließen die Erde erbeben. Niun rollte sich weg und versuchte zu laufen, aber der Saum des Mantels oder eine Druckwelle streckte ihn nieder, und ein weiterer Hieb ließ die Welt ringsum in Feuer aufgehen, als das Flugzeug explodierte.
Und danach war es dunkel.

»Niun!«
Jemand rief ihn aus der Dunkelheit heraus, die nicht die Vertrautheit der Brüder besaß; trotzdem war es eine vertraute Stimme.
Licht entflammte über ihm. Er bewegte Glieder, die in Sand vergraben waren, und hörte das Geräusch von Maschinen.
»Niun!«
Er hob den Kopf und zog sich hoch, stand auf schwankenden Beinen, schirmte die Augen mit dem Arm vor dem Licht ab.
Wartete.
»Niun!« Es war Duncans Stimme, und sie kam von einer zerlumpten Silhouette vor den Lichtern. »Schieß nicht! Niun, wir haben Melein an Bord. Sie ist nicht tot, Niun.«
Er wurde leer unter diesem furchtbaren Schock, und sein Geist funktionierte nicht mehr, und er stürzte beinahe zu Boden. Und dann hallte das Gesetz des Kel in seinem Geist wider und erinnerte ihn daran, daß es eine She'pan gab, der er dienen mußte, und die er vor allem anderen nicht allein in der Hand von Fremden lassen konnte.
»Was willst du von mir?« schrie er mit vor Zorn brechender Stimme, mit Wut über Duncan, über Verrat und Ehrlosigkeit. »Duncan, vergiß nicht, was du geschworen hast...«
»Komm herein!« sagte Duncan. »Niun, komm zu uns herein! Sicheres Geleit. Ich schwöre es immer noch.«
Niun zögerte, und die Kraft verließ ihn, und er machte eine Geste der Unterwerfung und setzte sich langsam auf die Lichter zu in Marsch, auf die Silhouetten zu, die ihn erwarteten, groß und humanoid.
Zumindest besser als die Regul.
Und aus dem Augenwinkel heraus sah er eine gedrungene, dunkle Gestalt. Er sah sie, sah die Bewegung, erkannte den Verrat.
Er packte die As'ei; wirbelte und schleuderte sie; und das Feuer packte ihn, und den Sand spürte er nicht mehr.
* * *
»Hada Surag-gi ist tot«, sagte Galey. »Die Mri bleiben dran.«
Duncan wischte sich über das Gesicht, und mit derselben Handbewegung nahm er sich das Kopftuch ab und fuhr sich mit den Fingern durch das schweiß- durchtränkte Haar. Er taumelte durch die engen Räumlichkeiten des Flugzeuges nach hinten und drehte dem Arzt die Schulter zu, der ihm bereits zweimal befohlen hatte, sitzenzubleiben.
Er setzte sich auf den Boden, da sich das Flugzeug unstetig bewegte, und betrachtete die beiden Mri, eingehüllt in Weiß, durch ein Gewirr röhrenförmiger und überwachender Verbindungen mit den Automed-Einheiten verbunden, die ihre Leben mit Mitteln aufrechterhielten, die die Mri für geschmacklos gehalten hätten, wären sie bei Bewußtsein gewesen.
Aber sie würden die Möglichkeit haben, es zu wissen.
»Sie werden durchkommen, beide«, sagte der Arzt. Und dann, stirnrunzelnd und mit einem Blick auf die von einem Tuch eingehüllte Gestalt weiter hinten: »Dieser Regul war ein Offizier des Nom, mit Verbindungen. Man wird einige Fragen stellen.«
»Man wird einige Fragen stellen«, sagte Duncan mit leiser Stimme und betrachtete die Mri, verbannte den Arzt aus seinem Geist. Er saß mit untergeschlagenen Beinen da, immer noch in den zerfetzten, behelfsmäßigen Gewändern, und mit seinen Gedanken anderswo. Und schließlich zog sich der Arzt zurück, um mit der Mannschaft zu sprechen. Nach der ersten Aufregung darüber, daß sie ihn lebend gerettet hatten, hatten sie nur wenig mit ihm gesprochen. Vielleicht wurden sie durch seinen Anblick davon abgehalten, durch die Fremdartigkeit eines Mannes, der lebendig aus der Wüste von Kesrith zurückgekehrt war, der sich in Gesellschaft von Mri befand und mit solcher Vehemenz darauf bestand, daß er einen Mri Schatz besaß.
Er berührte Meleins Stirn, glättete das metallischbronzefarbene Haar, achtete auf die stetige Pulsanzeige der Monitoren, die ihm zeigte, daß beide weiterlebten. Meleins goldene Augen öffneten sich, die Membrane glitt langsam zurück, und sie schien den merkwürdigen Ort zu erforschen, den sie in den Intervallen ihres Wachseins gesehen hatte, entdeckte von neuem die Fremdartigkeit. Sie war seltsam ruhig, als hätte sie erwartet, hier zu sein. Duncan nahm ihre langen schlanken Finger in die Hand, und sie drückte sie schwach.
»Niun lebt«, berichtete er ihr. Er war sich nicht sicher, ob sie ihn verstand, denn ihre Augen blinzelten nicht. »Hier ist der Gegenstand, den du haben wolltest«, fügte er hinzu, aber sie sah nicht hin. Vielleicht lagen ihr all diese Dinge zu fern, denn beide Mri standen stark unter Drogen.
»Kel'en«, flüsterte sie.
»She'pan«, antwortete er. Vielleicht verwechselte sie ihn mit Niun.
»Wir werden ein Schiff bekommen«, sagte sie, »einen Weg fort von Kesrith.«
»Ihr werdet ein Schiff bekommen«, bestätigte er und rechnete damit, die Wahrheit gesagt zu haben.
Der Krieg war vorbei. Sie waren frei von den Regul. Ein Menschenschiff – das würde es geben – eine Möglichkeit für sie. Das war das Äußerste, was Mri jemals von Tsi'mri erbitten würden.
»Das wird der Fall sein«, sagte er. Daraufhin schloß sie wieder die Augen.
»Shon'ai«, sagte sie mit angespanntem, schwachem Lächeln. Er kannte das Wort nicht, dachte aber, daß es ihr Einverständnis zum Ausdruck brachte.
Die Maschine neigte sich. Sie setzten zur Landung an. Er sagte es ihr.