7

Im Schrein des Edun des Volkes gab es einen aus Metall und kostbaren Steinen gefertigten Schirm, der mit altertümlichen Zeichen beschriftet war. Niemand wußte, wie alt er war, und er hatte in jedem Schrein, den es jemals gegeben hatte, zwischen den Bronzelampen gestanden, die ebenso alt waren wie er selbst.

Im Leben markierte er die Trennung von Kel und Sen, den Punkt, den das Kel nicht überschreiten durfte, und im Tod war er gar nicht mehr überquerbar.

Vor dem unteren Rand des Schirmes legten sie den weißumhüllten Leichnam von Medai s'Intel Sov Nelan nieder, so nahe an die Trennungslinie, wie ein Kel'en überhaupt nur kommen konnte. Aus den Brennern zu beiden Seiten des Schirmes kräuselte sich schwerer und übersättigender Weihrauch empor, erfüllte den ganzen Raum und verbarg die Decke wie ein immaterieller Baldachin.

Für Niun, der seinen Vetter begleitete, enthielt dieser Duft von Weihrauch seine eigenen Erinnerungen – Erinnerungen an das Kath und das Beobachten der heiligen Riten von jenem letzten, äußersten Zimmer aus, als sie alle, Melein und Medai und andere, die nicht mehr lebten und von deren Tod er wußte, noch Kinder gewesen waren. Von diesem Außenzimmer aus war ihnen der Schrein des Kel geheimnisvoll und glanzvoll erschienen, ein Territorium, in das sie sich noch nicht wagen durften und in dem sich Krieger in ihren Sigai bewegen und das Kath verachten mochten.

Sein Geist bewegte sich weiter zu einem späteren Tag, als sie drei unter die schwarzen Gewänder aufgenommen wurden, eins mit dem Kel wurden, und man ihnen zum erstenmal erlaubt hatte, den mittleren Schrein zu betreten und zu erkennen, daß zwischen ihnen und den Pana – den Mysterien – noch eine weitere Barriere lag; und zu einem noch späteren Tag, an dem sie für das Wohlergehen Medais gebetet hatten, der das Edun verließ und in Dienst trat, in höchstem Maße geehrt... und Niun war in jener Nacht vor Eifersucht und Bitterkeit innerlich gestorben, seine Gebete waren unehrlich und haßerfüllt gewesen und mit Gedanken durchmischt, die jetzt wie Geister der Schuld zurückkehrten.

Jetzt empfand er nichts anderes als damals. Wieder war Medai fortgegangen und hatte ihn der Häßlichkeit und Einsamkeit von Kesrith überlassen.

Medai hatte niemals die Dinge durchgemacht, die er durchgemacht hatte – hier zurückgelassen als letzter Hüter des Hauses, ein Diener der anderen.

Medai hatte man für das, was er getan hatte, als großen Kel'en erachtet.

In der schwach sichtbaren Heiligkeit jenseits des Schirmes raschelten Gewänder, dort, wo sich das Sen versammelte und sich um die Heiligen Gegenstände kümmerte. Melein und Sathell würden dort sein.

Vor einem Zeitalter hatten drei Kinder in der äußeren Kath-Halle gestanden und sich nach Ehre gesehnt, und ihre Gebete hatten sich auf seltsame und verschlungene Weise erfüllt: für Niun im Kel-Schrein, nach dem sie sich alle gesehnt hatten; für Medai in den Ehren eines Krieges, der neuerdings in der Dunkelheit wanderte; und Melein, Melein die Leichtherzige, war durch den Kel-Schrein hindurch an den dahinterliegenden Ort gegangen, zu den Mysterien, die ein Kel'en niemals sehen durfte.

Zitternd vor Zorn und Enttäuschung beugte Niun sich tief herab und verblieb so für einige Zeit, wobei er versuchte, den Atem zurückzuhalten und sich zu sammeln.

Eine Hand berührte seine Schulter. Ein dunkles Gewand streifte ihn wie ein Schatten, als Eddan neben ihm niedersank. »Niun«, sagte der Kel'anth mit weicher Stimme, »die She'pan ruft nach dir. Sie möchte nicht, daß du hier Wache hältst. Sie will, daß du zu ihr kommst und diese Nacht bei ihr sitzt und nicht zum Begräbnis gehst.«

Niun brauchte einen Moment, um sich seiner Stimme sicher zu sein. »Ich glaube nicht«, sagte er nach einem Augenblick, »daß sie nicht einmal hierzu auf mich verzichten kann. Was hat sie gesagt? Hat sie keinen Grund genannt?«

»Sie möchte, daß du kommst, jetzt.«

Er war durch diese Haltung wie betäubt. Zwischen ihm und Medai hatte es keine Liebe gegeben, was die She'pan nur zu gut wußte. Aber was sie jetzt öffentlich von ihm forderte, war nicht anständig. »Nein«, sagte er, »nein, ich werde nicht zu ihr gehen.«

Finger gruben sich in seine Schulter. Er erwartete eine Zurechtweisung, als er aufblickte. Aber der alte Mann entschleierte sich vor ihm, und sein nacktes Gesicht zeigte keinen Zorn. »Ich habe erwartet, daß du das sagen würdest«, meinte Eddan. Für Niun war das unglaublich, denn er selbst hatte es nicht gewußt, sondern impulsiv gesprochen. Der alte Mann kannte ihn jedoch gut genug. »Tu, was du für richtig hältst«, fuhr Eddan fort. »Bleib hier. Ich verbiete es dir nicht.«

Und der alte Mann stand auf und gab den anderen, die mit ihren verschiedenen Aufgaben beschäftigt waren, Anweisungen. Einer brachte die vom Sen überreichten Ritualgefäße für das Begräbnis und setzte sie vor Medais Füßen ab. Pasev brachte Wasser und Dahacha Tücher zum Waschen; und Palazi füllte die Lampen für die lange Wache. Debas pfiff sanft nach den Dusei und führte sie aus der äußeren Halle weg in den Turm des Kel, damit sie die Feierlichkeiten nicht störten. Inmitten all dieser Aktivität saß Niun und bemerkte schließlich, daß er sich bei dem hastigen Abstieg von den Hügeln das Gewand zerrissen hatte, daß er staubbedeckt war und seine Hände vor Schmutz starrten. Um ihn herum tappten Füße. Sirain kam, der halbblinde Sirain, und reichte ihm ein feuchtes Tuch, und Niun entschleierte sich und wusch sich Gesicht und Hände und verschleierte sich wieder, dankbar für Sirains Aufmerksamkeit. Liran brachte ihm ein Gewand, und mitten im Schrein wechselte er sein Siga, denn es wäre respektlos gewesen, die Wache unordentlich zu verbringen. Er setzte sich wieder und beruhigte sich langsam durch das ruhige, wirksame Zelebrieren der anderen.

Als dann das geflüsterte Wort von Eddan kam, begannen sie, das häßliche weiße Leinentuch von Medai zu ziehen, und geduldig, geduldig zogen der eine und der andere von ihnen an dem Gewebe, das so enggesponnen war wie ein Kokon und beinahe undurchdringlich – wie Cho-Seide war es und mußte mit den Fingern entwirrt werden. Aber Pasev wußte, wie man den Regul-Stoff mit einem brennenden Docht berührte und so das merkwürdige Gewebe auftrennte. Das Material war nur schwer brennbar, aber es zerteilte sich, und sein chemischer Geruch bildete mit dem darüberschwebenden Weihrauch eine Übelkeit erregende Mischung.

Sie alle stimmten schweigend darin überein, daß sie ihn nicht in einem Regul-Leichentuch begraben würden, in welcher Verlegenheit sie sich auch befänden. Und allmählich befreiten sie Medai von dem Stoff – ein Gesicht, an das sie sich alle erinnerten, die Gesichtszüge ruhig und bleich. Im Tode war der Körper mitleiderregend klein und dünn, wog kaum etwas, obwohl Medai ein kräftiger Mann gewesen war. An seinen Gürteln entdeckten sie zahlreiche Ehrenabzeichen; in seinem Gesicht waren die Seta'al zu mattem Blau verblaßt. Medai s'Intel war ein stattlicher junger Mann gewesen, an helleren Tagen vom Leben und der Hoffnung des Edun erfüllt. Selbst jetzt noch war er schön anzuschauen. Die einzige Beeinträchtigung seines Aussehens war der blutbefleckte Stoff unterhalb seiner mittleren Rippen, wo er sich selbst die tödliche Wunde zugefügt hatte.

Selbstmord.

Niun arbeitete, ohne in Medais Gesicht zu blicken, versuchte, nicht an das zu denken, was seine Hände taten, damit sie nicht zitterten und ihn im Stich ließen. Vergeblich versuchte er, sich an bessere Tage zu erinnern. Er kannte Medai nur zu gut. Im Sterben war sein Vetter genauso, wie er im Leben gewesen war: selbstsüchtig, arrogant – um der Arroganz der Regul standzuhalten – und in allem stur. Es war pietätlos und falsch, einen Groll gegen Tote zu hegen. Aber Medai war in seinem Ende ebenso nutzlos für sein Volk gewesen wie schon immer zuvor. Medai hatte für sich selbst gelebt und war aus seinen eigenen Gründen gestorben, ohne zu erwägen, was andere von ihm benötigen mochten. Und für einen kalten Leichnam gab es herzlich wenig Ehre, auch nicht in den hohen Traditionen des Kel.

Sie waren im Zorn auseinandergegangen. Sechs Jahre lang hatte Niun sich jeden Tag daran erinnert, und er wußte jetzt, warum die She'pan wollte, daß er zu ihr hinaufging, und welche Gedanken seine Kel'ein-Brüder hegten, die bei ihm saßen. Es war zum Streit gekommen, zum Av'ein-kel, und die langen Klingen waren gezogen worden. Es war Niuns Schuld gewesen, weil er zuerst gezogen hatte, draußen in der Halle des Schreins. Es war an dem Tag gewesen, an dem Medai Hand an Melein gelegt hatte.

Und Melein hatte keinen Einwand erhoben.

Die She'pan selbst hatte diesen Streit beendet. An jenen Tagen vor sechs Jahren war sie noch reger gewesen, war die Treppen des Turmes herabgekommen und eingeschritten. Sie hatte Niun als Eshai'i bezeichnet, als jemanden, dem die Ehre ermangelte, und als Tsi'daith', als Nichtsohn, und weil er sie damals geliebt hatte, war er daran zerbrochen.

Für Medai jedoch hatte es kein Wort, kein einziges Wort der Zurechtweisung gegeben.

Und innerhalb einer Handvoll von Tagen erreichte Medai die Ehre, dem Bai der Regul zu dienen, eine Ehre, die auch einem der Ehemänner hätte zuteil werden können; und zu Melein kam die Keuschheit des Sen.

Nur für Niun s'Intel gab es nichts außer der Rückkehr zum Lernen und ein langes, langes Warten, an der Seite der Mutter festgehalten und ohne jede Hoffnung, Kesrith verlassen zu können.

Es hatte niemals eine Möglichkeit gegeben, diesen einen üblen Tag ungeschehen zu machen. Intel war nicht bereit, ihn ziehen zu lassen. Er hatte auf Frieden mit Medai gehofft, auf eine Veränderung in den Angelegenheiten des Volkes.

Aber Medai hatte ihn auch dessen beraubt. Für ihn gab es nur den Dienst auf der Heimatwelt, und das war niemals gerecht gewesen.

Wenn du dir darüber klar geworden bist, was das Volk dir schuldet, hatte Eddan gesagt, komm und sage es mir. Er wäre mit der Hälfte von dem zufrieden, was Medai gehabt hatte.

Aber jetzt sprach das Kel von Medai; beginnend mit Eddan pries ihn jeder. Es war das Ritual der Lij'aiia , mit dem die Totenwache begann. Die Stimmen der alten Kel'ein bebten beim Sprechen.

»Das Schlimmste ist«, sagte Liran, »daß die Alten den Jungen begraben.«

Und als letzte von allen, außer Niun, sagte Pasev, als sie die Medaillen berührte, die im goldenen Lampenschein glänzenden J'tai, die Ehrungen, die Medai im Dienst gewonnen hatte: »Gewiß ist er weit gereist und hat viel vom Krieg erlebt, obwohl er noch jung war. Hier finde ich den Dienst an Shoa, an Elag, an Soghrune, an Gezen und Segur und Hadriu, es ist sicher, daß er dem Volk gedient hat. Und ganz sicher hat er genug getan, unser Bruder, dies Kind unseres Hauses. Ich glaube, daß er sicherlich sehr müde war. Ich glaube, daß er des Dienstes an den Regul sehr müde gewesen sein muß, und er wäre heimgekommen, so schnell er konnte, mit all der Kraft, die ihm geblieben war. Das begreife ich. Auch ich bin des Dienstes an Regul sehr müde; und wenn ich erfahren hätte, daß er zu Ende ging, hätte ich denselben Weg wie er gewählt.«

Und jetzt wäre es an Niun gewesen, zu sprechen und seinen Vetter Medai zu preisen. Er hatte sich zornige Worte zurechtgelegt, aber nach dem, was Pasev gesagt hatte, konnte er sie nicht aussprechen oder Pasevs Gefühlen zuwider zu reden, denn er liebte sie tief. Zitternd sank er nieder und beugte den Kopf auf die gekreuzten Arme.

Das Kel schien dies für den Kummer eines Verwandten zu halten und gestattete es ihm. Aber es verspürte einen echten, selbstlosen Kummer um ein verlorenes Kind, während Niun sich nur um sich selbst sorgte.

Darin fand er einen Maßstab für sich selbst, daß er zu Niedrigkeit und ausgesprochenem Egoismus fähig war, und daß er selbst jetzt nicht Medai gleich war.

Nachdem klargeworden war, daß er nicht auch in dem Ritual sprechen würde, unterhielten sich die anderen flüsternd. Schließlich sprachen sie von den hohen Bergen, dem Begräbnis, das sie durchführen mußten, und in ihre Worte und ihre Pläne war eine stille Verzweiflung hineingewoben, eine Scham, denn sie waren alt, während die Berge weit entfernt waren und der Weg steil.

Unglücklich erörterten sie untereinander, ob die Regul ihnen auf Anforderung Motorfahrzeuge zur Verfügung stellen würden; im Herzen jedoch empfanden sie, daß sie Medai mit einer solchen Bitte um Regul-Hilfe entehren würden. Deshalb würden sie sie nicht vorbringen. Sie fingen an zu überlegen, wie sie es bewerkstelligen konnten, ihn zu tragen.

»Sorgt euch nicht«, sagte Niun und brach sein langes Schweigen. »Ich kann das allein schaffen.«

Er erblickte Zweifel in ihren Gesichtern, und als er an den steilen Pfad und die hochgelegene Einöde dachte, zweifelte er selbst.

»Die She'pan wird es nicht erlauben«, sagte Eddan. »Niun, wir könnten ihn hier in der Nähe begraben.«

»Nein«, sagte Niun. Er dachte an die She'pan und sagte erneut: »Nein.« Danach wurden ihm keine weiteren Vorschläge mehr gemacht. Schweigend signalisierte Eddan den anderen, ihn gewähren zu lassen.

Und als er sie ruhig und gemessen darum bat, ließen sie ihn allein. Geordnet, mit raschelnden Gewändern und den Ringen von Ehrenabzeichen daran, gingen sie hinaus. Der feine hohe Klang der Medaillen traf Niuns Herz. Er dachte über seinen Egoismus nach, den er gerade erkannt hatte, und über den Mut seiner Ältesten, die in ihrem Leben schon so viel getan hatten, und er war zu Tode beschämt.

In dem sich ausdehnenden Anfang dieser nachtlangen Wache, in der Stille des Edun, in dem anderswo andere für sie trauerten, begann er nachzudenken – und er wußte, daß er nicht wegen der Tradition seiner Kaste sterben wollte und daß er vor allem nicht so sterben wollte, wie Medai gestorben war. Diese Gedanken fraßen an ihm, denn sie waren das Gegenteil von dem, was man von ihm erwartete.

Medai war fähig gewesen, diese Tradition zu akzeptieren, und die She'pan hatte Medai akzeptiert. Und das hatte er nun davon.

Es war Gotteslästerung, vor dem Schrein und in der Gegenwart der Götter und der Toten solche Gedanken zu hegen. Er schämte sich vor sich selbst und wollte fortlaufen, wie er es als Kind getan hatte, hinaus in die Berge, um alleine nachzudenken und sich den Elementen auszusetzen, bis er die Kleinheit der Sterblichen und seiner selbst vergessen konnte.

Aber diese Freiheit hatte er schon lange nicht mehr, denn er wurde jetzt zu den Männern gezählt. Die Zeiten waren gefährlich und schwer für das Edun, und sie erlaubten es Niun s'Intel nicht, das Kind zu spielen.

Es war eine Frage der Pflicht und des Anstandes. Unter diesem Gesetz hatte Medai gelebt und war er gestorben. Niun konnte im Innersten nicht mit sich ins reine kommen, aber er konnte zumindest äußerlich versuchen, das zu tun, was er denen, die sich auf ihn verließen, schuldig war.

Selbst wenn es eine Lüge war.

»Niun.«

Er hatte die Bewegung und das Flüstern jenseits des Schirmes dem ständig durch den Schrein blasenden Wind zugeschrieben. Er sah auf, erblickte jenseits der komplizierten Konstruktion eine verschwommene goldene Gestalt und erkannte die Stimme seiner Schwester. Andächtig überquerte sie den Boden bis zu dem Schirm, der sie religiös voneinander trennte, obwohl sie sich anderswo im Edun und außerhalb seiner Grenzen von Angesicht zu Angesicht treffen konnten.

»Geh zurück!« bat er Melein, denn sie verletzte das Gesetz ihrer Kaste, indem sie in die Gegenwart eines Toten trat, sei es auch ein toter Verwandter. Ihre Kaste hatte keine Verwandtschaftspflichten, die sie zurückwies wie andere Verpflichtungen ähnlicher Art. Aber Melein ging nicht. Steif vom Knien auf dem Boden stand Niun auf und trat an das Gitterwerk. Er konnte sie nicht genau erkennen, sondern sah nur den Schatten ihrer Hand auf den Tressen des Schirmes liegen. Er brachte seine Sympathie zum Ausdruck, indem er seine Hand auf diesen Schatten legte – unfähig, Melein direkt zu berühren. Er war unrein und befand sich in der Gegenwart eines Toten, und er würde unberührbar bleiben, bis er diesen Verwandten begraben hatte.

»Ich durfte kommen«, sagte Melein. »Die She'pan hat es mir erlaubt.«

»Wir haben alles getan«, versicherte er ihr, und die Erinnerung an die Zuneigung, die zwischen Melein und Medai geherrscht hatte, traf sein Herz. »Wir werden ihn nach Sil'athen bringen – wir werden alles tun, was wir können.«

»Ich habe nicht gewußt, daß du hier Wache halten würdest«, sagte sie und fügte voll tiefster Bitterkeit hinzu: »Oder machst du das nur, weil man dir ausdrücklich befohlen hat, es nicht zu tun?«

Ihr Angriff verwirrte ihn. Er benötigte einen Moment, um seine Antwort zu finden, denn er wußte nicht, gegen welche Art von Vermutung sie sich zu richten hatte. »Er ist mein Verwandter«, sagte er. »Alles andere spielt jetzt keine Rolle mehr.«

»Du wolltest ihn einst töten.«

Das stimmte. Er versuchte, durch den Schirm hindurch Meleins Gesicht zu erkennen, konnte aber nur ihren Umriß ausmachen, ein goldener Schatten hinter Gold. Er wußte nicht, was er ihr antworten sollte. »Das ist lange her«, sagte er, »und ich hätte meinen Frieden mit ihm gemacht, wenn er noch am Leben wäre. Ich habe das vorgehabt. Ich habe es mir so sehr gewünscht.«

»Ich glaube dir«, sagte sie schließlich.

Darauf herrschte Schweigen. Niun fühlte es wie ein unbequemes Gewicht auf sich ruhen. »Ich war eifersüchtig«, gestand er Melein. Der Gedanke, über dem er gebrütet hatte, nahm Gestalt an und wurde schmerzvoll geboren, jedoch nicht so schmerzvoll, wie er erwartet hatte. Melein war sein anderes Selbst. Einmal war er ihr so nah wie ihre Gedanken gewesen, und er konnte sich diese Nähe zwischen ihnen immer noch vorstellen. »Melein, wenn es in einem Kel nur zwei junge Männer gibt, dann ist es unmöglich, daß sie sich nicht miteinander vergleichen und von anderen nicht miteinander verglichen werden. Er erreichte zuerst all die Dinge, mit denen ich mich auszeichnen wollte, und ich war eifersüchtig und verärgert. Ich bin zwischen euch getreten. Es war das armseligste, was ich jemals getan habe. Ich habe sechs Jahre lang dafür bezahlt.«

Sie schwieg einen Moment lang, und Niun war sich jetzt sicher, daß sie Medai geliebt hatte. Für die einzige Tochter eines Edun, die anderenfalls im Alter erlö- schen würde, war es unvermeidlich, daß sie und Medai einmal das natürliche Paar gewesen zu sein schienen – Kel'e'en und Kel'en, in jenen Tagen, an denen auch sie noch zum Kel gehört hatte.

Vielleicht – dieser Gedanke quälte ihn schon lange – wäre sie glücklicher gewesen, würde sie noch zum Kel gehören.

»Die She'pan hat mich geschickt«, sagte sie schließ- lich, ohne auf seine Offenbarung ihr gegenüber einzugehen. »Sie hat von der Absicht des Kel erfahren. Sie will nicht, daß du gehst. In der Stadt gibt es Unruhen, und es herrscht Ungewißheit. Es ist ihr fester Wille, Niun, daß du bleibst. Andere werden sich um Medai kümmern.«

»Nein.«

»Diese Antwort kann ich ihr nicht überbringen.«

»Sag ihr, daß ich nicht zugehört habe. Sag ihr, daß sie Medai mehr als nur ein Loch im Sand schuldet, und daß diese alten Männer ihn nicht nach Sil'athen bringen können, ohne dabei umzukommen.«

»So etwas kann ich ihr nicht sagen!« zischte Melein zurück. Furcht klang in ihrer Stimme, und diese Furcht bestätigte Niun in seinen Absichten.

Intels Wunsch ergab nicht mehr vernünftigen Sinn als ihre anderen Wünsche. Diese She'pan konnte mit den Leben ihres Volkes spielen, konnte die Leben ihrer Kinder in völliger Mißachtung ihrer Wünsche und Hoffnungen beugen und brechen. Sie hat mir ihre Tugenden vererbt, dachte er in plötzlicher und bitterer Einsicht. Eifersucht, Egoismus Besitzstreben... ah, Besitz von mir, von Melein, den Kindern Zains. Sie schickte Melein zum Sen und Medai zu den Regul, als sie erkannte, wie sich die Dinge zwischen ihnen entwickelten. Sie hat uns ruiniert. Eine große She'pan, wirklich eine große – aber fehlerbehaftet, und sie stranguliert uns, preßt uns an sich, bis unsere Knochen brechen und unser Fleisch schmilzt, um uns dann ihren Atem einzuhauchen.

Bis nichts mehr von uns übrig ist.

»Tu, was du tun mußt«, sagte er. »Was mich angeht, ich werde Medai die Pflicht des Verwandten erweisen. Wahrschwester. Aber du bist Sen'e'en und hast keine Verwandten mehr. Geh zurück und sage der She'pan, was du willst!«

Er hatte verzweifelt gehofft, sie zu erzürnen, ihre Furcht vor Intel zu durchbrechen. Dazu hatte er sie treffen wollen. Aber sie zog ihre Hand vom Schirm zurück, und ihr Schatten bewegte sich von ihm fort, vereinigte sich mit dem Licht auf der anderen Seite.

»Melein«, flüsterte er, und laut rief er: »Melein!«

»Wirf mir keinen Mangel an Pflichtgefühl vor«, erreichte ihn ihre entfernt und körperlos klingende Stimme. »Solange er lebte, war ich seine Verwandte, während du ihm alles, was er besaß, geneidet hast. Jetzt habe ich andere Verpflichtungen. Sag über ihm, daß die She'pan mit seinem Tod zufrieden ist. Das ist ihr Wort in dieser Angelegenheit. Was mich angeht, so habe ich keine Kontrolle über das, was du machst. Vergrab ihn! Tu, was du für richtig hältst!«

»Melein«, sagte er. »Melein, komm zurück!«

Aber er hörte nur, wie ihre Schritte auf verborgenen Stufen verschwanden, hörte, wie sich eine Tür nach der anderen schloß. Er blieb, wo er war, eine Hand am Schirm, und glaubte bis zuletzt, daß sie ihre Absicht ändern und zurückkommen würde, um die Antwort zu widerrufen, die sie ihm gegeben hatte. Aber sie war fort. Er konnte nicht einmal wütend sein, denn genau dazu hatte er sie aufgefordert.

Intels Schöpfung. Und seine.

Er hoffte, daß Melein irgendwo im Sen-Turm ihren Stolz ablegen und über Medai weinen würde; aber er bezweifelte es. Die Kälte, die sorgfältige Kälte in ihrer Stimme war allem Bedauern abhold, die geschulte Gleichgültigkeit des Sen.

Schließlich trat er vom Schirm zurück und setzte sich neben Medais Leiche nieder. Er verschränkte die Hände hinter dem Nacken, beugte den Kopf auf die Knie und fühlte sich doppelt einsam. Die Lampen knisterten und die Feuer züngelten, denn das Tor des Edun war diese Nacht offengelassen worden – eine altertümliche Überlieferung der Ehrfurcht vor den Toten. Schatten hüpften und ließen die Schrift auf den Wänden sich voll eigenständigem Leben winden. Von dieser Schrift sagte die She'pan, daß sie Geschichte und Weisheit des Volkes enthielte. Sein ganzes Leben lang war er von solchen Dingen umgeben gewesen: Schriften bedeckten jede Wand der Haupthalle und des Schreines und des Turmes der She'pan, ebenso der Anbauten des Kath und des Kel – Schriften, von denen die She'pan sagte, daß sie in jedem Edun des Volkes, das je bestanden hatte, in exakter und unveränderter Form genauso geschrieben standen. Aus solchen Schriften lernten die Sen'ein. Die Kel'ein konnten das nicht. Niun wußte nur, was in seinem Leben und in seiner Sicht geschehen war oder was er aus den Erinnerungen der Älteren gehört hatte.

Melein jedoch konnte die Schriften lesen und wußte wie die She'pan, was der Wahrheit entsprach, und wurde mit diesem Wissen kalt und fremd. Einstmals, als man Melein ins Sen geholt hatte, hatte er gefragt, ob man nicht auch ihn nehmen könnte – denn niemals zuvor in ihrem Leben waren sie getrennt gewesen. Aber die She'pan hatte nur seine Hände in die ihren genommen und die schwieligen Handflächen nach oben gedreht. Das sind nicht die Hände eines Gelehrten, hatte sie gesagt und sein Ersuchen abgelehnt.

Draußen in der Halle bewegte sich etwas, ein langsames Scharren, ein Klicken von Tatzen auf Stein – eines der Dusei, das vom Kel-Turm weggelaufen war. Im allgemeinen gingen sie, wohin sie wollten; niemand verbot es ihnen, selbst wenn sie lästig oder aggressiv waren. Es war nicht einmal sicher, ob man ihnen überhaupt etwas verbieten konnte, denn sie waren so stark, daß es keinen Zwang für sie geben konnte. In der ureigensten Art der Dusei spürten sie, ob sie erwünscht waren oder nicht, und selten blieben sie, wenn man sie nicht brauchte.

Sie verstanden die Kel'ein, wie man glaubte, deren Gedanken furchtlos und unkompliziert waren, und daher suchte sich jedes Dus Kel'en oder Kel'e'en und blieb sein Leben lang dort. Nie hatte eines Niun s'Intel gegenüber Zuneigung gezeigt, obwohl er einmal – in schändlicher Verzweiflung – versucht hatte, ein junges einzufangen und abzurichten. Es war aber seinen kindischen Plänen entkommen, hatte die Falle zerschmettert und ihn bewußtlos geschlagen.

Und seither hatte er es niemals mehr vermocht, eines hinter sich herzulocken, als hätte jenes, das er verraten hatte, alle anderen vor Niun s'Intels Charakter gewarnt.

Die älteren Kel'ein sagten, es läge daran, daß er einem Dus nie wirklich sein Herz geöffnet habe, daß er in seinem Inneren zu verschlossen war.

Er glaubte das nicht, denn er hatte es versucht; aber er nahm auch an, daß die empfindsamen Dusei ihn verbittert und unzufrieden wahrnahmen und dies nicht ertragen konnten.

Das glaubte er, und er hoffte, daß es sich ändern würde. Aber in der Tiefe seines Herzens fragte er sich, ob es vielleicht daran läge, daß er kein normaler Kel'en war. Einer Frau aus dem Volk standen alle Kasten offen; für einen Mann gab es nur die Kel-Kaste und Sen; beide waren ihm in einer Hinsicht fern und andererseits wieder viel zu nah, einfach weil er der letzte Sohn des Hauses war. Dies bedeutete, daß er die gesamten Bemühungen all seiner Lehrer empfangen hatte, daß sie mit ihm gearbeitet hatten, bis er verstand, bis seine Geschicklichkeit ausreichte. Aber in einem Edun voller Söhne und Töchter hätte er vielleicht gar nicht überlebt; sein Starrsinn hätte ihm manch frühe Herausforderung eingebracht, und die Leute im Haus hätten sich dann seine Reizbarkeit schnell vom Halse geschafft. Er dachte, daß er vielleicht ein besserer Kel'en hätte sein können, wenn sich die Mutter nicht eingemischt hätte; aber vieles wäre anders gewesen, wenn er nicht der letzte wäre; und auch sie wäre es.

Medai hatte der Mutter gefallen; und Medai war tot; aber Niun saß hier und lebte, ein Sohn, der sich gegen die Mutter aufgelehnt hatte. Sie würde irgend etwas zu ihm sagen müssen, nach Medais Begräbnis in den Bergen, wenn er zurückkommen und ihr ins Angesicht schauen mußte. Danach würden sehr bittere Worte fallen, er würde keine Einwände finden, und Melein würde auf der Seite der She'pan sein. Er scheute sich vor dem, was die She'pan zu ihm sagen könnte.

Aber sie würde es sagen müssen. Und er würde nichts zurücknehmen, was er gesagt hatte.

Wieder das Kratzen von Klauen. Es war ein Dus. Das explosionsartige Schnauben des Atems und der schwere Tritt zeigten an, daß der Eindringling näher kam, und Niun wünschte ihn weg vom Schrein, denn Dusei waren hier nicht willkommen. Es kam dennoch. Er hörte, wie es den äußeren Raum betrat, drehte sich um und sah es in der Dunkelheit, ein großer Schatten mit schrägen Schultern. Wieder gab es diesen seltsamen verlorenen Laut von sich und kroch langsam näher.

»Yai!« rief er, drehte sich auf einem Bein herum und wünschte es energisch fort.

Und dann sah er, daß das Dus staubbedeckt war und sein Fell mit verkrusteten Wunden übersät, und sein Herz fror ihm in der Brust, und der Atem stockte, denn er erkannte, daß es keines ihrer eigenen zahmen Tiere war, sondern ein fremdes.

Gelegentlich kamen wilde Dusei von den Hochebenen herab, blieben in den Ländern des Edun und richteten die zahmen Dusei übel zu. Soweit er sich erinnern konnte, waren alle Kel'ein gestorben, die versucht hatten, sich einem solchen Tier zu nähern, auch wenn sie bewaffnet gewesen waren. Dusei spürten Absichten mit unheimlichem Vorauswissen; nur bei wenigen Tieren war das Anpirschen noch gefährlicher.

Dieses stand mit gesenktem Kopf da, seine massigen Schultern füllten den Gang, es schaukelte hin und her und stieß dabei diesen kläglichen Laut aus. Es drängte sich herein, wobei an einigen Stellen der Verputz abbröckelte, obwohl die Tür absichtlich klein und unbequem für Dusei gemacht worden war, um die Mysterien vor ihrer gedankenlosen Mißachtung zu schützen.

Es kam unaufhaltsam, da es dünner als die gut gefütterten Tiere des Edun war. Eine der Lampen zerbrach, als es sie mit den Schultern streifte, und Niun wich aus. Das Dus winselte und hustete, und glücklicherweise erlosch das ausgelaufene Feuer, wenngleich das heiße Öl die Füße des Tieres verbrannte und es beiseite scheuen ließ. Dann näherte es sich Medais Körper und tastete darüber mit Klauen so lang wie eine Männerhand – giftig: die Klaue des Daumens enthielt Kanäle für Schlangengift –, die mit einem zufälligen Hieb einem Mri oder Regul die Eingeweide herausreißen konnten. Niun kauerte sich in den Schatten der umgeworfenen Lampe, unbeweglich wie ein Möbelstück. Der Körper des Tieres füllte den größten Teil des Raumes aus und versperrte den Ausgang. Es verströmte einen gräßlichen, kränklichen Gestank, der selbst das Räucherwerk erstickte, und als es den massigen Kopf bewegte und den schwachen Mri anstarrte, der in der Ecke hockte, rann Eiter aus seinen Augen und tropfte auf den heiligen Boden.

Miuk! Es war wahnsinnig. Die Ausscheidungen seines Körpers waren aus dem Gleichgewicht geraten, und das Miuk, der Wahnsinn dieser Art, war für sein Verhalten verantwortlich und hatte es in ein Mri Heim geschickt. Niun kannte nichts, weder Tiere noch Menschen, das mehr zu fürchten war als dies. Und wenn die Dusei des Edun in dieser Nacht nicht oben eingeschlossen gewesen wären, hätten sie nie ein Miuk-ko-Dus so nahe herangelassen. Sie wären eher bei der Verteidigung des äußeren Gangs gestorben, als dieses Tier hereinzulassen.

Und Niun s'Intel bereitete sich auf einen entsetzlichen Tod vor, auf so kleinem Raum, daß das Dus seinen Körper nicht einmal unter den Tatzen hinwegschleudern konnte. Seine Brüder würden ihn zerstükkelt vorfinden. Wie um dies vorwegzunehmen, stieß das Dus jetzt Medais Körper an, zögerte aber noch. Grotesk und furchteinflößend zugleich schaukelte das Tier hin und her, stand mit gespreizten Beinen über dem Leichnam, und die Augen verströmten eine wässrige Flüssigkeit. Irgendwo im Kel-Turm erhob sich tiefes Stöhnen, ein Dus, das auf die ungewohnte Einsperrung und die Stimmung der trauernden Kel reagierte. Oder es spürte den Eindringling unten und versuchte verzweifelt, herauszukommen. Andere fielen ein und wurden dann plötzlich wieder still, vielleicht durch den Befehl eines Kel'en zum Schweigen gebracht.

Niun hielt den Atem an, während das wütende Tier seine vom Eiter geblendeten Augen diesem Laut entgegenhob und die beweglichen Lippen nervös arbeiteten. Es schaukelte. Dann schnaubte es wieder explosionsartig und verlagerte sein Gewicht, lehnte sich zur Seite. Die Schulter stieß gegen den Schirm. Dieser kippte mit metallischem Krachen um, das Tier wirbelte herum und wurde vom glühenden Schimmer übergossen, der vom inneren Schrein ausging. Niun preßte die Arme vor die Augen, damit er das Verbotene nicht sah, und dann griff er mit Gewißheit im Herzen zum Gewehr, das gegen ein Dus nutzlos war.

Er mußte alles angreifen, was das Verbotene bedrohte, um nach Möglichkeit ein Eindringen in den Sen-Schrein zu verhindern. Er zielte auf das Gehirn, das erste von zwei Gehirnen, obwohl er genau wußte, daß die nachfolgenden Erschütterungen ihn mitsamt dem Dus vernichten mußten.

Aber das Dus tat diesen weiteren Schritt nicht. Es senkte den tränenden Kopf und schnüffelte an der Leiche, verschob den Schleier. Dann stöhnte es, und langsam und fast verwirrt schwang es den Kopf herum, brachte die Schulter zwischen diesen und das Gewehr und fing an, sich vom Schrein zurückzuziehen.

Und als es das getan hatte, als es aus der Halle ging und immer noch diesen Laut eines verlassenen Kindes von sich gab, da erkannte Niun es zum erstenmal.

Es war Medais Dus.

Es gab keinen Mri, der von sich behaupten konnte, irgendein Dus außer dem eigenen erkennen zu können, wenn man alle anderen Hinweise entfernte, ja, nicht einmal dies, wenn viel Zeit verstrichen war. Dusei waren sich alle zu ähnlich und zu wandelbar, und man konnte nur sagen, daß ein bestimmtes Dus dem anderen gliche, das man kannte.

Aber daß dieses hier ihn nicht getötet, sondern sich vor allem für den Toten interessiert hatte, um sich dann unzufrieden wieder zurückzuziehen – das begriff Niun. Der Tod bekümmerte die Dusei. Andere Tiere kannten ihn einfach nicht, aber Dusei begriffen und akzeptierten ihn nicht. Sie trauerten und suchten und grämten sich und starben schließlich in den meisten Fällen selbst. Selten überlebten sie ihren Herrn, sondern vergingen vor Sehnsucht.

Auch dieses suchte nach etwas, das es nicht fand.

Medais Dus, das gekommen war, um nach ihm zu sehen.

Ein Dus, das krank war und von Wunden bedeckt und tief in den Klauen eines Wahnsinns, der nicht schnell entstand, obwohl die Regul gesagt hatten, daß Medai nur eine Nacht zuvor gestorben war.

Ein Dus, das dünn und halb verhungert war wie sein Herr.

Ein Frösteln entstand in Niun und wuchs an, bis er körperlich zitterte, nicht nur von dem Schrecken des Dus. Er steckte sein Gewehr zurück und warf einen furchtsamen Blick auf den ungeschützten inneren Schrein, den er nie hätte ansehen dürfen.

Es hätte nicht passieren dürfen. Er wusch die Hände im Wasser der Opfergaben, und ohne einen Fuß über die verbotene Linie zu setzen, stellte er den Schirm wieder auf; voller Ehrfurcht berührten seine Finger das leblose Metall. Er hatte es überlebt. Die Götter konnten ebenso wie Sterbliche die Respektlosigkeit eines Dusei verzeihen; und er hatte in den Sen-Schrein geschaut und fühlte sich erschüttert, aber nicht auf den Tod. Er hatte Helligkeit gesehen, aber keinen von den Gegenständen und nichts, das er als das Allerheiligste erkennen konnte. Er versuchte, nicht mehr daran zu denken. Es war nicht dazu da, um von einem Kel'en gesehen zu werden. Er wollte sich nicht mehr daran erinnern.

Und Medai...

Niun stellte die Lampe wieder auf, füllte sie erneut und entzündete sie, so daß ihr tröstender Schein wiederhergestellt wurde. Dann wischte er auf Knien das ausgelaufene Öl auf, das durch die Gnade der Götter nicht weitergebrannt hatte. Und während der ganzen Zeit, die er arbeitete, erschöpft und zitternd von der Nachtwache, dachte er nach und nährte das kalte Gefühl, das sich unter seinem Herzen eingenistet hatte.

Schließlich wusch er sich aus Achtung vor Medai die Hände und legte sie auf ihn für die Respektlosigkeit, die er begehen mußte. Der Gedanke, der sich in seinen Verstand bohrte, hätte ihm sonst keine Ruhe gelassen. Er tat es rasch, nachdem er seinen Mut zusammengenommen hatte, löste vorsichtig den Stoff und untersuchte die Wunde. Sie erwies sich – er schämte sich für sein Mißtrauen und seine Tat – als genauso, wie die Regul es beschrieben hatten.

Ika'al.

»Vergib mir«, sagte er zu Medais Geist. Ehrfürchtig schloß er wieder die Gewänder, wusch das Gesicht und rückte den Schleier zurecht. Dann warf er sich vor dem Schrein auf das Gesicht und sprach die angemessenen Gebete zu den verschiedenen Ahnengöttern seiner Kaste, die der Seele Medais Ruhe geben sollten, und er tat dies mit größerer Aufrichtigkeit, als er sie Medai gegenüber jemals gezeigt hatte, solange dieser noch lebte.

Sich dem zu widmen, was richtig und ehrenhaft war, hätte ihm Erleichterung und Frieden schenken sollen. Aber das war nicht der Fall.

In ihm wuchs die Gewißheit, daß – was immer seine Augen ihm zeigen und die Regul bezeugen würden – Medai sein Leben nicht freiwillig aufgegeben hatte.

Das Dus, das dem Geist eines Kel'en so nahe stand, war Miuk-ko geworden und so dünn, daß es durch Schrein-Türen paßte, und Medais einst kräftiger und muskulöser Körper war dünn wie eine Mumie.

Die Kel-Quartiere waren unabhängige Einheiten im Aufbau der Regul-Schiffe, wegen der Dusei, vor denen die Regul trotz aller Logik Angst hatten, und wegen der strengen Kastengesetze, die ein Kel'en beachten mußte, wenn er mit Außenstehenden in Berührung kam.

Aber im Grunde war ein solcher Kel'en den Regul ausgeliefert, die diese Abteilung mit Nahrung, Wasser und sogar Atemluft versorgten. Alles, was ein Kel'en tun konnte, um seine Unabhängigkeit zu wahren, bestand darin, die Tür zu verschließen.

Hätten sie ihn töten wollen, so hätten sie nur die Luftzufuhr unterbrechen und ihn anschließend in den kalten Weltraum hinauswerfen brauchen. Aber diese waren Tsi'mri, und darüber hinaus waren sie Fremde für das Volk, ein unbekannter neuer Zweig der Regul. Und sie mochten noch nicht genug darüber gewußt haben, wie man einen Kel'en behandelte. Regul waren keine Kämpfer.

Jedenfalls nicht direkt.

Erfüllt von dem Gedanken, der in ihm Gestalt angenommen hatte, erhob sich Niun und verließ den Schrein, nahm ein Opfergefäß mit Wasser mit und ein Kännchen und ging durch die äußere Halle zur Tür, wo das wahnsinnige Dus noch immer vor dem Edun kauerte.

Er hatte gewußt, daß es dort wartete. Es war dem Ziel seiner Wünsche nahe und konnte es doch nicht finden. Er war sich sicher gewesen, daß es noch hier war, ebenso wie er nun mit Sicherheit wußte, wie es in den Wahnsinn getrieben worden war. Obwohl es einst zahm gewesen war, war es nicht weniger gefährlich; es konnte sich immer noch erheben und plötzlich zum Töten getrieben werden. Aber als er das Wasser vor das Tier hingestellt hatte, schnupperte es neugierig an diesem Angebot und raffte sich schließlich auf, seine Nase in das Wasser zu stecken. Der Inhalt des Kännchens verschwand. Niun füllte es ein zweitesmal und ein drittes- und viertesmal, und erst bei der vierten Füllung wandte das Tier auf einmal ablehnend seinen Kopf zurück.

Er ließ sich auf die Fersen nieder und musterte die Kreatur eingehend, dünn, wie sie war, mit zerfetztem Pelz. Eine große offene Wunde an der Seite war noch ganz frisch.

Medais Dus, das der Aufsicht der Regul, der Gewalt und dem Hunger entkommen war. Freiwillig hätte es Medai selbst nach dessen Tod nie verlassen.

Regul verhielten sich nicht so wie Mri. Sie waren fähig zu Betrug, Bestechung, Heimtücke, sogar ihre eigenen Jungen abzuschlachten, jedoch niemals dazu, einen Erwachsenen zu ermorden. Weder töten noch lügen konnten sie in kaltblütiger Haltung. Sie heuerten Mri an, um ihre Feinde zu bekämpfen.

So hatten sie es ihm immer gesagt, jene, die die Regul besser kannten als er, jene, die ihr Leben lang mit den Regul zu tun hatten.

Folglich hatte er es auch geglaubt.

So wie Medai.

Er erhob sich und ging wieder hinein, zurück zum Schrein, wo er sich neben dem Körper seines Vetters niederließ, die Arme um sich schlang und verständnislos auf die verschlungenen Schriften starrte, die die Geschichte des Volkes aufzeichneten und verbargen.

Ein Mord war geschehen, auf die eine oder andere Art, wie die Regul das auch bezeichnen mochten. Ein Kel'en war von seinen eigenen Auftraggebern umgebracht worden und sein Dus so geschwächt, daß sie es zu einem natürlichen Tod fortjagen konnten – ein Leichnam, den unwissende Regul zurück zum Kel gebracht hatten. Ein anderer Leichnam, den sie Raubtieren und Aasfressern überlassen hatten oder zumindest denen, die das Geschehene nicht verraten konnten. Hände und Gewissen der Regul waren zweifellos rein. Medai hatte schließlich getan, was sie wollten.

Niun hatte den verzweifelten Wunsch, nach oben zu gehen und jemandem zu erzählen, was er wußte. Er wäre am liebsten zu Eddan gelaufen, um Rat einzuholen und die She'pan zu alarmieren. Aber er hatte keinen Beweis außer einem Tier, das da draußen vor der Tür lag. Er hatte nichts, worauf er solch eine Anklage gründen konnte, keinen konkreten Hinweis für seinen Verdacht, kein Motiv, von dem er annehmen konnte, daß es den Regul ausreichte, um einen Kel'en zu solch einer Tat zu zwingen.

Es ist eine seltsame Ironie, dachte er, daß unter allen, denen Medai zugetraut hätte, für seine Rache zu sorgen, diese ausgerechnet seinem ältesten Rivalen zufallen sollte. Und der einzige mögliche Zeuge war ein Miuk-ko.

Dusei, so sagte man, lebten in der Gegenwart. Sie erinnerten sich an nichts, was geschehen war, nur an Personen und Orte. Dieses hatte sein Heim gesucht, das Haus, wo es zuerst gelebt hatte. Es hatte Medai gesucht. Das eine hatte es gefunden, aber nicht das andere.