13
Der Regen, ein freundlicher Feind, rauschte gegen die Mauern des Edun. Die Winde bliesen herab, aber die Gebirgsbarriere und die hohen Felsen brachen ihre Kraft und schickten sie statt dessen schrill pfeifend die Hänge hinab gegen die Stadt und den Hafen der Regul. In 2000 Jahren hatte noch nie ein starker Wind das Edun berührt.
In einer solchen Nacht war es gemütlich, wenn alle Kasten zusammen das gemeinsame Mahl im Turm der She'pan einnahmen. Den ganzen Abend lang hatte eine merkwürdige Sensitivität in der Luft gelegen, eine Gefühl gewaltigen Vergnügens und einer Befriedigung, so stark wie die Winde. Die stimmungsempfindlichen Dusei waren so unruhig geworden, daß man sie alle zusammen aus dem Edun gewiesen hatte, damit sie sich in dieser Nacht herumtreiben konnten, wo sie mochten. Sie verschwanden in der Dunkelheit, alle außer dem Miuk-ko am Tor, das sich nicht über die Unruhen der Welt aufregte.
Die Geister der Kel'ein waren hochgestimmt. Alte Augen funkelten. Das ankommende Schiff wurde von niemandem erwähnt, aber es war das Zentrum von allem.
Wie die übrigen Kel'ein empfand auch Niun das Aufwogen der Hoffnung aufgrund der Ankunft der AHANAL. Plötzlich hatte sich vor seinen Füßen ein verwirrender Ausblick eröffnet. Andere. Brüder. Rivalen. Herausforderung und die Hoffnung auf Leben.
Und er selbst, noch nicht einmal reif, noch ohne Kriegserfahrung und bis heute noch keine Person von Bedeutung: aber dies war die Heimatwelt, und er gehörte zum Kel der Heimatwelt, und vor allem war er der Kel'en der She'pan. Es war ein berauschendes und ungewohntes Gefühl, nicht länger der letzte zu sein, sondern zu den ersten zu gehören.
»Wir standen in Kontakt mit einem Mri-Schiff«, war alles, was ihnen die She'pan an diesem Morgen vor der Ankunft des Regul-Bai gesagt hatte; und das war, abgesehen vom Schiffsnamen, alles, was sie wußten. In der Dämmerung hatte die Lady Mutter sie zusammengerufen und ruhig und ernst mit ihnen gesprochen, und es war für sie eine Anstrengung, denn sie lag so oft bewußtlos da. Aber einen Augenblick lang, einen kurzen Augenblick, hatte es eine Intel gegeben, wie Niun sie noch nie erlebt hatte: sie flößte ihm Ehrfurcht ein, diese Fremde mit der sanften Stimme und den klaren Gedanken, die wissend von Schneisen und Strecken um Kesrith herum sprach, die von den Regul nur selten beobachtet wurden. Manchmal sprach sie in Rätseln, aber jetzt nicht. »Bald«, hatte sie gesagt, »sehr bald. Behaltet die Regul im Auge, Kel'ein!«
Und schnell, schneller als sie erwartet hatten, war der Regul-Bai gekommen und hatte ihnen Angebote unterbreitet.
Die Regul waren betroffen. Sie standen etwas gegenüber, das noch nie zuvor geschehen war, und sie waren betroffen und verwirrt.
»Intel«, sagte Eddan, ihr ältester Ehemann, nachdem sie mit dem Essen fertig waren und Niun zurückgekehrt war, nachdem er das Geschirr in die Spülküche gebracht hatte, die neben den Vorratsräumen das einzige vom Kath-Turm war, das noch offenstand. »Intel, darf das Kel um Erlaubnis bitten, eine Frage zu stellen?«
Niun nahm rasch zwischen den Kel'ein Platz, ängstlich und auf einmal dankbar dafür, daß Eddan bis zu seiner Rückkehr gewartet hatte. Er blickte in Intels Gesicht und hoffte, daß sie die Frage nicht ablehnen würde.
Sie runzelte die Stirn. »Will das Kel eine Frage über das Schiff stellen?«
»Ja«, sagte Eddan, »oder über etwas anderes, das man wissen sollte.«
Die She'pan breitete ihre Hände aus und gab die Erlaubnis.
»Wenn es kommt«, fragte Eddan, »werden wir gehen oder werden wir bleiben?«
»Kel'ein, ich sage euch folgendes: ich habe erkannt, daß Kesriths Nutzen zu Ende geht. Gehen, ja, und ich werde euch noch etwas mehr sagen: daß ich dem Regul-Bai einen Kel'en schulde, aber keinen einzigen mehr. Und ich bezweifle stark, daß er zurückkommen wird, um mich an dieses Versprechen zu erinnern.«
Der alte Liran, unverschleiert, wie es in der Intimität des gemeinsamen Mahles alle waren, grinste und machte eine Bewegung mit seiner zernarbten Hand. »Gut, She'pan, Kleine Mutter, wenn er zurückkommt, schicke mich! Ich würde gern sehen, ob Nurag das ist, was es zu sein behauptet, und ich wäre beim Bau eines neuen Edun von nur geringem Nutzen. Dieses eine ist mein Heim, so verfallen es auch ist. Und wenn ich nicht in diesem Edun bleiben kann, nun, dann kann ich auch wieder in Dienst treten.«
»Würde ein Dienst beim Volk es nicht auch tun, Liran?«
»Ja, Kleine Mutter, das würde er«, antwortete Liran, und seine alten Augen flackerten vor Begehren, ein gewagter Blick auf Eddan, eine Aufforderung: Stell Fragen, Ältester! Das gesamte Kel saß vollkommen still. Aber die She'pan hatte ihre Frage abgelehnt.
Eddan stellte keine weitere Frage.
»Sathell«, sagte Intel.
»She'pan?«
»Zitiere für das Kel die Bedingungen des Vertrages, der uns zum Dienst an den Regul verpflichtet.«
Sathell neigte seinen Kopf und hob ihn wieder. »Die Worte des Vertrages zwischen dem Doch Holn und den Mri sind das Abkommen, das uns in den Diensten der Regul hält. Die einschlägige Stelle lautet: Solange allein Regul und Mri die Heimatwelt besitzen, auf der das Edun des Volkes steht... ODER bis die Regul die Heimatwelt verlassen, auf der das Edun des Volkes steht... Solange sind wir dazu verpflichtet, den Regul zu dienen, wenn sie uns dazu auffordern. Und ich gehe davon aus, She'pan, daß sie im Geist, wenn nicht im Buchstaben, bereits bei der Erfüllung der Bedingungen dieses Abkommens versagt haben.«
»Sicherlich«, sagte die She'pan, »wir sind nicht mehr weit davon entfernt. Wir haben das Abkommen mit Doch Holn geschlossen. Doch Holn hätte wissen können, wie mit uns umzugehen ist; aber dieser Bai Hulagh stammt offensichtlich von Nurag selbst, und ich glaube nicht, daß er das Volk kennt. Er hat einen ernsthaften Fehler begangen, als er sich nicht schon lange vor dem heutigen Tag mit Dringlichkeit um unsere Evakuierung gekümmert hat.«
»Holn wußte es besser«, sagte Sathell.
»Aber Holn unterließ es, ihrem Nachfolger alles zu hinterlassen, was sie ihm hätte berichten können. Die alte Bai Solgah wahrte ihr Schweigen, und Regul neigen auch nicht dazu, auf geschriebene Berichte zurückzugreifen. Die Art der Regul bringt keine guten Kämpfer hervor, aber auf ihre Weise sind sie sehr schlau in der Rache.«
Und Intel lächelte, ein müdes Lächeln, das eine gewisse Befriedigung enthielt.
»Darf das Kel«, fragte Eddan, »um Erlaubnis bitten, eine Frage zu stellen?«
»Frage!«
»Glaubst du, daß die Holn uns absichtlich nicht in ihrem Nachlaß erwähnt hat, den sie diesem Bai Hulagh überließ?«
»Ich glaube, daß die Holn dies als Rache auffaßt, als Rettung für ihren Stolz, ja. Bai Hulagh hat die Mri verloren. Auf diese Art kämpfen Regul gegen Regul. Was kann uns das bedeuten? Aber ich bin mir sicher«, sagte sie in hartem Tonfall, »daß Medai das letzte meiner Kinder war, das auf einem Regul-Schiff fortging, das letzte meiner Kinder, das für Regul Zwecke starb. Und hiernach, Kel'ein, hiernach plant nicht weiterhin, daß Mri gegen Mri kämpfen, nein. Wir kämpfen nicht.«
Die Bestürzung des ganzen Kel war spürbar.
»Darf das Kel fragen...?« begann Eddan mit unerschütterlicher Formalität.
»Nein«, sagte sie. »Das Kel darf nicht fragen. Aber ich werde euch sagen, was zu wissen für euch gut ist. Das Volk ist zahlenmäßig gefährlich geschrumpft. Es gab eine Zeit, in der solche Kämpfe dem Volk dienlich waren, aber jetzt nicht mehr, Kel'ein, jetzt nicht mehr. Ich werde euch etwas sagen, nach dem ihr nicht gefragt habt: an Bord der AHANAL befindet sich alles, was vom Volk übriggeblieben ist, und wir sind der Rest. Mehr gibt es nicht mehr.«
Es war kalt im Raum, und niemand bewegte sich. Niun schloß die Arme eng um seine Knie und versuchte zu verarbeiten, was die Mutter sagte. Er hoffte, daß es allegorisch war, da sie oft in Rätseln sprach, aber er konnte nicht daran glauben, daß es nur eine Redewendung war.
»Bei Elag«, sagte Intel mit dünner und harter Stimme, »haben die Regul, während sie ihr eigenes Volk evakuierten, die Kel'ein, die ihnen dienten, wieder und wieder und wieder gegen die Menschen geschickt – haben auch noch die Kel'ein der Edunei von Mlassul und Seleth herbeigerufen und auch sie verloren. Aber das hat die Regul wenig bekümmert, sie und diesen neuen Bai Hulagh – diesen neuen Meister, den Nurag geschickt hat.«
Plötzlich erklang ein Geräusch, der Schlag einer Faust auf Fleisch, und Eddan, der es sonst nie tat, fluchte. »She'pan«, sagte er dann, »darf das Kel...«
»Da ist nichts mehr zu fragen, Eddan«, sagte Intel. »Dies ist geschehen: 10 000 Mri sind gefallen, und Schiffe hat es gekostet – Schiffe, deren Anzahl ich nicht kenne; sehr viele dieser Schiffe waren Regul Schiffe, ohne Regul-Personal an Bord, denn die Regul fürchteten sich davor, zu bleiben. Sie haben 10 000 Mri getötet. Und ich verfluche die She'panei, die ihre Kinder für so etwas hergegeben haben.«
Ein dünner Schweiß lag auf Intels Gesicht, und ihre Haut wirkte blaß. Ihr rauher Atem war hörbar und übertönte den Regen draußen. Niemals zuvor hatte die freundliche Mutter jemanden verflucht. Die Ungeheuerlichkeit, She'panei zu verfluchen, füllte Herzen mit Kälte, aber ihr Gesicht zeigte kein Bedauern. Niun atmete vorsichtig, sog die Luft ein, als stiege sie von Sand in der Mittagshitze auf. Seine Muskeln begannen zu zittern, und er preßte seine Hände um so fester zusammen, je weniger jemand es bemerkte, sofern überhaupt jemand in dieser schrecklichen Stille etwas außer seinem eigenen Herzschlag hören konnte.
»Kleine Mutter«, bat Sathell, »genug, genug!«
»Das Kel«, sagte sie, »hat es für nötig befunden, Fragen zu stellen. Dafür schulde ich ihnen eine Antwort.« Sie hielt einen Moment lang inne und holte tief Atem, als hätte sie vor, als nächstes etwas Notwendiges, etwas Dringendes zu sagen. »Kel'ein«, sagte sie, »singt das Shon'jir für mich.«
Es entstand Bewegung unter den Kel'ein, die geradezu in Panik und Schrecken gerieten. Sie stirbt, war Niuns erster Gedanke, und: O Götter, welch schreckliches Omen! Und er brachte die Worte, die sie von ihnen erbat, nicht hervor.
»Seid ihr denn Kinder?« fragte sie ihre Ehemänner, »daß ihr immer noch an gute oder böse Zufälle glaubt? Singt das Ritual des Vergehens für mich.«
Sie blickten Eddan, der in einer Geste der Ergebung den Kopf senkte, und begannen leise. Niun fiel ein, unsicher über diesen Wahnsinn, in den sie gemeinsam verstrickt waren.
Zwischen der Dunkelheit am Anfang Zur Dunkelheit am Ende, Dazwischen eine Sonne, Aber nach ihr Dunkelheit, Und in dieser Dunkelheit Ein Ende.
Von Dunkelheit zu Dunkelheit Geht eine Reise. Von Dunkelheit zu Dunkelheit Geht unsere Reise. Und nach der Dunkelheit, O Brüder, o Schwestern, Kehren wir heim.
Intel lauschte mit geschlossenen Augen, und danach herrschte lange Zeit Schweigen. Dann öffnete sie die Augen wieder und blickte sie alle wie von einem fernen Ort aus an.
»Ich gebe euch«, sagte sie, »ein Wissen, das die Kel'ein vor langer Zeit besaßen, das aber später aus der Kel-Lehre verschwunden ist. Erinnert euch nun wieder. Ich erkläre es für gesetzlich. Kesrith ist nur eine Zwischenstation, und Arain ist nur eine Sonne unter vielen, und wir nähern uns einem Ende. In der Geschichte des Volkes, Kel'ein, hat es viele solcher Dunkelheiten gegeben, und die Regul haben uns nur die jüngste unserer vielen Heimatwelten verschafft. Aus diesem Grunde nennen wir es in der tiefen Sprache Shon'jir, das Ritual des Vergehens. Aus diesem Grunde sprechen wir es zu Beginn jedes Lebens im Volk und auch am Ende jedes Lebens, ebenso zu Beginn jeder Epoche und an ihrem Ende. Bis eine andere She'pan die Kinder eurer Kinder darum bittet, Niun, vergiß, was ich dir gesagt habe. Das Kel darf es behalten.«
»Mutter«, sagte er und streckte in einer dringenden Bitte seine Hand nach ihr aus. »Mutter, meinst du den Wechsel der Heimatwelt?«
Zu lange war sie für ihn Mutter gewesen, und nach dem Aussprechen seiner Frage erkannte er, daß er ihr mehr Höflichkeit schuldete. Mit klopfendem Herzen saß er da und erwartete ihre kalte Zurechtweisung, indem sie Eddan fragte, ob das Kel eine Frage zu stellen habe.
Aber sie runzelte weder die Stirn noch verweigerte sie die Antwort. »Niun, ich vermittle dir noch mehr Wahrheit, über die du nachdenken kannst. Die Regul betrachten sich als alt, aber das Volk ist älter. Die 2000 Jahre, die du kennst, sind nur ein Zwischenspiel. Wir sind Nomaden. Ich sage, daß das Kel nicht kämpfen soll; das Kel hat andere Aufgaben. Letzter meiner Söhne, das Kel der Dunkelheit unterscheidet sich vom Kel der Zwischenzeit. Letzte meiner Töchter, das She'panat der Dunkelheit ist eine Pflicht, um die ich dich nicht beneide.«
Innerhalb eines Augenblicks wurde die furchterfüllte, bestürzte Aufmerksamkeit des Kel von der einen zur anderen gezogen.
Die Nachfolge hatte stattgefunden, nicht in Wirklichkeit, aber in der Absicht. Niun betrachtete seine ehemaligen Brüder und erkannte ihren Schrecken; er betrachtete Melein und erkannte ihre Blässe und ihr Zittern. Sie verschleierte sich und wandte sich von den anderen ab, und Niun fühlte sich plötzlich völlig alleingelassen, selbst inmitten des Kel. Er senkte den Kopf und verblieb so, während Eddans überwältigte Stimme um die Erlaubnis zu einer Frage bat, die die She'pan verweigerte.
»Das Sen fragt«, kam statt dessen Sathells Stimme und damit eine Frage, die nicht abgewiesen werden konnte. »She'pan, wir können diese Pläne nicht machen, ohne uns untereinander beraten zu haben.«
»Ist das eine Frage, Sen?« fragte die She'pan trokken, und im Schock dieses Zusammenstoßes des Willens zweier Mri herrschte Schweigen. Niun blickte von einem zum anderen, bestürzt darüber, daß sie, die über sein Leben herrschten, uneins waren.
»Es ist eine Frage«, sagte Sathell.
Die She'pan biß sich auf die Lippe und nickte. »Aber wir haben diese Pläne ohne Besprechung gemacht«, sagte sie. »Ich habe mich nicht beraten, als ich sicherstellte, daß die AHANAL aus dem Wahnsinn von Elag gerettet wurde. Ich habe mich nicht beraten, als ich unsere Basis auf Kesrith gegen das Drängen einiger behauptete, die für das Fortgehen waren. Ich habe diese Pläne gemacht, ohne mich zu beraten – und ich habe dem Volk keine andere Wahl gelassen.«
»Und unser Kath starb und der größte Teil des Kel, wo wir doch statt Kesrith Lushain als Heimatwelt hätten haben können, wo es Wasser und ein freundliches Klima gibt, wo wir eine reiche Welt hätten haben können, She'pan.«
»Dieser alte Streit«, sagte sie mit leiser Stimme. »Aber ich bin meinen Weg gegangen, Sathell, weil die She'pan und nicht der Sen'anth das Volk führt. Vergiß das nicht!«
»Das Sen fragt«, sagte Sathell mit zitternder Stimme, »warum. Warum mußte es Kesrith sein?«
»Ist dein Wissen ausreichend? Kennst du die letzten Mysterien, Sen'anth?«
»Nein«, gab Sathell zu, eine Antwort, die er sich abringen mußte.
»Kesrith war die beste Wahl.«
»Das glaube ich nicht.«
»Ich habe damals gesagt«, erinnerte Intel sanft, »daß ich so entschied, wie ich es als richtig einschätzte. Das ist immer noch wahr. Ich fordere deinen Glauben nicht.«
»Das weiß ich«, gab Sathell zurück.
»Kesrith ist rauh. Es tötet die Schwachen. Es hat seine Aufgabe erfüllt.«
»Diese Schmiede des Volkes, wie du sie genannt hast, hat ihre Aufgabe zu gut erfüllt. Wir sind zu wenige. Und auch von Elag ist uns nichts geblieben.«
»Elag hat uns das gelassen, was sich auf Kesrith befindet, das, was durch das Feuer gegangen ist«, sagte Intel.
»Eine Handvoll.«
»Wir haben dem Volk«, sagte sie, »einen Platz gegeben, auf dem es standhalten kann, und stehen werden wir, bis die Menschen auf Kesrith stehen, und dann die Dunkelheit. Und dann wird eine Entscheidung bei anderen als dir und mir liegen, Sathell.«
Es herrschte Schweigen. Plötzlich erhob sich Sathell und stützte sich an der Wand ab, da seine Schwäche ihn verriet. »Dann überlasse sie jetzt anderen«, forderte er.
Und er ging hinaus. Seine Schritte führten die Treppe hinab.
Eddan verneigte sich, trat zu Intel und ergriff ihre Hand. »Kleine Mutter«, sagte er freundlich, »das Kel stimmt dir zu.«
»Das Kel weiß wenig«, sagte sie, »selbst jetzt noch.«
»Das Kel kennt die She'pan«, sagte er mit schwacher Stimme. Und dann sah er sich um und betrachtete die anderen, zuletzt Melein. »Sen Melein, bereite die Tasse für sie.«
»Heute abend will ich sie nicht trinken«, sagte Intel.
Aber Eddans Blick forderte das Gegenteil, und Melein nickte in schweigender Verschwörung gegen Intels Willen, stand auf, goß Wasser und Komal in eine Tasse und bereitete den Trank, der Intel Ruhe schenken würde. »Geh!« sagte Eddan zum Kel.
»Niun bleibt hier«, sagte Intel, und Niun, der sich zusammen mit den anderen erhoben hatte, blieb stehen.
Und unten an der Treppe ging das Haupttor auf und schloß sich wieder, ein hohles Krachen.
»Götter!« hauchte Pasev und warf Intel einen Blick zu. »Er verläßt das Edun.«
»Laßt ihn gehen!« sagte Intel.
»She'pan«, sagte Melein mit einer Stimme, in der erkennbar Furcht mitklang. »Er kann bei diesem Wetter nicht die Nacht draußen verbringen.«
»Ich werde ihn suchen«, schlug Debas vor.
»Nein«, beharrte die She'pan, »laßt ihn gehen!«
Und nach einem Moment war es klar, daß sie ihre Meinung nicht ändern würde. Es gab nichts mehr zu tun. Melein ließ sich an Intels Seite nieder, immer noch verschleiert und mit wachsamen Augen.
»Das Kel ist entlassen«, sagte Intel, »abgesehen von Niun. Schlaft gut, Kel'ein!«
Eddan wollte nicht entlassen werden. Er blieb als letzter von allen, aber Intel winkte ihn fort. »Geh!« sagte sie. »Es gibt nichts mehr, was ich dir heute abend sagen könnte, Eddan. Aber postiere morgen einen Kel'en auf die hohen Felsen, um den Hafen zu beobachten. Schlaf jetzt! Dieser Sturm wird die Regul daran hindern, etwas zu tun, aber der morgige Tag ist eine andere Sache.«
»Nein«, sagte Eddan, »ich werde meinem Bruder folgen.«
»Nur ohne meinen Segen.«
»Aber trotzdem«, sagte Eddan und wandte sich zum Gehen.
»Eddan«, sagte sie.
Er sah sie wieder an. »Wir werden zu wenige«, sagte er, »um noch viele Reisen nach Sil'athen machen zu können. Sathell hätte Nisren nicht freiwillig verlassen, und ich auch nicht. Nun will ich Kesrith nicht verlassen. Wir werden nach Sil'athen gehen, er und ich. Wir werden zufrieden sein.«
»Ich gebe meinen Segen dazu«, sagte sie nach einer ganzen Weile.
»Danke, She'pan«, sagte er.
Und das war alles. Er ging, und Niun blickte hinter ihm her in die Dunkelheit der Halle und zitterte an jedem Muskel.
Sie waren so gut wie tot, Eddan und Sathell. Sie hatten ihre Wahl getroffen, Sathell nach der Methode seiner Sippe und Eddan für seine Kaste untypisch, um ihn auf seinem langen Weg zu begleiten. Und Niun hatte Eddans Gesicht gesehen, und er hatte keine Schwermut darin erkannt. Er hörte die Schritte des Kel'anth schnell und leicht die Treppe hinuntergehen, und auch hinter ihm schloß sich das Tor. Nun war gewiß, daß es wieder zwei Leben weniger im Edun gab, Leben, die groß gewesen waren.
»Setzt euch zu mir!« befahl Intel ihnen.
»She'pan«, sagte Melein mit dünner, unnatürlicher Stimme. »Ich habe deine Tasse bereitet. Bitte trink!«
Sie bot sie ihr an, und das Tablett zitterte in ihren Händen. Intel nahm die Tasse entgegen und trank, gab sie ihr wieder und lehnte sich zurück, als Niun sich zu ihrer Linken auf die Knie niederließ und Melein zu ihrer Rechten.
Seit Medais Tod hatten sie viele Nächte so verbracht, denn Intel konnte nicht gut schlafen, und sie schlief nie, wenn nicht noch jemand anders im Raum war.
In dieser Nacht beneidete Niun sie um ihren Schluck Komal, und er blickte sie nicht an, während sie darauf wartete, daß der Trank zu wirken begann, sondern senkte den Kopf und starrte auf die Hände in seinem Schoß, bis in die Tiefe seines Herzens erschüttert und erschlagen.
Eddan und Sathell, die stets ein Teil seines Lebens gewesen waren. Er weinte mit entblößtem Gesicht, die Tränen tropften ihm auf die Hände, und er schämte sich, eine Hand zu heben, um sie wegzuwischen, denn das Kel weinte nicht.
»Sathell ist sehr krank«, sagte Intel sanft. »Und er wußte genau, was er tat. Glaube nicht, daß wir uns im Haß trennten. Melein weiß es. Eddan weiß es. Sathell war ein guter Mann. Unser uralter Streit: er war nie meiner Meinung, und dennoch leistete er mir dreiundvierzig Jahre lang gute Dienste. Ich hege keinen Groll gegen ihn, weil er schließlich nur seine Meinung gesagt hat. Wir waren Freunde. Und seid Eddan nicht böse. Ich wäre überrascht gewesen, hätte er anders gehandelt.«
»Du bist hart«, sagte Niun.
»Ja«, sagte sie. Mit einer leichten Berührung fuhr sie ihm über die Schulter, wischte das Zaidhe fort. Er streifte es ab, wickelte das Tuch fest um die geballten Fäuste, den Kopf immer noch gesenkt, denn seine Augen waren feucht. »Letzter meiner Söhne«, sagte sie dann, »liebst du mich?«
So offen, wie diese Frage gestellt war, traf sie ihn wie ein Hammerschlag. Und in diesem Augenblick konnte er nicht einfach sagen: Ja, Mutter. Er brachte es nicht fertig.
»Mutter«, sagte er schmerzerfüllt, für das Kel der beste und wertvollste von all ihren Titeln.
»Liebst du mich, Niun?« Ihre zarten Finger strichen über seine Mähne, berührten die Empfindsamkeit seines Ohres, zogen an den unteren Haarbüscheln an seiner Brust, eine Intimität für nahe Angehörige und Liebhaber: Hier ist ein Geheimnis, sagte die Berührung, etwas Verborgenes: sei aufmerksam.
Er war jetzt nicht stark genug für Geheimnisse, für keinerlei weitere Last. Er schaute zu ihr auf, versuchte zu antworten. Das ruhige Gesicht schaute mit seltsamem Verlangen zu ihm herunter. »Ich weiß«, sagte sie. »Du bist hier. Du erfüllst mir gegenüber deine Pflicht. Das ist schon eine gute und fromme Tat, mein Kind. Und ich weiß, daß ich dich beraubt und mißachtet habe und dich zu allem gezwungen, was du getan hast und jemals tun wirst.«
»Ich weiß, daß du gute Gründe hast.«
»Nein«, sagte sie. »Du bist Kel'en. Du weißt es nicht; du glaubst es nur. Aber es ist richtig, daß du das sagst. Und du hast recht. Morgen – morgen wirst du es sehen, wenn du die AHANAL siehst. – Melein...«
»She'pan.«
»Trauerst du Sathell nach?«
»Ja, She'pan.«
»Machst du mir Vorwürfe?«
»Nein, She'pan.«
»Auf der AHANAL wird es eine She'pan geben«, sagte Intel. »Diese She'pan ist nicht so gut geeignet, wie du es durch mich geworden bist.«
»Ich bin zweiundzwanzig Jahre alt!« protestierte Melein. »She'pan, du könntest das Kommando über die AHANAL übernehmen, aber wenn sie dich herausfordern, wenn sie dich herausfordern sollten...«
»Niun wird mich verteidigen, er wird mich gut verteidigen. Und er wird dich verteidigen, wenn deine Stunde gekommen ist.«
»Übergibst du mir seine Verpflichtung?« fragte Melein.
»Wenn es Zeit ist«, sagte sie, »werde ich es tun. Wenn es für dich Zeit ist.«
»Ich weiß nicht alles, was ich wissen muß, She'pan.«
»Du wirst jeden töten«, sagte Intel, »der dir die Pana wegnehmen will. Ich bin die älteste aller She'panei, und ich habe meine Nachfolgerin auf meine eigene Art vorbereitet.«
»Mein Gewissen...«, protestierte Melein.
»Dein Gewissen«, unterbrach sie die She'pan, »befiehlt dir, zu gehorchen und keine Fragen zu stellen!«
Und die Droge begann in ihr zu wirken, und ihre Augen trübten sich; sie sank in ihre Kissen und war still.
Schon bald schlief sie hörbar.
Man sagte – in einer Geschichte, die man sich im Kel erzählte –, daß die Menschen während des Falls von Nisren tatsächlich einmal in das Edun eingedrungen waren, ohne die Versuche der Mri zu beachten, sie zum A'ani herauszufordern: der erste und schwerste Irrtum, den die Mri im Zusammenhang mit den Menschen begingen. Eine menschliche Streitmacht war durch die Hallen geströmt, während das Kath verzweifelt zu entkommen versuchte. Und Intel hatte sich zwischen dieses und die Menschen gestellt und die Halle mit eigener Hand in Brand gesteckt. Ob es an Intel selbst lag oder am Feuer: die Menschen waren gegen sie nicht angekommen. Sie hatte sich lange genug gehalten, um einigen vom Kath die Flucht zu ermöglichen, bis das kämpfende Kel die Halle erreichen und sie auf ein Regul-Schiff in Sicherheit bringen konnte.
Dieser Aspekt der sanften Intel war für Niun immer unglaublich gewesen – bis zu dieser Nacht.