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Eine Trennungslinie durchzog die Welt, markiert durch einen Straßendamm aus weißem Fels. Auf der einen Seite und am unteren Ende lebten die Regul von Kesrith – Stadtleute mit langsamen Bewegungen und langem Gedächtnis. Die Tieflandstadt gehörte allein ihnen: flache, ausgedehnte Gebäude; einen Hafen; Handel mit den Sternen, Bergbau, der die Erde zernarbte; eine Anlage, die dem Alkalimeer Wasser entnahm. Das Land war die Dus-Ebene genannt worden, bevor es Regul auf Kesrith gab; die Mri erinnerten sich daran. Aus diesem Grund, aus Respekt vor den Dusei, hatten die Mri die Ebene gemieden. Die Regul hatten jedoch darauf bestanden, dort ihre Stadt zu errichten, und die Dusei waren dort weggegangen.
Im Hochland, in den zerklüfteten Bergen am anderen Ende des Straßendammes, erhob sich der Turm der Mri. Er wirkte wie vier verkürzte Kegel, die an den Ecken eines trapezförmigen Grundrisses standen – die schrägen Wände waren aus der bleichen Erde des Tieflandes gefertigt, die man behandelt und gehärtet hatte. Dies war das Edun Kesrithun, das Haus von Kesrith, das Heim der Mri von Kesrith, und wegen Intel das Heim aller Mri im weiten Universum.
Von dem Aussichtspunkt, den Niun in seinem einsamen Zorn eingenommen hatte, konnte man den größten Teil der Kesrithi-Zivilisation sehen. Er kam oft hierher zu diesem höchsten Teil des Straßendammes, zu diesem eigensinnigen Felsvorsprung, der die Regul-Straße abgewehrt und die Meinung der Regul über ihre Pläne geändert hatte, sie in die Berge und das Heiligtum von Sil'athen hinein auszubauen. Niun mochte ihn deswegen, wie auch wegen der Aussicht. Unter ihm lagen die Regul-Städte und das Mri-Edun, zwei sehr kleine Narben auf dem Körper der weißen Erde. Über ihm, in den Bergen und dahinter und noch weiter dahinter, gab es nur noch Regul Automaten, die der Erde Minerale entnahmen und Regul-Kesrith den Grund für seine Existenz lieferten; und wilde Dinge gab es dort, denen die Welt gehört hatte, bevor die Regul und die Mri gekommen waren; und die schwerfälligen Dusei, die einst Kesriths höchste Lebensform gewesen waren.
Niun saß brütend auf dem Felsen, der die Welt überblickte, und haßte die Tsi'mri mit mehr als nur mit dem üblichen Haß der Mri auf Fremde, der schon beträchtlich war. Niun war sechsundzwanzig Jahre alt, nach der Jahresrechnung des Volkes, die sich nicht nach Kesriths Orbit um Arain richtete und auch nicht nach dem Standard von Nisren oder einer der beiden anderen Welten, die das Volk in der Zeitspanne, an die die Lieder des Kel erinnerten, als Heimatwelt bezeichnet hatte.
Selbst nach den Maßstäben seines Volkes war Niun groß. Seine hohen Wangenknochen trugen die Seta'al, die Dreifach-Sterne seiner Kaste, blaugefärbt und unauslöschlich. Sie besagten, daß er ein voll-flügges Mitglied des Kel war, der Hand des Volkes. Und als Angehöriger des Kel war er vom Kragen bis zu den Stiefelspitzen in schlichtes Schwarz gewandet; und ein schwarzer Schleier und ein mit Quasten verziertes Kopftuch, Mez und Zaidhe, verbargen alles außer Stirn und Augen vor Außenstehenden, wenn er beschoß, ihnen zu begegnen. Das Zaidhe hatte außerdem noch einen dunklen, transparenten Sichtschutz, der die Verschleierung vervollständigen konnte, wenn Staub wehte oder das rote Licht Arains seinen unangenehmen Zenit erreichte. Niun war ein Mann: sein Gesicht und seine Gedanken wurden als private Identität erachtet, und es war ungebührlich, sie Fremden zu offenbaren. Die Schleier umhüllten ihn wie die Gewänder, ein entscheidendes Merkmal der einzigen Kaste des Volkes, die mit Außenstehenden verkehren konnte. Die schwarzen Gewänder, die Siga, wurden über Taille und Brustkorb von Gürteln gehalten, die seine verschiedenen Waffen trugen; ebenso hätten sie J'tai halten sollen, Medaillen, für seine Dienste am Volk errungene Ehrungen. Aber sie fehlten, und dieser Mangel an Status würde jedem Mri auffallen, der ihn sah.
Als Angehöriger des Kel konnte er weder lesen noch schreiben, aber er konnte numerierte Tastaturen bedienen und beherrschte die Mathematik, sowohl die der Regul als auch die der Mri. Die komplizierten Stammbäume seines Hauses, das das von Nisren gewesen war, kannte er auswendig. Es erfüllte ihn mit Melancholie, wenn er die Namenslieder sang; es war schwer, das zu tun und dann die brechenden Mauern des Edun Kesrithun zu sehen und zu wissen, wie wenige Leute jetzt noch lebten, und dann nicht zu erkennen, daß ein Verfall stattfand, wirklich und bedrohlich. Er kannte all die Lieder. Er konnte voraussehen, daß er nie ein eigenes Kind zeugen würde, das sie singen mochte, nicht auf Kesrith. Er lernte die Lieder; er lernte Sprachen, die Teil des Kel-Wissens waren. Er beherrschte vier Sprachen fließend, von denen zwei seine eigenen waren, eine die der Regul und die vierte die des Feindes. Er war ein Experte in Waffen, sowohl der Yin'ein als auch der Zahen'ein. Neun Waffenmeister waren seine Lehrer gewesen; er wußte, daß seine Geschicklichkeit in all diesen Dingen groß war.
Und umsonst, alles umsonst.
Regul.
Tsi'mri.
Niun warf einen Stein den Berghang hinab in einen heißen Teich, dessen Dämpfe durcheinandergewirbelt wurden.
Frieden.
Es würde ein Frieden zu menschlichen Bedingungen sein. An jedem kritischen Moment des Krieges hatten die Regul die Mri-Strategen mißachtet. Die Regul würden uneingeschränkt Mri-Leben opfern und den Blutpreis an die Edunei zahlen, deren Söhne und Töchter des Kel fielen, und alles nur, weil ein Kolonialbeamter der Regul in Panik geraten war und der Handvoll Mri, die ihm persönlich dienten, einen selbstmörderischen Angriff befohlen hatte, um seinen Rückzug und den seiner Junglinge zu decken. Aber weit weniger willig würde derselbe Regul Leben oder Eigentum seiner Artgenossen aufs Spiel setzen. Denn der Verlust von Regul-Leben würde auch einen Verlust an Status bedeuten; er hätte diesem Regul sofortige Mißbilligung von seiten der Regul-Behörden eingebracht, den Rückruf zur Heimatwelt, eine Untersuchung seines Wissens und aller Wahrscheinlichkeit nach seinen Tod und den seiner Jungen.
Es war unvermeidlich, daß die Menschen diese grundlegende Schwäche der Partnerschaft zwischen Regul und Mri erkannten, daß die Menschen lernten, welch weit größeren Effekt es hatte, den Regul Verluste zuzufügen, als dieselben Verluste den Mri zuzufügen.
Es war vorhersagbar, daß daraufhin die Regul unter diesem Druck in Panik gerieten, daß sie mit dem Rückzug reagierten, immer weiter, ohne auf die gegenteiligen Ratschläge der Mri zu hören, daß sie auf ihrem hastigen Rückzug in die völlige Sicherheit Welt auf Welt dem Angriff aussetzten. Folgerichtig konnte es diese völlige Sicherheit nicht geben.
Und daß die Regul anschließend ihre Dummheit durch direkte Verhandlungen mit den Menschen vervollständigen würden – auch das war bei den Regul zu erwarten gewesen, Krieg zu kaufen und zu verkaufen, und im Falle einer Bedrohung eher einen raschen Ausverkauf durchzuführen, als zu großen Verlust an notwendigen Besitztümern zu riskieren.
Die Regul-Sprache enthielt bezeichnenderweise kein Wort für Mut.
Und auch keines für Vorstellungskraft.
Der Krieg ging zu Ende, und Niun blieb an seine Welt gebunden, ohne jemals die Dinge, die er gelernt hatte, angewandt zu haben. Die Götter mochten wissen, welche Handelsmethoden die Kaufleute benutzten, welche Verfügung über sein Leben getroffen wurde. Er sah voraus, daß die Dinge in den Zustand vor dem Krieg zurückkehren konnten, daß Mri wieder einzeln Regul dienen würden – daß Mri wieder gegen Mri kämpfen würden, in einem Kampf, in dem Erfahrung eine Rolle spielte.
Und die Götter mochten wissen, wie lange es noch möglich sein würde, einen Regul zu finden, dem er dienen konnte, wenn der Krieg zu Ende ging und die Dinge in Fluß gerieten. Die Götter mochten wissen, wie wahrscheinlich es war, daß ein Regul einen unerfahrenen Kel'en zum Wächter seines Schiffes machte, wenn andere – kriegserfahrene – verfügbar waren.
Sein ganzes Leben lang hatte er trainiert, um gegen Menschen zu kämpfen, und die Politik dreier Arten verschwor sich, ihn davon abzuhalten.
Plötzlich stand er auf, als sein Geist auf eine Idee kam, die länger als nur an diesem Tag in ihm gegoren hatte, und er sprang auf den Boden und begann die Straße hinabzuschreiten. Er blickte nicht zurück, nachdem er am Edun vorbeigegangen war, ohne angerufen zu werden, ohne bemerkt zu werden. Er besaß nichts. Er brauchte nichts. Was er trug und was er an Waffen mit sich führte, gehörte ihm durch Recht und Brauch, und er konnte von seinem Edun nicht mehr erbitten, selbst wenn er es mit ihrem Segen und ihrer Hilfe verlassen hätte, was nicht der Fall war.
Im Edun würde es Melein sicherlich Kummer bereiten, daß er so schweigend abtrünnig wurde, aber sie war lange genug selbst Kel'e'en gewesen, um auch um seinetwillen froh zu sein, daß er in Dienst ging. Ein Kel'en in einem Edun war so unbeständig wie der Wind und sollte nach der Kindheit keine festen Bindungen mehr haben, abgesehen an die She'pan und an das Volk und an ihn oder sie, der oder die ihn in Dienst nahm.
Er empfand auch eine gewisse Schuld gegenüber der She'pan, die ihn weit mehr bemuttert hatte, als es die Schuldigkeit einer She'pan gegenüber einem Sohn ihrer Ehemänner war. Er wußte, daß sie seinen Vater Zain besonders begünstigt hatte und immer noch dessen Tod betrauerte; und sie würde die Reise, die er jetzt antrat, weder gutheißen noch erlauben.

Es war in der Tat Intels hartnäckiger, besitzergreifender Wille, der ihn so lange auf Kesrith festgehalten hatte, ihn jahrelang an ihrer Seite gehalten hatte, weit über den angemessenen Zeitpunkt hinaus, ihre Autorität und die seiner Lehrer zu verlassen. Er hatte Intel einst geliebt, tief und voller Verehrung. Aber selbst diese Liebe hatte sich in den langen Jahren, seit er den anderen Kel'ein hätte folgen und sie verlassen sollen, in Bitterkeit verwandelt.
Er hatte es ihr zu verdanken, daß seine Fähigkeiten ungeübt geblieben waren, sein Leben unausgefüllt und jetzt vielleicht überhaupt nutzlos. Neun Jahre waren vergangen, seitdem die Seta'al des Kel in sein Gesicht geschnitten und gemalt worden waren, neun Jahre, in denen er jeweils mit vor Verlangen klopfendem Herzen dagesessen hatte, wenn ein Regul Meister die Straße zum Edun heraufkam, um einen Kel'en als Wächter für sein Schiff zu suchen, sei es für den Krieg oder selbst den Handel. Immer weniger dieser Nachfragen waren in den vorüberziehenden Jahren gekommen, und jetzt kam überhaupt keine mehr zum Edun. Er war der letzte all seiner Brüder und Schwestern im Kel, das letzte Kind des Edun außer Melein. Die anderen hatten alle einen Dienst gefunden, und die meisten von ihnen waren tot. Aber Niun s'Intel, seit neun Jahren ein Kel'en, hatte die beschützende Umarmung der She'pan noch nicht abgestreift.
Mutter, laß mich gehen! hatte er sie vor sechs Jahren gebeten, als das Schiff seines Vetters Medai abgegangen war – es war die äußerste, niederschmetternde Schmach, daß Medai, der großtuerische, prahlerische Medai für die größte Ehre ausgewählt werden sollte, und er in Schande zurückgelassen wurde.
Nein, hatte die She'pan in absoluter Form gesagt, ihre Autorität hervorgekehrt und auf sein wiederholtes Bitten um ihr Verständnis und seine Freiheit geantwortet: Nein. Du bist der letzte meiner Söhne, der letzte, den ich jemals haben werde, Zains Kind. Und wenn ich möchte, daß du bei mir bleibst, dann ist das mein Recht, und das ist meine endgültige Entscheidung. Nein, nein.
Er war an jenem Tag in die hohen Berge geflohen und hatte wider Willen zugesehen, wie die HAZAN, das Schiff des Regul-Oberkommandos der Zone, zu der Kesrith gehörte, Medai s'Intel Sov-Nelan in die Männlichkeit trug, zum Dienst, zur höchsten Ehre, die jemals einem Kel'en des Edun Kesrithun zuteil geworden war.
An jenem Tag hatte Niun geweint, obwohl Kel'ein nicht weinen konnten. Und dann hatte er vor Scham über seine Schwäche das Gesicht mit dem rauhen, pulverigen Sand gereinigt und einen weiteren Tag und zwei Nächte fastend in den Bergen verbracht, bis er wieder hinabgestiegen war zu den anderen Kel'en und der ängstlichen und besitzergreifenden Liebe der Mutter.
Sie alle waren alt. Außer ihm gab es jetzt keinen Kel'en mehr, der in einen angebotenen Dienst treten konnte. Sie alle waren in großem Maß geübt. Er vermutete, daß sie die größten Meister der Yin'ein im gesamten Volk waren, obwohl sie sich selbst nicht mehr zumaßen als beträchtliche Kompetenz. Aber die Jahre hatten ihren tiefgründigen Raubzug durchgeführt und ihnen die Kraft genommen, ihre Künste im Krieg anzuwenden. Sie waren ein Kel aus acht Männern und einer Frau, die den Grund für ihr Leben überlebt hatten, ohne die Kraft zum Kämpfen oder – nach ihm – Kinder, die sie unterrichten konnten: Alte, deren Träume nur noch rückwärts gewandt sein konnten.
Sie hatten ihm neun Jahre gestohlen, ihn mit sich begraben, und dann selber Leben aus zweiter Hand durch seine Jugend gelebt.
Er folgte der Straße ins Tiefland hinab, ließ sich vom Straßendamm zu den Regul führen, da die Regul in dieser Zeit nicht zum Edun kamen. Es war nicht der direkte Weg, aber der leichteste, und er folgte ihm mit unverschämter Sicherheit, da die Alten des Kel ihn auf einem so langen Weg nicht einholen konnten. Er hatte nicht vor, zum Hafen zu gehen, zu dem der Weg querfeldein führte, sondern zu dem, was am Ende des Straßendammes lag: das Nom, ein zweistöckiges Gebäude, höchstes Bauwerk in Kesriths einziger Stadt und eigentliches Zentrum der Regul Behörden.
* * *
Er fühlte sich unwohl, als seine Stiefel auf Beton traten und er überall um sich herum die häßlichen, flachen Gebäude der Regul erblickte. Dies war eine Welt, die sich von der Reinheit der hohen Berge unterschied, sogar mit einem anderen Geruch in der Luft, einer Abstumpfung des scharfen Geschmacks von Kesriths kalten Winden, einer feinen Ausdünstung von Öl und Maschinen und nach Moschus riechenden Regul-Körpern.
Regul-Junglinge beobachteten ihn – die Beweglichen, die Jungen der Regul. Ihre kauernden Körper würden beim Heranwachsen dicker werden, die grau-braune Haut dunkler und loser – Fett würde sich ansammeln, bis sie sich selbst so sehr von Gewicht umgeben finden würden, daß ihre schrumpfenden Muskeln sie nicht mehr heben konnten. Die Mri sahen nur selten ältere Regul. Niun selbst hatte noch nie einem Älteren gegenübergestanden, nur gehört, wie seine Lehrer im Kel sie beschrieben. Erwachsene Regul blieben in ihrer Stadt, umgeben von Maschinen, die sie trugen und ihre Luft reinigten; sie wurden von Junglingen versorgt, die ständig für sie da sein mußten, die selbst ein ungewisses Leben lebten, bis sie ihre Reife erreichten. Die einzige Gewalttätigkeit, die die Regul verübten, richtete sich gegen ihre eigenen Jungen.
Die Junglinge auf dem Platz betrachteten ihn jetzt mit seitlichen Blicken und unterhielten sich in verschwiegenem Tonfall der sein empfindliches Gehör deutlicher erreichte, als ihnen bewußt war. Normalerweise hätte ihm diese Boshaftigkeit nicht im geringsten Sorgen bereitet: man hatte ihm beigebracht, sie seinerseits noch viel weniger zu mögen, und er verachtete sie und ihre ganze Brut. Aber hier war er der Bittsteller, verzweifelt und ängstlich, und sie besaßen, was er haben wollte, und hatten auch die Macht, es ihm zu verweigern. Ihr Haß umhüllte ihn wie die verseuchte Stadtluft. Er hatte sich verschleiert, lange bevor er die Stadt betreten hatte; aber mit nur wenig mehr Ermutigung hätte er auch den Sichtschutz des Zaidhe heruntergeklappt. Bei seinem letzten Besuch in dieser Stadt hatte er es getan, als er noch ein sehr junger Kel'en gewesen war und in den Eigentümlichkeiten des Verhaltens zwischen Regul und Mri nicht ganz bewandert. Aber jetzt, da er älter und ein Mann war, traute er sich, auf den Sichtschutz zu verzichten und die Blicke der Junglinge zu erwidern, die ihn zu kühn anstarrten; und die meisten konnten den direkten Blickkontakt mit ihm nicht ertragen und wichen vor ihm zurück. Einige wenige, älter und tapferer als die anderen, zischten leise vor Mißfallen, warnten ihn. Er mißachtete sie. Er war kein Regul-Jungling, der ihre Gewalttätigkeit fürchten mußte.
Er kannte seinen Weg. Er kannte den Haupteingang des Nom entlang einer Seite des großen Platzes, um den herum die Stadt in konzentrisch angelegten Vierecken errichtet war. Der Eingang war der aufgehenden Sonne zugewandt, wie es für Haupteingänge von zentralen Regul-Gebäuden erforderlich war. Niun erinnerte sich daran. Er war in Begleitung seines Vaters hier gewesen, als dieser in seinen letzten Dienst getreten war. Aber damals war er nicht mit drinnen gewesen. Nun kam er wieder zu der Tür, vor der er damals gewartet hatte, und von seiner Gegenwart alarmiert, erhob sich das Regul-Jungling, das in der Vorhalle Wache hielt.
»Geh weg!« sagte das Jungling mit flacher Stimme; aber Niun kümmerte sich nicht darum, betrat das widerhallende Hauptfoyer, auf einmal fast erstickt durch die Hitze und den Moschusgeruch in der Luft. Er fand sich in einem großen Raum wieder, umgeben von beschrifteten Türen und Bürofenstern. Ihm wurde rasch übel, und die Luft machte ihn benommen; er stand verwirrt und beschämt mitten in der Halle, denn von hier an war es eine Frage des Lesens, zu wissen, wohin er jetzt gehen mußte, und er konnte nicht lesen.
Es war das Regul-Jungling vom Schreibtisch in der Vorhalle, das mit kurzen schlurfenden Schritten über den Boden stampfte und in Niuns Verlegenheit drang. Das Jungling war vor Ärger oder Hitze dunkelrot angelaufen und atmete schwer unter der Anstrengung, Niun einzuholen. »Geh weg!« wiederholte es. »Du hast weder aufgrund des Abkommens noch des Gesetzes hier etwas zu schaffen.«
»Ich will mit euren Ältesten sprechen«, erklärte er dem Jungling. Man hatte ihm beigebracht, daß dies der äußerste und keinen Widerspruch duldende Appell bei den Regul war. Kein Jungling konnte eine endgültige Entscheidung treffen. »Sag ihnen, daß ein Kel'en hier ist, um mit ihnen zu sprechen.«
Das Jungling blies Luft durch seine bebenden Nasenlöcher. »Dann komm mit mir!« sagte es und warf Niun einen mißbilligenden Blick zu, ein Aufblitzen von rot geädertem Weiß aus dem Winkel des rollenden Auges. Es war – es, denn Regul konnten bis zur Reife ihr Geschlecht nicht voraussehen – wie alle Regul eine kauernde Gestalt, der Körper berührte selbst im Stehen fast den Boden. Es war auch sehr jung für einen Regul, dem man die für Regul beträchtliche Ehre erwiesen hatte, auf die Nom-Tür achtzugeben. Es hielt sich noch selbst aufrecht, die Knochen zeichneten sich unter der braunen, genarbten Haut ab, die noch fein gemasert war und eine feine Beige-Tönung und einen metallischen Schimmer aufwies. Es ging mit einer rollenden Gangart neben ihm her, die beträchtlichen Spielraum erforderte. »Ich bin Hada Surag-gi«, sagte es. »Sekretär und Hüter der Tür. Du bist zweifellos einer von Intels Leuten.«
Niun antwortete einfach nicht auf diese Grobheit von seiten des Tsi'mri-Wächters, der die She'pan mit solch unverschämter Vertrautheit beim Namen genannt hatte. Die Regul bezeichneten Ältere mit der Verehrte, der Ehrenwerte, der Herr... und Niun ging davon aus, daß die Vertrautheit als berechnete Beleidigung gedacht war, und merkte sie sich für einen späteren Zeitpunkt, wenn es dazu kam, daß er Hada Surag-gi das Gewünschte geben konnte. Im Moment tat das Jungling, was er von ihm wollte, und das genügte zwischen Mri und Tsi'mri.
Stählerne Schienen liefen an den gekrümmten Kanten der Wände entlang, und ein Fahrzeug flü- sterte mit solch einer Geschwindigkeit an ihnen vorbei, daß es nur einen Augenblick lang überhaupt bemerkbar war. Die Schienen liefen an der Wand gegenüber den Türen in alle Richtungen, immer weitere Fahrzeuge kamen vorbei und verfehlten sich immer nur um Handbreite. Niun zeigte sich über diese Dinge nicht überrascht.
Er dankte dem Jungling auch nicht, als dieses ihn durch eine Tür in einen Warteraum gewiesen hatte, in dem ein anderer, offenbar erwachsener Regul an einem Metallschreibtisch saß. Niun drehte dem Jungling, als dieses ihm nicht mehr von Nutzen war, einfach den Rücken zu und hörte, wie es ging.
Der Beamte lehnte sich vom Schreibtisch zurück und wiegte sich in dem beweglichen Stuhl, der überraschenderweise von Energie angetrieben wurde. Wieder so ein Fahrzeug, ein glänzendes, stählernes Gerät, und Niun hatte gehört, daß die erwachsenen Regul sie benutzten, um sich zu bewegen, ohne aufzustehen.
»Wir kennen dich«, sagte der Regul. »Du bist Niun vom Berge. Deine Ältesten haben sich mit uns in Verbindung gesetzt. Sie haben angeordnet, daß du umgehend zu deinem Volk zurückzukehren hast.«
Niuns Gesicht begann zu glühen. Natürlich würden sie versucht haben, ihm zuvorzukommen. Er hatte nicht einmal daran gedacht. »Das spielt keine Rolle«, sagte er vorsichtig formell. »Ich bitte darum, auf einem eurer Schiffe dienen zu dürfen. Ich entsage meinem Edun.«
Der Regul – eine gefaltete und nochmals gefaltete braune Masse, sein Gesicht inmitten der Gewichtigkeit überraschend knochig und glatt – seufzte und betrachtete Niun mit kleinen Augen zwischen zerknittert wirkenden Winkeln. »Wir hören, was du sagst«, meinte er. »Aber unser Abkommen mit deinem Volk erlaubt es uns nicht, dich gegen den Protest deiner Ältesten anzunehmen. Bitte kehre sofort zurück! Wir wollen keinen Streit mit Ihnen haben.«
»Hast du einen Vorgesetzten?« fragte Niun rauh, ungeduldig und auch fast hoffnungslos. »Laß mich mit jemandem sprechen, der mehr Autorität hat.«
»Du möchtest den Direktor sprechen?«
»Ja.«
Der Regul seufzte und fragte über Interkom nach. Eine knirschende Stimme lehnte im flachen Tonfall ab. Der Regul sah auf und rollte seine Augen mit einem Ausdruck, der eher zufrieden und blasiert als entschuldigend war. »Du hast gehört«, sagte er.
Niun drehte sich auf den Fersen um, schritt aus dem Büro und dem Foyer hinaus, ignorierte den amüsierten Blick des Junglings Hada Surag-gi. Er fühlte, daß sein Gesicht brannte, daß sein Atem stoß- weise ging, als er das warme Innere des Nom verließ und auf den öffentlichen Platz trat, wo der kalte Wind durch die Stadt fegte.

Er ging schnell, als hätte er ein Ziel und suchte es freiwillig auf. Er stellte sich vor, daß jeder Regul auf den Straßen von seiner Schmach wußte und insgeheim lachte. Das war nicht ganz ausgeschlossen, denn die Regul neigten dazu, über alles Bescheid zu wissen.
Niun verlangsamte seinen Schritt nicht, bis er die Stadtgrenze auf dem langen, zum Edun führenden Straßendamm hinter sich gelassen hatte, und dann ging er wirklich langsam und kümmerte sich wenig um das, was er auf seinem Weg sah und hörte. Selbst auf der Straße war das offene Land kein Ort, an dem es ungefährlich war, sich nicht um seine Umgebung zu kümmern. Aber genau das tat er und forderte die Götter und den Zorn der She'pan heraus. Es tat ihm leid, daß ihm nichts zustieß und daß er schließlich über den vertrauten irdenen Weg zum Eingang des Edun schritt und zwischen dessen Schatten und Echos trat. Düster und schweigsam stieg er die Stufen zum Kel-Turm empor, schob die Tür zur Halle auf und meldete sich als pflichtbewußter Gefangener bei Kel'anth Eddan.
»Ich bin zurück«, sagte er, ohne sich zu entschleiern.
Eddan besaß den Rang und die Selbstgerechtigkeit, Niuns Zorn ein nacktes Gesicht zuzuwenden, und die Selbstbeherrschung, reglos zu bleiben. Alter Mann, alter Mann, dachte Niun unwillkürlich, die Seta'al sind eins mit den Falten deines Gesichtes, und deine Augen sind so getrübt, daß sie bereits in die Dunkelheit blicken. Du wirst mich hier festhalten, bis ich so geworden bin wie du. Neun Jahre, Eddan, neun Jahre, und du bist schuld daran, daß ich meine Würde verloren habe Was kannst du mir in neun weiteren Jahren wegnehmen?
»Du bist zurück«, sagte Eddan, der sein erster Waffenmeister gewesen war, und der zwischen Niun und sich dieses Meister-Schüler-Verhalten eingeführt hatte. »Was ist damit?«
Niun entschleierte sich sorgfältig, ließ sich in der Nähe des warmen Dus, das in der Ecke schlief, mit gekreuzten Beinen auf dem Boden nieder. Das Dus wich aus und brummte eine rollende Beschwerde über die Störung seines Schlafs. »Ich wäre gegangen«, sagte Niun.
»Du hast der She'pan Sorgen bereitet«, sagte Eddan. »Du wirst nicht wieder in die Stadt hinabgehen. Sie verbietet es.«
Aufgebracht blickte Niun hoch.
»Du hast das Haus in Verlegenheit gebracht. Denke darüber nach!«
»Denke über mich nach!« rief Niun erschöpft aus. Er bemerkte, daß sein Ausbruch Eddan erschreckte, und stieß die Wörter mit rücksichtsloser Befriedigung hervor. »Was du getan hast, ist unnatürlich – mich hier festzuhalten. Ich schulde meinem Leben etwas – nicht zuletzt etwas Eigenständiges.«
»Tust du das?« Eddans sanfte Stimme klang scharf. »Wer hat dich das gelehrt? Einige Regul in der Stadt?«
Eddan stand ruhig, die Hände in seinem Gürtel, ein alter Meister der Yin'ein in der Haltung, die jeden Mann erschreckte, wenn er ihre Bedeutung kannte: hier ist die Herausforderung, wenn du sie haben willst. Niun liebte Eddan. Es erschreckte ihn, daß Eddan ihn so anblickte, veranlaßte ihn, seine Fähigkeiten gegen die Eddans abzuwägen, sich daran zu erinnern, daß Eddan ihn immer noch besiegen konnte. Es gab einen Unterschied zwischen ihm und dem alten Meister – wenn Eddan gezwungen würde, Farbe zu bekennen, würde Blut fließen.
Und Eddan kannte diesen Unterschied. Hitze stieg Niun ins Gesicht.
»Ich habe niemals darum gebeten, anders als all die anderen behandelt zu werden«, erklärte er und wandte sein Gesicht von Eddans Herausforderung ab.
»Was meinst du, bist du dir schuldig?« wollte Eddan wissen.
Niun wußte keine Anwort darauf.
»Es gibt einen Schwachpunkt in deiner Verteidigung«, sagte Eddan. »Ein klaffendes Loch. Geh und denke darüber nach, Niun s'Intel, und wenn du zu einer Entscheidung darüber gekommen bist, was das Volk dir schuldet, dann komm und erzähle es mir, und wir werden zur Mutter gehen und ihr deinen Fall vorlegen.«
Eddan verspottete ihn. Es war die bittere Wahrheit, daß er den Spott verdient hatte. Er begriff, daß es sein Übereifer gewesen war, der ihm vor den Regul Schande bereitet hatte. Er brachte den Schleier wieder an und stand auf, um hinauszugehen.
»Du hast Pflichten, die auf dich warten«, sagte Eddan scharf. »Wir haben ohne dich gegessen. Geh und hilf Liran beim Abwasch! Komm deinen eigenen Verpflichtungen nach, bevor du dir überlegst, was man dir schuldet.«
»Sir«, sagte er ruhig, wandte das Gesicht wieder ab und ging hinunter.