18

Duncan war verbraucht, eine Last und eine Gefahr. Niun legte Hand an ihn und stieß ihn einen Abhang hinab, um sich unter einem Überhang bei einem Teich zu verstecken. Er trieb Duncan tiefer hinein, indem er seinen Körper hineindrängte.

Gerade noch rechtzeitig. Ein Feuerschlag zischte über das Wasser und zerkrümelte einen Felsen in ihrer Nähe. Es war blindes Feuer, nicht gezielt. Die Suchstrahler durchforschten weiterhin das Gebiet. Im reflektierten Licht sah Niun Duncans entstelltes Gesicht mit den geschwollenen Augen, die nicht durch eine Membrane geschützt waren, wie sie Niuns Blickfeld verschleierte, als der Rauch dicker wurde. Das matte Licht enthüllte eine schwarze Blutspur auf Duncans Oberlippe. Das Blut tropfte ständig weiter, ein Ärgernis, das längst mehr als nur ein Ärgernis geworden war. Der Mensch wand sich unter dem Hustendrang und versuchte, ihn zu unterdrücken. Der von den Schüssen und dem natürlichen Dampf und Schwefel herrührende Gestank in der Luft war dick und erstickend. Niun drehte sich in der engen Umfassung und versuchte dabei, den blutenden und schwitzenden Menschen nicht zu berühren, gab aber schließlich in einem solchen Quartier den Versuch auf, auf Feinheiten zu achten. Sie lagen an einem Ort, der wahrscheinlich ihr Grab werden würde, sollte ein weiterer Schuß die Felsbank über ihnen zertrümmern, auf daß Mri und menschliche Knochen durcheinandergemischt wurden, damit zukünftige Besitzer von Kesrith sich darüber wundern konnten.

Das war Delirium. Unter solch hämmernden Schlä- gen, wie sie sie ständig umgaben, konnte der Geist nicht funktionieren. Niun fand die Unfähigkeit der Regul verblüffend. Sie beide wären schon lange tot, wenn die Regul irgendeine Kenntnis von diesem Land gehabt hätten. Die hatten sie aber nicht und feuerten statt dessen blind in eine Landschaft hinein, die ihnen so fremd und unbekannt war wie der Meeresgrund. Die Welt wurde von ständigem Flackern von Weiß und Rot beleuchtet und wirbelte in Nebel, Dampf, Rauch und Staubwolken herum, wie die Hölle, über die die Menschen fluchten. Die der Mri bestand aus nichtendender Dunkelheit.

Das Wasser spritzte zischend und brodelnd. Niun senkte den Sichtschutz des Zaidhe, denn er lag weiter außen und schützte den Menschen mit seinem Körper. Es war ein ironisches und zufälliges Arrangement, das er sofort abgelehnt hätte, falls das möglich gewesen wäre.

Eine Explosion erschütterte den Boden, betäubte die Sinne und trieb ihre betäubten Körper in eine neue Zuckung des Schreckens.

Und kurz danach erhellte weißes Licht die Felsen, wuchs, verzehrte sie, verschlang die ganze Welt. Der Druck war unerträglich. Niun wußte, daß sie getroffen worden waren, versuchte, sich zu bewegen, sich hinaus ins Freie zu rollen, bevor die Felsbank herabstürzte. Der Druck zerbarst über ihm, und alles war rot...

* * *

... Wind, Wind von großer Kraft, der Rauch und Nebel davonpfiff und den roten Wirbel vor Niuns membranbedeckten und visiergeschützten Augen bildete. Niun bewegte sich, stellte fest, daß er sich bewegte und daß er lebte.

Überall um sie herum war Licht, düster und häß- lich rot.

Mit dem Licht im Rücken rappelte er sich auf, wandte sich dem Licht zu und erblickte den Hafen.

Dort war nichts.

Er stand auf zitternden Beinen. Er glaubte, aufschreien zu müssen, so groß war sein Schmerz, und er schloß die Augen und öffnete sie wieder und versuchte, durch die Flamme hindurchzublicken, bis die Tränen sein Gesicht hinabströmten. Aber weder von der AHANAL noch von der HAZAN war irgend etwas zu sehen. In der Stadt flackerten Feuer und schickten brodelnden Rauch gen Himmel.

Und noch während er beobachtete, stieg ein Flugzeug über den nahen Horizont, kreiste weiter draußen über dem Meer und kam mit faul blinzelnden Lichtern wieder zurück.

Niun folgte ihm mit den Augen, wie es kreiste, wie es über der Stadt Runden drehte, durch den Rauch – und sich anschickte, auf die Hügel zuzufliegen.

Zum Edun.

Niun wünschte sich, das Gesicht abwenden zu können, wußte Bescheid, kannte bereits das Ende. Aber er drehte sich mit dem Flugzeug und sah zu, während ein Kloß in seiner Kehle wuchs. Sein Körper fühlte sich kalt und taub an, und im Innersten war er sich dessen, was geschehen würde, nur zu lebhaft bewußt.

Der erste Turm des Edun, der Turm des Kel, ging in Flammen auf und sank langsam, taumelnd in sich zusammen. Das Geräusch drang bis zu Niun wie ein betäubender Schock, darauf kam der Wind, während die Türme zusammenstürzten, während der ganze Bau des Edun noch einen Moment unentschieden stand, dann zerstört in sich zusammenfiel.

Und das Schiff kreiste leicht und frei und blinzelte faul in die Dunkelheit, während es sich über den Rauch erhob und überheblich auf Niun und Duncan zuflog.

Niun hielt die Pistole in der Hand. Er drehte sich und hob sie und feuerte einen nutzlosen Schuß auf die abziehenden Lichter ab, die die einzigen am Himmel waren. Die Lichter in seinen Augen verschwammen, was entweder auf die verräterische Membrane oder Tränen zurückzuführen war. Er blinzelte, die Sicht klärte sich, und er feuerte erneut.

Und die Lichter flogen noch ein Stück weiter, und dann erblühte ein rotes Licht und Fragmente wirbelten auf zahlreichen Bahnen hinab, Trümmer auf Trümmer, entweder von dem Pistolenschuß verursacht oder den Turbulenzen, die den Hafen umgeben mußten.

Es heilte nichts. Niun drehte sich um und betrachtete wieder das Edun, von dem nicht einmal Flammen geblieben waren, und sein Magen verkrampfte sich, eine Verdrehung, die seine Gelenke schwächte und ihn schwindelig werden ließ. In diesem Moment hätte er sich gewünscht, keine Sinne zu haben, schwach zu sein, zu stürzen, zu Boden zu sinken, irgend etwas anderes zu tun, als weiterhin nur hilflos dazustehen.

Tot, tot, sie alle.

Er stand da und wußte nicht, ob er zu der Ruine am Hafen zurückkehren oder in der alten Richtung weitergehen sollte, oder ob es einen Grund gab zu gehen oder etwas anderes zu tun, als nur sitzenzubleiben, wo er war, bis zum Morgen, wenn die Regul kommen würden, um die Sache zu Ende zu bringen. Er fand keine Grenze für das, was Sinne aufnehmen konnten. Er empfand. Er war nicht taub. Er wünschte sich nur, taub zu sein, vom Wind zerschlagen worden zu sein, der der Nacht die Geräusche gestohlen hatte und an seinen Gewändern zerrte, ein stetiges Schnappen von Stoff, das hier lauter war als die Stille, die über alles andere gefallen war.

Das Volk war tot.

Er war geblieben. Für Überlebende gab es Pflichten, Ehrbezeugungen, Riten, die vollzogen werden wollten. Er hatte nicht Medais Temperament.

Er steckte die Pistole ins Halfter, klemmte die eisigen Hände unter die Arme und fing an, über die Lebenden nachzudenken.

Die Hand des Volkes, ein Kel'en. Und seine Angehörigen waren zu begraben, wenn die Regul das nicht schon getan hatten, als sie sie töteten – und danach wartete dann ein Krieg, den auszukämpfen die Regul vielleicht nicht erwarteten.

Und dann wandte er seine Augen zur Felsbank und sah seinen menschlichen Gefangenen und begegnete dessen Augen. Auch dort war ein Mann, der auf den Tod wartete, der auch in kleinem Maßstab wußte, was Leere war.

Er konnte ihn töten und danach allein sein, in einer ungeheueren Stille, ein winziger Gewaltakt nach den Kräften, die über die Himmel von Kesrith gestürmt waren und die Welt in Trümmer gelegt hatten.

Ein winziger und armseliger Akt. Rache für eine Welt erforderte jedoch etwas von gleicher Statur.

»Steh auf!« sagte er ruhig, und Duncan rappelte sich auf, die Schulter gegen den Felsen gestützt, und starrte Niun an.

»Wir werden den Hügel hinaufgehen«, erklärte er Duncan, »zum Haus meines Volkes. Ich denke nicht, daß noch mehr Flugzeuge kommen.«

Duncan wandte sich um und sah, und ohne zu zö- gern, ohne zu fragen, setzte er sich als erster in Bewegung.

Die Welt um sie herum war verändert. Orientierungspunkte in der Landschaft, die es schon seit Äonen auf der Dus-Ebene gegeben hatte, waren verschwunden. Mit kochendem Wasser gefüllte Narben durchzogen den Boden. Duncan, der blind und entschlossen vorausging, trat fehl und bis zum Knie in eine solche Narbe, ohne mehr als einen rauhen Schluchzer des Erschreckens von sich zu geben. Niun packte ihn und zerrte ihn zurück und stützte ihn, während der Mensch nur dastand und nach Luft schnappte.

Danach ließ Niun die Hand auf Duncans Arm liegen und führte ihn, denn er kannte den Weg, und er bewahrte den Menschen vor einem weiteren Fehltritt.

Das Licht kam, das rote Licht Arains, schmutzig und düster. Niun blickte zum Hafen zurück und erkannte im ersten Licht die volle Wahrheit von dem, was er bereits gewußt hatte, daß nichts überlebt hatte.

Weder die AHANAL noch die HAZAN.

Als er zu dem Hügel blickte, auf dem das Edun des Volkes gestanden hatte, da war es eins geworden mit dem Sand und den Felsen – als ob dort niemals etwas von Händen Errichtetes gestanden hätte.

In dem Licht erkannte er auch, welcher Preis ihm zugefallen war, eine erschöpfte Kreatur, die um jeden Schritt nach oben kämpfte, deren Gesicht und Mund mit dem Blut besudelt waren, das ständig weiter aus der Nase strömte – es war nicht sicher, ob durch Verletzung oder die ätzende Atmosphäre hervorgerufen. Die Augen waren fast geschlossen, der Tränenstrom war kein Zeichen von Gefühlen, sondern mißhandeltem Gewebe – ein Gesicht, nackt in der Sonne, und ungebührlich, und eher verwirrt als böse; Niun konnte sich nicht vorstellen, warum der Mensch um diesen Preis weiterging, mit so wenig Belohnung in Aussicht – leichter war bei weitem der Tod durch die Gewalt des Landes als das, was Mri und Menschen vierzig Jahre lang untereinander ausgetauscht hatten.

Es gab jedoch einen Punkt, jenseits dessen kein Denken mehr stattfand, wo es nur noch die Tatsache gab, daß man lebte, und daß das Leben weiterging, ob man es wollte oder nicht.

Er begriff diesen Geisteszustand des tiefen Schocks, der keine Entscheidungen mehr zuließ. Er hatte niemals erwartet, daß eine Krise ihn lähmen würde; aber er war gelähmt, und die Kälte des Augenblicks, in dem das Volk gestorben war, umschloß immer noch seinen Geist und sein Herz und schien niemals wieder weichen zu können, auch nicht, wenn er Rache nahm, wenn er jeden atmenden Regul tötete und auch die Menschheit noch auf die Verwüstung häufte.

Es war ein Schock, in dem ihre beiden Leben den gleichen Wert hatten, der gleich Null war.

Er stieß den Menschen vor sich her, jetzt ohne ihn zu hassen oder zu bedauern. Er fand keinen Grund dazu, einen Menschen zu schonen, wo er selbst den Trümmern des Edun gegenüberstand. Er dachte, daß Duncan vielleicht sein eigenes Versagen in der Pflicht bedauerte, die verloren auf dem brennenden Kesrith lag; daß Duncan auch Versagen betrauerte, so elend wie er.

Aber Duncan hatte all die Menschenwelten mit Angehörigen und wußte, daß sie überlebt hatten; und das war ein möglicher Grund, den Menschen zu hassen, wenn Niun es sich selbst erlaubte, daran zu denken. Er würde diesen Menschen nicht an sein Volk zurückgeben. Duncan würde leben, solange er, Niun, lebte. Und während er dem ins Gesicht sehen mußte, was aus Kesrith geworden war, würde der Mensch Duncan dasselbe tun.

* * *

Sie erreichten das Edun bei vollem Tageslicht, ohne durch Schiffe oder ein Zeichen von Leben in den Himmeln bedroht worden zu sein. Unten in der Stadt mochte es noch Leben geben, aber bis hierher reichte es nicht. Wenn Niun daran dachte, dachte er auch daran, hinunterzugehen und es zu vernichten – methodisch und freudlos. Die Regul, die keine Befähigung zum Krieg besaßen. Die schließlich in einem einzigen feigen Akt das Volk vernichtet hatten.

Darin lag eine Ironie, die bitteres Gelächter wert war. Er betrachtete den Schutt, der das Edun gewesen war, und fühlte sich dazu bewegt, entweder bitter zu lachen oder zu weinen. Und Duncan, der nicht mehr dazu gezwungen war, weiterzugehen, lehnte sich gegen das Bankett des Straßendammes. Niun hörte sein hohles Husten und trat freundlich nach ihm, langte hinab, als das nicht genug war, um ihn auf die Beine zu bringen, packte seinen Arm und zog ihn wieder hoch.

Es gab Arbeit, die getan werden mußte, zumindest so weit, wie sie es versuchen konnten. Er sah es nur ungern, daß die Ruinen überhaupt von Tsi'mri Händen berührt werden sollten, aber er hatte nicht mehr die Kraft, es allein zu tun. Er zog das Av'tlen und löste mit dessen Spitze die Knoten um Duncans Handgelenke, wand behutsam die Schnüre auf, die in Duncans geschwollenes Fleisch eingebettet waren, und schob das zurückgewonnene Leder wieder durch einen Ring an seinem eigenen Gürtel.

Duncan versuchte, seine Hände wieder zum Leben zu erwecken, und betrachtete das Edun, blickte Niun fragend an. Niun ruckte als Antwort mit dem Kopf, und Duncan begriff und setzte sich in Bewegung. Sie wateten durch Schutt und schritten vorsichtig zwischen Resten der Mauern hindurch, die umgestürzt und zerbrochen waren. Dies hier war einfaches Feuer gewesen, nicht die Strahlung, in der die Stadt zweifellos gebadet worden war und die sie unbewohnbar gemacht hatte. Niun stieß gegen den Schutthaufen, der ihren Weg blockierte, und sah, daß unter dem Haufen aus schwerem Stein und feinem Staub zumindest einer des Kel lag.

Es lag kein Nutzen darin, die Masse zu bewegen, keine Möglichkeit, sie vollständig beiseitezuräumen. Statt dessen sammelte Niun Steine auf und fing an, sie um den freiliegenden Körper herum wie einen Grabhaufen aufzuschichten – und Duncan, der sah, was Niun beabsichtigte, fing an, Felsbrocken von passender Größe aufzusammeln und sie ihm zu geben.

Dies war eine bittere Beleidigung, daß der Mensch eher anbot als sich einem Zwang zu beugen; aber die Hilfe wurde benötigt, und er wollte dem Menschen nicht gestatten, selbst das Grab zu berühren. Und im selben Moment fiel ihm ein, daß Duncan sehr wohl seinen Schädel mit genau einem dieser Steine zerschmettern konnte, in dem Moment, in dem er ihm völlig den Rücken zuwandte, und daß der Mensch genau das plante. Also nahm Niun, solange er beschäftigt war, davon Abstand, seinen Kopf abzuwenden.

Sie beendeten ihr Werk und gingen von diesem Platz aus tiefer in die Trümmer und in dunkle und schwierige Orte hinein, wo sich Schutthaufen über ihren Köpfen auftürmten und an ihren Hängen Staub und kleine Steinchen herabrutschten. Und das Herz der tiefsten Trümmer war der Schrein, den Niun gesucht hatte.

Er war nur zu stark verschüttet.

Falls es möglich gewesen wäre, hätte er alle Relikte herausgesucht, die er nur tragen konnte, und sie fortgebracht in die Heiligkeit von Sil'athen, wo auch seine Angehörigen hätten begraben werden sollen. Aber vielleicht würden die Menschen niemals neugierig genug sein, diesen Ort mit ihren Maschinen zu entweihen, die Trümmer und die Überbleibsel einer Art zu durchsieben, die im Universum keine Rolle mehr spielte.

Und hier erreichte die Zerstörung die innere Zitadelle seiner selbst, die sie bis jetzt noch nicht empfunden hatte, und er zitterte, und die Sinne schwanden ihm beinahe. Er streckte die Hand aus, um eine Stütze zu suchen, und berührte den falschen Stein, rief einen Geröllsturz hervor, der den Ort zu ihren Füßen begrub und sie mit pulverigem Staub einhüllte. Das einzige, was er deutlich erkennen konnte, war Duncans Gesicht, der Schrecken in seinen Augen, als es für einen Moment so aussah, als würden die unter dem Gewicht des Schutts und der Erde begraben werden. Aber da hörte das Rutschen auf, und es wurde wieder still.

Irgendwo polterte ein Stein, dann noch einer, und es gab wieder einen Rutsch und dann Stille, das Purzeln einiger Steinchen.

Und diese Stille zerriß ein dünner, entfernter Schrei.

Duncan hörte ihn, und ohne seinen bestätigenden Blick zur Seite hätte Niun den Schrei für eine Illusion gehalten. Aber er kam aus der Richtung, in der das Kath gelebt hatte, wo sich die tiefsten Vorratsräume befanden.

Er drehte sich um und fing an, seinen Weg durch die Trümmer zu suchen, vorsichtig, ganz vorsichtig jetzt mit seinem Leben und dem von der, die laut dort unten in der Dunkelheit geschrien hatte.

»Melein!« rief er, blieb stehen und lauschte, und dasselbe dünne Geräusch war wieder zu hören.

Er erreichte die Stelle, die er als die einschätzte, wo es herkam, und hier war eine Wand eingestürzt, und auf ihr lag feinerer Schutt. Aber die stählernen, von den Regul gemachten Türen hatten standgehalten.

Zu gut allerdings. Sie waren durch ein Gewicht verklemmt, das nicht bewegt werden konnte, da sie keine Werkzeuge hatten, um etwas wegzubrechen, oder Maschinen zum Anheben. Niun zerrte mit den Händen, und seine Muskeln knackten, und Duncan legte ebenfalls seine Kraft in die Waagschale, aber es wollte sich nichts bewegen. Und schließlich setzten sich beide und schnappten nach Luft und husteten. Duncans Nase fing wieder an zu bluten. Er verwischte es zu einer Blutspur, und seine Hände zitterten unkontrolliert.

»Gibt es«, fragte Duncan, »da unten eine Ventilation?«

Die gab es nicht, und eine neue Angst fügte sich zu der übrigen. »Melein«, rief Niun aus, »Melein, hörst du mich?«

Er hörte eine Art Antwort, und es war die Stimme einer jungen Frau, hoch, dünn und klar. Es war wirklich Melein. Niun schloß, daß sie sich unter ihnen befand, und versuchte, ihre genaue Position abzuschätzen, und markierte mit der Ferse eine Stelle auf dem Boden.

Dann zerrte er eine Stützstange aus den Trümmern und fing an, mit vorsichtigen Stichen zu graben. Er war nicht so unbekümmert, daß er in diese Heiligkeit hinabgeschossen hätte. Er grub mit der Stange und den Fingern, und Duncan sah, was er tat, und half ihm dabei mit sich abwechselnden Stichen, die tiefer in den ellendicken Boden eindrangen. Gelegentlich legten sie eine Pause ein, um den Staub wegzuscharren, den sie erzeugt hatten. Die Sonne wurde heiß, und das einzige Geräusch, das es noch gab, war das stetige Stoßen und Scharren von Stahl auf der zementierten Erde, und für eine lange Weile hörte er kein Wort von Melein. Furcht quälte ihn, denn er wußte, wie klein der Hohlraum da unten war, wie knapp der Luftvorrat bemessen sein mußte. Und er fürchtete auch, daß die Lücke, die sie gruben, die kleine Stelle verfehlen würde, in der Melein versteckt war. Und er fürchtete, daß der ganze Boden nachgeben könnte.

Sie brachen durch. Luft strömte aus der Schwärze hervor, abgestanden, verbraucht und kalt.

»Melein«, rief Niun hinab und erhielt keine Antwort.

Er fing an, noch stärker zu arbeiten, rammte Splitter von den Rändern des Lochs und erweiterte es dadurch, ließ mehr und mehr Luft hindurch, schickte einen Balken Sonnenlicht in das Gelaß hinunter. Sie legten Stahlstreben frei und arbeiteten in eine andere Richtung, in der sie ein weiteres Loch machen konnten, und von Zeit zu Zeit rief Niun hinab, ohne Antwort zu erhalten. Das Loch war schließlich groß genug, um einen Körper hindurchzulassen. Niun überlegte, ob der Mensch oben bleiben würde und wie sie wieder hinauskommen würden, und dachte verzweifelt daran, Duncan zu töten. Aber mit Melein auf seinen Armen konnte er nicht wieder heraufklettern, nicht so leicht jedenfalls, und er war sich auch nicht sicher, ob der Stoff seiner Gewänder sein Gewicht tragen konnte, oder was sonst helfen konnte.

»Ich werde hinabgehen«, sagte Duncan, öffnete eine Tasche und zog ein Seil hinaus, und aus einer anderen eine kleine Lampe. Er bot diese kostbaren Dinge mit einer naiven Ehrlichkeit an, die Niun für einen Moment entwaffnete.

»Die Falltiefe«, sagte Niun, den innerlich bei dem Gedanken schauderte, daß Duncan so dicht an Melein kommen konnte, »entspricht dem Anderthalbfachen meiner Körperhöhe.« Er fügte nicht hinzu, welche Rache er nehmen würde, falls Duncan unvorsichtig sein und Melein etwas zufügen sollte, falls er sie nicht lebend heraufbringen würde – denn das wäre nutzlos gewesen. Er saß hilflos da und sah zu, wie Duncan seinen Körper – etwas schwerer als der Niuns – in die Lücke schob und mit einem heftigen Geräusch hinab in die Dunkelheit sprang.

Niun hörte, wie er unten herumsuchte, durch Dinge, die klapperten und sich bewegten, zwischen schwankenden Steinen. Er beugte sich hinab und versuchte, den winzigen Lichtstrahl der Lampe zu erkennen, die Duncan hielt.

»Ich habe sie gefunden«, kam Duncans Stimme aus der Kälte herauf, und dann: »Sie lebt.«

Niun weinte, nun, da der Mensch ihn nicht sehen konnte. Dann wischte er sich die Augen und saß still, die Fauste um die Knie gekrampft. Er wußte, daß der Mensch Melein als Geisel nehmen konnte, sie verletzen konnte, Rache erzwingen oder einen schrecklichen Eid vollziehen konnte. Diese Dinge hatte er sich nicht deutlich überlegt, was ein Zeichen seiner Erschöpfung und seines verzweifelten Strebens war, sie noch rechtzeitig zu erreichen. Jetzt jedoch dachte er nach und hielt sich an der Kante des Loches fest, um hinabzuklettern.

»Mri! Niun!« Duncan stand im Licht und hielt ein blasses Bündel in den Armen, ein Bündel goldener Roben, das sich an ihn lehnte. »Laß das Seil herab. Ich werde versuchen, sie heraufzubringen.«

Noch während Niun zusah, regte sich Melein und bewegte sich, und ihre Augen öffneten sich dem Licht, in dem er nur wie ein Schatten über ihr wirken konnte.

»Melein«, rief er nach unten, »Melein, wir werden dich hochziehen. Das ist ein Mensch, Melein, aber hab keine Angst vor ihm.«

Sie sträubte sich, als sie das hörte, und Duncan stellte sie wieder auf die Füße. Niun sah den Ausdruck, mit dem sie Duncan ins Gesicht sah, in dem matten Licht und schrak zurück.

Aber sie gestattete Duncan dann, seine Hände um ihre Taille zu legen und sie hochzuheben, bei weitem der einfachste und für sie am wenigsten schmerzvolle Weg. Sie konnte jedoch nicht die Hände heben, um die Niuns zu ergreifen, und gab einen Schmerzenslaut von sich – sie, die einmal Kel'e'en gewesen war. »Warte!« protestierte Niun und formte aus einer Windung des Seiles und einem Knoten eine Schlinge und warf sie hinab. Nachdem Melein sich die von ihm gemachte Schlinge umgelegt hatte, wickelte er das Seil um Hand und Arm und zog das Gewicht vorsichtig an. Duncan half mit Heben, aber eine Zeitlang schnitten das dünne Seil und der Aufwärtszug in Niuns Hand. Er versuchte, Melein nicht an der gezackten Öffnung entlangschrammen zu lassen, zog nur ganz vorsichtig, stemmte sich gegen seine Füße und mißachtete den Schmerz in seinen Händen. Sie kam schließlich hindurch, schwang sich selbst auf den sonnenbestrahlten Staub und versuchte, aufzustehen. Er hatte sie, er hatte sie sicher, und er klammerte sich an ihre Füße und hielt sich an ihr fest, wie er seit seiner Kindheit kein lebendes Wesen gehalten hatte, während sie beide noch in das Seil gewickelt waren. Er wischte Staub und Tränen aus ihrem Gesicht, während sie noch nach der frischen Luft schnappte.

»Das Schiff ist zerstört«, sagte er, um all die Grausamkeiten zu erledigen, während die Wunden noch taub waren. »Alle anderen sind tot, sofern da unten nicht noch jemand am Leben ist.«

»Nein, niemand. Sie hatten keine Zeit mehr. Sie waren zu alt zum Laufen... sie wollten nicht... sie saßen ruhig bei der She'pan. Dann wurde das Haus...«

Sie begann zu zittern, als sei sie schwer erkältet; aber sie hatte einmal zum Kel gehört, und sie zerbrach nicht. Sie beherrschte sich und fing nach einer Weile an, sie beide aus dem Seil zu wickeln.

»Niemand«, sagte Niun, um sicherzugehen, daß sie alles begriff, »kann auf dem Schiff überlebt haben.«

Sie setzte sich auf die Kante des Mauerteils, der die Türen blockierte, glättete mit einer Hand ihre Mähne auf dem gesenkten Kopf nach hinten. Sie fand ihr zerrissenes Kopftuch auf ihrer Schulter, glättete es und bedeckte bedachtsam ihren Kopf mit diesem leichten Gazeschleier. Sie schwieg für eine Weile, ihren Kopf immer noch von ihm abgewandt.

Schließlich straffte sie ihre Schultern und deutete in das Loch im Schutt, in dem Duncan wartete. »Und was ist er?« wollte sie wissen.

Er zuckte die Achseln. »Das spielt für uns keine Rolle. Ein Mensch, ein Gast der Regul. Sie versuchten, ihn zu töten, als wir uns begegneten, dann...« Der Argwohn, daß es teilweise seine Schuld war, die das Volk getötet und sie als Waise hinterlassen hatte, war zu schrecklich, um ihn auszusprechen. Seine Stimme versagte, und Melein stand auf und ging von ihm weg, um die Trümmer zu betrachten, wobei sie ihm den Rücken zuwandte und ihre Hände schlaff an den Seiten herabhängen ließ. Der Anblick ihrer Verzweiflung verwundete ihn.

»Melein«, sprach er sie an, »Melein, was soll ich tun?«

Sie wandte sich ihm zu und machte eine winzige, hilflose Handbewegung. »Ich bin niemand.«

»Was soll ich tun?« beharrte er.

Sen und Kel, und Sen mußte führen. Sie war jetzt jedoch mehr als Sen, und darin bestand das Gewicht auf ihr, und er sah, daß sie es nicht tragen wollte, das sie aber tragen mußte. Er wartete. Schließlich schloß sie die Augen und öffnete sie wieder.

»Feinde werden hierher kommen«, sagte sie und begann damit, so zu funktionieren, wie sie jahrelang darauf vorbereitet worden war, zu kommandieren und zu planen. Sie setzen voraus, was vorausgesetzt werden mußte – die She'pan des Volkes, die kein Volk hatte. »Suche zusammen, was wir in den Bergen brauchen werden! Dort werden wir in der kommenden Nacht lagern. Gib mir diese Nacht, Wahrbruder – ich darf dich so nicht nennen; aber diese Nacht, nur diese, und ich werde mir überlegen, was wir am besten tun sollten.«

»Ruh dich aus!« drängte er sie. »Ich werde alles erledigen.« Und als er sah, daß sie sich abseits der direkten Sonneneinstrahlung hingesetzt hatte, beugte er sich über das Loch und warf das Seil hinab. »Duncan!«

Das weiße Gesicht des Menschen tauchte im Zentrum des Lichteinfalles auf, ängstlich und erschreckt. »Zieh mich hoch!« sagte er und legte die Hand auf das Seil, das Niun sich straff zu ziehen weigerte. »Mri, ich habe dir geholfen. Jetzt zieh du mich hier heraus!«

»Suche mir die Sachen zusammen, die ich dir nenne, und ich werde sie mit dem Seil herausziehen. Und danach werde ich dich herausziehen.«

Duncan zögerte, als ob er dächte, daß Mri wie Menschen logen. Dann jedoch stimmte er zu und suchte mit seiner winzigen Lampe, bis er alle Sachen gefunden hatte, die Niun daraufhin von ihm forderte. Er band jedes kleine Bündel an das Seil, damit Niun es heraufziehen konnte. Essen, Wasserflaschen, Seile und vier Bündel ungenähten schwarzen Kleiderstoffes, denn mehr konnten sie nicht ohne Verzögerung erreichen, nicht ohne eine neue Öffnung zu brechen, und Duncan erklärte, daß er das nicht für sicher genug hielte. Ein letztes Mal ging das Seil hinauf, mit einem Ballen Stoff daran; und ein letztes Mal warf Niun es hinab, diesmal für Duncan, und legte es um seinen Körper und Arm.

Diesmal war es nicht so schwer wie mit Meleins nicht kooperierendem Gewicht. Niun lehnte und stemmte sich auf seine Füße, und Duncan zog sich selbst herauf, packte die Kante des Lochs und zog sich in Sicherheit, keuchte, krümmte sich zweimal, hustete und versuchte, die Blutung zu stillen. Das Husten dauerte an, und Melein kam von ihrem Ruheplatz, um mit einer Mischung von Abscheu und Mitleid auf den Menschen hinabzublicken.

»Es ist die Luft«, sagte Niun. »Er ist gerannt, und er ist nicht auf Kesrith akklimatisiert.«

»Ist er eine Art Kel'en?« fragte Melein.

»Ja«, sagte Niun. »Aber es geht keine Bedeutung von ihm aus. Die Regul haben ihn gejagt. Wahrscheinlich würden sie sich jetzt nicht mehr um ihn kümmern, wenn nicht der Vorgesetzte dieses Mannes noch am Leben ist. Was sollen wir mit ihm machen?«

Duncan schien zu wissen, daß sie von ihm sprachen. Vielleicht kannte er ein paar Wörter der Sprache des Volkes, aber sie benutzten die Hochsprache, und dem konnte er ganz sicher nicht folgen.

Melein zuckte die Achseln und drehte ihren Kopf weg. »Was dir gefällt. Wir gehen jetzt.«

Und dann begann sie, langsam durch die Ruinen zu gehen, wobei sie sich vorsichtig ihren Weg suchte.

»Duncan«, sagte Niun, »nimm die Vorräte und komm!«

Der Mensch blickte ihn aufgebracht an, als ob er vorhätte, das als eine Angelegenheit der Würde zu diskutieren. Und Niun erwartete das, wartete darauf. Dann kniete Duncan jedoch nieder und machte mit dem Seil aus den Vorräten ein Bündel, das er sich über die Schulter schwang, als er aufstand.

Niun zeigte, daß er gehen wollte, und der Mensch trug die Last dorthin, wo Niun ihn hinwies, mit unsicheren und schwankenden Schritten in Meleins Gefolge.

* * *

Die Berge waren nicht beschossen worden. Sie erreichten eine geschützte Stelle, die sich noch in dem Zustand befand, den sie vor dem Angriff gehabt hatte, vor den Uneinigkeiten von Regul, Mri oder Menschen – eine sichere Zuflucht vor Luftschiffen, da sie sich tief unter einer Sandsteinbank hinzog.

Mit einem tiefen Seufzer sank Melein in den Sand in diesem kühlen Schatten und kauerte sich zusammen, den Kopf auf den Knien, als sei dies das letzte gewesen, was sie überhaupt tun konnte, der letzte Schritt, den sie machen konnte. Sie war verwundet. Niun hatte ihren Gang beobachtet und wußte, daß sie große Schmerzen hatte, deren Quelle er in ihrer Seite vermutete, nicht in den Gliedern. Nachdem sie ihre Zufriedenheit mit dem gefundenen Platz bekundet hatte, nahm Niun Duncan die Vorräte ab und beeilte sich, ein Tuch als Unterlage für Melein auszubreiten, und eines als Decke für sie. Er gab ihr zu trinken und ein Stück getrocknetes Fleisch, saß auf den Fersen, während sie aß und trank und sich zum Ausruhen gegen den nackten Felsen lehnte.

»Darf ich trinken?«

Die ruhige Frage des Menschen erinnerte ihn daran, daß er noch eine andere Aufgabe hatte, füllte eine Kappe mit Wasser und gab sie in Duncans zitternde Hände.

»Vielleicht werden wir morgen«, sagte Niun, »eine Luin ausschneiden und dann genug Wasser zum Trinken haben.« Er dachte über den Menschen nach, der das Wasser Schluck für Schluck trank, eine entstellte und schmutzige Kreatur, die nach ihrem Aussehen zu schließen gar nicht soweit hätte überleben sollen. Es war nicht wahrscheinlich, daß er in diesem Zustand noch viel länger leben würde. Er stank, Schweiß und Schwefel mischten sich mit Menschengeruch. Niun stellte fest, daß er selbst kaum sauberer war.

»Kannst du...«, sagte er zu Melein, und hatte beinahe vergessen, daß es ihm jetzt nicht mehr zustand, ihren persönlichen Namen frei auszusprechen. Er bot ihr seine Pistole an. »Kannst du lange genug wach bleiben, um diesen Menschen eine Zeitlang zu bewachen?«

»Es geht mir gut genug«, sagte sie, zog ein Knie an und ließ Handgelenk und Pistole in einer Haltung darauf ruhen, die eher von einer Kel'e'en denn einer She'pan zeugte. Von der Kaste her hätte sie keine Waffe berühren sollen, aber viele Dinge hätten anders liegen sollen und konnten es doch nicht.

So verließ Niun sie und ging außer Sicht des Überhangs, zog sich aus und badete, wie es Mri auf trokkenen Welten taten, im trockenen Sand. Dabei wusch er sogar seine Mähne, die, nachdem er den Sand wieder herausgeschüttelt hatte, rasch wieder ihr glattes Gefühl vermittelte. Danach fühlte er sich besser zog sich wieder an und folgte seinen Spuren zurück zur Höhle.

Ein schwerer Körper bewegte sich hinter ihm, ein schnaubender Atem und ein wehleidiger Laut: ein Dus. Niun drehte sich vorsichtig um, denn er hatte sein Gewehr bei Melein gelassen, und etwas anderes konnte ein Ha-dus nicht aufhalten.

Es war das Miuk-ko, abgemagert, verloren, von Wundschorf bedeckt. Aber das Gesicht war trocken, und das Tier watschelte in gleichgültiger Verlassenheit einher.

Niuns Herz hämmerte, denn die Lage war potentiell schlecht für ihn, da alle Dusei unvorhersagbar reagierten. Aber das Dus kam zu ihm, hob seinen Kopf und stieß ihn gegen seinen Brustkorb, gab diesen Dusmeister-Laut von sich, mit dem es um Futter, Zuflucht und all die Dinge bat, die Mri und Dus miteinander teilten.

Dort kniete er nieder, denn der Augenblick forderte es, umarmte den skrofulösen Nacken des Dus, lehnte sich entspannt gegen das Tier, ließ es ihn berühren und berührt werden. Ein Gefühl der Wärme überkam Niun, ein tiefes und beinahe sinnliches Gefühl, die niederen tierischen Funktionen des Dus-Gehirns, das sich mit sehr wenig begnügen konnte.

Dies lieh es ihm. Er blickte auf, sich einer Gegenwart bewußt, und erblickte zwei fremde Dusei auf der Sandsteinkante über ihm. Er hatte keine Angst. Dieses Dus kannte ihn, und sie kannten ihn; und wie die Wärme kam das auf einem Niveau, das unterhalb dem der Vernunft lag. Es war eine Tatsache. Es war so zuverlässig wie der Felsen, auf dem sie standen, Mri und Dus. Es nahm seinen Schmerz auf, schmolz ihn und fütterte ihn wieder mit einer Kraft, die so langsam und mächtig war wie seine eigene.

Und als er zur Höhle zurückkehrte, trottete das große Tier hinter ihm her, ein fügsamer Gefährte, ein komischer und freundlicher Bursche, der – als er den Menschen erkannte – plötzlich gar nicht mehr komisch und nicht mehr freundlich war.

Mißtrauen erreichte Niuns Geist durch die Impulse des Dus; aber es klang ab, als das Dus den unmittelbaren Schrecken des Menschen spürte. Dieser fürchtete sich, also war er harmlos. Das Dus schob den Gedanken an den Menschen beiseite und ließ sich quer vor dem Eingang nieder, strahlte Impulse der Wache und des Schutzes aus.

»Es ist gekommen«, sagte Niun und nahm seine Pistole wieder aus Meleins Hand entgegen. »Es sind noch mehr da draußen, aber keines von ihnen auch nur entfernt vertraut.«

»Der alte Pakt«, sagte Melein, »ist zwischen ihnen und uns immer noch gültig.«

Und Niun wußte, daß sie keinen besseren Wächter hätten haben können, daß er diese Nacht würde schlafen und sich sicher sein können, daß nichts, was Melein schaden konnte, an diesem Dus vorbeikam. Dafür war er überwältigend dankbar. Die Erschöpfung, die er beherrscht hatte, kam nun wie eine Flut auf ihn herab. Das Dus hob den Kopf und gab das Stöhnen des Vergnügens von sich, ein Lächeln mit aufgesperrtem Maul und heraushängender Zunge. Sie zuckte und verschwand wieder in dusiner Selbstzufriedenheit.

Niun sprach mit dem Tier, äußerte die kurzen, sinnlosen Wörter, die die Dusei liebten, berührte seinen schweren Kopf und erfreute es. Und dann ergriff er die Tatze und drehte sie um, deren Größe leicht mehr halten konnte als ein Mann in seinen Händen. Die Klauen krümmten sich nach innen, zogen Niuns Handgelenk gegen die feuchte Tatzenfläche: ein Reflex. Es riß Niuns Haut auf und ließ das Gift hinein. Das hatte Niun gewollt. In solch kleinen Mengen würde das Gift ihm nicht schaden, sondern ihn gegen dieses Dus immunisieren, so daß er es nicht mehr fürchten mußte. Er zog die Hand zurück, liebkoste den flachen Schädel und entrang dem Tier damit einen rollenden Ton der Zufriedenheit.

Weil er den Gedanken nicht ertragen konnte, sich mit dem Schmutz des Menschen in der Nähe schlafen zu legen, nahm er dann einen Armvoll Kleiderstoff und forderte den Menschen auf, mit ihm zu kommen, und führte ihn hinter die Felsbank.

»Bade«, forderte er Duncan auf, warf den Stoff zu Boden, als Duncan bestürzt zu sein schien, beugte er sich hinab und demonstrierte mit einer Handvoll Sand auf seinem Arm, was er meinte. Während der Mensch sich reinigte, saß Niun mit gefalteten Armen da, die Augen immer irgendwie abgewandt. Die neugierigen Ha-dusei sahen von der Höhe aus zu, versammelten sich alarmiert und streiften im Kreis herum, als sie die merkwürdige blaßhäutige Kreatur sahen.

Duncan sah irgendwie angenehmer aus, nachdem er das Blut aus dem Gesicht geschrubbt hatte und die Tränenstreifen gleichmäßig mit dem Staub verwischt worden waren. Er schüttelte sich den Staub aus dem Haar, sammelte seine abgelegte Kleidung auf und fing an, sich anzuziehen. Aber Niun riß ein Stück von dem Stoff ab und zerriß es auf eine Weise, daß man es tragen konnte. Er warf es dem Menschen zu, der es zweifelnd anlegte, als sei das für ihn eine beabsichtigte Schande. Dann dachte Niun daran, die Kleider aufzusammeln, die der Mensch abgelegt hatte, und entdeckte Taschen, voll mit Dingen, die der Mensch nicht erwähnt hatte.

Er öffnete die Hand und zeigte das Messer, das er gefunden hatte. Duncan zuckte die Achseln.

Niun billigte ihm zumindest zu, daß er keine Tollkühnheit vorgehabt, sondern auf den richtigen Augenblick gewartet hatte. Der Mensch hatte die Runde gut gespielt, auch wenn er sie verloren hatte. Niun warf ihm eine zweite Rolle aus schwarzem Stoff zu. »Verschleiere dich«, sagte er. »Deine Nacktheit beleidigt die She'pan und mich.«

Duncan legte den Schleier über seinen Kopf und versuchte vergeblich, ihn zu befestigen, denn er war darin nicht geübt. Niun zeigte ihm, wie er ihn zurechtdrehen konnte, um ein Band daraus zu machen, und wie er ihn anbringen konnte. Und anständig bedeckt sah Duncan nur um so besser aus. Er war nicht wie ein Kel'en gewandet; das wäre nicht angemessen gewesen. Aber er trug Kel-Schwarz und war anständig wie ein Mann bekleidet, und nicht wie ein Tier. Niun betrachtete ihn und nickte zustimmend.

»Das steht dir besser«, sagte er. »Es wird deine Haut schützen. Vergrabe deine alten Kleider. Wenn wir am Tage reisen, wirst du herausfinden, daß unsere Methode die beste ist.«

»Gehen wir?«

Niun zuckte die Achseln. »Die She'pan trifft diese Entscheidung. Ich bin ein Kel'en. Ich gehorche ihren Befehlen.«

Duncan ließ sich auf die Knie fallen und grub ein Loch, wie es Tiere taten, und legte seine Kleidungsstücke hinein. Er hielt inne, nachdem er sie zugedeckt hatte, und sah auf. »Und wenn ich euch einen sicheren Weg von dieser Welt weg anbieten könnte?«

»Kannst du das?«

Duncan stand auf. Mit dem Schleier hatte er eine neue Würde gewonnen. Niun hatte die Farbe seiner Augen noch gar nicht wahrgenommen. Sie waren hellbraun. So etwas hatte Niun noch nie gesehen. »Ich könnte eine Möglichkeit finden«, sagte Duncan, »mit meinem Volk Verbindung aufzunehmen und ein Schiff für euch herabzubekommen. Ich denke, daß ihr einiges zu verlieren habt, wenn ihr dieses Angebot nicht annehmt. Ich denke, es würde dir sehr gefallen, sie hier herauszubekommen.«

Niun legte warnend die Hand auf seine Waffen. »Tsi'mri, du vermutest zuviel. Und falls du Pläne machst: lege sie ihr vor, nicht mir. Ich habe dir gesagt, daß ich nur ein Kel'en bin. Falls ihr etwas gefällt, mache ich es. Falls etwas sie stört, beseitige ich es.«

Duncan bewegte sich nicht. Wahrscheinlich dachte er über seine Respektlosigkeit nach. »Ich begreife es nicht«, sagte er schließlich. »Offensichtlich begreife ich einfach nicht, wie die Dinge bei euch stehen. Ist sie deine Frau?«

Diese Obszönität wurde so naiv vorgebracht, in einem so verwirrten Tonfall, daß Niun beinahe vor Überraschung lachte. »Nein«, sagte er, und um Duncan noch weiter durcheinanderzubringen: »Sie ist meine Mutter.«

Und es drängte den Menschen, ihn nicht länger aufzuhalten, denn er hatte zunehmend Angst um Melein, und es gab noch in ihrer Nähe die Ha-dusei, die in die Luft schnaubten und von ihren erhöhten Posten aus leise Rufe ausstießen. Eines kam herab, als die beiden Männer das Gebiet verließen. Zweifellos würden die Kleidungsstücke nicht vergraben bleiben, aber es würde auch nicht viel von ihnen übrigbleiben, was die Augen von Verfolgern auf sich ziehen konnte.

Das Dus am Eingang ihrer Zufluchtsstätte hob den Kopf und spitzte die winzigen Ohren in ihre Richtung, strahlte Gefühle des Willkommens aus. Und Niun, der bereits den Strom des Giftes in sich spürte und wußte, daß er ihn während der Nachtstunden noch stärker spüren würde, streichelte mit den Fingern die Nase des Tieres, hielt seinen Körper zwischen ihm und Duncan.

Melein bemerkte den Menschen und nickte zustimmend angesichts der Veränderung. Aber in dieser Nacht zeigte sie kein weiteres Interesse an ihm. Sie ließ sich nieder, um sich friedlich auszuruhen, jetzt, nachdem die beiden Männer zurückgekehrt waren. Niun trank eine sehr kleine Ration Wasser, legte sich nieder und sah zu, wie der Mensch sich ebenfalls ausstreckte, soweit von den Mri und dem Tier entfernt, wie es der kleine Raum zuließ.

Als Niun die Augen schloß, war sein Geist so überwältigend voll mit Gedanken, daß er letztlich nichts tun konnte, als alles Denken fahrenzulassen und sich gehenzulassen. Das Dus-Fieber tobte in ihm. Er schwebte auf Träume in niederen geistigen Bereichen zu, die den düsteren, manchmal erschreckenden Impulsen des Dus entsprachen. Er fürchtete jedoch nicht, durch diese Impulse Schaden zu nehmen, denn die Kel-Lehre besagte, daß kein Kel'en jemals Schaden durch sein eigenes Dus erlitten hatte, sofern es geistig gesund war.

Und das Tier besaß ihn, und er besaß das Tier, und er orientierte seine gegenwärtige Welt an dem und an Melein. Am Morgen war er völlig verlassen gewesen, und an diesem Abend ruhte er in der Kel Unwissenheit, mit einem Dus, das seinen Schlaf bewachte und seinen Geist berührte, und wieder mit einer She'pan, die die Bürde des Planens auf sich nahm. Sein Herz schmerzte um Meleins Bürde wegen, aber er versuchte nicht, sie zu tragen. Melein würde ihrer Ehre teilhaftig werden. Er hatte seine, und sie war ungeheuer viel einfacher.

Der She'pan zu gehorchen. Das Volk zu rächen.

Er starrte während seiner wachen Intervalle den Menschen an, und einmal wußte er in der Dunkelheit, daß auch der Mensch wach war und ihn betrachtete. Sie sprachen nicht miteinander.