16

Niun hatte erwartet, am Fuß der Rampe auf Schwierigkeiten zu treffen. Es gab dort jedoch keine, weder den Regul-Wachposten noch die Unterstützung, die dieser Posten hätte herbeirufen können. Er stellte sein Glück jedoch nicht auf die Probe, sondern zog den Kopf ein und rannte los, während seine weich besohlten Schuhe seine Tritte auf den Boden weitgehend unhörbar machten.

Er schlängelte sich erneut durch den Maschinenirrgarten, und dort, dort warteten die Regul, die er befürchtet hatte, ein Aufflackern von Scheinwerfern jenseits des Zaunes. Niun holte Atem und hielt einen halben Schritt inne, um die Lage zu überblicken, glitt in den Schatten und änderte seine Richtung, wobei er davon ausging, daß es nicht nötig war, denselben Zugang zweimal zu benutzen. Er brannte sich durch den Zaundraht, trat ihn beiseite und rannte los, während seine Lungen in der dünnen Luft schmerzten. Irgendwo klagte ein Dus über das Grollen der Maschinen hinweg, die durch die Nacht streiften.

Niun erreichte den Rand des Flugfeldes und floh auf den Sand hinaus, überrascht und erschreckt, als ein Strahl kurz vor ihm in den Sand schlug. Er schnappte nach Luft und änderte die Richtung, stürzte um die Biegung einer Düne herum und rannte mit aller ihm verbliebenen Kraft weiter.

Nach einer Weile glaubte er sich sicher genug, um wieder Atem zu holen. Regul konnten nicht so schnell rennen wie er, und die geräuschvollen Maschinen konnten ihn nicht überraschen. Er erstickte ein Husten, das natürliche Ergebnis eines solchen Laufs, und machte sich unbehaglich daran, über den neuen Stand seiner Angelegenheiten nachzudenken – die Tatsache, daß die Regul mit Vorbedacht nicht versucht hatten, ihn einzufangen, sondern ihn zu töten.

Er lehnte sich gegen die Seite der Düne, preßte die Hand gegen seine schmerzende Seite, versuchte, normal zu atmen, und hörte, daß sich etwas regte – Dus, dachte er, denn er wußte, daß es in dieser Nacht in den Hügeln nur so von ihnen wimmelte; und sollten die Regul weit in die Wildnis hinausgehen, würden sie auf eine Art willkommen geheißen werden, die sie nicht mochten. Die Dusei des Edun würden Regul nichts antun; aber diese hier waren keine Gezähmten, und vielleicht würden die Regul diesen Unterschied nicht in Betracht ziehen, bis es dazu zu spät war.

Niun rappelte sich wieder auf und setzte sich in Bewegung, hörte zur selben Zeit das Geräusch rascher Schritte, leicht und schnell wie die Schritte von Mri, die seiner Spur durch die Dünen folgten. Bei einem verzweifelten zweiten Nachdenken schrieb er sie einem von Esains Kel'ein zu. Aus diesem Grund blieb er stehen und zischte dem Schatten eine Warnung zu, als er vor ihm auftauchte, mit Respekt vor einem anderen Kel'en.

Aber es war kein Kel'en.

Einen halben Atemzug lang blickten sie einander an, Mensch und Mri, und während dieses halben Atemzuges riß Niun seine Pistole hervor, und der Mensch warf sich verzweifelt zurück, um zu entkommen – eine vergebliche Hoffnung in diesem engen, dünenumgrenzten Gebiet.

Und im nächsten Moment blitzte ein anderer Gedanke in Niuns Geist auf – daß ein toter Mensch nur noch wenige Fragen beantworten konnte. Er feuerte nicht. Er folgte ihm, und als er den Menschen überholte, winkte er mit seiner Hand: Komm, komm! Der Mensch, der verzweifelte Blicke hinter sich und auf Niun warf, war ein gutes Ziel – sollte Niun feuern.

Der Mensch entschied sich für die Regul, wirbelte herum und rannte.

Eine Kreatur, die auf Kesrith nichts zu suchen hatte.

Niun sicherte die Pistole wieder und steckte sie in den Gürtel, schlug dann eine neue Richtung ein, der Regul nicht folgen konnten, den Seitenarm einer Dü- ne hinauf. Er warf sich flach zu Boden und überblickte die Szenerie, um herauszufinden, in welchen Hinterhalt der Mensch gerannt war. Tatsächlich war er geradewegs in Regul-Hände gelaufen, in Person eines kühnen Junglings, das den Menschen gegen einen Kamm drängte, den er leicht hinaufklettern konnte, wenn er genug Verstand besaß, um daran zu denken. Und der Mensch dachte daran und kletterte um sein Leben, kämpfte sich der Spitze entgegen. Aber der Regul ergriff seinen Knöchel und zog ihn unerbittlich zurück.

Beide nahmen nichts anderes wahr. Niun zog sich hinter die Kammlinie zurück, rannte ein Stück, überquerte sie wieder und rutschte wie ein Bleigewicht hinab, traf die feste Masse des Regul und brachte sie damit ins Taumeln. Und als der Regul sich ungeschickt zu ihm umdrehte und den Fehler machte, eine Waffe gegen einen Kel'en zu richten, war es der letzte Fehler des Junglings. Niun dachte nicht an das Aufblitzen der As'ei; die seine Hand verließen und sich in Kehle und Brust des Junglings vergruben. Die Waffen flogen los, bevor der Gedanke Zeit hatte, zu Absicht zu werden.

Der Mensch krabbelte auf das Gewehr des Regul zu, und Niun traf ihn Körper auf Körper, und wäre in Niuns Absichten ein Messer vorgekommen, wäre der Mensch im selben Augenblick tot gewesen.

Der Mensch war kein mittelmäßiger Gegner: Niun traf auf Gegenwehr, fand sich mit bloßen Händen wieder, als er versuchte, seinen Gegner zu ergreifen. Aber der Mensch war bereits erledigt, blutete aus der Nase, und sein keuchender Atem klang rauh in Niuns Ohren. Niun durchbrach den Griff des Menschen, langte nach der Kehle und riß den Kopf zurück, daß die Zähne krachend zusammenschlugen.

Noch war der Mensch nicht geschlagen, aber ein rascher Schlag in den Bauch und ein zweites Reißen am Kopf, und er stürzte sich windend in den Sand. Niun schlug noch einmal zu und beendete damit seine Bemühungen.

Ein Streifen aus seinem Gürtel sicherte den Menschen. Und er sammelte die As'ei auf und steckte sie rasch wieder in die Scheiden, denn er konnte das leise Schleifen von Maschinen hören, die sich diesem Ort näherten, und sie beide hatten Spuren hinterlassen, die sogar die nachtblinden Regul lesen konnten.

Der Mensch schien bereits wieder zu sich zu kommen. Niun zerrte ihn am Ellbogen und zog an ihm, bis der Mann versuchte, auf das Unbehagen zu antworten. Dann ließ Niun ihn wieder soweit los, daß der Mann die Beine unter sich ziehen und versuchen konnte, wieder auf die Füße zu kommen.

»Still!« zischte Niun ihm zu.

Falls der Mensch daran dachte, aufzuschreien, so überlegte er es sich mit der Schneide des Av'tlen vor seinem Gesicht anders. Er kämpfte sich auf die Knie und mit Niuns Hilfe wieder auf die Füße, und ging schweigsam in die Richtung, in die Niun ihn zwang. Er hustete und versuchte, das Geräusch davon zu ersticken. Im matten Licht, das vom Flugfeld herüberschien, wirkte sein Gesicht wie eine Maske aus Blut und Sand, und er ging, als würden seine Knie jeden Moment nachgeben.

Sie gingen zum Rand der Ebenen, und die langsamen, geheimnisvollen Schatten der Dusei beobachteten sie aus den Dünen heraus, ohne sie zu bedrohen. Es war kein Geräusch einer Verfolgung hinter ihnen zu hören. Vielleicht standen die Regul immer noch unter dem Schock, daß ein Kel'en seine Hand gegen die Meister erhoben hatte.

Niun wußte, welch ungeheuere Tat er begangen hatte; er hatte Zeit, es klar zu erkennen. Er kannte die Regul, wußte, daß sie sich Zeit nehmen würden, um sich mit Vorgesetzten zu beraten, und darüber hinaus konnte er keine Überlegungen anstellen. Kein Mri hatte je zuvor die Hand gegen die Autorität erhoben, der er Gefolgschaft geschworen hatte. Kein Regul hatte jemals mit einem Mri zu tun gehabt, der so etwas getan hatte.

Niun ergriff den Ellbogen des Menschen und drängte ihn zur Eile, obwohl er zeitweise stolperte, danebentrat und aufschrie, wenn eine Kruste unter ihm nachgab und er in kochendes Wasser trat. Sie erreichten schließlich die Ebenen, wo weder Regul noch Regul-Fahrzeuge hinkommen konnten, den schwefeligen Dampf der Geysire, die sie jeder Sicht entzogen. Aber nun hustete und spie der Mensch, blutete in seinen oberen Atemwegen, wenn nicht sogar seinen Lungen, wie Niun vermutete.

Während er sich das überlegte, entdeckte er einen Platz und warf den Menschen auf einer Lehmbank zu Boden. Er ließ ihn wieder zu Atem kommen und war über die Möglichkeit, dasselbe tun zu können, froh genug.

Für eine Weile lag der Mensch mit dem Gesicht am Boden. Sein Körper wand sich in dem Versuch, nicht zu husten, in der richtigen Annahme, daß Niun das nicht tolerieren würde. Dann ließen die Zuckungen nach, und er lag still und erschöpft auf der Seite und starrte Niun an.

Unbewaffnet. Niun bedachte diese kuriose Tatsache und fragte sich, was die Menschen eigentlich besaßen, oder was diesem widerfahren war, daß er seine Waffen verloren hatte. Der Mensch starrte ihn einfach an, während Tränen durch den Sand auf seinem Gesicht rannen, womit er kein anderes Gefühl zum Ausdruck brachte als das der Erschöpfung und des Elends. Ohne Schutz war er Kesriths feindlicher Umwelt ausgesetzt gewesen, er hatte den Fehler begangen, zu rennen und damit Schäden an seinem Gewebe riskiert.

Und er war vor den Regul davongelaufen, mit denen sein Volk einen Vertrag abgeschlossen hatte.

»Ich bin Sten Duncan«, flüsterte der Mensch schließlich in seiner eigenen Sprache. »Ich gehöre zum menschlichen Gesandten. Kel'en, wir sind mit Erlaubnis hier.«

Niun dachte über diese freiwillige Information nach: menschlicher Gesandter, menschlicher Gesandter... die Wörter rollten mit dem unheilvollen Klang des Verrats in seinem Geist umher.

»Ich bin Kel Niun«, sagte er, weil dieses Wesen ihm seinen Namen genannt hatte.

»Bist du vom Edun?«

Niun gab darauf keine Antwort, weil er es nicht für nötig hielt.

»Du bringst mich dorthin, nicht wahr?« Und als der Mensch wiederum keine Antwort erhielt, schien er beunruhigt zu sein. »Ich werde freiwillig dorthin gehen. Du brauchst keine Gewalt anzuwenden.«

Niun dachte über dieses Angebot nach. Menschen logen. Das wußte er. Er hatte nicht genug Erfahrung, um diesen einen hier beurteilen zu können.

»Ich werde dich nicht freilassen«, sagte er.

Bei den Menschen war es nicht Brauch, sich zu verschleiern. Trotzdem tat es Niun leid, daß er so mit einem menschlichen Kel'en umgegangen war, ihm seine Würde genommen hatte – falls er ein Kel'en war. Niun glaubte, daß es einer war: er war geschickt vorgegangen.

»Wir werden zum Edun gehen«, erklärte er Duncan. Er stand auf und zog Duncan auf die Füße, wobei er ihm nicht zuviel half, denn er war kein Bruder. Er wartete jedoch, bis er sicher war, daß der andere sein Gleichgewicht gefunden hatte. Der Mann war verletzt. Niun stellte fest, daß er ungleichmäßige und unsichere Schritte machte, und daß er keine Kenntnis vom Land hatte, blind für dessen Gefahren war.

Und taub.

Niun hörte, wie das Flugzeug vom Hafen abhob, hörte, wie es sich in ihre Richtung wandte, während der Mensch sich nicht einmal umsah, bis er ihn herumriß, damit er sehen konnte – und dann starrte er mit dummem Gesicht in Richtung des Hafens, böswillig oder stumpfsinnig, Niun kümmerte sich nicht weiter darum. Er packte den Menschen und zog ihn auf die kochenden Wasser von Jieca zu, von denen aus sich Dampf in die Nacht kräuselte. Sie versteckten sich hinter einer Lehmböschung, während ihre Lungen durch den Schwefel fast erstickten.

Regul-Maschinen flogen vorbei. Scheinwerfer schwenkten über die Ebenen und beleuchteten Dampfwolken, suchten vergeblich nach etwas, das sich bewegte. Hier über vulkanischem Gebiet waren Wärme-Sensoren nur von begrenztem Nutzen. Die kochenden Quellen und der siedende Schlamm nahmen der Regul-Wissenschaft ihren Vorteil bei dieser Verfolgung.

»Kel'en«, sagte Duncan, »wen suchen sie, mich oder dich?«

»Womit hast du die Regul aufgebracht?« fragte Niun, davon ausgehend, daß es nur wenig Nutzen bringen würde, Informationen weiterzugeben, wohl aber, welche zu erhalten. Und währenddessen schwenkten die Lichtstrahlen über das Flachland und beleuchteten die eine oder andere Dampfwolke. »Warst du ein Gefangener?«

»Assistent des menschlichen Gesandten, um...« Ein Feuerstoß beleuchtete ihre Gesichter und bespritzte sie mit kochendem Wasser. Sie bildeten dagegen eine einzige Masse, und während das Feuer weiterging und das Wasser weiterspritzte, fing die Erde an zu grollen, und ein Dampfstrahl brach in ihrer Nähe hervor, hüllte sie ein, unbequem heiß, aber nicht unerträglich.

»Tsi'mri«, fluchte Niun unterdrückt und vergaß, mit wem er sein Versteck teilte, und als das Sperrfeuer anhielt, spürte er, wie der Mensch anfing zu zittern, in den langen, krankhaften Schaudern eines Wesens, dessen Kraft beinahe ganz verbraucht war.

»... der Mission vorauszufliegen«, fuhr der Mensch verbissen fort, wobei er immer noch zitterte, »und zu sehen, ob alles so ist, wie es uns versprochen wurde. Und ich glaube nicht, daß...«

Ein naher Einschlag bespritzte sie mit Wasser und Schlamm. Der Mensch schrie erschreckt auf.

»Wie viele von euch sind hier?« wollte Niun wissen.

»Ich... und der Gesandte. Zwei. Wir sind mit der HAZAN gekommen.«

Niun packte Duncan am Kragen und drehte sein Gesicht in das Licht der Suchstrahler, konnte aber nichts erkennen, aus dem er schließen konnte, ob Duncan die Wahrheit sagte oder log. Was er jetzt sah, war ein junger Mann, nachdem die sie beide einhüllende Feuchtigkeit ihm das Gesicht reingewaschen hatte – ein Kel'en der Menschen. Niun schrak davor zurück, diesen Ehrentitel für Fremdwesen zu benutzen, aber er kannte keinen anderen, der auf diesen Menschen gepaßt hätte.

»Es gab einen Kel'en auf der HAZAN«, sagte Niun, »der dort starb.«

Zum erstenmal schien den Menschen etwas zu treffen, denn er zögerte mit der Antwort. »Ich habe ihn gesehen. Einmal. Ich wußte nicht, daß er tot ist.«

Niun stieß ihn zurück, war für einen Moment blind vor Zorn. Tsi'mri, erinnerte er sich, und Feind – aber letzteres war er jetzt weniger als die Regul. Ich habe ihn gesehen. Ich wußte nicht, daß er tot ist.

Niun wandte das Gesicht ab und starrte finster auf den quellenden Dampf und die Lichter, die suchend kreuz und quer über die Ebenen schweiften.

Vergib uns Medai! dachte er. Unsere Wahrnehmung war zu abgestumpft, unser Geist zu sehr daran gewöhnt, den Regul zu dienen – anderenfalls hätten wir die Botschaft verstehen können, die du versucht hast, uns zu senden.

Er zwang sich dazu, wieder in das verhaßte Menschengesicht zu blicken, das es nicht als Notwendigkeit des Anstandes auffaßte, sich zu verhüllen – auf die Nacktheit dieses Wesens, das, vielleicht unwissend, einen Kel'en des Volkes vernichtet hatte. Ein Tier, dachte er, ein Tsi'mri-Tier. Der Vertrag zwischen Regul und Mri war in dem Augenblick gebrochen worden, in dem diese Kreatur ihren Fuß auf Kesrith gesetzt hatte; und das war schon vor vielen, vielen Tagen geschehen. Schon so lang war das Volk frei gewesen und hatte es nicht gewußt. Sie hatten nicht verstanden, was Medai ihnen hatte sagen wollen.

»Der Krieg ist vorbei«, protestierte Duncan, und Niuns Arm spannte sich, und er hätte ihn geschlagen; aber das war nicht ehrenvoll.

»Warum glaubst du, daß die Regul uns jagen?« fragte er Duncan, dessen eigene Frage umkehrend. »Verstehst du nicht, Mensch, daß du einen großen Fehler gemacht hast, als du die HAZAN verlassen hast?«

»Ich werde mit dir gehen«, sagte der Mensch mit dem ersten Zeichen der Würde, das Niun an ihm sah, »um mit deinen Ältesten zu sprechen, um ihnen begreiflich zu machen, daß es besser wäre, mich meinem Volk zurückzugeben.«

»Ah«, sagte Niun, beinahe zu verächtlicher Heiterkeit bewegt. »Aber wir sind Mri, keine Regul. Wir geben nichts auf Abkommen mit den Regul, soviel Gutes haben sie euch getan.«

Der Mensch schwieg und dachte darüber nach, aber er wich vor der verhüllten Drohung nicht zurück. »Ich verstehe«, sagte er, und einen Augenblick später fügte er in ruhigem, beherrschtem Tonfall hinzu: »Ich habe den Gesandten unten in der Stadt zurückgelassen – einen alten Mann, allein bei der Regul, bei alldem, was jetzt geschieht. Ich muß zu ihm zurück.«

Niun dachte darüber nach und begriff. Es war Treue zu seinem Sen'anth, aus der heraus der Mensch dies geduldig ertragen hatte. Dafür erwies er dem Menschen seinen Respekt, und dieses Zeichen berührte sein Herz.

»Ich werde dich lebend zum Edun bringen«, sagte er und fühlte sich genötigt, hinzuzufügen: »Es ist nicht Brauch bei uns, Gefangene zu nehmen.«

»Das habe ich erfahren«, sagte Duncan.

Demzufolge verstanden sie sich gegenseitig so sehr, wie es nur möglich war. Niun dachte an das Flachland, das vor ihnen lag, überlegte bereits, was die Bombardierung dem vertrauten Boden zugefügt hatte, welche Hindernisse in dem unsteten Land entstanden sein mochten, an welchem Ort sie als nächstem sichere Zuflucht finden konnten, falls die Regul eher umschwenkten, als er erwartete.

Es war gut, daß er und der Mensch sich verständigt hatten, Duncan die vorübergehende Kooperation als seine beste Chance und seine ehrenvollste Möglichkeit einschätzte. Ein unbeladener Mann konnte die Reise bis zum Morgen hinter sich bringen, wenn alles zu seinen Gunsten lief; aber nicht, wenn Regul seinen Weg wegbliesen. Und das Tageslicht würde die Flüchtlinge enthüllen und dazu zwingen, bis zum Abend zu warten, bevor sie das Edun erreichen konnten – wenn alles so blieb, wie es war.

Ein Grauen wühlte in Niuns Magen, und für sehr wenig von dem würde er den Menschen getötet haben und mit aller Kraft zum Edun gerannt sein.

Er verfluchte sich für seine Weichheit, die ihn vor diese Wahl zwischen Schlächterhandwerk und Dummheit gestellt hatte, und packte den Menschen am Arm.

»Hör mir zu! Wenn du nicht mit mir Schritt halten kannst, kann ich dich nicht mitnehmen. Und wenn ich dich nicht mitnehmen kann, werde ich dich töten. Auch ist es«, fügte er hinzu, »sehr wahrscheinlich, daß die Regul dich töten werden, um dich von deinem Vorgesetzten fernzuhalten.«

Dann schlüpfte er aus dem Versteck hinaus und zog den Menschen am Arm mit sich, und Duncan folgte ihm widerstandslos.

Aber die Regul-Flugzeuge, die über das Gebiet streiften, schwenkten um, und die beiden Männer konnten nur wenige Schritte zurücklegen, bevor sie sich gezwungen sahen, sich in ein anderes Versteck zu werfen.

Wieder kam das Sperrfeuer, betäubte sie, besprühte sie mit kochendem Wasser und Schlammfontänen.

Im Edun würde man das merken. Zweifellos taten sie dort etwas; vielleicht – dachte Niun sich – wußte auch Duncans Sen'anth, was vor sich ging, und tat etwas. Und unabhängig von Intel gab es auch noch die AHANAL.

Er verstand den hilflosen Schrecken des Menschen. Von all denen, die auf Kesrith Macht hatten, waren sie beide die letzten; und die Regul, die sonst nicht kämpften, hatten zu den Waffen gegriffen, angetrieben durch Bösartigkeit oder welches treibende Motiv auch immer, das die Spanne zwischen Feigheit und Selbstsucht überbrücken konnte.