12
Das Mri-Edun schob sich ins Blickfeld, ein Gebilde aus stumpfen Kegeln auf einem Fundament, bedrohlich fremdartig – und unvermeidlicherweise unter allen verfügbaren Orten dort eingerichtet, wo es am unbequemsten und schwersten erreichbar war. Hulagh lehnte sich unbehaglich in seine Polster hinten im Landschlitten und sah das Edun größer werden: aus der Erde der mineralischen Ebenen errichtet, zementiert und mit stumpf wirkender Oberfläche von der Farbe der Erde, für das Auge erschreckend und mit abweisend sterilen Linien. Mit seinen geneigten Wänden verschwendete es Platz – aber Mri taten ja nie etwas auf einfache Weise. Es war, überlegte er, kennzeichnend für den Geist der Mri, unpraktisch, fremdartig im Entwurf, gewollt abgeschieden. Der Schlitten hatte Mühe, den Straßendamm hinaufzufahren, den der Regen, diese andere von Kesriths einheimischen Plagen, in schlechtem Zustand hinterlassen hatte, indem die gelösten Salze in dicken Lagern darauf umherlagen und beängstigende Kanäle in die Erde und das Gestein des Straßendammes gruben. Zu beiden Seiten gab es tödliche Abstürze zur dünnen Kruste des Flachlandes, vulkanisch und ständig aus dem einen oder anderen Loch Rauch ausstoßend. Hulagh versuchte, nicht daran zu denken, welche Tiefen es neben der Spur des Schlittens gab, der seinen Weg über eine Reihe von Furchen suchte, die die Straße beinahe verzehrt hatten. Die Mri hatten nicht vor, sie zu reparieren. Alt mochten sie zwar sein, aber selbst wenn sie körperlich dazu in der Lage gewesen wären, hätten sie abgelehnt, es zu tun – auf jeden Fall solange, wie es noch einen einzigen Regul auf der Welt gab, dem sie die Verantwortung hätten zuschieben können. Die Straße würde weggewaschen werden, bevor Mri sich regen würden, um sie wiederherzustellen, und Hulagh hatte nicht im geringsten vor, dies zum Nutzen der Menschen zu tun.
Er hoffte nur, daß die Straße ihn noch zum Edun und wieder zurückfahren lassen würde, nur dieses eine Mal.
Der Wagen holperte die letzten paar Fuß der Steigung hinauf und erreichte den Haupteingang des Edun. Dieser befand sich in einem der Straße ähnlichen Zustand, beugte sich bereits den Regenfällen, die es letztendlich für sich beanspruchen würden, die es wieder in weiße Erde verwandeln würden. Die schrägen Wände wiesen noch einige matte Spuren von Farben auf, die es einstmals aufgehellt haben mußten.
Hulagh hatte schon Bilder von Edunei gesehen, aber noch nie eines von ihnen in Wirklichkeit, und niemals eines in solch einem Zustand. Sicherlich war es ein altertümliches, traurig heruntergekommenes Bauwerk. Üblicherweise waren Mri stolzer. Selbst die Vorderwand war von Erosionskanälen zerfurcht, und während der Schlitten knirschend anhielt, blickte Bai Hulagh diese unregelmäßige Oberfläche voller Schrecken an. Es war ein langer Weg, auf dem weichen Untergrund ein schwieriger Weg. Und dort bewachte ein Dus den Eingang, eine massige braune Gestalt nur aus Runzeln und Falten von Fleisch, die sich an den Schultern zu einem Buckel erhob und zu beiden Enden hin abfiel. Es schien zu schlafen, war im Ruhezustand mit seinem Rücken ein Viertel so hoch wie die Tür – höher wurde es noch, sobald es sich regte, und Hulagh wünschte sich inbrünstig, daß das nicht geschehen würde. Dusei gab es überall, wo auch Mri hinkamen, aber auf Schiffen blieben sie ganz in der Kabine des Kel'en, und es wurde ihnen nicht erlaubt, in den Räumlichkeiten umherzustreifen. Hulagh hatte noch nie eines aus solcher Nähe gesehen und ließ sein Jungling sich um diese unangenehme Sache kümmern. Er wußte nur, was er gehört hatte: während die Mri rechtlich als Klasse-Zwei Sapientes auf der Skala galten, auf der die Regul Klasse Eins waren, hatte man die Dusei versuchsweise in Klasse Zehn eingestuft, obwohl viele, die sich mit diesen entmutigenden Geschöpfen befaßt hatten, meinten, daß die Dusei beträchtlich höher oder tiefer eingestuft werden sollten. Sie waren Kesriths dominierende eingeborene Lebensform; auch das wußte er, obwohl es sie überall dort wild gab, wo sich jemals Mri längere Zeit aufgehalten hatten, als auf jeder Welt, die jemals den Mri zugestanden worden war – glücklicherweise keine in den inneren Bereichen des Regul-Raumes –, aber hier lag ihr Ursprung. Sie waren eine Plage in der Wildnis jeder Welt, auf der sie eingeführt worden waren, und sie waren gefährlich. Sicherlich gab es fruchtbare wilde Dusei in den Bergen und Ebenen – langsame, geduldige Allesfresser, ein Geschenk von der Art, wie die Regul sie freudig den Menschen überließen. Mit ihrem Dienst erwarben Mri sich das Futter für ihre Dusei, die dementsprechend ihre Wohnungen heimsuchten und sie in den Weltraum begleiteten. Aber Dusei taten nichts, trugen zu nichts etwas bei und kämpften erst, wenn sie in die Enge getrieben worden waren, und sie wurden niemals verzehrt. Ihr einzig sichtbarer Gewinn war, daß es den Mri gefiel, sie in ihrer Nähe zu halten, und sie offenbar durch den Unterhalt solch nutzloser und teurer Geschöpfe bei ihrer eigenen Art einen gewissen sozialen Status erhielten. Hulagh sammelte selbst Juwelen, Steine und geologische Kuriositäten. Er versuchte, die Mentalität der Mri zu verstehen, die solch lebendigen und gefährlichen Exemplaren Wert beimaßen.
Dies hier sah krank aus. Sein Fell war fleckig und seine Haltung noch schleppender, als es selbst für ein Dus normal war. Es hatte nicht einmal den Kopf gehoben, als das Gefährt den Pfad heraufkam.
Der Anblick der häßlichen Kreatur trug mehr dazu bei, Hulaghs Sinn für Ästhetik zu verletzen, als der Zerfall des Edun. Er sah es an und wollte gar nicht hinsehen, als er seine eigene beträchtliche Körpermasse aus der Verbindung mit dem Schlitten löste und darauf wartete, daß sein Fahrer, ein Chul Nag-gi, ihm den Weg hinauf half. Auch Chul schien das Dus mit Abscheu zu betrachten, und als sie zusammen zu der Stufe gingen, hielt sich Chul pflichtbewußt auf der Seite, die dem Geschöpf am nächsten lag, und ließ es nicht aus den Augen. Als sie den Eingang erreichten, hob das Dus den Kopf und musterte sie. Seine Augen tränten und sahen ungesund aus.
Verdammt! dachte Hulagh unbehaglich, Das Ding liegt todkrank vor ihrer Tür, und sie wollen es nicht vernichten? – Wenn nicht als Gnadenakt, dann wenigstens der Hygiene wegen.
Das Dus betrachtete sie eingehend, schnaubte feucht, und gab einen eigenartigen Laut von sich, ein tiefes Rumoren und Kollern, das nicht freudig klang, aber auch nicht ganz drohend. »Fort!« rief Chul. Seine Stimme klang scharf vor Panik. Hulagh schleppte sich vorüber, so schnell er konnte, während Chul das Tier mit einem kräftigen Tritt beiseite scheuchte. Genau unter der dunklen Tür hatte er Hulagh wieder eingeholt und bot ihm seinen Arm an, worauf sie sich zusammen auf den langen Weg machten.
Ein Mri erblickte sie und verschwand, ein schwarzer Schatten unter Schatten, und niemand bot sich an, sie zu führen. Hulagh brauchte keine Führung. Noch bevor er das Nom verlassen hatte, hatte er sich mit dem Bauplan der Edunei vertraut gemacht, der immer derselbe war. Er wußte, wie das Erdgeschoß konstruiert war und wo der vierte Konus der She'pan liegen mußte, und dorthin wandte er sich langsam, keuchend und mühselig, als er beim Näherkommen zu seinem Schrecken bemerkte, daß es Stufen gab, die sich immer höher bis zum Gipfel wanden.
Ein Schrei hallte von oben her wider. Doch er sah niemanden, setzte seinen qualvollen Marsch fort, Stufe für Stufe, vorbei an schlammverschmierten Wänden, die primitiv geschmückt waren mit groben Mustern oder Symbolen, so unregelmäßig und stilisiert gepinselt, daß es unmöglich schien, sie zu enträtseln, selbst wenn man das System der Mri kannte. Figuren in Schwarz und Gold und Blau wanden sich an Decke und Wänden die Biegung des Korridors entlang. Sie mochten religiöser Natur sein: wieder etwas, das die Mri nie erklärt hatten – böse Geister abzuschrecken oder sie auf Eindringlinge zu hetzen; oder vielleicht fanden sie das einfach schön. Es ließ sich nur schwer mit der modernen Beleuchtung vereinbaren und mit den anderen Anzeichen dafür, wie gut die Mri mit den Regul-Maschinen umgehen konnten – ein Volk, das den Flug zu den Sternen beherrschte und doch so primitiv lebte. Die Türen, welche die Halle schützten, von wo aus die She'pan regierte, waren aus Stahl wie die meisten Türen im Edun. Sie stammten aus der Regul-Produktion, und der Stahl betonte noch die Schlamm- und Binder-Architektur.
»Sie schrecken nicht davor zurück, ihre Schlammlöcher mit gutem Regul-Metall auszustatten«, sagte Chul mit gesenkter Stimme. Aber das Jungling sparte sich weitere Kommentare, als Hulagh es scharf anblickte, denn das scharfe Gehör der Mri war legendär.
»Öffne die Tür!« sagte Hulagh.
Als Chul das getan hatte, sog er zischend die Luft ein, denn genau vor ihnen stand ein Mri, ein schwarzverschleierter Kel'en, selbst noch ein Jungling. Zumindest schloß Hulagh das aus der makellosen klaren braunen und goldenen Haut. Er war grausam, unverschämt, barbarisch, ein goldener Mann, geschmückt mit schwarzer Farbe und Waffen, kriegerische Werkzeuge, zu denen sogar ein altertümliches langes Messer am Gürtel gehörte. Sofort dachte Hulagh schmerzvoll an Medai, der genauso ausgesehen hatte. Es war, als wäre er einem Geist begegnet.
Die beiden Junglinge standen sich gegenüber, und es war der Regul, der einen Schritt zurücktrat, eine Schwäche, die Hulaghs Kopf mit einer Welle zorniger Hitze erfüllte.
»Wo ist die She'pan?« fragte Hulagh scharf, verlegen durch die Niederlage seines Fahrers und bemüht, die Regul-Würde wiederzufinden. »Junger Mri, komm aus der Tür und rufe jemanden, der etwas zu sagen hat. Du wärest gut beraten, wenn du mich der She'pan melden würdest.«
Der Mri drehte sich geschickt auf dem Absatz und entfernte sich, still, würdevoll, ohne Ehrfurcht. Ein Mri-Krieger. Hulagh haßte die ganze Sippschaft. Sie waren als Volk total ungehobelt, und ihre Junglinge bestärkten sie noch darin. Die Jugend stank nach Weihrauch, wie der ganze Edun. Der Geruch hing in der Luft, und Hulagh kämpfte gegen den Niesreiz an, das Bedürfnis, seine vergewaltigten Atemwege zu reinigen. Seine Beine bebten vom langen Aufstieg. Er ging hinein, beugte die Knie und senkte seinen Körper um den geringen Betrag, der nötig war, um sich ganz auf den Teppich zu setzen. Die Möbel der Mri, von denen es ohnehin nur den Ehrenstuhl der She'pan gab und zwei Bänke am Eingang, waren zu hoch und zu zerbrechlich für einen erwachsenen Regul, noch konnte ein Regul stehenbleiben und sein Körpergewicht eine Zeitlang tragen.
Bei Beachtung der richtigen Höflichkeitsregeln hätte der Jungling zusammen mit einigen Artgenossen geeignetes Mobiliar heranschaffen müssen. Aber dies war allem Anschein nach ein armes Edun und vielleicht gar nicht gewohnt, mit Regul-Besuchern umzugehen. Wenigstens waren die Teppiche sauber.
Rufe hallten durch die Tiefe der Halle jenseits der Trennwand, die den privaten Bereich der zentralen Kammer abschirmte. Hulagh zuckte innerlich zusammen über die Ungehörigkeit dieses Verhaltens, und Chul bewegte sich unbehaglich. Kurze Zeit spä- ter füllte sich der Raum mit weiteren Kriegern, ebenfalls verschleiert und bewaffnet.
»Bai«, sagte Chul. Furcht lag in seiner Stimme.
Hulagh bedachte ihn mit einem verächtlichen Blick. Dieses ahnungslose Jungling! Auch wenn sie noch so schamlos und anmaßend waren, so blieben die Mri doch Untergebene der Regul, und sie hatten sich freiwillig unterworfen, nicht durch Zwang. Mri hatten viele Eigenschaften, vor allem waren sie unhöflich, aber sie waren nicht gefährlich, zumindest nicht persönlich – nicht für Regul.
Mehrere Dusei trotteten herein; sie hielten ihre schweren knochigen Köpfe zum Boden gesenkt, und das sah aus, als hätten sie etwas verloren und vergessen, was das war. Sie ließen ihre Körpermasse in der Ecke nieder, legten den Kopf zwischen die Pranken und sahen zu, wobei ihre winzigen, fast unsichtbaren Augen glitzerten. Eines von ihnen brummte unheilvoll und schwieg, als ein Kel'en sich an ihn schmiegte, um die breite Schulter als Rückenlehne zu benutzen.
Das Niesen kam unerwartet und voller Gewalt. Hulagh hielt es zurück, so gut er konnte. Keiner der Mri kümmerte sich um diesen furchtbaren Bruch der Etikette. Er zählte die Anwesenden. Es waren elf, neun davon verschleiert, Männer und wahrscheinlich ein weiblicher Kel; eine junge Frau war unverschleiert und in Gold gekleidet, und bei ihr war einer der Ältesten, ein vermutlich männlicher Angehöriger der goldgekleideten Kaste. Dies waren für Hulagh die einzigen Mri, deren Gesichter er jemals gesehen hatte. Er konnte nicht verhindern, daß er sie anstarrte und die anmutige Zartheit des jungen Weibchens bewunderte.
Eigenartig, dachte er, daß diese zurückgebliebene Rasse sich in zwei Geschlechter aufspaltete, wenn sie jung waren, und im Alter wieder gleich wurden. Er stellte den Gedanken für spätere Überlegungen zurück, für den Fall, daß die Mri diese Zeit überlebten und ihre Bedeutung für die Lebenden behielten.
Und mit leisem Rascheln erschien die She'pan selbst, auf den Arm eines jungen Kel'en gestützt; unverschleiert setzte sie sich mitten unter sie auf ihren Stuhl. Auch sie war sehr, sehr alt und, wie es Hulagh vorkam, obwohl er nicht sicher war, auf einer Seite ihres Gesichtes verunstaltet. Junge Mri waren glatthäutig und schlank: und das Haar der jungen Frau schimmerte im Licht wie ein bronzenes Gewebe, das der She'pan dagegen war spärlich und spröde, und auf der Seite mit der offensichtlichen Verletzung war es an der Schläfe dunkel. Der junge Krieger kniete an ihrer Seite, und seine goldenen Augen schossen Pfeile von Mißtrauen und Feindschaft auf die Besucher ab. Der Blick der She'pan zeigte die Gelassenheit des Alters und langer, langer Erfahrung, Eigenschaften, die Hulagh zu schätzen wußte, und sofort änderte er seine Meinung und rechnete sich aus, daß es viel besser wäre, mit dieser alten Frau zu verhandeln als mit einem halsstarrigen Krieger, wenn sie tatsächlich in der Lage war, ihr Volk aus der obskuren Mri-Religion heraus zu anderen Zielen zu führen.
Sie hatte keinen großen Respekt vor den Regul, das war deutlich genug; aber ebensowenig war sie feindlich oder dumm. Ihre Augen waren flink und abschätzend. Ihr Blick zeugte von höherer Empfindsamkeit.
»She'pan«, sagte Hulagh, indem er die Würde des Alters anerkannte, auch wenn sie eine Mri war.
»Hulagh«, sagte sie, ihn seiner Titel entblößend.

Seine Nüstern schnappten zusammen, bliesen verwirrt die Luft aus. Ihm fiel die Anwesenheit seines Junglings Chul an seiner Seite ein, Chul, den er sich in diesem besonderen Augenblick ganz und gar nicht als Zeugen gewünscht hätte, und die Hitze des Ärgers kochte in ihm wie schon lange nicht mehr in vielen wohlbehüteten Jahren.
»She'pan«, sagte Hulagh, seinen Anstand bewahrend. »Wir haben für euer Volk auf unserem Schiff Platz geschaffen.« Das war im Grund die Wahrheit: er hatte Platz vorgesehen, der hoffentlich nicht zu groß werden würde, und er hatte auf Junglinge gehofft, die man zivilisieren und unter der Führung von Alagn neu formen konnte. Aber er erblickte nur zwei und änderte seine Meinung schnell. Diese Älteren mochten in der Lage sein, junge Mri, die sonst zügellos wären, unter Kontrolle zu halten, sie gefügig zu machen und wahrscheinlich – eine Mri-Kolonie im Gebiet von Alagn zu gründen. Wieder dachte er an den jungen Kel'en, der Selbstmord begangen hatte, und daß das wahrscheinlich nicht passiert wäre, wenn ein älterer Mri dabeigewesen wäre, der dem Jungling die richtigen Folgen seines Tuns klargemacht hätte.
Wenn selbst die Älteren wie diese hier nicht genug Zurückhaltung und Verstand haben sollten, daß sie ihn davon hätten abbringen können, dann mußte die gesamte Mri-Kultur ein Fehlschlag sein, dann konnte man sie nicht mehr vor sich selber retten.
»Wir würden uns freuen«, sagte er zur She'pan, »wenn ihr kommende Nacht an Bord des Schiffes gehen könntet.«
Die She'pan starrte ihn an, weder erfreut noch bestürzt über diese kurze Frist. »Tatsächlich, Bai?«
»Sobald wie möglich. Wir sind schon soweit mit unseren Verladearbeiten.«
Die She'pan sah ihn weiter an und dachte darüber nach. »Und unsere Dusei?« fragte sie.
»Und die Dusei, für jeden eines«, gestand Hulagh widerwillig zu und überschlug im Geist, daß damit die doppelte Menge Vorräte nötig wäre, um die Mri zu versorgen. Er hatte gehofft, keine Dusei mitnehmen zu brauchen; aber als er die Sache überdachte, kam er zu dem Schluß, daß die häßlichen Tiere die Mri zufriedenhalten würden, da sie deren Reichtum bedeuteten, und es war sehr wünschenswert, daß die Mri ruhig blieben.
»Wir werden darüber beraten«, sagte die She'pan, ihre Hand auf der Schulter des jungen Kriegers, der neben ihr saß, und auf der anderen Seite hockte schweigend die goldgekleidete junge Frau.
»Wir haben keine Zeit für lange Beratungen«, widersprach Hulagh.
»Ah«, sagte die She'pan. »Dann hast du von diesem Schiff gehört.«
Das Blut wich aus Hulaghs Gesicht und nahm nur langsam seinen normalen Kreislauf wieder auf. Er schaute das Jungling nicht an, in der Hoffnung, daß dieses nicht genug Verstand hatte, diese Beleidigung und Demütigung woanders wiederzugeben, bei seinen anderen Junglingen. Es gab jedoch nur wenig Hoffnung dafür.
»Ja«, sagte Hulagh, »natürlich haben wir davon gehört. Trotzdem sorgen wir dafür, daß unsere Abreise beschleunigt wird. Wir sind mit dem eintreffenden Schiff nicht vertraut, aber zweifellos...« Er stockte über der Unwahrheit, die er aussprechen mußte, das erstemal in seinem Leben war er gezwungen zu lü- gen, im Interesse der Regul, für das Wohl der Junglinge, die unter seinem Schutz standen, und am allermeisten wegen seiner eigenen Ambitionen und damit sein Wissen erhalten blieb. Aber er kam sich ekelhaft und schmutzig dabei vor. »Nachdem ihr an Bord seid, werden wir bestimmt dieses Schiff von euch aufhalten und es ebenfalls in die Sicherheit unserer inneren Gebiete geleiten.«
»Das würdet ihr erlauben?« Die trockene alte Stimme, bedeutungsschwer und vorsichtig, enthielt keinerlei Schwankungen, die Emotionen und versteckte Bedeutungen verraten hätten. »Sollen die Mri letztendlich doch zur Regul-Heimatwelt gehen? Ihr habt uns niemals ihre Lage verraten, Bai.«
»Dennoch...« Er konnte nicht auf dieser Lüge aufbauen. Er war nicht in der Lage, sie zu vollenden, die allerhöchste Unmoral: fälschen, die Unwahrheit in das Gedächtnis lassen, die nie mehr vergessen werden konnte. Er hatte diese Methode bei Fremdweltlern kennengelernt. Er hatte ihnen dabei zugesehen, verwundert und erschrocken; er hatte erfahren, daß Menschen regelmäßig logen. Er fühlte, wie seine eigene Haut angesichts dieser Ungeheuerlichkeit kribbelte, seine Kehle zog sich zusammen, als er versuchte, seine Behauptung zu konkretisieren, und er wußte, wenn er es ablehnte, darauf aufzubauen, würde er keinen Glauben finden. Und dann wäre er gefangen, hätte seine Glaubwürdigkeit verloren, mit fatalen Folgen für die Mri, mit unglücklichen Konsequenzen für die Regul unter seinem Kommando und für seine eigene Zukunft.
Wenn man auf Nurag davon erfuhr...
Aber dies hier waren nur Mri, minderwertiges Volk. Sie hatten nicht so ein Gedächtnis wie Regul, und in ihnen würde die Lüge nicht so fortleben wie bei den Regul. Wahrscheinlich würde die Sünde dadurch zumindest etwas geringer.
»Dennoch, She'pan«, sagte er, seine Stimme vorsichtig unter Kontrolle haltend. »Es ist so. Die Verhältnisse sind jetzt anders. Wir werden uns hier nicht mehr so lange aufhalten, wie eigentlich geplant. Wir werden das Verladen so schnell wie möglich beenden.«
»Habt ihr Angst, daß wir in die Hände der Menschen fallen?«
Das kam der Wahrheit zu nahe. Hulagh saß still, schaute die She'pan an und befürchtete eine tiefere Bedeutung in ihren Worten. Mri waren wahrhaftig wie Regul. Er wußte dies aus der Überlieferung all seiner Vorgänger, ihren Unterlagen, aus denen er gelernt hatte, von einer Ahnenreihe, die Aufzeichnungen gemacht hatte, von deren Wahrheitsgehalt die gesamte Vergangenheit und daher auch die Zukunft abhing.
Waren die Vorfahren ebenfalls zur Lüge verführt worden, um kleine Spiele mit Wahrheit und Wirklichkeit zu spielen?
Hatten sie das tatsächlich getan? – Allein dieser Zweifel beschleunigte Hulaghs überforderte Herzen, zog den Boden unter seinen stärksten Überzeugungen weg und ließ alles in Ungewißheit. Doch trotz dieser Tradition der Vorfahren log ein Bai nun, um Leben zu retten, für einen guten Zweck und das Wohl zweier Rassen. Aber die Wahrheit war verändert worden, trotz alledem, und die Lüge verformte die Wahrheit und überdeckte sie.
»Wir sind bestrebt«, sagte Hulagh und drang immer tiefer in dieses fremde Element ein, »euch vor den Menschen in Sicherheit zu bringen. Wir bemühen uns, unsere Abreise zu beschleunigen, wegen unserer Sicherheit und wegen eurer. Unsere eigenen Junglinge sind auf dem Posten, ich selbst und mein guter Ruf sind in Gefahr, und ich bin in den Augen meines Volkes äußerst wertvoll, daher werdet ihr euch denken können, daß wir ungewöhnliche Maßnahmen ergreifen werden, um die Sicherheit dieses speziellen Schiffes zu gewährleisten. Wenn ihr mit uns kommen wollt – und ich rate euch dazu, She'pan, ich rate euch dringend dazu –, dann bereitet euer Volk darauf vor, sich sofort einzuschiffen.«
»Zweitausend Jahre lang«, sagte die She'pan, »haben wir den Regul gedient. Das ist ein sehr langer Dienst, und spärlich waren die Belohnungen dafür.«
»Wir haben euch alles angeboten, was ihr haben wolltet, und mehr: wir haben euch Techniker angeboten, die euch sämtliche Segnungen unserer Erfahrung geben wollten; wir haben euch unsere Aufzeichnungen angeboten, unsere Geschichte, unsere Technologie.«
»Dieses Wissen begehren wir nicht von euch«, sagte die She'pan.
»Dann ist das euer Pech«, sagte der Bai. Er war schon einmal auf diese Sturheit gestoßen, bei Medai. »She'pan, ihr unterhaltet eure eigenen Siedlungen und Schiffe, aber es sind Regul-Schiffe; selbst eure Waffen sind von Regul hergestellt. Eure Nahrung wird von Regul produziert. Ohne uns würdet ihr verhungern. Und noch immer wagt ihr es, unser Wissen zu verachten.«
»Wir verachten euer Wissen nicht«, erwiderte die She'pan. »Wir begehren es einfach nicht.«
Hulaghs Blick wanderte an ihrer Schulter vorbei in die Kammer selbst, eine Geste der Verachtung für die Verhältnisse, in denen die She'pan Hof hielt, in Räumen, die kahl und nackt waren, in Hallen ohne jeden Reiz, geschmückt mit dieser schrecklich groben und machtvollen Symbolkunst, an deren Bedeutung sich wohl nicht einmal die Mri erinnerten. Es war ein abergläubisches Volk. Wenn sie krank oder verletzt waren, wandten sich die Mri eher von den Regul ab und starben, als daß sie ihre Schwäche zugegeben hätten, verlangten nur nach der Gegenwart anderer Mri oder eines Dus. So wirkte sich ihre Religion aus.
Gewöhnlich starben sie dennoch. Wir sind Krieger, hatten die Regul oft genug gehört, keine Lastenträger, Händler oder Künstler, was man uns auch für eine gute Gelegenheit oder Gewinn bieten mag. Medizin, Maschinenbau, Literatur, Ackerbau, jede Art von körperlicher Arbeit – all dies verachteten die Mri, solange sich auch nur ein einziger Regul fand, der dies für sie erledigte.
Tiere , dachte Hulagh, Plagen und Seuchen – sie sind nichts als Tiere. Sie genießen den Krieg. Sie haben ihn mit ihrer Dummheit verlängert. Wir hätten sie niemals in den Krieg loslassen dürfen. Sie mögen ihn zu sehr.
Und zu dem Jungen, dem arroganten jungen Kel'en, der zu den Knien der She'pan saß, sagte er: »Jungling, möchtest du nicht lernen? Möchtest du nicht all die Dinge haben, an denen sich die Regul erfreuen können, die Vergangenheit und die Zukunft kennen und wissen, wie man mit Metall baut?«
Die goldenen Augen blitzten, ein Zeichen der Überraschung bei Mri. »Ich gehöre zum Kel«, sagte der junge Krieger. »Meine Kaste ist nicht für Erziehung geeignet. Frage das Sen.«
Die junge Frau blickte ihn ihrerseits an, ihr unverschleiertes Gesicht eine perfekte Maske, provozierend, ausdruckslos. »Dem Sen steht die She'pan vor. Frage die She'pan, Bai, ob sie euer Wissen begehrt oder nicht. Wenn sie mich bittet, zu lernen, werde ich alles lernen, was du mich lehren kannst.«
Sie spielten mit ihm, Ignoranz-Spiele, Mri-Humor. Hulagh erkannte das in den Augen der She'pan, die diesem Kreisgespräch reglos zugehört hatte.
»Wir wissen«, sagte die She'pan schließlich, »daß diese Dinge bisher immer für uns verfügbar gewesen sind. Aber als Lohn für unsere Dienste haben wir anderes begehrt, als ihr uns angeboten habt. Und letztendlich wurde jede Belohnung spärlich.«
Rätsel. Die Mri erfreuten sich an ihrer Geheimnistuerei und ihren Abstrusitäten. Solch einem Volk war nicht zu helfen. »Wenn sich jemand«, sagte Hulagh mit erzwungener Geduld, »dazu herabgelassen hätte, genau zu sagen, welche Belohnung ihr wolltet, dann hätten wir die Mittel finden können, sie euch zu gewähren.«
Darauf erwiderte die She'pan jedoch nichts, wie die Mri dazu überhaupt nie etwas gesagt hatten: Wir dienen für Geld, hatten einige auf ähnliche Fragen verächtlich geantwortet, aber sie hatten auch nicht das geringste Stück der ganzen Wahrheit offenbart; und diese She'pan sagte überhaupt nichts, wie ihre Vorgängerinnen.
»Für mein Volk wäre es eine Beruhigung«, sagte Hulagh, versuchte diese alte Masche, die Verbindlichkeiten des Eides und das Mri-Gewissen anzusprechen, und was er sagte, entsprach auch zumindest teilweise der Wahrheit. »Wir sind an den Schutz der Mri gewöhnt. Wir sind keine Kämpfer. Selbst wenn bei unserem Abflug nur ein oder zwei Mri auf unserem Schiff sind, werden wir uns auf unserer Reise sicherer fühlen.«
»Wenn du einen Mri zum Schutz anforderst«, sagte die She'pan, »dann muß ich einen entsenden.«
»She'pan«, sagte Hulagh wieder in dem Versuch, irgendeinen Punkt der Vernunft zu erreichen, wobei er seine Würde und die beobachtenden Augen Chuls vergaß, »würdest du dann einen entsenden, allein, ohne sein Volk, um so weit zu reisen, wie wir fahren werden, und ohne die Wahrscheinlichkeit der Rückkehr? Das wäre hart. Und was könnte es möglicherweise in diesen Regionen geben, das euch hier festhält, wenn wir erst einmal fort sind?«
»Warum sollten wir nicht«, fragte die She'pan, »unser eigenes Schiff in deinen Kielraum bringen – nach Nurag? Warum bist du so darauf aus, uns an Bord deines eigenen Schiffes zu haben, Hulagh?«
»Wir haben unsere Gesetze«, gab Hulagh mit klopfendem Herzen zu verstehen. »Sicherlich verstehst du, daß wir Vorsicht walten lassen müssen. Aber ihr werdet mehr Sicherheit haben als hier.«
»Es wird hier Menschen geben«, sagte die She'pan. »Habt ihr das nicht so eingerichtet?«
Hulagh konnte in seinem gewaltigen Gedächtnis nichts finden, mit dessen Hilfe er diese Antwort verstehen konnte. Sie krabbelte behaglich in seinen Gedanken herum und rief häßliche Verdächtigungen hervor.
»Würdet ihr«, sagte Hulagh, zur Direktheit gezwungen, »euer Bündnis ändern und den Menschen dienen?«
Die She'pan machte eine für einen Regul bedeutungslose schwache Handbewegung. »Ich werde mich mit meinen Ehemännern besprechen«, sagte sie, »und wenn es dir recht ist, werde ich einen aus meinem Volk mit dir schicken, wenn du es forderst. Wir dienen den Regul. Es wäre nicht ziemend für mich und auch nicht rechtmäßig, es abzulehnen, einen von uns mit dir zu schicken, wenn du es brauchst, o Hulagh, Bai von Kesrith.«
Jetzt, jetzt endlich wurde sie höflich. Aber er traute diesem späten Umschwung des Verhaltens nicht, obwohl Mri nicht lügen konnten. Aber er hatte auch nicht erwartet, daß er selbst lügen konnte, vor dieser Konferenz und vor dem Augenblick der Notwendigkeit, der vergeblich genutzt worden war. Mri mochten tatsächlich nicht lügen; aber es war auch unwahrscheinlich, daß die She'pan keine bestimmten Feinheiten kannte, und möglicherweise lachte sie unter ihrem Anschein von Höflichkeit. Und das Kel war verschleiert und nicht erforschbar.
»She'pan«, fragte er, »was ist mit dem ankommenden Schiff?«
»Was ist damit?« fragte die She'pan zurück.
»Wer sind diese ankommenden Mri? Von welcher Sippe? Gehören sie zu diesem Edun?«
Wieder diese merkwürdige Handbewegung, die den Kopf des jungen Weibchens streichelte, die an den Knien der She'pan lehnte.
»Bai, das Schiff heißt AHANAL. Und stellst du den formellen Antrag, daß dich einer von uns begleitet?«
»Das werde ich dir sagen, sobald du dich mit deinen Ehemännern besprochen und mir Antwort auf andere Fragen gegeben hast«, sagte Hulagh, dem aufgefallen war, wie sie seine letzte Frage abgewehrt hatte. Er kochte vor wachsendem Zorn.
Es waren Mri. Sie standen etwas über den Tieren. Sie wußten nichts und erinnerten sich an wenig, und wagten es, mit Regul zu spielen. Auch befand er sich auf ihrem Gebiet, und er war der einzige Vertreter des Gesetzes auf einer verlassenen Welt.
Zum erstenmal empfand er die Mri nicht als Beruhigung, nicht als interessant und seltsam, nicht einmal als Ärgernis, sondern als eine den Dusei ähnelnde Macht, geistig schwerfällig und geheimnisvoll. Er betrachtete die dunkel gewandeten Krieger, diese standhafte Gleichgültigkeit gegenüber der Regul Autorität, die sie immer befehligt hatte.
Daß Mri den Willen der Regul herausforderten – das war noch nie passiert, nicht direkt, nicht solange die Mri den verschiedenen Regul-Docha und Behörden gedient hatten. Hulagh durchforschte sein Gedächtnis und fand keinen Bericht darüber, was die Mri getan hatten, wenn sie es mit etwas zu tun hatten, das keine Frage des überlieferten Gehorsams war. Dies war die unangenehmste aller möglichen Situationen, eine, von der noch nie ein Regul einen Erfahrungsbericht angefertigt hatte, in der sein eigenes enormes Gedächtnis so hilflos war wie das eines Junglings, völlig bar hilfreicher Informationen.
In der Agonie vollständiger Senilität behaupteten Regul manchmal, Gedächtnisbilder gesehen zu haben, die jedoch noch in der Zukunft lagen – sahen Dinge, die noch nicht geschehen waren und über die es noch keine Informationen geben konnte. Manchmal waren diese Ältesten in ihren ersten Einschätzungen bemerkenswert genau gewesen – eine Genauigkeit, die jede Analyse störte und abblockte. Aber dann beschleunigte sich der Prozeß: und alle ihre Erinnerungen gerieten durcheinander, wahre und noch nicht wahre und niemals wahre, und sie wurden unheilbar wahnsinnig. Plötzlich litt Hulagh an etwas von dieser Art, projizierte die Potentiale dieser Situation und entnahm ihnen eine aberwitzige Vorbedeutung, in der sich diese Kriegswesen gegen ihn wandten, ihn und Chul sofort vernichteten und sich dann in blutigem Wahn gegen die Regul-Docha erhoben. Seine beiden Herzen litten unter dem Schrecken nicht nur dieser Vorstellung, sondern auch der Tatsache, daß er sie überhaupt hatte. Er war 310 Jahre alt. Er stand an der Grenze, seine Fähigkeiten zu verlieren, obwohl er den Gipfel ihrer Entwicklung noch nicht erreicht und noch Jahrzehnte des Lebens vor sich hatte. Er fürchtete sich davor, daß der Verfall begonnen hatte, hier unter der Anspannung solcher Merkwürdigkeiten. Für einen alten Regul war es nicht gut, so viele Merkwürdigkeiten auf einmal aufzunehmen.
»She'pan«, sagte er, versuchte einen letzten Angriff auf ihre Unerbittlichkeit. »Du bist dir dessen bewußt, daß dein schlechtberatenes Zögern es letztendlich unmöglich machen kann, überhaupt Angehörige deines Volkes an Bord in Sicherheit zu bringen.«
»Wir werden uns beraten«, gab sie zurück, was weder ja noch nein hieß. Er faßte es jedoch als endgültige Ablehnung auf, vermutete, in dieser Welt nie wieder etwas von der She'pan zu hören, nicht bevor dieses Schiff angekommen war.
Es regte sich etwas unter den Mri, etwas, das Kesrith betraf und wovon die Regul nichts erfahren durften; und er erinnerte sich an den jungen Kel'en, der Selbstmord begangen hatte, als er nicht die Erlaubnis erhielt, das Schiff zu verlassen – der die Nachricht von der Anwesenheit von Menschen der She'pan überbracht haben würde, wenn man ihn aus dem Schiff gelassen hätte. Und es gab diese Perversität der Mri, daß sie, ihres Krieges beraubt, zu rassischem Selbstmord fähig sein konnten, einem letzten Widerstand gegen die Menschen, die kamen und diese Welt beanspruchten. Und wenn die Menschen dem gegenüberstanden, würden sie niemals glauben, daß die Mri eigenmächtig handelten, und sich gegen die Regul wenden. Dies war eine weitere Voraussicht eines schrecklichen Aspektes.
Mri würden sich nur unter direktem Befehl zurückziehen, und wenn sie der Kontrolle entwichen, würden sie sich überhaupt nicht zurückziehen. Auf einmal verfluchte er die Neigung der Regul, an die Ergebenheit der Mri in dieser Sache zu glauben – verfluchte Guran, der ihm diese Information gegeben und ihn dazu bewegt hatte, daran zu glauben.
Er verfluchte sich selbst, da er die Daten bestätigt und die Mri nicht als Priorität eingestuft hatte, da er sich ausschließlich mit dem Verladen der Wertgegenstände der Welt an Bord der HAZAN befaßt und sich mit den Menschen beschäftigt hatte.
Hulagh versuchte, sich zu erheben, entdeckte, daß seine Muskeln vom ersten Klettern noch zu ermüdet waren, um sein Gewicht leicht bewältigen zu können, und es wurde ihm auch nicht die Demütigung erspart, durch das Jungling Chul, der einen Arm um ihn legte und ihn mit all seiner Kraft stützte, vor dem Zusammenbrechen bewahrt zu werden.
Die She'pan schnappte mit den Fingern, und der arrogante junge Kel'en zu ihren Knien stand auf und half Hulagh an der rechten Seite.
»Das ist sehr anstrengend für den Bai«, sagte Chul, und Hulagh verfluchte das Jungling im Geist. »Er ist sehr alt, She'pan, und diese lange Reise hat ihn ermü- det, und die Luft ist nicht gut für ihn.«
»Niun«, sagte die She'pan zu ihrem Kel'en, »führe den Bai hinunter zu seinem Fahrzeug.« Die She'pan erhob sich ohne Hilfe und sah mit höflichem Gesicht und unschuldigen Augen zu, wie Hulagh vor Anstrengung keuchte, während er einen Fuß vor den anderen setzte. Hulagh hatte seine verlorene Jugend und leichte Beweglichkeit nie vermißt; das Alter mit seinem umfangreichen Gedächtnis und seinen Ehren, mit seiner Freiheit von Furcht und mit den Diensten und dem Respekt der Junglinge war Belohnung in sich selbst; bei den Mri jedoch war das anders. Er erkannte mit tiefer Bestürzung, daß die She'pan diesen Vergleich zwischen ihnen beiden in ihrem Alter suchte, um ihrem Volk das Schauspiel der Hilflosigkeit eines Regul-Ältesten ohne seine Schlitten und Sessel zu bieten.
Für die leichten und schnellen Mri, die selbst im hohen Alter beweglich blieben, mußte diese Schwä- che eine Kuriosität sein. Hulagh fragte sich, ob die Mri Witze darüber machten, so wie die Regul es über die Intelligenz der Mri taten. Niemand hatte in 2202 Jahren jemals einen Mri lauthals lachen sehen. Er fürchtete, daß sie jetzt unter ihren Schleiern lachten.
Er blickte in Chuls Gesicht, um zu erkennen, ob dieser begriff, aber das Jungling blickte nur verwirrt und erschreckt drein. Es schnaufte und keuchte unter seinem Gewicht und dem eines anderen. Der junge Mri auf der anderen Seite sah keinen von ihnen direkt an, sondern hielt wie ein Modell des Anstandes seine Augen respektvoll abgewandt, und niemand konnte in seinem verschleierten Gesicht lesen.
Sie schritten durch die stählernen Türen hinaus und gelangten in die verwirrenden Windungen der bemalten Hallen, immer weiter lähmend schmerzhafte Stufen hinab. Für Hulagh war alles ein nebelhafter Eindruck von Elend, Farben, widerwärtiger Luft und der Möglichkeit eines tödlichen Sturzes, und als sie schließlich den Erdboden erreichten, war es eine ungeheure Erleichterung für ihn. Sie durchschritten die Tore und wurden von der stechenden und beißenden Luft dort draußen ebenso willkommen geheißen wie durch die feindselige Sonne. Hulaghs Sinne klärten sich. Er blieb wieder stehen, blinzelte in dem rötlichen Licht und holte Atem, während er sich auf die anderen stützte.
»Niun«, sagte er, sich an den Namen des Kel'en erinnernd.
»Herr?« entgegnete der junge Mri.
»Wie wäre es, wenn ich dich aussuchte, um mich auf dem Schiff zu begleiten?«
Die geweiteten und anscheinend erschreckten goldenen Augen hoben sich zu den seinen. Noch nie zuvor hatte er so starke Anzeichen von Gefühlen bei einem Mri gesehen. Es bestürzte ihn. »Herr«, sagte der junge Mri, »ich bin durch Pflicht an die She'pan gebunden. Ich bin ihr Sohn. Ich kann sie nicht verlassen.«
»Seid ihr nicht alle ihre Söhne?«
»Nein, Herr. Die meisten sind ihre Ehemänner. Ich bin ihr Sohn.«
»Aber doch nicht von ihrem Körper.«
Der Mri sah aus, als sei er betroffen, gleichzeitig erschreckt und beleidigt. »Nein, Herr. Meine Wahrmutter ist nicht mehr.«
»Möchtest du auf die HAZAN gehen?«
»Wenn die She'pan mich schickt, Herr.«
Dieser Mri war jung, besaß nicht die Doppelzüngigkeit und die Kompliziertheit der She'pan; jung war er, arrogant, ja, aber jemand wie Niun konnte geformt und gelehrt werden. Hulagh starrte in das bis zu den Augen verschleierte junge Gesicht und fand es wunderbarer, als die Mri es sich wünschten. Es war grob, ihn so anzustarren, aber Hulagh nahm sich die Freiheit der ältesten aller Regul, die daran gewohnt waren, rauh und sprunghaft mit Junglingen umzugehen. »Und wenn ich dir jetzt, in diesem Moment, sagen würde: steig in den Schlitten und komm mit mir?«
Einen Moment lang schien es so, als wüßte der junge Mri nicht, was er antworten sollte; oder vielleicht bediente er sich der Zurückhaltung, die für einen Mri-Krieger so wichtig war. Die Augen über dem Schleier blickten unverhüllt erschrocken und starr.
»Deine Sicherheit kann dir versprochen werden«, sagte Hulagh.
»Nur die She'pan kann mich entsenden«, sagte der junge Kel'en. »Und ich weiß, daß sie es nicht tun wird.«
»Sie hat mir einen Mri versprochen.«
»Es war schon immer das Privileg des Edun, zu wählen, wer geht und wer bleibt. Ich sage dir, daß sie mich nicht mit dir gehen lassen wird, Herr.«
Das war eine offene Sprache, und die Erlaubnis durch eine Diskussion zu erhalten, würde zweifellos einen weiteren Gang zur Spitze des Bauwerks bedeuten und damit die Agonie, ebenso eine weitere Auseinandersetzung mit der She'pan, in die Länge gezogen, zornig machend und von zweifelhaftem Inhalt. Hulagh überlegte sich das wirklich, aber verwarf es dann und blickte in das junge Gesicht, versuchte, seinem Geist einzuprägen, was diesen Mri im einzelnen von anderen Mri unterschied.
»Wie ist dein Name, dein voller Name, Kel'en?«
»Niun s'Intel Zain-Abrin, Herr.«
»Setz mich in meinen Wagen, Niun!«
Der Mri sah unbestimmt erleichtert aus, als ob er begriffe, daß dies alles sein würde, was Hulagh von ihm forderte. Er setzte mit Chuls beachtlicher Hilfe seine Kraft für diese Aufgabe ein und senkte langsam, vorsichtig und sehr freundlich Hulaghs Gewicht in die Polster. Hulagh stieß einen langen Seufzer der Erschöpfung hervor, das Bild vor seinen Augen wurde für einen Moment blaß, und das Blut rauschte in seinem Kopf. Dann entließ er den Mri mit einer ungeduldigen Geste und sah zu, wie er über den erodierten Weg zum Eingang zurückging. Das Dus an der Tür hob seinen Kopf, um zu sehen, wer kam, drehte ihn dann plötzlich in eine andere Richtung und legte ihn zwischen die Vorderbeine. Der Atem des Tieres wirbelte Staub auf. Der junge Mri, der stehengeblieben war, verschwand im Inneren des Edun.
»Fahr los!« sagte Hulagh zu Chul, der den Wagen anwarf und mit einer schwerfälligen Drehung in Bewegung setzte. Hulagh fuhr fort: »Jungling, rufe mein Büro an und erkundige dich, ob es irgendwelche neuen Entwicklungen gibt!«
Er dachte unbehaglich an das näherkommende Schiff, so weit es auch sicherlich noch entfernt war, und an alles, was an diesem Morgen noch so einfach und bereinigt erschienen war. Er atmete die behagliche gefilterte und erwärmte Luft innerhalb des Fahrzeugs tief ein und versuchte, Ordnung in seine Gedanken zu bringen. Die Situation war unmöglich. Die Ankunft von Menschen stand kurz bevor; und sollten die Menschen Mri in der Nähe von Kesrith entdecken und Verrat im Hinterhalt wittern, würden sie vielleicht noch schneller hier ankommen. Sie konnten sehr viel früher hier eintreffen.
Ohne Zweifel würde es zu einem Zusammenstoß zwischen Mri und Menschen kommen, sofern es ihm nicht gelang, Kesrith und seine Umgebung von Mri zu befreien, auf die eine oder andere Weise. Plötzlich bezog er She'pan Intel in seine Überlegungen ein und entdeckte, daß er nicht in der Lage war zu entscheiden, wie die Dinge zwischen Mri und Regul standen. Oder zwischen Mri und Menschen.
»Bai«, kam Hada Surag-gis Stimme aus dem Radio. »Sei gnädig. Wir haben mit dem ankommenden Mri Schiff selbst gesprochen. Es ist die AHANAL.«
»Berichte mir etwas, das ich nicht schon weiß, Jungling!«
Einen Moment lang herrschte Stille. Hulagh bedauerte seine grobe Unterbrechung, denn Hada hatte versucht, sein Bestes zu tun, und es befand sich in keiner beneidenswerten Lage, als Jungling, das versuchte, mit der Arroganz von Mri und der Ungeduld eines Bai zurechtzukommen.
»Bai«, sagte Hada schüchtern, »dieses Schiff ist nicht auf Kesrith stationiert, aber sie haben vor, zu landen. Sie sagen... Bai...«
»Heraus damit, Jungling!«
»... daß sie morgen bei Sonnenuntergang über der Stadt von Kesrith sein werden. Sie sind bereits nahe, gefährlich nahe, Bai. Unsere Station hat die regulären Annäherungswege, die Schneisen, beobachtet, aber die Mri haben sie ignoriert.«
Hulagh stieß seinen Atem sanft hervor und hielt sich vor dem Fluchen zurück.
»Sei gnädig«, sagte Hada.
»Jungling, was gibt es noch?«
»Sie haben unseren Vorschlag, an der Station anzudocken, rundheraus abgelehnt. Sie wollen auf dem Hafen landen. Wir haben ihnen gemäß dem Vertrag das Recht bestritten, das zu tun, und erklärt, daß die Hafeneinrichtungen durch ein Unwetter beschädigt wurden. Sie wollten nicht darauf hören. Sie sagen, daß sie neue Vorräte brauchen. Wir haben uns beschwert und darauf hingewiesen, daß sie die auch von der Station erhalten können. Sie wollten nicht darauf hören. Sie verlangen vollständige Neuversorgung und Neuausrüstung eines Klasse-Eins Fahrzeuges mit kriegsmäßiger Bewaffnung. Wir haben protestiert und darauf hingewiesen, daß wir das nicht machen können. Aber sie verlangen diese Dinge, Bai, und sie behaupten... sie behaupten, daß mehr als 400 Mri auf dem Schiff sind.«
Ein Kältegefühl strömte durch Hulaghs dicke Haut.
»Jungling«, sagte er, »im ganzen bekannten Weltall gibt es nur 533 Mri, die überlebt haben, und dreizehn davon befinden sich gegenwärtig auf Kesrith und ein weiterer ist kürzlich verschieden.«
»Sei gnädig«, bat Hada. »Bai, ich bin mir völlig sicher, richtig gehört zu haben. Ich habe sie gebeten, die Zahl zu wiederholen. – Es ist möglich«, fügte Hada mit zitternder Stimme und keuchend vor Schrekken hinzu, »daß dies all die Mri sind, die irgendwo im Universum überlebt haben.«
»Seuche und Verdammnis«, sagte Hulagh sanft und streckte die Hand aus, um Chul gegen die Schulter zu stoßen. »Zum Hafen!«
»Bai?« fragte Chul blinzelnd.
»Zum Hafen!« wiederholte Hulagh. »O junge Unwissenheit, zum Hafen. Fahr zu!«
Der Schlitten schwenkte nach links ab, korrigierte wieder den Kurs, folgte für die erforderliche Strecke dem Straßendamm, dann links an der passierbaren Grenze der Stadt entlang, hüpfte über Gestrüpp, erwischte gelegentlich einen Anblick des rosafarbenen Himmels und der fernen Berge, Kesriths Hochland, dann des öden, weißen Sandes und der schlanken verdrehten Stämme von Luin-Gestrüpp.
Dies fiel den Menschen als Erbe zu.
Er würde froh sein, wenn er sie los war.
Er fing wieder an, an den Mri zu denken, der Selbstmord begangen hatte, und mit neuem Kältegefühl an die übriggebliebenen Mri, die zu dieser Zeit bereits Kurs auf Kesrith genommen hatten – alle die Mri, die irgendwo überlebt hatten, die zu ihrer Heimatwelt zurückkehrten, die den Menschen übergeben werden sollte.
Wollten sie sterben?
Er wünschte sich, darauf vertrauen zu können, daß es so einfach und endgültig wäre. Die Menschen aufzuhalten, dem Krieg neues Leben einzuhauchen, den mühsam ausgehandelten Frieden und die Regul gleichzeitig zu ruinieren und dann, da es nur wenige waren, selbst zu sterben und die Art der Regul der Gnade aufgebrachter Menschen zu überlassen: das sah den Mri ähnlich. Er fing an zu überlegen, während seine beiden Herzen vor Furcht rasten, welche Wahl ihm im Umgang mit diesen Söldnern blieb. Und wie er nie vor dem Umgang mit Mri gelogen hatte, so hatte er nie direkt mit seinen Händen Gewalt ausgeübt, ohne als Mittler angeheuerte Mri.
Der Schlitten fuhr in einer scharfen Kurve auf die Hafeneinfahrt zu und hüpfte schmerzlich über Furchen. Selbst hier herrschte Zerstörung.
Hulagh sah mit vollständigem Begreifen, daß sich über den Bergen hinter der Stadt wieder Wolken zusammengezogen hatten.