21
Am Eingang zu Sil'athen begegneten sie einem Dus von solcher Kraft, daß Niuns Dus scheute. Und dort zwischen den Felsen lagen halb im Sand vergraben Eddans Überreste. Nicht weit davon lag ein schwarzes Knäuel, das Liran und Debas gewesen waren, und Gold, das von Sathell zeugte.
Melein verschleierte sich und wandte sich ab, denn sie war She'pan und konnte die Toten nicht anblikken; aber Niun ging hin und richtete ehrfürchtig den Sichtschutz über Eddans Gesicht, und es dauerte lange, bevor er seinen Blick wieder heben und auf den Menschen richten konnte, der unglaublich dabeistand.
Niun reinigte die Hände im Sand, machte das Zeichen der Verehrung und stand auf. Auch der Mensch machte auf seine eigene Art ein solches Zeichen, eine Respektsbezeugung, die Niun so akzeptierte, wie sie gegeben wurde. »Sie haben dieses Ende gewählt«, sagte Niun zu Duncan. »Und ihnen erging es besser als denen, die geblieben sind.«
Und er vergoß ein wenig von ihrem kostbaren Wasser, wandte Duncan den Rücken zu, während er sich Hände und Gesicht wusch, und verschleierte sich wieder. Als er zu den Felsen aufblickte, erkannte er zwei weitere Dusei, die anfingen, von ihrer Höhe herabzusteigen, und er wich sofort zurück.
Sein eigenes Dus trat dazwischen und versuchte, sich den drei Wache haltenden Tieren zu nähern, die eine geschlossene Front gegen die Neuankömmlinge bildeten. Nasen weiteten sich, sie trotteten vor und wieder zurück, und dann erhob sich das große, freundliche Geschöpf, das Eddans Dus gewesen war – zumindest dachte Niun das –, auf die Hinterbeine, schrie auf und verscheuchte das Dus Niuns. Aber das kleinste der drei zögerte und folgte dann dem fremden Dus, und sein Gefährte kam hinterher.
Das größte, Eddans, brachte ein klägliches Stöhnen hervor und zog sich vor diesen Verräter-Dusei, die es nicht länger kannte, zurück. Niun spürte seine Wut und zitterte. Aber als er seinen Platz verließ, folgte ihm nicht nur sein eigenes Dus, sondern auch die beiden, die Liran und Debas gehört hatten und jetzt ein enges Dreieck mit seinem bildeten. Sie riefen und stöhnten und ließen Niun noch nicht in ihre Nähe, aber sie gaben ihre Pflichten auf, entschieden sich für das Leben und überließen die Dinge Eddans Dus, das sich bei seinem toten Herrn niederließ und treu blieb.
»Lo'a-ni das«, grüßte Niun sanft dieses Dus mit großem Respekt, aber verschloß sein Herz vor ihm, denn der Schutzimpuls war so stark, daß er ihn nicht ertragen konnte.
Und er schulterte wieder seine Last und setzte sich in Bewegung, und seine und Duncans Richtung liefen wieder mit der Meleins zusammen.
Sie mußten nicht über das sprechen, was sie gefunden hatten. Die Dusei gingen vor ihnen her, und hin und wieder wollte eines von ihnen zurück und auf Duncan zu gehen, aber Niuns Dus ließ das nicht zu und ging ständig hinter den anderen her, um sie daran zu hindern. Sie schienen rasch zu begreifen, daß dieser besondere Tsi'mri unter sicherer Führung stand, und gaben ihre Versuche auf, sich ihm zu nähern.
Sie erreichten den Eingang zum inneren Tal von Sil'athen und fanden dort eine andere Art von Wächter vor. Niun erkannte ihn an der flachen Senke im Sand, berührte den Menschen am Arm, beugte sich herab und ergriff einen winzigen Stein. Er schleuderte ihn weit, weit über den flachen Sand hinweg, auf den Mittelpunkt der Senke.
Er brach hervor, vom Umfang mehr als zwanzigmal so groß wie ein Dus. Eine Sandwolke fiel vom Saum des Gräbermantels als er hervorkam und einige Längen weiter wieder tauchte.
Der Mensch fluchte mit ehrfurchtsvoller Stimme.
»Ich habe dir gezeigt«, sagte Niun, »daß ein Mann, der dieses Land nicht kennt und von keinem Dus begleitet wird, nicht seinen Weg hindurch finden wird. Man sagt, daß es in den großen Sandflächen noch größere gibt als den, den du gesehen hast. Die Dusei riechen sie. Sie riechen auch andere Gefahren. Selbst Mri gehen nicht gerne allein durch dieses Land, auch wenn wir das schaffen können. Ich glaube nicht, daß du es schaffen würdest.«
»Ich verstehe, was du meinst«, sagte Duncan.
Danach gingen sie schweigend an der Wand der Klippen entlang, wo der Weg sicher war, an verschlossenen und mit Steinen gekennzeichneten Höhlen vorbei. Die seltsamen Formen der Felsen von Sil'athen fielen eine nach der anderen zurück und versperrten den Blick auf den Weg, den sie gekommen waren.
»Was ist das für ein Ort?« erkundigte sich Duncan mit leiser Stimme, als sie an den hohen Gräbern der She'panei vorbeikamen.
»Nla'ai-mri«, erklärte Niun. »Sil'athen, die Grabstätte unserer Art.«
Danach sagte Duncan nichts mehr, sondern blickte nur noch unbehaglich von einer Seite des Tales zur anderen, während sie hindurchgingen, und einmal sah er über die Schulter zurück dorthin, wo der Wind ihre Spuren wieder verwehte und jedes Anzeichen davon verwischte, daß jemals Menschen hier entlanggekommen waren.
Melein ging jetzt voraus und führte die anderen. Ihre Hand lag auf dem Rücken von Niuns Dus, das langsam neben ihr herschlenderte, und das Tier schien sich sogar über diese Berührung zu freuen. Sie gingen tief in die Canyons hinein, wobei sie einem Pfad folgten, den Niun nicht kannte, die felsige Schneise hinab, die zu den Gräbern der She'panei gehörte. Hier waren Zeichen in die Felsen gehauen – vielleicht die Namen früherer She'panei, oder auch Richtungen. Melein las sie, und Niun vertraute ihrer Führung, vertraute darauf, daß sie den Weg kannte, obwohl sie noch nie auf ihm gegangen war.
Sie wurde müde, und manchmal sah es danach aus, daß sie stehenbleiben würde, aber sie tat es nicht, blieb nur hin und wieder kurz stehen, um Atem zu holen, und ging dann weiter. Die Mittagssonne wandelte sich zur Glut des Nachmittages, und als sie weitersank, gingen sie im Schatten der Klippen entlang – ein gefährlicher Weg, aber sie hatten die Dusei, die sie beschützten, die den Weg für sie erprobten.
Tief in den Schatten erreichten sie das hintere Ende des Canyons, und Niun blickte Melein an und fragte sich plötzlich, ob sie sich letztlich nicht doch verirrt hatten, oder ob dies der Ort war, an dem sie ihrer Meinung nach anhalten sollten. Aber sie folgte mit dem Blick einem nach oben verlaufenden Pfad, den er nicht erkennen konnte, bis er ihrer Blickrichtung folgte, der überhaupt nicht erkannt werden konnte, wenn man von einer anderen Stelle aus blickte. Er führte immer weiter in die roten Felsen hinauf zu einem Irrgarten aus Sandsteinsäulen, die wie Finger in den Himmel stachen.
»Niun«, sagte Melein dann und warf einen Blick zurück.
Wieder folgte er ihrem Blick, diesmal zu Duncan, der, von der dünnen Luft erschöpft, zusammengesackt war und sich auf seinem Bündel ausruhte. Die Dusei trotteten auf ihn zu, und eines streckte eine Tatze nach ihm aus. Duncan erstarrte, regte sich nicht, sein Kopf war immer noch auf das Bündel gebettet.
»Yai!« wies Niun das Dus zurecht, das seine neugierige Tatze schuldbewußt zurückzog. Die Dusei zogen sich allesamt zurück und strahlten Verwirrung aus.
Und Niuns eigener Geist fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken, in Begleitung des Menschen diesen unglaublichen, verwickelten Irrgarten zu betreten, in dem ein einziger Fehltritt ihr aller Ende bedeuten konnte.
»Was soll ich mit ihm machen?« fragte er Melein in der Hochsprache, damit Duncan ihn nicht verstehen konnte. »Er sollte nicht hier sein. Soll ich einen Weg suchen, wie wir ihn loswerden können?«
»Die Dusei werden mit ihm fertig werden«, antwortete sie. »Laß ihn allein!«
Er fing an zu protestieren, nicht um seinetwillen, sondern aus Furcht um sie; sie machte jedoch nicht den Eindruck, als ob sie bereit wäre, ihm zuzuhören.
»Er wird als letzter gehen, wenn wir hinaufsteigen«, sagte Niun, aber in seinem Magen bildete sich ein Knoten der Furcht. Intel hatte die Zukunft klar gekannt: Ich habe ein schlechtes Gefühl, hatte sie in der Nacht gesagt, in der sie alle starben. Und jetzt hatte er solch eine Angst, eine kalte, klare Vorahnung, daß er hier einen Punkt ohne Wiederkehr überschritt, daß er eine Chance verpaßt oder an etwas vorüberging. Und der Mensch grub sich tiefer und tiefer in seinen Geist hinein.
Er wollte ihn nicht. Er trug Duncan in seinem Geist, wie er die Erinnerung an den Angriff in sich trug: unauslöschlich. Er betrachtete den Menschen und erschauderte vor plötzlichem und vehementem Abscheu. Er entdeckte, daß er die Last trug, die eigentlich dem Menschen zukam, und wußte nicht, was er sonst damit machen sollte. Er fingerte nach seiner Pistole.
Aber er war zur Ehre des Volkes zu einem Kel'en gemacht worden, nicht für blanke Metzgerei. Obendrein hatte Melein ihm anderes befohlen und sein Gewissen erleichtert. Er konnte eine solche Entscheidung nicht reffen. Das lag an ihr, und sie hatte sie getroffen, und dabei in Übereinstimmung mit dem besseren Teil seines Gewissens gehandelt.
Und plötzlich blickte Duncan ihn an, und er schob die Finger in den Gürtel in dem Versuch, seine Gedanken und die Bewegung auf einmal zu verbergen. »Komm!« wies er Duncan an. »Komm, es geht jetzt rauf!«
Niun machte sich selbst als erster an die schmale Steigung und bemerkte sofort, daß Melein kaum dazu in der Lage war, den Anstieg auf diesem erodierten, unbenutzten Pfad zu schaffen. Überall, wo er konnte, stemmte Niun die Füße gegen den Boden und griff nach Meleins Hand, und sie reichte ihm ihren entgegengesetzten Arm, um ihre verletzte Stelle zu schonen. Er bewegte sich jedesmal sehr vorsichtig, wenn er ihr mit einem sanften Ziehen half, denn er sah ihr Gesicht und wußte, daß sie starke Schmerzen hatte.
Duncan folgte ihnen, und als letzte kamen die Dusei, die ungeschickt vorgingen und Felsbrocken in die tiefe Schlucht hinabpoltern ließen. Ihre Tatzen und ihre große Kraft machten sie jedoch sicherer auf den Beinen, als man ihnen ansah.
Auf halber Höhe hörten sie ein Flugzeug.
Meleins scharfe Ohren fingen das Geräusch zuerst auf, als sie zwischen zwei Schritten gerade ausruhte, und sie drehte sich um und zeigte, wo es über dem Haupttal kreiste. Dort, wie sie waren, konnte es sie weder sehen noch aufspüren, während sie es beobachten konnten, diesen winzigen Fleck im rosigen Dämmerlicht, das noch andauerte.
Niun nahm nicht nur das Flugzeug wahr, sondern auch Duncans Rücken. Der Mensch stützte sich an einem großen Felsbrocken ab und betrachtete dieses Schiff, und Niun konnte an nichts anderes denken, als daß Duncan gern losgerannt wäre, um Signale zu geben, und daß es durchaus noch dazu kommen konnte, wenn es in der Zukunft noch andere Gelegenheiten gab.
Sie waren nicht länger allein auf der Welt.
»Wir klettern besser weiter«, meinte Melein, »und verschwinden von diesem Felshang, bevor es hier entlang kommt.«
»Komm!« forderte Niun Duncan scharf auf, und Haß klang in seiner Stimme. Duncan wandte sich um und kletterte hinter ihnen her, fort von dem, was aller Wahrscheinlichkeit nach für ihn eine Hoffnung auf Rettung war.
Als er ein weiteres Mal hinabblickte, um Melein zu helfen, hielt Niun Ausschau und sah das Flugzeug nicht, und das beruhigte ihn überhaupt nicht. Es konnte leicht über ihnen auftauchen, die Kliffs und Sandsteinfinger überfliegen, die ihnen nur teilweise Deckung gaben.
Und zu seiner Erleichterung standen sie nicht, als sie endlich die Felskante erreicht hatten, einer weiteren Ebene gegenüber, sondern gingen einen leichten Abhang hinab, folgten dabei einem sich zwischen den Sandsteinsäulen dahinschlängelnden Pfad, die sich jetzt in einem brennenden Rot vor dem purpurfarbenen Himmel abzeichneten. Der Wind war heftig und trieb schrill pfeifend kleine Wolken zwischen den Säulen hindurch wobei er ihre Spuren so schnell verwischte, wie sie sie machten.
Duncans trockener Husten fing wieder an und blieb eine Zeitlang, bis der Mensch seine vom Klettern herrührende Atemlosigkeit wieder überwunden hatte. Sie waren nun sehr hoch, und die Luft war hier noch viel trockener als im Tiefland. Hier auf dem Hochland, auf viel vom übrigen Land, gab es keinen Regen, nur wehenden Sand. Unterhalb lag ein Meer, das The'asacha, aber es war so klein und tot wie das Alkali-Meer, an dessen Küste die Regul-Stadt stand. Und jenseits von The'asacha erhob sich eine Bergkette, die Dogin, die nackten Skelette erodierter Berge, die immer noch hoch genug waren, um Winde hierhin und dorthin über das Rückgrat des Kontinents zu werfen und Stürme zu erzeugen, die niemals auf die Hochlandebene herabfielen, sondern ins Land hinab, auf die Tiefebenen.
Die den Himmel umrahmenden Wolken waren nun unterwegs, um ihre Ladung an Feuchtigkeit auf das Tiefland zu schütten, und forderten von den Flüchtlingen weder Achtsamkeit vor dem Sturm, noch boten sie ihnen die Hoffnung auf Wasser. Alles, was sie ihnen bringen würden, waren ein dunkler Himmel und ein harter und gefährlicher Weg ohne Sterne.
Das Geräusch des Flugzeuges drang plötzlich in Niuns Ohren. Er trieb Mensch und Dusei auf die tiefsten Schatten zu, in die zunehmende Dunkelheit – Melein hatte sofort Deckung gesucht. Falls das Flugzeug irgend etwas sah, dann das Abbild eines Dus, eine heiße, massige Silhouette für ihre Instrumente, etwas, das in der Wildnis zu sehen normal genug war. Falls sie auf jedes Dus von Kesrith feuerten, würde ihre Suche sehr lange dauern.
Es flog vorbei. Niun hatte die Faust in den Gewändern des Menschen verwickelt, ein Griff, den er nicht gelockert hatte, seit er sie beide in Deckung gebracht hatte, und holte jetzt zum erstenmal wieder gleichmäßig Atem.
»Hier können wir uns einen Moment ausruhen«, sagte Melein mit dünner, erschöpfter Stimme. »Es ist noch ein langer Weg von hier aus – ich muß mich ausruhen.«
Niun betrachtete sie, erkannte, daß sie Schmerzen litt, die sie so lange zu verbergen gesucht hatte. Beim Aufstieg hatte er jedes Zusammenzucken von ihr gespürt, als sei es ihm selbst widerfahren. Und sie konnten sich jetzt nicht lange ausruhen. Er war bedrückt darüber, denn er spürte, daß Melein unter diesem Drang zum Weitergehen ihre letzte Kraft verausgabte.
Und ohne sie würde es nichts mehr geben.
Er benutzte den Stoff als Decke und ließ Melein sich an die Flanke des Dus lehnen, in diese freundliche Wärme, und war glücklich darüber, daß sie sich unter dieser von ihm angebotenen Erquickung entspannte und sich die Schmerzensfalte auf ihrer Stirn löste und verschwand.
»Es wird gut werden«, sagte sie und berührte seine Hand.
Und dann weiteten sich ihre Augen, und er wirbelte auf einem Schatten herum – ein rascher Griff nach einer Wasserflasche, und Duncan war in dem Irrgarten aus Felsen in der Dunkelheit verschwunden.
Niun fluchte und sprang hinter ihm her und hörte gleichzeitig das stöhnende Brüllen der Dusei hinter sich. Er rannte um eine Säule herum, erwartete fast einen Hinterhalt, der eine Idiotie von seiten des Menschen gewesen wäre – aber es gab keinen.
Duncan war nicht zu sehen – kein Anzeichen von ihm.
Und er hatte Melein allein gelassen, und der Schweiß brach ihm aus, wenn er nur daran dachte, was geschehen konnte, wenn Duncan einen Bogen machte und Melein angriff, so verwundet wie sie war.
Plötzlich erhob sich das Geräusch jagender Dus, ein Stöhnen, das der Wind vor sich her trug, und dieser Schrei bedeutete, daß die Beute in Sicht war. Niun pries die verschiedenen Götter seiner Kaste und rannte in Richtung dieses Geräusches, die Pistole in der Hand.
So fand er Melein, ein bleiches Gespenst in der Dunkelheit, neben ihr ein Dus, und zusammen entdeckten sie die Sackgasse, in der die anderen Dusei Duncan gestellt hatten.
»Yai!« rief Niun den Tieren zu, bevor sie sich hineinstürzten und Duncan töten konnten, und sie drehten ihre hängenden Schultern um, machten einen trotzigen Rückzug, nur soweit, daß Duncan wieder unter dem Sims hervorkommen konnte, unter den er getrieben worden war. Duncan wollte jedoch nicht. Er kauerte sich zusammen, hatte bei seiner Krabbelei den Schleier verloren, das nackte Gesicht war vor Erschöpfung und Zorn verzerrt. Er hustete gequält, aus seiner Nase strömte Blut.
»Komm herunter!« sagte Melein.
Aber er wollte nicht, und Niun kam hinterher, schob die Dusei beiseite. Daraufhin machte Duncan eine Bewegung, aber er stürzte wieder, blieb reglos hocken und verbarg den Kopf in den gefalteten Armen.
Niun packte den Riemen der Feldflasche und riß sie Duncan aus der Hand. Danach ließ er ihn sich einen Moment ausruhen, denn sie alle atmeten schwer.
»Das war ein guter Versuch«, meinte Niun. »Aber das nächstemal werde ich dich töten. Es ist ein Wunder, daß dich die Dusei diesmal nicht getötet haben.«
Duncan hob das Gesicht, die Kieferhaltung drückte Wut aus. Er zuckte trotzig die Achseln, aber ein Hustenanfall verdarb die Geste.
»Du hättest dem Luftschiff Signale gegeben«, sagte Melein, »und es auf uns gehetzt.«
Duncan zuckte wieder die Achseln, stand auf und begleitete sie bereitwillig aus der Sackgasse heraus. Die Dusei waren immer noch im Blutrausch und verwirrt darüber, daß man sie auf ihre Beute gehetzt und dann zurückgehalten hatte. Niun ging zwischen ihnen und dem Menschen. Melein ging am Schluß, als sie zu dem Platz zurückkehrten, an dem sie bei ihrer Jagd ihre Ausrüstung zurückgelassen hatten.
Dort, wo sie angefangen hatten, sich auszuruhen, sanken sie alle zu Boden, jetzt doppelt erschöpft. Niun betrachtete Duncan gedankenvoll, überlegte, was hätte passieren können, welcher Schaden ihnen möglicherweise erwachsen wäre.
Hier war Melein, zerbrechlich mit ihrer Verletzung.
Und in der Nähe war ein Flugzeug, das nur auf den geringsten Fehler wartete, das kürzeste offene Auftauchen im falschen Augenblick, um festzustellen, wo sie waren, und ein Ende mit ihnen zu machen.
»Bedecke dein Gesicht!« sagte Niun endlich.
Duncan starrte ihn mürrisch an, als wolle er sich diesem Befehl widersetzen, aber schließlich senkte er den Blick und brachte den Schleier wieder an, starrte dann weiterhin auf Niun.
Das Dus stöhnte und erhob sich auf die Hinterbeine.
»Yai!« wies Niun es zurecht, und es ließ sich wieder herab und schwankte nervös. Selbst in Niuns Blut regte sich der Dus-Zorn. Er kämpfte ihn nieder, bezwang ihn, wie es ein Mann tun mußte, der zwischen Dusei ging, um vernünftiger als sie zu sein.
Duncan schob sich zur Seite, wandte seinen Blick von ihnen und den Tieren ab und richtete ihn statt dessen auf den Felsen vor ihnen.
»Wir gehen weiter«, sagte Melein nach einer Weile und mühte sich wieder auf die Füße, vorsichtig, schmerzhaft. Sie taumelte und fand das Gleichgewicht mit Hilfe von Niuns Hand, die er ihr sofort entgegenstreckte.
Aber dann legte sie die Hand auf das Dus, und das Tier setzte sich schlendernd an die Spitze, und sie schaffte es, an seiner Seite zu gehen, mit langsamem und bedachtem Schritt. Das Tier war die einzige Sicherheit, die sie auf diesem dunklen und engen Durchgang zwischen den Felsen hatten.
Niun sammelte die Wasserflaschen auf und ließ die gesamte übrige Last dem Menschen, trieb diesen mit harter Hand zur Eile, zwischen den beiden anderen Dusei, bevor sie Meleins blasse Gestalt außer Sicht verloren.
Die ölige Haut der Dusei machte die Tiere gegen das Gift der Anemonen immun, ihre scharfen Sinne ließen sie andere Gefahren erkennen, und so waren sie das einzige Mittel, mit dessen Hilfe es die Flüchtlinge wagen konnten, nach Einbruch der Dunkelheit an einem solchen Ort weiterzugehen. Und, wie Melein sicherlich rechnete, kam die Dunkelheit ihnen zur Hilfe, was bei ihren Verfolgern zweifellos nicht der Fall war.
Der lange Weg führte sie in offenere Gebiete, in denen sie gefährlich zutage liegende Strecken auf Sand unter den zerfetzten Wolken zurücklegen mußten. Und sie gingen wieder zwischen Sandsteinformationen einher, als sie erneut das entfernte Geräusch des Flugzeugs hörten, das immer noch diese Gegend überflog.
Es kam nahe heran. Duncan blickte gen Himmel, als sei er von Hoffnung erfüllt, und sah sich rasch um, als Niun das Av'tlen aus der Scheide riß, ein Flü- stern geschärften Metalls.
Sie sahen sich an, er und Duncan, standen reglos, während das Flugzeug wieder abdrehte und außer Hörweite verschwand. Niun steckte mit geübter Gegenbewegung die Waffe in ihre Scheide zurück.
»Jemand«, sagte Duncan, dessen Stimme wegen der rauhen Kehle kaum noch erkennbar war, »jemand weiß, wo er euch zu suchen hat. Irgendwie glaube ich nicht, daß meine Leute das wissen würden.«
Das war vernünftig, und es traf Niuns Herz kalt. Er warf Melein einen Blick zu.
»Wir können nicht schon wieder anhalten und uns ausruhen«, sagte sie. »Sie dürfen uns nicht finden, hier nicht. Wir müssen den Ort erreicht haben, bevor es hell wird, auch dort wieder weggekommen sein. Niun, wir müssen uns beeilen.«
Er stieß den Menschen freundlich an. »Komm!« sagte er.
»Ist es wegen ihr?« fragte Duncan und deutete mit einem Nicken in Meleins Richtung, ohne die Stelle zu verlassen, an der er stand. »Hat es etwas mit ihr zu tun, daß euch die Regul jagen?«
»Das kann nicht sein«, sagte er mit Überzeugung; und dann fing ein anderer Gedanke an mit schrecklicher Klarheit in ihm zu wachsen – ein mentaler Prozeß arbeitete wieder, wo es lange Zeit nur Schock gegeben hatte. Wieder blickte er Melein an und sprach in der Hal'ari, der Hochsprache: »Es kann eigentlich nicht sein, daß sie uns jagen. Sie können eigentlich nicht wissen, daß es uns gibt. Was bedeuten ihnen zwei Mri, wenn alle anderen tot sind? Oder wie können die Regul es geschafft haben, zum Edun zu kommen und herauszufinden, daß Überlebende es verlassen haben? Sie hätten nicht zwischen Ruinen herumklettern können. Es ist dieser Mensch, dieser verfluchte Mensch. Er hat Verbindungen in der Stadt, einen Meister, und seinetwegen haben die Regul mich über die Ebenen verfolgt. Wenn es die Regul sind, verfolgen sie diese Spur. Regul und Menschen sind an dieser Sache beteiligt.«
Meleins Blick wurde sorgenvoll. »Am besten gehen wir«, sagte sie plötzlich. »Am besten gehen wir jetzt, schnell! Ich weiß nicht, was wir mit ihm tun werden, aber wir können das jetzt nicht klären.«
»Wovon redet ihr?« verlangte auf einmal Duncan mit seiner krächzenden Stimme von ihnen zu wissen. Vielleicht waren es bestimmte Wörter, ein Seitenblick, die er aufgefangen hatte, bei dem, was sie sagten. Niun betrachtete ihn und dachte unbehaglich, daß Duncan vermutete, wie wenig sein Leben bei ihnen wog.
»Beweg dich!« forderte Niun erneut und stieß ihn an, diesmal nicht freundlich. Duncan ließ seine Fragen und ging in die gewiesene Richtung, ohne darüber zu streiten.
Und wenn es Duncan war, der gejagt wurde, und wenn die Regul ihre Spur seinetwegen verfolgten, dann, dachte Niun, würde Duncan letztlich auf eine Art und Weise zum Feind gehen müssen, daß dieser die Suche einstellte, auf eine Art und Weise, die ihm nicht die Tatsache verraten konnte, daß eine She'pan des Volkes nach wie vor am Leben war.
O Götter, trauerte Niun innerlich, zu Mord und Ehrlosigkeit gedrängt, ohne eine andere Möglichkeit sehen zu können.
Aber das Flugzeug kam nicht wieder, und Niun schaffte es, diese drängende Bedrohung auf ihrer gegenwärtigen Reise zu vergessen – den Gedanken zurückzudrängen, was er zu tun haben mochte, falls die Suche wieder aufgenommen wurde.
Zweimal mußten sie sich ausruhen, obwohl Melein es nicht wollte – um Meleins willen. Und jedesmal wäre Niun gerne länger geblieben, aber sie beharrte darauf, daß es weiterging. Schließlich mußte Niun ihren Arm halten, während ihre schlanken Finger sich um die seinen krampften, womit sie sich gegen die Unstetigkeit ihrer Beine wehrte.
Und nach Mitternacht kamen sie in einen schmalen Canyon, der seltsame und schwindelnde Windungen vollführte. Er begann, sich zu senken, an einer Stelle, an der sich die Wände über ihren Köpfen bedrohlich gegeneinander neigten und eine Dunkelheit über sie warfen, die noch tiefer war als die nächtliche Dunkelheit draußen.
»Benutz deine Lampe!« forderte Melein dann. »Ich denke, daß wir jetzt unter einer geschlossenen Steindecke sind.« Und Niun benutzte Duncans Taschenlampe mit einem Strahl, der gerade ausreichte, um den Weg zu erhellen. Tiefer und tiefer gingen sie hinab auf einem spiralförmigen, engen Weg, bis sie plötzlich unter eine Quelle des Himmels über ihnen kamen, wo die Nacht heller wirkte als die völlige Dunkelheit, durch die sie gegangen waren. Hier weiteten sich die Wände, die über und über mit Symbolen von der Art bedeckt waren, die auch einmal das Edun geschmückt hatten.
Das vorderste Dus warf sich seitlich herum und gab ein Brüllen von sich, das den Gang hinauf und hinab fürchterlich widerhallte. Niun schwenkte den Strahl nach links, auf das Dus zu. Dort lag in einer Nische ein unordentliches Häuflein aus schwarzen Fetzen und Knochen. Ein Wächtergrab.
Niun berührte in Verehrung des unbekannten Kel'en die Stirn, und als er sah, daß Duncan zu nahe an diesem heiligen Ort stand, zog er ihn am Arm zurück. Dann richtete er die Lampe auf den Eingang, vor dem Melein stand, ein mit Steinen blockierter Weg, den der Wächter mit seinen Händen verschlossen hatte, der diesen Verschluß errichtet und sein Leben dafür gegeben hatte.
Melein erwies diesem Ort mit einer Handbewegung die Verehrung, wandte sich plötzlich zu Duncan und blickte ihn streng an. »Duncan, am Grab des Wächters darfst du nicht vorbeigehen, andernfalls wirst du sterben. Bleib hier und warte! Berühr nichts, tue nichts, sehe nichts!« Und zu Niun gewandt: »Mach es auf! Es ist rechtmäßig.«
Er gab ihr die Lampe und fing bei den obersten Steinen an, das zu öffnen, was der Wächter so viele Jahre lang bewacht hatte – ein Schrein, der so heilig war, daß ein Kel'en auf den Tod warten würde, während er ihn bewachte. Er kannte die Wahl, die der Mann getroffen hatte. Nahrung und Wasser hatte der Kel'en gehabt, ebenso die Freiheit, nach dem Verschließen sich innerhalb von Sichtweite des Wachplatzes zu bewegen, zu jagen, um zu überleben. Aber als das Gebiet ihn im Stich ließ, als Krankheit, rauhes Wetter oder fortschreitendes Alter auf dem einsamen Kel'en lasteten, hatte er sich in diese ausgewählte Nische zurückgezogen, um zu sterben, seinem Auftrag treu. Und sein Geist schwebte in fortdauernder Wacht über dem Ort.
Und vielleicht hatte Intel selbst hier gestanden und das Schließen der Tür gesegnet und die Stirn des tapferen Wächters geküßt und ihn mit dieser Aufgabe betraut.
Einer der Kel'ein, die vor vierzig Jahren zusammen mit ihr von Nisren gekommen waren, als die Pana auf Kesrith kamen.
Mit zunehmender Leichtigkeit polterten die Steine von der Öffnung, bis Melein über das hinwegschreiten konnte, was noch übrig war, und ihren Fuß in das kalte Innere setzte. Die Lampe, die sie in der Hand hielt, schwenkte über die Wände, berührte Aufschriften, die die Mysterien des Schreins der Schreine enthielten, gewundene Symbole, die die gesamten Wände bedeckten. Für einen Augenblick nahm sie Niun wahr, dann sank er auf die Knie und wandte das Gesicht ab, um nicht das zu sehen, was er nicht sehen sollte. Eine Zeitlang konnte er Meleins leise Schritte an diesem heiligen Ort hören, und dann gab es überhaupt kein Geräusch mehr, und er wagte nicht, sich zu bewegen. Er erblickte Duncan vor der fernen Wand des Schachtes, bei ihm die Dusei, und nicht einmal sie bewegten sich. Niun wurde kalt, während er wartete, und fing an, vor Furcht zu zittern.
Falls sie nicht zurückkehren sollte, würde er weiterhin warten. Nirgendwo regte sich Leben hier drin, nicht einmal das Geräusch eines Schrittes.
Eines der Dusei stöhnte – das Warten quälte seine Nerven. Dann wurde es still, und eine lange Zeit war gar nichts mehr zu hören.
Dann regte sich etwas, ein annähernd rhythmisches Geräusch, das zuerst aus dem Inneren des Schreins kam; und schließlich erkannte Niun es als das Geräusch sanften Weinens, das noch bitterer und heftiger wurde.
»Melein!« schrie er laut und wandte seine Augen zum verbotenen Ort, und Schatten bewegten sich im Eingang, ein sanftes Strömen von Lichtern. Seine Stimme hallte ehrfurchtslos von den Wänden wider und bestürzte die Dusei, und er rappelte sich auf und fürchtete sich davor, hineinzugehen – aber auch davor, es nicht zu tun.
Das Geräusch hörte auf. Es war still. Er trat bis an die Tür, legte die Hand auf sie, ermutigte sich dazu, hineinzugehen. Dann hörte er Meleins leichte Schritte irgendwo tief drin, hörte die Geräusche des Lebens, und sie rief ihn nicht. Er wartete zitternd.
Dinge bewegten sich hinter der Tür. Maschinen waren zu hören – das Geräusch dauerte an, und doch konnte er gelegentlich deutlich Meleins Schritte hö- ren. Und dann erinnerte er sich schreckerfüllt daran, daß er Duncan den Rücken zugewandt hatte, und wirbelte herum.
Aber der Mensch stand nur da, nicht näher, als Melein es ihm gestattet hatte, und machte keinen Fluchtversuch.
»Setz dich!« wies er Duncan scharf an, und Duncan setzte sich an derselben Stelle nieder und wartete. Niun verfluchte sich, weil er Melein suchte und dabei den Auftrag vergaß, den sie ihm gegeben hatte, nämlich sich um die Dinge draußen zu kümmern. Er hatte sie beide der Gnade Duncans ausgeliefert, hätte der Mensch angesichts der Dusei den Mut gehabt und Vorteil aus der Situation gezogen. Niun setzte sich ebenfalls in den Sand, so daß er den Menschen im Auge behielt und gleichzeitig dem Schrein verstohlene Blicke zuwerfen konnte. Er schlang die Arme um die Knie, faltete mit betäubender Kraft die Hände, wartete und lauschte.
Das Warten dauerte sehr lange, er begann sich elend zu fühlen und veränderte oft seine Stellung. Nach seinem Zeitgefühl schien es bereits auf die Morgendämmerung zuzugehen, obwohl der bewölkte Himmel, der über ihnen erkennbar war, noch dunkel war. Und einen sehr ausgedehnten Zeitraum lang drang aus dem Schrein überhaupt kein Geräusch mehr.
Endlich sprang er wieder auf und war begierig darauf, wieder an die Tür zu treten, überzeugte sich dann aber selbst davon, daß er dahinter nichts zu suchen hatte. In seinem Elend durchschritt er den Raum, den er zum Durchschreiten hatte, wobei er beizeiten auf den Menschen blickte, der wartete, wie man ihn gemahnt hatte zu warten. In der Beinahe Dunkelheit konnte Niun in Duncans Augen nichts lesen.
Wieder waren Schritte zu hören. Niun drehte sich augenblicklich um und erblickte das weiße Blitzen der Taschenlampe im Eingang. Er sah Melein wie einen Schatten. Sie hielt das winzige Licht in den Fingern und umklammerte etwas mit den Armen.
Er trat so nahe heran, wie er es wagte, und erkannte, daß sie eine Art Gehäuse trug, das eiförmig war und aus schimmerndem Metall gefertigt. Eine Tragestange befand sich in einer Aussparung an einem Ende, aber Melein trug es, wie sie ein Kind hätte tragen können, wie etwas Kostbares, obwohl sie unter seinem Gewicht taumelte und es nicht schaffte, über die Steine zu treten, solange sie es trug.
»Nimm es!« sagte sie mit schwacher, angespannter Stimme, und Niun riß sich aus der Lähmung seines Willens und streckte die Arme aus, um das Gehäuse entgegenzunehmen. Er war bestürzt über das Gewicht, das Melein zu tragen geschafft hatte. Es war kalt und hatte ein merkwürdiges Gleichgewicht, und er zitterte, während er es an sich zog.
Und ihm war wieder kalt, als er Meleins Gesicht erblickte, in dem die Feuchtigkeit in dem rötlichen Licht glitzerte, das sich hinter ihr auszubreiten begann, und im Schrein sprangen Schatten von einer Seite zur anderen. Sie drehte sich einmal um und blickte zurück, und dann blickte sie wieder Niun an, wie aus einer großen Entfernung.
Melein, versuchte er ihr zu sagen, entdeckte aber, daß er es nicht schaffte. Sie war immer noch Melein, seine Schwester, aber sie enthielt auch etwas anderes, und er wußte nicht, wie er es ansprechen sollte, sie zurückrufen sollte. Besorgt über das Feuer hinter ihr streckte er die Hand aus, und sie ergriff sie und schritt über die Felsen am Eingang und kam mit ihm. Ihre Haut war kalt. Ihre Hand glitt leblos aus seiner, als sie den Halt nicht mehr benötigte.
Duncan wartete. Er wich vor beiden etwas zurück und starrte weiterhin in das hinter ihnen zunehmende Licht. Vielleicht begriff er, daß etwas von großem Wert gerade zerstört wurde. Er sah benommen und verwirrt aus.
Nichts blieb, außer der seltsamen, kalten Eiform. Niun trug sie in beiden Armen, während Melein sich auf den Weg nach draußen machte. Er wußte, daß er sicherlich einen wesentlichen Teil der Pana trug, deren Namen seine Kaste nicht einmal ohne Furcht auch nur aussprechen konnte, die ein Kel'en niemals sehen durfte, geschweige denn in der Hand halten.
Der Kel'en, der sie hierhergebracht hatte, hatte sich selbst dem anschließenden Tod geweiht, um sie geheim und ungestört zu bewahren. Es war ein ehrenhafter Mann des alten Weges gewesen, des Kels der Zwischenzeit. Ein solcher Mann wäre über Niun s'Intel bestürzt gewesen.
Aber Niun bezog Mut aus dem Tragen des Gehäuses, denn daraus hatte Melein ihre Macht bezogen, dessen war er sicher. In seinen Augen war sie nur halb eine She'pan gewesen, eingesetzt durch Gewalt und Notwendigkeit. Aber jetzt glaubte er, daß die wesentlichen Vorgänge stattgefunden hatten, daß Intel ihr alles gegeben hatte, was sie brauchte. Hiernach konnte er sie She'pan nennen und stillschweigend glauben, daß sie die Mysterien kannte. Sie hatte den Pana von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden und begriffen, was ein Kel'en nicht begreifen konnte. Er beneidete sie nicht um dieses Begreifen. Das Geräusch ihres Weinens aber verfolgte ihn noch immer.
Aber sie wußte, und sie führte, und hiernach vertraute er ihrer Führung stillschweigend.
Sie flohen – die Mri, der Mensch und die Dusei, hinaus aus der Schlucht, in der der Rauch anfing, sich hochzutürmen und sie an den Himmel zu verraten, und in der die Flammen die Wände rot beleuchteten und sie mit Hitze verfolgten. Sie erreichten die ansteigenden Windungen des Weges, den sie gekommen waren, und traten hinaus in die kalte Dunkelheit.