19
Der Tag begann ruhig, mit nur den Geräuschen des Windes und dem Atem des Dus. Niun blickte sich um und entdeckte, daß Melein bereits wach war und mit gekreuzten Beinen am Eingang saß, wo das Licht der Dämmerung sie umrahmte. Sie wirkte gesammelt, als sei sie schon längere Zeit so dagesessen, um in den letzten Nachtstunden allein ihre Gedanken zu ordnen.
Niun stand auf, während Duncan noch reglos dalag, trat zu Melein und setzte sich nahe der Fieberwärme des schlummernden Dus in den kalten Sand. Seine Beine waren wegen des Giftes noch schwach und sein Arm bis zur Schulter hinauf steif und heiß, aber es würde vorübergehen. Sein Geist war immer noch ruhig, und die wirren Gedanken des Dus berührten ihn nach wie vor. Er hatte keine Angst, auch nicht in Anbetracht ihrer Lage. Er wußte, daß es der Mut des Dus war, und daß er schmelzen würde, sobald eine Krise kam und ein Mann darauf angewiesen war, nachzudenken. Aber so hatte er Ruhe, und war glücklich darüber. Er dachte, daß Melein sich vielleicht auch an etwas von der Art erfreute, denn ihr Gesicht war ruhig, als ob sie über irgendeinen privaten Traum meditiert hätte.
»Hast du lange geschlafen?« fragte er sie.
»Solange, wie ich es nötig hatte. Ich bin gestern erschüttert worden. Ich denke, ich werde einen langen Marsch immer noch schwierig finden. Aber wir werden heute marschieren.«
Er hörte das und wußte, daß sie zu einer letzten Entscheidung gekommen war, aber es wäre nicht respektvoll gewesen, sie danach zu fragen und weiterhin davon auszugehen, daß er ihr Verwandter war, was er nicht länger sein konnte.
»Wir sind fertig«, sagte er.
»Wir folgen dem Weg nach Sil'athen«, sagte sie, »und weitere in die Berge hinein, und wir werden einen Schrein finden, von dem das Kel in unserer Generation nichts gewußt hat. Bevor wir beide geboren wurden, war dem Kel befohlen worden, es zu vergessen. Die Pana, Niun, sind nie im Edun aufbewahrt worden. Es war eine Zeit des Krieges. Die She'pan hielt es nicht für gut, daß die Pana im Edun waren, und sie hatte recht.«
Er berührte vor Verehrung ihre Stirn, ihn fror, von den Dingen nur zu hören, von denen sie gesprochen hatte, aber sein Geist schwang sich daran empor. Es veränderte nichts, hatte keine Beziehung zu ihren eigenen trostlosen Aussichten. Aber das Heilige existierte, und selbst, wenn sie hingingen, um es mit ihren eigenen Händen zu zerstören, würde es nicht durch Feinde zugrunde gegangen sein.
Der Auftrag der Götter also. Das war etwas, das es wert war, getan zu werden, etwas, das er gut begreifen konnte.
»Wisse«, sagte sie des weiteren, »daß wir die Pana an uns bringen werden, und wir beide werden sie an einen Ort bringen, wo wir in Sicherheit sind. Und wir warten. Wir warten, bis wir einen Weg von Kesrith finden, oder bis wir wissen, daß es keinen gibt. Hat das Kel dazu eine Meinung?«
Er überlegte, dachte an Duncans Angebot, daran, es Melein mitzuteilen, aber legte diesen Gedanken beiseite. Es würde einen Augenblick dafür geben, falls sie noch solange lebten, um das eine zu tun. »Ich denke«, urteilte er vorsichtig, »daß wir beim Töten von Menschen umkommen werden, wenn sie uns danach zu Tode jagen. Aber ich für meinen Teil würde lieber zu den menschlichen Behörden gehen und mich mit ihnen gegen die Regul verbünden. Ich bin so erbittert.«
Sie hörte ihm aufmerksam zu, den Kopf zur Seite geneigt, und runzelte die Stirn. »Aber«, sagte sie, »es herrscht Frieden zwischen Regul und Mensch.«
»Ich glaube nicht, daß er von Dauer sein wird. Nicht für immer.«
»Aber würden die Menschen nicht lachen – wenn man bedenkt, ein einziger Kel'en, der alleine versucht, seinen Dienst gegen alle Regul aufzunehmen?«
»Die Regul würden nicht lachen«, sagte Niun grimmig, und sie nickte in Anerkennung dieser Tatsache.
»Ich will das jedoch nicht«, sagte sie. »Nein. Ich weiß, was Intel geplant hat: uns wieder in die Dunkelheit zu führen, auf die lange Reise zu gehen und das Volk während dieser Dunkelheit zu erneuern. Und ich werde dich nicht für irgendwelche Versprechungen von Sicherheit vermieten. Nein. Wir beide gehen unseren eigenen Weg.«
»Wir haben weder ein Kath noch Kel'e'ein«, rief er und senkte seine Stimme plötzlich zu einem halben Flüstern, denn er wollte Duncan nicht aufwecken. »Für uns gibt es keine weiteren Generationen mehr, keine Erneuerung. Wir werden niemals wieder aus der Dunkelheit hervorkommen.«
Sie blickte ruhig in die Dämmerung. »Falls wir die letzten sind, werden wir ein ruhiges Ende haben, und falls wir nicht die letzten sind, dann liegt der Weg zur sicheren Ausrottung des Volkes darin, unsere Leben in Verfolgung von Tsi'mri-Kriegern und Tsi'mri-Ehren und all den Dingen zu verschwenden, die das Volk in diesem unglücklichen Zeitalter beschäftigt haben.«
»Was gibt es sonst noch?« fragte er. Es war eine verbotene Frage, und es fiel ihm ein, sobald er sie ausgesprochen hatte, und nahm sie mit einer ablehnenden Geste zurück. »Nein, tu was du willst!«
»Wir sind frei«, sagte sie. »Wir sind frei, Niun. Und ich werde uns auf nichts anderes verpflichten, als die Pana zu finden und herauszufinden, ob noch andere von unserer Art überlebt haben.«
Er sah auf und begegnete ihrem Blick und erkannte ihre Tapferkeit mit einem Kopfnicken an. »Es ist unmöglich für uns, das zu tun«, sagte er. »Das Kel teilt dir das mit, She'pan.«
»Das Kel der Dunkelheit«, sagte sie mit weicher Stimme, »ist nicht völlig unwissend. Deshalb ist sein Dienst schwerer. Nein, vielleicht ist es unmöglich. Aber ich kann nichts anderes akzeptieren. Glaubst du nicht daran, daß die Götter immer noch das Volk begünstigen?«
Er zuckte im Bewußtsein seiner Unwissenheit die Achseln, so hilflos, wie es ein Kel'en in Wortspielen immer war. Er wußte nicht, ob sie mit Ironien spielte oder nicht.
»Ich werfe uns beide«, sagte sie dann. »Shon'ai.«
Das begriff er, ein Mysterium, das das Kel leicht verstehen konnte: er machte eine Faust, eine Pantomime, die das Auffangen beim Shon'ai darstellte, und das Herz wurde ihm leichter.
»Shon'ai«, wiederholte er, »das ist gut genug.«
»Dann sollten wir gehen«, sagte sie.
»Wir sind fertig«, sagte er. Er raffte sich auf, ging zu Duncan und schüttelte ihn. »Komm!« wies er ihn an, und während Duncan anfing, sich zu regen, machte Niun aus ihren verbliebenen Habseligkeiten ein Bündel. Das Wasser wollte er selbst tragen, und er sah auch eine kleine, leichte Feldflasche für Melein vor, denn es wäre nicht klug gewesen, Duncan in dieser Beziehung unabhängig von Melein abhängig zu machen, sollte es Schwierigkeiten geben – obwohl weder er noch sie, sofern körperlich noch beweglich und nicht von Feinden bedrängt, eine Feldflasche in einem Land brauchten, in dem sie jede Pflanze und jeden Stein kannten.
Er warf das Bündel aus Vorräten vor Duncans Füße.
»Wo gehen wir hin?« wollte Duncan wissen, ohne sich zu bewegen oder das Bündel aufzunehmen. Es war eine höfliche Frage. Niun zuckte die Achseln und gab ihm dadurch die Antwort, die er ihm zu geben gedachte, mit derselben Höflichkeit.
»Ich bin nicht euer Lasttier«, sagte Duncan, ein schmales, unterschwelliges Stück Rebellion. Er trat nach dem Bündel, stieß es weg.
Niun betrachtete es, betrachtete ihn, ohne jede Eile. »Die She'pan arbeitet nicht mit den Händen. Als Kel'en trage ich keine Lasten, solange noch andere da sind, die sie tragen. Wenn du tot wärest, würde ich es tragen. Da du es nicht bist, wirst du es tragen.«
Duncan schien sich zu überlegen, wie ernst es Niun damit war, und kam zu einem konkreten Beschluß. Er nahm das Bündel auf und steckte die Arme durch die Trageseile.
Daraufhin entdeckte Niun etwas Mitgefühl für ihn, denn der Mann war eine Art Kel'en und bekannte, daß er nicht zu einer niedrigen Kaste gehörte, aber er würde nicht dafür kämpfen. Das war eine Frage der Yin'ein, des A'ani, des ehrenvollen Kampfes. Niun rechnete damit, daß der Mensch mit Mri-Waffen so hilflos sein würde wie eine Kath'en.
Vielleicht, dachte er, war es nicht richtig gewesen, auf diesem Punkt zu beharren, und vielleicht hätte die Übernahme eines kleinen Teils der Last seinen Stolz nicht über Gebühr belastet. Gegen die Art des Tsi'mri-Kel'en Krieg zu führen, war eine Sache; eine andere war es, ihn unter dem Gewicht der Arbeit in Kesriths rauher Umwelt zu zerbrechen.
Trotzdem sagte Niun nichts. Er machte sich Sorgen, während sie gemeinsam hinausgingen, sie alle drei, und das Dus neben ihm einhertrottete. Es handelte sich um eine schwierige Frage, sich zu überlegen, wie man mit einem Menschen auf ehrenhafte Weise engsten Umgang pflegte.
Daß Menschen das A'ani ablehnten und massenweise Kriegführung bevorzugten, war der Tod des Volkes gewesen; und jetzt fing er an, zu begreifen, daß Menschen einfach nicht kämpfen konnten.
Tsi'mri.
Er fühlte sich beschmutzt und tief bestürzt über das, was er herausgefunden hatte. Er wollte zurücknehmen, was er gesagt hatte, und konnte es um seines Stolzes willen nicht. Und er begann wieder daran zu denken, wie bitter der Krieg gewesen war, daß so viele gefallen waren, ohne die Natur des Feindes erkannt zu haben.
Aber selbst jetzt lag es nicht an ihm, das zu ändern. Er gehörte nicht zu der Kaste, die endgültige Entscheidungen fällte. Er erinnerte sich daran und fragte sich, wieviel Intel gewußt hatte.
* * *
Beim Deog'hal-Einschnitt stiegen sie ins Hochgebirge auf und verzichteten darauf, dem üblichen Pfad nach Sil'athen zu folgen, damit nicht einige Überlebende unten in der Stadt sie nur um so leichter finden und beenden konnten, was sie am Edun begonnen hatten. Es war ein harter Aufstieg, und einer, der von Melein viel abverlangte, ebenso von Duncan, der schwer an seinem Bündel zu tragen hatte.
»Ich habe zu lange im Turm der She'pan gesessen«, keuchte Melein, als sie einen Höhenzug erreicht hatten. Sie hustete und versuchte, es zu unterdrücken, während Duncan zu einem Haufen zusammensackte, sich von den Tragseilen befreite und sich auf das Bündel legte. Niun befeuchtete Meleins Kehle mit ein wenig Wasser, und tief in seinem Herzen fürchtete er um sie, denn Melein wurde normalerweise nicht so leicht müde. Er bemerkte, wie sie hinkte und manchmal den Arm an die Seite preßte.
»Ich denke, daß du verletzt bist«, sagte er sanft.
Sie machte eine mißbilligende Handbewegung. »Ich habe es gefühlt, als ich die Tür zum Vorratsraum geschlossen habe. Es ist nichts.«
Er hoffte, daß sie recht damit hatte. Er gab ihr wieder zu trinken, verschwenderisch mit dem Wasser, aber es sah danach aus, daß sie bald mehr davon finden würden. Er selbst trank gerade genug, um seinen Mund zu befeuchten, und sah, daß der Mensch ihn intensiv anstarrte, sich zu bitten weigerte.
»Nur zum Befeuchten«, sagte er und reichte ihm ein halbes Maß. »Trink langsam!«
Der Mensch trank genauso, wie Niun es getan hatte, unter dem Schleier, sein Gesicht bedeckt haltend, und reichte die Kappe mit einem Nicken zurück, das ein wenig Würde ausdrückte.
»Wo gehen wir hin?« fragte Duncan wieder. Seine Stimme war rauh geworden.
»Mensch«, sagte Melein, die beide überraschte, »warum spielt das jetzt für dich eine Rolle?«
Duncan holte Atem, um in einem Zug zu antworten. Niun streckte die Hand aus und packte seinen Arm mit hartem Griff.
»Bevor du sprichst«, erklärte er ihm, »begreife, daß sie die She'pan ist. Das Kel verkehrt mit Außenstehenden; die She'pan tut das nicht. Es ist eine Ehre für dich, daß sie dich auch nur ansieht. Wenn du nur ein Wort sprichst, das sie beleidigt, werde ich dich gewiß und sofort töten. Also wird es für dich vielleicht günstiger sein, deine Worte an mich zu richten, so daß du sie nicht beleidigst.«
Duncan blickte zuerst ihn, dann sie an, als dächte er, daß sie einen Spaß mit ihm machten oder ihn auf eine Art und Weise bedrohten, die er nicht begriff.
»Es ist mir wirklich sehr ernst«, sagte Niun. »Richte deine Antwort an mich!«
»Sage ihr«, erwiderte Duncan daraufhin, »daß ich mehr daran interessiert bin, lebendig zu meinem Volk zurückzukehren. Sage ihr, was ich dir letzte Nacht vorgeschlagen habe. Das Angebot bleibt bestehen. Ich kann es schaffen, euch von dieser Welt wegzubringen.«
»Duncan«, sagte Melein, »ich weiß bereits, was du gerne fragen möchtest, und ich werde jetzt keine Antwort darauf geben. Aber du kannst uns sagen, wann deine Leute kommen werden. Das weißt du sicherlich.«
Duncan zögerte sichtlich bestürzt und erwog anscheinend ihre Absichten. »Es ist eine Sache von Tagen«, sagte er mit leiser Stimme, »von sehr wenigen Tagen, vielleicht noch eher, als ich veranschlagen würde. Und sie werden Ruinen in der Stadt vorfinden, und die Regul sind übriggeblieben und können ihnen jede Geschichte erzählen, die sie möchten, über das, was in der vorletzten Nacht geschehen ist.«
»Tsi'mri«, meinte Melein abschätzig. Duncan verstand nicht.
»Die She'pan meint«, beantwortete Niun seinen fragenden Blick, »daß das, was Außenstehende tun, nicht unsere Sache ist. Wir haben keine Brüder und keine Meister. Wir dienen den Regul nicht mehr. Vielleicht hast du noch nicht begriffen, Duncan, daß wir die letzten Mri sind. Auf dem Schiff AHANAL befanden sich alle Überlebenden des Krieges, und der Rest war im Edun. Und die Regul kennen uns, wissen, daß wir ihnen, wenn sie nicht zu Ende bringen, was sie am Hafen begonnen haben, wahrscheinlich Verluste zufügen werden. Da sie eben Regul sind, wünschen sie es sich nicht, uns von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen, um es zu tun, sondern sie werden wahrscheinlich versuchen, deine Art dazu zu überreden, ihnen diese Arbeit abzunehmen. Du siehst, wie die Sache liegt. Du tust besser daran, uns nicht mit Fragen zu bedrängen. Es gibt Dinge, an die man zu gegebener Zeit denken muß, wenn dies geschieht oder wenn jenes geschieht. Aber du tust gut daran, nicht zu fragen, so daß wir überhaupt nicht daran denken müssen.«
Duncan verarbeitete diese lange Antwort schweigend, mit um die Knie geschlungenen Armen, die Hände so zusammengepreßt, daß die Knöchel weiß wurden.
»Duncan«, sagte Melein dann, »man sagt bei uns, gesagt ist getan. Also sagen wir nichts, damit wir nicht dazu verpflichtet sind, es zu tun. Wir stellen nicht mit Wörtern Fallen, wie es die Regul tun. Stelle keine weiteren Fragen!«
Und sie hielt Niun ihre linke Hand hin und bedeutete ihm damit, daß sie Hilfe beim Aufstehen wünschte. Es schmerzte sie, obwohl sie sehr vorsichtig war.
»Da sind Wolken«, stellte sie fest, als sie nach Osten blickte. »Mögen sie auf die Regul herabkommen.«
* * *
Am Nachmittag war der Himmel völlig bedeckt und ersparte ihnen die Hitze der direkten Sonneneinstrahlung, ließ die Luft kalt werden. Und es wurde klar, daß die Wolken taten, was Melein gewünscht hatte, daß über den Ruinen der Stadt und des Hafens ein Sturm losbrechen würde.
Einmal, als sie über ihre Schulter zur Ebene blickte und zu den Blitzen, die in diesem dunklen Bereich herabzuckten, strahlte sie einen Impuls aus, der das Dus vor Bestürzung stöhnen und vor ihr zurückscheuen ließ. Es war Melein, die das hervorgerufen hatte, denn Niun wußte, daß er daran unschuldig war, und das Dus begab sich danach an seine Seite.
* * *
Die Wolken schütteten jedoch kein Wasser auf sie, und ihre Feldflaschen waren nur noch zu einem Viertel voll, als sie das Ende des langen Aufstiegs erreichten und das Hochplateau betraten, Am späten Nachmittag taumelte Duncan vor Müdigkeit und wä- re nur zu gerne bei jeder Gelegenheit stehengeblieben, aber Niun dachte an die Möglichkeit, daß Flugzeuge nach ihnen suchten, und war nicht bereit, auf offenem Gelände anzuhalten, nicht wegen Duncan.
Oft betrachtete er Melein und fürchtete um sie, aber sie marschierte, ohne den Eindruck übermäßigen Leidens zu machen.
Gegen Sonnenuntergang tauchte eine Luin-Gruppe am Horizont auf, verdrehte Stämme, die vor dem Hintergrund des roten Sonnenlichtes wie eine Luftspiegelung wirkten, nackte Zweige, die nur an den Enden mit kleinen Blättern bestückt waren.
»Dort gibt es Wasser«, erklärte Niun Duncan. »Heute abend werden wir leicht lagern können, und du wirst genug zu trinken haben.«
Und Duncan, der angefangen hatte, nachzuhinken, raffte sich zu einer letzten Anstrengung auf und hielt mit den beiden anderen Schritt, die, ohne beladen zu sein, auf die Bäume zuhielten.
Und wanderte sorglos mit ihnen.
»Vorsicht!« schrie Melein, die es sah, ebenso wie Niun, wie die glasigen Stränge sich im Abendlicht ausbreiteten.
Niun riß die Pistole heraus und schoß, bevor Duncan Zeit hatte, zu begreifen, was ihm widerfuhr. Und die Anemone starb, einen üblen Geruch verbreitend, und die glasigen Stränge wurden schwarz. Aber an den Händen und auf der Stirn, wo sie Duncans Fleisch berührt hatte, leuchtete es plötzlich rot auf, und Duncan, dessen Kleidung mit Fühlern bedeckt war, stürzte hin und wand sich vor Qual im Sand.
»Ch'au!« verfluchte Niun die Dummheit des Menschen. »Still! Lieg still!« Und Duncan blieb daraufhin still liegen und schauderte, als Niun mit der Spitze des Av'tlen die Fühler von seinem Fleisch hob. Er zerrte sie auch von der Kleidung ab und drängte Duncan wieder auf die Füße, damit er stehenblieb, während Niun den schwarzen Stoff nach irgendwelchen durchsichtigen Überresten absuchte.
Dann ging Duncan ein paar Schritte beiseite, und ihm war für einige Augenblicke entsetzlich schlecht.
Niun reinigte das Av'tlen im Sand und schnitt mit ihm in den Stamm eines Luin, der nicht von der Anemone vergiftet worden war. Aus dem Gürtel zog er ein kleines Stahlrohr und schraubte es leicht in die weiche Wunde, und die süße Flüssigkeit begann zu fließen, rein und klar durch den Staub von Kesrith.
Er füllte die erste Feldflasche und reichte sie Melein, damit sie ihrem Durst zur Gänze freien Lauf lassen konnte, denn es gab viele Luin. Er trank die zweite leer und füllte sie wieder an einem zweiten Baum; die dritte Flasche, die er gefüllt hatte, brachte er Duncan, der es nicht geschafft hatte, nach dem Schrecken so krank zu sein, wie er es sich zweifellos wünschte. Der Mensch lag einfach nur auf dem Boden und zitterte.
»Es ist wert, sich daran zu erinnern«, gab Niun Eddans Worte ihm gegenüber nach einem weniger schmerzlichen Zusammentreffen wieder, »daß, wo es Wasser auf Kesrith gibt, auch Feinde und Räuber sind. Der Schmerz ist das einzige, und du hast Glück gehabt. Er wird vorübergehen. Wärest du allein gewesen, hätte die Anemone dich völlig umwickelt, und sie wäre dein Ende gewesen.«
»Ich sage nichts«, sagte Duncan, nahm einen Schluck Wasser und bekämpfte den Schmerz.
»Wenn du zwischen Luin einhergehst, geh mit dem Gesicht zum Licht gewandt, damit die Stränge der Anemonen im Sonnenlicht aufleuchten! Und paß auf, wo du hintrittst!« Er zeigte die Stelle, wo ein Gräber sein Lager hatte – eine Stelle, die durch eine andeutungsweise, flache Senkung markiert wurde. Er schleuderte einen Stein dorthin. Der Sand brach auf, und ein blasser Rücken blitzte und verschwand, als der kleine Gräber wieder tauchte und mit seinem Mantel flatterte, um sich wieder mit Sand zu bedekken.
»Sie sind giftig«, erklärte Niun, »und schon ein kleines Exemplar kann einen Mann sehr krank machen. Aber wenn sie auch groß genug werden, um ein Dus zu umfassen, spielt das Gift für uns keine so große Rolle. Gräber lauern zwischen Luin, an schattigen Plätzen und zwischen Felsen, wo es Sand gibt, um sich zu bedecken. Es gibt nur wenige große Exemplare. Die Ha-dusei essen sie, bevor sie sehr groß werden. Morgen werden wir an einer Stelle vorbeikommen, wo ein sehr großer, alter Gräber liegt. Ich denke, daß er schon daliegt, seit ich lebe. Gräber sind wie Regul; wenn sie so groß werden, bewegen sie sich nicht viel.«
Das kleine, aufgestörte und wütende Exemplar schaufelte sich unter dem Sand weiter, um sich tiefer zwischen den Luin wieder niederzulassen.
Andere Gräber um sie herum veranstalteten ein allgemeines Fortkriechen, und ein harmloser Jo löste sich aus seiner erfolgreichen Imitation der Rinde eines Luin und flatterte im Dämmerlicht davon.
»Trink dich satt!« sagte Niun zu dem bestürzten Menschen und fühlte Mitleid mit ihm. Duncan tat wie geheißen und ließ sich Zeit dabei, während Niun ein Abendessen aus den mitgebrachten Vorräten bereitete. Sie würden sich selbst aus Gräbern so manches Mahl bereiten, obwohl das Fleisch unschmackhaft und zäh wie Gummi war. In dieser Nacht jedoch hatte Melein Schmerzen, und sie hatten die Nacht zuvor und den größten Teil des Tages gehungert. Niun war verschwenderisch und gab Duncan gleichen Anteil, weil er dachte, daß er von Duncans Ausrü- stung alles, was nützlich war, konfisziert hatte, einschließlich der Rationen.
Über dem Himmel in Richtung des Tieflandes zuckten weiterhin Blitze, Pech für die Regul.
Und während sie ruhten, gab das Dus ihnen Wärme und den Wächterimpuls, der das Fernhalten von Ha-dusei ankündigte, so daß sie im Luingehölz sicher schliefen.
Am Morgen sammelten sie ihre Ausrüstung wieder auf, und Niun bedachte diese Angelegenheit mit einem Kauen auf den Lippen und einem Stirnrunzeln, griff sich schließlich brüsk verschiedene Rollen Stoff und das Essen aus der Last des Menschen und lud sie sich selbst auf.
»Für den Fall, daß du nicht achtgibst, wo du hingehst«, sagte Niun mit rauher Stimme, »wird der Gräber, der dich erwischt, nicht auch noch unsere Zuflucht und unser Essen bekommen.«
Der Mensch, auf der Stirn mit einem blutigen Streifen von seinem Zusammentreffen mit der Anemone gezeichnet, betrachtete ihn, und Niun erwartete nicht, daß der Mensch seine Worte vom vorigen Tag vergessen hatte, er würde keine Last tragen. Er funkelte Duncan an und nahm ihm den Mut, etwas dazu zu sagen.
»Ich lerne schnell«, sagte Duncan, und Niun stellte fest, daß zu den Dingen, die Duncan gelernt hatte, die Kunst gehörte, einem Kel'en höflich zu antworten.