8

Noch bevor die anderen sich überhaupt gerührt hatten, hatte Niun bereits begonnen, sich auf die Reise nach Sil'athen vorzubereiten. Er hatte Wasser geschöpft und den rituellen Nahrungsvorrat eingepackt, eine rein symbolische Menge, und den eigentlichen Proviant, der zum Leben diente.

Mit großer Anstrengung holte er den Leichnam Medais aus dem kleinen Schrein und befestigte ihn mit Seilen an der Regul-Trage, auf der er angekommen war. Das Dus, das am Eingang wartete, sah es, schenkte ihm aber gar keine Aufmerksamkeit.

Dann begannen die anderen einzutreffen: Eddan und Pasev und Dahacha und das übrige Kel. Auch die Dusei kamen herunter, und das Miuk-ko am Eingang entfernte sich ein Stück. Dort sank es im Sonnenlicht in sich zusammen, den massigen Kopf zwischen den Pranken, mit geweiteten Flanken. Es befand sich in einem tiefen Schock.

»Miuk«, murmelte Debas, erschrocken darüber, was vor ihren Toren saß.

Pasev jedoch, die ein sanftes Gemüt hatte, obwohl sie schon viele Menschen getötet hatte, ging zu ihm hin und versuchte es anzurufen, wobei sie sich außerhalb seiner Reichweite hielt. Es zog sich jedoch mit einem ärgerlichen Klagelaut zurück und ließ sich ein Stückchen weiter nieder, erschöpft vor Anstrengung. Die Dusei der Edun wichen zur Seite, beunruhigt von der Verzweiflung ihres Artgenossen, die sie spürten, und durch die Gefahr, die er darstellte. Sie bildeten ein festes Knäuel um das Kel und begannen mit jener kreisenden Bewegung des Wächter-Dus, mit der sie das Kel vor der Bedrohung durch den Einzelgänger schützten.

Und die Augen ruhten fragend auf Niun. Er zuckte die Achseln und hob die Taue von Medais improvisiertem Schlitten an. »Es tauchte letzte Nacht im Schrein auf«, sagte er. Er schaute Eddan an. »Es jagte jemanden.«

Und er sah das häßliche Mißtrauen in die Augen des Kel'anths springen: ein weiser Mann, Eddan, wenn er kein Kel'en gewesen wäre. Ruhig drehte Eddan sich um und winkte Pasev, Liran, Debas und Lieth. »Bleibt hier«, sagte er, »und bewacht die She'pan!«

»Eddan«, sagte Pasev. »Die She'pan hat verboten...«

»Jeder, der außer diesen noch bleiben will, mag bleiben. Beschützt die She'pan, Pasev!«

Niun wartete nicht auf sie, sondern brach auf. Schon am Widerstand des Schlittens merkte er, daß er für seine Hartnäckigkeit teuer würde bezahlen müssen, wenn die She'pan und alle anderen ihm eine Möglichkeit gegeben hätten, dieser familiären Pflicht zu entgehen.

Langsam und schmerzerfüllt stemmte das Miuk-ko sich hoch und versuchte, dem Schlitten zu folgen. Es kam nur bis zur Straße und sank dort nieder, erschöpft und am Ende seiner Kräfte.

Die anderen Dusei hielten sich an seiner Seite, eines hielt sich zwischen dem Dus und dem zurückbleibenden Kel und beobachtete das kranke Tier. Sie folgten dem Trauerzug nicht. Sie waren dort nicht erwünscht, sondern hatten das Edun zu beschützen.

Und Eddan und die anderen Kel'ein holten Niun am Hang ein, der zu den Bergen führte, und boten ihre Hilfe am Seil an. Er lehnte sie nicht ab. Es schmerzte ihn, daß sie diese Geste machen mußten, um ihm ihre Kameradschaft zu beweisen, als ob sie ihm das zeigen mußten!

Er verschleierte sich mit einer Hand und senkte den Sichtschutz, schon um die Feuchtigkeit zu erhalten, die er mit seinen schweren Atemzügen sonst verschwendet hätte. Er hatte mehr als die übliche Menge Wasser mitgenommen, wohl wissend, welchen Verlust das für sie bedeutete. Auf Kesrith arbeitete man nicht, denn Arbeit war für Regul-Junglinge und Regul-Maschinen. Anstrengung würde die Feuchtigkeit aus dem Körper wringen und ohne angemessene Vorsichtsmaßnahmen zu Blutungen führen.

Niemand von ihnen sprach jedoch das Offensichtliche aus, daß die Reise schlecht beraten war.

Niemals hatten sich die Kel der Mutter widersetzt, nicht direkt.

Niun kam es in den Sinn, daß die Mutter ein Mittel gehabt hätte, daß sie Eddan direkt hätte einen Befehl geben können. Das hatte sie nicht getan.

Herzlos führte Niun das nicht auf Liebe zurück, sondern darauf, daß sie wieder Komal getrunken hatte und deshalb nicht aufwachen konnte, als Melein ihr seine Ablehnung überbracht hatte. So war Intel, die She'pan von Kesrith. Es war schon vorher geschehen.

Er blieb bei seinem unehrerbietigen Zorn, lehnte es ab zu glauben, daß sie sich hatte erweichen lassen, denn dies war schließlich noch niemals zuvor geschehen, nicht in all den Jahren, in denen er Anliegen an sie gerichtet hatte.

Er glaubte nicht, daß sie jetzt damit beginnen würde, daß er sie bezwungen hatte.


Er weigerte sich, seine Sturheit zu bedauern, selbst als der Weg steiler wurde und die Steine seine Füße quälten und die Luft wie kaltes Feuer in seine Lungen drang.

Im Himmel setzten die Regul-Schiffe ihr Kommen und Gehen fort. Ihre Geschwindigkeit verhöhnte die Agonie der kleinen Gestalten von Mri. Die Schiffe brachten mehr und mehr Regul in Sicherheit, bevor die Menschen kamen und die Welt für sich beanspruchten.

* * *

Die Spur nach Sil'athen war keine Spur, sondern ein Weg, an den sich alle Mri erinnerten, die ihn jemals gegangen waren. Zwischen den Felsen gab es keinen wirklichen Pfad, abgesehen vom Fehlen der größten Hindernisse und vom Vorhandensein von Orientierungspunkten. Niun kannte den Weg, denn Begräbnisse waren in seinem Leben üblich genug, wenn er auch niemals die Zeremonien gesehen hatte, die eine Geburt begleiteten; für die von Melein war er zu jung gewesen. Er zog jetzt allein an den Seilen des Schlittens und folgte Eddans hoher, schlanker Gestalt, zerrte den Schlitten allein zwischen den kleinen Felsen hindurch, bis er seine mitgenommenen Hände mit Falten seiner Gewänder umwickeln mußte, um sie zu schützen. Sein Atem ging schwer, und die Lungen schmerzten; an den Umgang mit Waffen war er gewohnt, aber nicht daran, wie Tsi'mri zu arbeiten. Jeder Höhengewinn von wenigen Schritten machte das Atmen um soviel schwieriger.

»Niun«, sagte der eine oder andere seiner Brüder immer wieder, »laß es mich für eine Weile nehmen.« Aber hier schüttelte er ihre angebotenen Hände ab. Nur die Ältesten, abgesehen von Pasev, der Eddan den Befehl im Edun übertragen hatte, begleiteten ihn auf diesem Weg. Sein Gewissen quälte ihn jetzt, daß seine Sturheit zum Tode eines dieser tapferen alten Männer führen konnte; und sicherlich, dachte er, hatte die She'pan das vorhergesehen, und er war im Bewußtsein seiner eigenen Bedeutung zu blind gewesen, um sich zu überlegen, daß ihre Gründe ihn vielleicht gar nicht betrafen. Er hatte das Schlechteste von Medai gedacht und bereute es jetzt; und es begann ihm zu dämmern, daß er sich auch in anderen Dingen geirrt haben könnte.

Aber jetzt, nachdem sie den Weg begonnen hatten, würde es diese Männer beschämen, zurückzukehren. Er hatte sie mit seinem sturen Stolz hier herausgebracht; er hieß den Schmerz willkommen, der die klaren Gedanken aus seinem Geist vertrieb, eine Sühne für seine Kleinlichkeit ihnen und dem Toten gegenüber. Medai war kein Feigling gewesen, kein Mann mit leichtfertigen Gedanken; dessen war er sich jetzt sicher, daß sein Vetter lange Zeit standgehalten hatte, gegen die Niedertracht seiner Meister, gegen die Götter mochten wissen, was sonst noch.

Und den Grund für all diese Dinge kannte er immer noch nicht.

»Eddan«, sagte er ruhig, als sie sich im Schatten einer hohen Klippe ausruhten und der Sand unter ihnen sich im rötlichen Licht von Arains Zenit kräuselte. Ein Gräber lagerte auf der Ebene unterhalb von ihnen. Niun sah, wie er die Oberfläche aufrührte und Sand hinabrieseln ließ, als er auf den Wind reagierte in dem Glauben, Beute ausgemacht zu haben.

»Ai?«

»Ich denke, du glaubst, daß Medais Tod nicht das war, wofür die Regul ihn ausgegeben haben.«

Eddan, der verschleiert war, machte mit der Hand eine zustimmende Geste.

»Ich denke«, fuhr Niun fort, »daß das Kel bereits darüber gesprochen hat, und daß ich wahrscheinlich der einzige im Kel war, den es überraschte, das herauszufinden.«

Eddan blickte ihn lange an. Die Membrane blinzelte über seine Augen und ließ sie wieder klar aufblitzen. »Niun«, sagte er, »es ist lieblos von dir, anzunehmen, daß wir dir unsere Gedanken in einer solchen Angelegenheit absichtlich verschweigen.«

»Aber vielleicht ist es trotzdem so, Sir, daß ihr Gründe dazu hattet.«

Eddans Hand umklammerte Niuns Handgelenk mit hartem Griff. Eddan hatte ihn in den Yin'ein unterwiesen; niemand war geübter als Eddan oder Pasev darin, eines Menschen Seele geschickt vom Körper zu trennen; ein Zuschauer würde die Bewegung der Klinge nicht wahrnehmen. Und in Eddans Hand wohnte immer noch die Kraft. »Versuche nicht, Regul zu dienen, Niun s'Intel Zain-Abrin. Du dienst der She'pan, und eines Tages wirst du meine Stelle einnehmen. Ich denke, daß dieser Tag bald kommen wird.«

»Falls ich Kel'anth werden sollte«, sagte Niun, den diese Worte der Vorbedeutung mit Kälte erfüllten und der sich nicht sicher war, was sie bedeuteten, »wird es ein sehr kleines Kel sein. Jeder andere ist älter als ich.«

»Du wirst deine Ehre haben, Niun. Das haben wir niemals bezweifelt, nur du. Es wird so kommen.«


Die tödliche Dringlichkeit dieser Aussage verwirrte ihn zutiefst, dieses Drängen Eddans. »Ich habe noch nie gekämpft«, entgegnete er, »wie kann ich da für irgend etwas geeignet sein?«

Wieder zuckte Eddan die Achseln. »Wir sind die Hand, die Planung liegt bei anderen. Aber du kannst gewiß sein, daß du einen Nutzen hast und die She'pan ihn eingeplant hat. Vergiß das nicht. Medai war dafür in Erwägung gezogen und abgelehnt worden. Vergiß auch das nicht.«

Er saß völlig überrascht da, alle seine Überlegungen hatten sich als falsch und nutzlos herausgestellt. »Sir«, sagte er, aber Eddan wandte sich von ihm ab und stand auf, zeigte deutlich, daß er keine weiteren Fragen in dieser Angelegenheit wünschte. Auch Niun erhob sich, suchte eine Möglichkeit, weiter zu fragen, ließ hilflos die Hand fallen. Wenn Eddan nicht antworten wollte, würde er nicht antworten, und es war ziemlich wahrscheinlich, daß Eddan alles gesagt hatte, was er sagen konnte und was er zu sagen wußte.

Die She'pan ist mit seinem Tod zufrieden, hatte Melein gesagt; die Kälte dieser Äußerung hatte ihn erstarren lassen. Und: Medai war in Erwägung gezogen und abgelehnt worden, hatte Eddan ihm berichtet.

Zum erstenmal tat ihm sein Vetter leid, sah er alles von innen nach außen gekehrt.

Er selbst, in seiner jugendlichen Eifersucht... Medai, dessen einziges Verbrechen darin bestanden hatte, einen Blick auf Melein geworfen zu haben, während die She'pan anderes für ihn geplant hatte. Kesrith war eine harte und unbarmherzige Welt. Die Mutter von Kesrith war wie ihre Welt, ohne Gnade.

Seine eigene Sturheit war ihrem Willen zuwidergelaufen. Er hatte ihr getrotzt, ohne ihre Gründe zu kennen. Er hatte etwas getan, was Kel'ein nicht taten, hatte ihre Fähigkeit geprüft, ihn aufzuhalten, zu einer Zeit, zu der das Volk sich Spaltung am wenigsten leisten konnte.

Es war möglich, dachte er, daß nicht allein die Regul Medai getötet, sondern daß die She'pan und sogar Melein ihren Teil dazu beigetragen hatten.

Er bedauerte Medai und fürchtete um sich selbst. Er wünschte sich, er hätte mit ihm gesprochen – jetzt, wo sie beide Männer waren, nicht nur einer von ihnen –, um von Medai zu erfahren, was Eddan ihm nicht sagen konnte. Er blickte auf die schwarzumhüllte Gestalt auf der Bahre, als er die Seile wieder aufnahm und entdeckte, daß er alles Vertrauen verloren hatte.

Er hätte in all diesen Jahren nicht allein sein müssen, dachte er plötzlich, und Medai hätte nicht sterben müssen, und so viele Dinge hätten nicht geschehen müssen, wenn er die She'pan nicht dazu gezwungen hätte, zwischen ihnen zu wählen.

Es waren nicht allein die Regul, die Medai getötet hatten.

* * *

Es war Abend, als sie den heiligen Ort erreichten, die Klippen, die windigen Winkel, in denen die Höhlen von Sil'athen die Toten des Volkes bargen, die vor dem Sonnenbegräbnis gestorben waren. Es gab dort viele, viele Gräber, deren älteste in die Zeit zurückreichten, bevor es Regul auf Kesrith gegeben hatte – und die letzten für jene, die auf Nisren geboren waren und hier Zuflucht gesucht hatten.

Das Tal war ein tiefer Einschnitt zwischen den Klippen, die eine neue Höhenstufe des Hochlandes markierten. Der Sand war hier rot, beginnend mit den Klippen, im Gegensatz zum blassen Tiefland, und die roten Felsen waren gelegentlich von weißen Streifen durchzogen. Wo die Felsen eine feste Kappe trugen, hatten die Winderosion und die brennenden Regenfälle seltsame Säulen und ungeschlachte Formen gebildet, die den Weg durch Sil'athen bewachten und im abendlichen Licht des roten Arain bizarre Schatten warfen. Auf einer der Felsspitzen wuchs eine Anemone, deren Fühler wie Glasfasern mit roten Flecken im Sonnenuntergang glitzerten. Zur Linken des Eingangs lauerte seit vielen Jahren ein Gräber. Die Kel'ein umgingen diesen Wächter in einem weiten Bogen.

Es war eine Schande, hier am Ende zu taumeln. Niun spürte die Bewegung des Sandes unter den Fü- ßen und fing sich, fürchtete zuerst einen kleineren Gräber, den er zuvor nicht entdeckt hatte; aber es war nur ein altes Loch, das nur aus weichem Sand bestand. Er riß sich zusammen, klopfte den Staub von dem Knie, auf das er gefallen war, stemmte sich in die Seile und schüttelte verschiedene angebotene Hände ab. Ein schwarzer Schatten mit roter Tönung legte sich über sein Blickfeld; die nicht länger dem bewußten Willen folgende Membrane hatte sich halb geschlossen. Seine Atemluft schmeckte aufgrund seines eigenen verdampfenden Schweißes nach Salz.

Sie gingen an den alten Gräbern vorbei, den Tausenden des alten Kath aus den Tagen vor den Regul. Dann waren da die zwölf ihres eigenen Kath, entsprechend der Überlieferung mit den Gesichtern nach Westen begraben, der aufgehenden Sonne, der dämmernden Hoffnung zugewandt. Sie waren die Kindergebärer, und zusammen mit ihnen waren die wenigen traurigen Kinder begraben, die für Kesriths rauhe Winde zu empfindlich gewesen waren – Leben, die das Volk hätte bewahren sollen, hätte Intel nicht Kesrith als Heimatwelt gewählt. Die Regul hatten viele Welten angeboten, schöne, grüne Welten; aber Intel hatte Kesrith gewollt. Das hatte sie ihnen gesagt. Die Schmiede eines neuen Volkes, so hatte sie von Kesrith gesprochen. Aber das freundliche Kath war in dieser Schmiede gestorben und hatte sie leer zurückgelassen.

Mit dem Gesicht zum Sonnenuntergang gewandt lagen die Tausende des Sen, ebenso die neunzehn Gräber ihres eigenen Sen. Auch diese waren auf ihre Weise freundlich und verletzlich gewesen, hatten unter Intels Veredelung versagt und Melein und Sathell allein in ihrem Dienst zurückgelassen.

In den höchsten Klippen befanden sich die Gräber der She'panai und der Kel'ein, die sie im Tode bewacht hatten. Man wußte nicht genau, wie viele She'panei es auf Kesrith gegeben hatte. Niun kannte neunundfünfzig. Er wußte auch, daß ein Kel'en nie die ganze Wahrheit kannte. Er dachte daran durch den roten und schwarzen Schleier anderer Gedanken hindurch, während sie sich den Gräbern des Kel zuwandten.

Es waren nur ein paar Hundert, gegenüber den Tausenden anderen, fast so wenige wie die Gräber der She'panei – auf Kesrith. Ihre Toten waren um ein Vielfaches mehr als die des Sen, aber nur sehr, sehr wenige hatten ihr Grab in der Erde gefunden.

Sie blieben an der neuesten Höhle stehen, in der die Veteranen von Nisren begraben lagen; und Niun zwang sich dazu, auf den Füßen zu bleiben, den anderen bei der Entsiegelung zu helfen, den Felsen zu bewegen, bis seine Finger taub wurden, denn diese sturen alten Männer würden alles tun, wenn er ihnen nicht zuvorkam. Er spürte Schmerzen, und sein Blut war auf den Steinen zu sehen, mit denen er Platz für Medai schuf.

Kel'ein wurden nicht wie die anderen begraben. Die anderen Kasten blickten in das Tal von Sil'athen, während das Kel nach außen blickte, gen Norden, der überlieferten Richtung des Bösen. Reihe an Reihe lagen die anderen Toten in der Dunkelheit. Als sie ihre eine Lampe anzündeten, konnten sie sie sehen, vermoderte schwarze Schatten in verfallenen Schleiern und Gewändern, verschleierte Gesichter, die der Nordwand ihrer Höhle zugewandt waren.

Die Luft innen war kalt und roch merkwürdig nach Moder. Die Dunkelheit bedrückte. Niun stand da, einen Moment lang zufrieden damit, nur dazustehen, und ließ die alten Männer Medai an seinen Platz unter den anderen legen. Dann hielten sie inne, blickten nach Norden und sprachen über ihm das Shon'jir, das Ritual des Vergehens. Niun wiederholte die Worte, die anläßlich von Geburten und Begräbnissen gesprochen wurden, die ein Leben des Volkes innerhalb der Welt und außerhalb von ihr verkündeten.

Zwischen der Dunkelheit am Anfang Zur Dunkelheit am Ende, Dazwischen eine Sonne, Aber nach ihr Dunkelheit, Und in dieser Dunkelheit Ein Ende.

Die Worte hallten in der Höhle wider, in der sie einhüllenden Dunkelheit; und Niun blickte den Toten an, dann seine Gefährten, dachte über die Zerbrechlichkeit derjenigen nach, die von der Dunkelheit sangen, und über den dünnen Unterschied des Atems zwischen sich bewegenden Lippen und solchen, die es nicht mehr taten. Schrecken ergriff ihn, Auflehnung, der Wunsch, hinauszurennen, aber er gab dem nicht nach. Seine Lippen formten weiterhin die Worte.

Von Dunkelheit zu Dunkelheit Geht eine Reise. Von Dunkelheit zu Dunkelheit Geht unsere Reise. Und nach der Dunkelheit, O Brüder, o Schwestern, Kehren wir heim.

Er hatte die Worte niemals bedacht. Er hatte sie mit dem Mund geformt, aber niemals gefühlt. Jetzt fühlte er sie, als er sich umsah.

Heim.

Dies hier.

Er blieb reglos stehen, während die anderen hinausgingen, zwang sich dazu, der letzte zu sein, seine Furcht zu meistern. Aber selbst als das Licht der Sterne und von Kesriths erstem Mond wieder über ihm schien, spürte er im Innern diese Kälte, die sich selbst unter vielen Sonnen nicht erwärmen würde.

»Verschließe sie«, sagte Eddan.

Er sammelte die Steine ein, einen nach dem anderen, und setzte sie wieder an Ort und Stelle, fügte sie fest zusammen, versiegelte sie zwischen sich selbst und Medai. Sein Atem ging schwer. Er spürte, daß Tränen über seine Wangen strömten, denn er schämte sich vor Medai.

Nicht wie du, Vetter, nicht wie du, dachte er fortwährend, während er jeden Stein an seinen Platz setzte, eine Bestimmung, eine Wand, die er baute, ein Schutz für die verehrten Toten, ein Schutz gegen den Wind und den Sand und die neugierigen Finger der Suruin, die durch die hohen Berge streiften – einen Schutz für sich selbst gegen die Wahrheit da drin.

Und es war getan, alle Schuld bezahlt. Die Brüder bliesen Staub in den Wind; auch er hob eine Handvoll hoch und tat dasselbe, sagte Lebewohl. Dann ruhten sie sich eine Weile aus, bevor sie den langen, harten Weg zurück ins Edun antraten.

Über ihnen gesellte sich Soah zum ersten Mond und machte ihren Weg sicherer, und sie brachen auf. Eddan ging an der Spitze, benutzte seinen Stab, um in der Dunkelheit Anemonen aufzuspüren, so wachsam, wie es die sein mußten, die ohne Dusei die Wildnis von Kesrith durchquerten; aber Niun begleitete Sirain, der halb blind und sehr gebrechlich war und zu stolz, um Hilfe zu akzeptieren. Oft gab er der Erschöpfung nach und verlangsamte ihr Vorankommen, als hätten die Wunden an seinen Händen und der lange Marsch und die Schlaflosigkeit ihn völlig zugrunde gerichtet. Plötzlich war Stolz für ihn nicht mehr wichtig; das einzig Wichtige war, daß Sirains Stolz gewahrt wurde, daß er nicht starb. Er prahlte nicht mehr vor den anderen mit seiner Jugend. Er entdeckte Kameradschaft mit ihnen, als ob sie und er schließlich etwas begriffen hätten, das er schon vor langer Zeit hätte begreifen sollen.

Sie teilten Wasser und Speisen miteinander – saßen alle sechs nach dem Untergang der Monde in der Dunkelheit und frühstückten. Und die Brüder sorgten sich um seine Hände und boten ihm aus ihrer eigenen Erfahrung vielfachen Rat an, wie sie zu heilen seien. Aber Eddan schnitt den Stengel eines jungen Luin und rieb seinen Saft auf die Wunden – was man als geeignetes Heilmittel für alle Wunden erachtete; es milderte den Schmerz.

Danach wurde die Marschgeschwindigkeit noch geringer, und vielleicht hatte Sirain Niuns sorgfältige Verstellung von Anfang an durchschaut, denn schließlich umklammerte er seinen Arm mit schwachem Griff und gab zu, daß diesmal er selbst eine Weile Ruhe benötigte.

Auf diese Weise kehrten sie heim.

Und es war wiederum Abend, als sie zurückkamen, und der Eingang des Edun wurde ihretwegen erleuchtet, und sie konnten die große Masse des kränkelnden Dus am Tor erblicken.

Am Schluß gab es keinerlei Eile. Niun hatte befürchtet, daß er Sirain würde hochheben und tragen müssen, was für den alten Krieger eine niederschmetternde Schande gewesen wäre. Und wegen Sirain und Eddan, der nun auch litt, gingen sie langsam, obwohl sie es eilig hatten, das Edun zu erreichen, aus Angst vor den Dingen, die in ihrer Abwesenheit passiert sein mochten.

Aber dort am Eingang wartete Melein und hieß sie freundlich willkommen, legte den Schleier ab, als die sich entschleierten, die heimgekehrt waren.

»Ist alles in Ordnung?« wollte Eddan von ihr wissen.

»Es ist alles in Ordnung«, sagte sie. »Kommt herein! Ruht euch aus!«

Mit wunden Füßen und durchfroren traten sie ein, durchquerten die lange Halle zum Schrein, dies zu allererst, um einzeln ihre Gebete zu sprechen und sich die Hände und das Gesicht zu waschen. Und als das getan war, wandten sie sich zu den Stufen des Kel-Turmes, denn sie waren erschöpft.

Aber außerhalb des Schreins wartete Melein.

»Niun«, sagte sie. »Die Mutter will dich immer noch sehen.«

Er war müde. Er fürchtete diese Begegnung. Er wandte ihr grob seine Schultern zu, verließ die Halle und ging zur Tür, um zu sehen, wie es dem Dus ging. Er gab ihm einen Brocken Fleisch, den er aus seinem Reiseproviant aufgespart hatte; aber das Kännchen hatte bereits jemand anders mit Wasser gefüllt.

Das Dus wandte sich von seiner Gabe ab, wollte nichts von ihm. Er hatte das erwartet, trotzdem hatte er es versucht. Erschöpft sank er auf der Schwelle nieder und starrte das Dus hilflos an.

Niemals würden ihn die Tiere tolerieren, und diesem einen hinterbliebenen und leidenden Tier konnte er nicht helfen.

Er gab einen schweren Seufzer von sich, fast ein Schluchzen, und betrachtete im Licht seine blutigen Hände, so empfindlich, so geschickt im Führen der Yin'ein, und zu so etwas geworden. Hier gab es keinen Krieger, keinen, den das Dus erkennen konnte. Es hatte beschlossen zu sterben, wie Medai. Es entdeckte an Niun nichts, was es zum Weiterleben bewegen konnte.

Niun trug die Seta'al und die Waffen und die schwarzen Gewänder; er besaß die Fähigkeiten, aber sein Herz war von Schrecken und Zorn erfüllt, und das Dus, das solche Dinge spürte, wollte ihn nicht.

Er nahm Mez und Zaidhe ab, bündelte sie in der Armbeuge, hob mit der rechten Hand eine Handvoll Staub von der Schwelle und verwischte sie auf der Stirn als Buße für seine Eifersucht.

Dann ging er hinein und die Stufen des innersten Turmes hinauf, des Turms der She'pan. Vorsichtig öffnete er die Tür zur Halle der She'pan und sah, daß Melein zur Linken der She'pan kniete und die Polster zurechtrückte.

»Still«, sagte Melein und klagte ihn mit ihren Augen an. »Sie ist gerade eingeschlafen. Heute hast du dich verspätet. Sei still!«

Aber die She'pan regte sich, als er sich ihr näherte, ihre goldenen Augen öffneten sich, und die Membrane glitt zurück.

»Niun«, sagte sie sehr sanft.

»Kleine Mutter.« Er sank zu ihrer Rechten nieder und bot seinen gesenkten Kopf ihrer freundlichen Berührung an, eine Intimität, die das Kel keinem anderen anbot als nur der She'pan oder einem Gefährten. Ihre Hände ruhten warm auf seiner kalten Haut.

»Du bist in Sicherheit«, sagte sie. »Du bist sicher zurück.« Und als sei das die ganze Last dessen, was sie sich wünschte, sank sie wie ein Kind, das mit seinem Lieblingsspielzeug in der Hand schläft, in ihre Träume zurück.

Niun rührte sich nicht, lehnte den Kopf gegen eine Armstütze ihres Sessels und schlief selbst langsam ein, mit ihrer Hand immer noch auf seiner Schulter. Seine Träume waren unruhig. Manchmal wachte er auf und erblickte die Höhle und die Dunkelheit; und dann sah er das goldene Licht, das sie umgab, spürte die Hand der She'pan auf sich ruhen und wußte, wo er sich befand.

Die Mutter träumte und forderte ihn zurück; möglicherweise verwechselte sie ihn mit jemand anderem. Er wußte es nicht. Er war Kel'en, wie der andere. Er saß an ihrer Seite und schlief gelegentlich, und wußte, daß die Summe all seiner Pflicht ihr gegenüber war, zu leben, bei ihr zu bleiben. Sie hatte Medai abgewiesen, und niemals hatte sie ein Wort des Bedauerns oder des Kummers um ihn geäußert.

Du bist in Sicherheit, hatte sie gesagt.

Die Bande, denen er erst kürzlich entkommen war, umschnürten ihn wieder. Und schließlich gab er seinen Kampf auf und wußte, daß er sich dem Dienst unterwerfen mußte, der von ihm gefordert worden war.

Der Su-she'pani kel'en a'anu.

Der Kel'en der She'pan, wie die in den Klippen.

In den geflüsterten, lange zurückliegenden Tagen vor dem Krieg hatte es solche gegeben, als Mri gegen Mri kämpften und Haus gegen Haus, als She'pan mit She'pan rang.

Ihr letzter Kel'en, der eine – er sah es voraus mit etwas, das er für eine wahre Vision hielt –, der tatsächlich niemals die Dunkelheit der Höhlen des Sil'athen kennenlernen würde; er würde die Barriere für die anderen schließen und als Wächter draußen bleiben.

Er warf Melein einen Blick zu, sah, daß auch sie wach war und in die Schatten starrte; er erkannte, was es sicherlich für sie bedeutet hatte, hier allein zu sein mit Intel.

Auch für sie, befürchtete er.