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Es wurde gefeuert, aus dem Geräusch zu schließen, das unverkennbar war für einen Mann, der einen großen Teil seines Lebens im Krieg verbracht hatte.

Stavros drehte seinen Schlitten so, daß er aus dem Fenster blicken konnte, und erblickte die Lichter von Flugzeugen, die unter den Wolken kreisten. Seine Finger tasteten nach der Tastatur der Konsole und stellten die Schirme mit der Sachkenntnis ein, die ihm erwachsen war: es waren einfache Kontrollen, eine unglaubliche Folge kodierter Signale, an die er sich alle erinnerte. Die Regul hatten ihm die Kodierungen mit einer Haltung selbstgefälliger Verachtung mitgeteilt. Lerne sie, hatten sie ihn mit dem ihnen eigenen Blick herausgefordert, der Wesen von kurzem Gedächtnis zu den Subsapientes zählte.

In dieser Beziehung war Stavros nicht typisch, nicht seit seiner Kindheit auf dem fernen Kiluwa bis zur Unterstellung des Xen-Büros unter seine Leitung auf Halley während des ersten Kontaktes. Er fand an Sprachen nichts Schwieriges und auch nichts an fremdartigen Gebräuchen oder dem Erkennen provinzieller Kurzsichtigkeit, ob sie nun bei Menschen oder anderen auftrat.

Er war Kiluwaner durch seine Treue, eine Unterscheidung, die weder die Regul noch die meisten Menschen trafen. Kiluwa war eine abgelegene Kolonie im ersten Stadium gewesen, bevölkert von religiösen Traditionalisten, die die Schreibkunst als Sünde und Erziehung als Besessenheit betrachteten. Er war vor hundert Jahren dort geboren worden, bevor das friedliche, exzentrische Kiluwa ein Verlust der Mri-Kriege geworden war.

Eine Anzahl Kiluwaner hatten sich im Dienst ausgezeichnet. Es gab sie nicht mehr, sie gehörten zu den Verlusten vor vierzig Jahren beim Gegenschlag für Nisren. Stavros hatte überlebt. Es war charakteristisch für seine kiluwanische Erziehung, daß er dazu bewegt worden war, die Art verstehen zu lernen, die die Vernichtung von Kiluwa befohlen hatte. Regul waren das gewesen, keine Mri. Also studierte er das Phänomen Regul – Geister, die sehr der Vollkommenheit ähnelten, nach der man auf Kiluwa gestrebt hatte. Und sie hatten alles zerstört, was Kiluwa errichtet hatte. Es gab, wie die Lehrer auf der Universität einmal gesagt hatten, darin einen ›Rhythmus der Gerechtigkeit‹, ein Zusammentreffen auslöschender Kräfte. Nun war ein Kiluwaner gekommen, um die Regul abzulösen, und der Rhythmus, an den beide gebunden waren, setzte sich fort.

Er lernte die Methoden der Regul und suchte nach einer Lösung. Er beobachtete Niedertracht, Kälte und selbstsüchtige Ambitionen ebenso wie eine Verehrung des Geistes. Die Furcht vor den Regul war dem Verlangen gewichen, wie sie zu sein. Es gab keine Spur von Kummer um Kiluwa, dessen Traum innerhalb dieser mangelhaften Wirklichkeit Fleisch geworden war. Und es gab noch Wahrheiten jenseits dessen, was er bis jetzt hatte aufnehmen können, Mängel und Tugenden, die der Biologie der Regul inhärent waren. Er erkannte das und fing endlich an, den Zwang zur ewigen Fortführung der Art und zur Bevölkerungskontrolle zu begreifen – die Trennung in bienenvolkartige Strukturen, in zeugende Ältere und Junglinge, in Docha, die entfernt den Nationen entsprachen. Er erlangte Ahnungen über den Wert von Verträgen, durch die Docha, die nicht an der Übereinkunft beteiligt gewesen waren, gebunden und doch nicht gebunden waren.

Die Menschen hatten einen Vertrag mit Holn geschlossen und mußten sich plötzlich mit Alagn auseinandersetzen. Und Alagn hielt sich an die Übereinkunft.

Äußerlich wenigstens.

Die Dinge hatten den Punkt der Wahrheit erreicht. Die ganzen langen Stunden des Tages und in die Nacht hinein hatte Stavros dagesessen und Duncans Abwesenheit verdeckt, hatte jede Täuschung angewandt, abgesehen von der direkten Lüge, die die Regul nicht verzeihen würden. Im Verstreichen der Stunden war in ihm eine Gewißheit gewachsen, erstens darüber, daß Duncan etwas entdeckt hatte, das so nicht hätte sein dürfen, anderenfalls er rasch zurückgekehrt wäre, zumindest, sobald die Dunkelheit ihm die versteckte Möglichkeit dazu gab. Und als er beim Hereinbrechen der Nacht noch nicht zurückgewesen war, da war sich Stavros auch sicher, daß etwas, das so nicht hätte sein dürfen, Duncan gefunden hatte.

Die Behauptungen gegenüber den Regul wurden zu einer Scharade, die nicht einfach aufrechtzuerhalten war. Sie konnten den ObTak ermorden und einfach vergessen, es in den morgendlichen Berichten zu erwähnen. Und ohne Stavros' Freigabe würde kein Mensch auf Kesrith landen, zumindest nicht friedlich und ohne jede Möglichkeit zum Widerstand beseitigt zu haben.

Die Regul begriffen das sicherlich.

Er saß da und lauschte dem Feuer, und wußte noch während es andauerte, daß Duncan wahrscheinlich noch am Leben war.

Stavros hatte zu seiner Zeit Politik gestaltet, eine neue Welt besiedelt und eine Universität gegründet. Er hatte diplomatische und Kriegsstrategien entwikkelt, hatte über Menschenleben in einer Zahl verfügt, in der Schiffe und Mannschaften als entbehrlich eingestuft worden waren, in der Leute wie Sten Duncan zu Hunderten gefallen waren.

Aber er hörte das Feuer, ballte seine rechte Faust und quälte sich in dem verzweifelten Versuch, mit all seiner Kraft seine gelähmte Linke zu bewegen. Er war an den Schlitten gebunden. Er war dazu gezwungen, Geduld zu haben.

Auf dem Hafen gab es eine neue Katastrophe. In den Funksprüchen der Regul, denen er lauschte, gab es Hinweise darauf, daß ein Schiff gelandet war, und daß es nicht als Freund der Regul gekommen war.

Menschen, Regul-Rivalen oder Mri. Stavros konnte gut genug vermuten, was Duncan dazu veranlaßt hatte, seine Zeit zu überziehen. Führen Sie keinen Zwischenfall herbei, hatte er den Burschen angewiesen, obwohl er wußte, daß Duncan nur wenig tun konnte, um irgend etwas herbeizuführen. Es wartete von selbst darauf, zu geschehen, überall um sie herum. Stavros hat gespürt, wie es wuchs, hatte es im Schweigen der Regul und an der im Nom herrschenden Spannung gespürt.

Die Regul versuchten, etwas Unerlaubtes zu tun. Menschliche Interessen waren in Gefahr. Und kein Wort der Freigabe würde die menschliche Mission, sobald sie eintraf, von seiner Seite aus erreichen, ganz egal, welchem Zwang man ihn aussetzen würde.

Wenn es nicht das war, was bereits passierte.

Stavros war kein Mann, der Ereignisse heraufbeschwor. Er dachte vielmehr nach, und sobald er davon ausgehen konnte, daß die Chancen ausgeglichen waren, war er zur Tollkühnheit fähig. Er hielt es nicht für nötig, weiterhin mit Gastgebern zu kooperieren, die ihn und Duncan entweder zu töten oder nicht zu töten wagen würden. Es war an der Zeit, ihnen ihren Bluff vor die Nase zu halten.

Er tastete an der Konsole, fuhr den Schlitten herum und öffnete die Türen. Er durchquerte Duncans Apartment und brachte den Schlitten mit einer glatten, gut eingeübten Folge von Kommandos und einem Schwenk nach rechts auf die Geleise, die durch die Korridore führten.

Junglinge sahen ihn und staunten, plapperten Proteste, die er ignorierte. Er kannte seine Befehle, berechnete die geeigneten Bewegungen, nahm eine Kurve und fegte zu der Seite des Gebäudes, die dem Hafen gegenüberlag. Dort hielt er an, schaltete sich in die Fensterkontrollen ein, erhellte die Fenster und ließ die Sturmschilde zurückfahren.

Ein weiteres Schiff, tatsächlich.

Und Lichter schwebten über die Ebenen, leuchteten grell durch den Schleier aus Rauch und Dampf, als Flugzeuge den Boden mit ihren Strahlern abdeckten.

Ah, Duncan, dachte er bedauernd.

Ein Jungling erreichte ihn, ganz außer Atem. »Menschenältester«, sagte es. »Wir bedauern, aber...«

Wo ist Bai Hulagh? forderte er über seinen Schirm, was das Jungling beträchtlich verblüffte. Jungling, suche den Bai für mich!

Das Jungling floh, so schnell Regul einen Abgang nur machen konnten. Stavros riß den Schlitten herum, fuhr nach links, fädelte sich auf eine Schiene ein und schoß die Rampe hinab, raste um die Ecke und gelangte in das Erdgeschoß des Noms, aus dem man sie sorgfältig ferngehalten hatte.

Hier verließ er die Schienen und steuerte von Hand weiter, raste durch eine Ansammlung plappernder Junglinge. Mri, hörte er, und Mri-Schiff und Alarm.

Und sie wichen ihm aus, bis eines erkannte, daß der Schlitten, für sie ein Symbol der Autorität Erwachsener, einen Menschen enthielt.

»Kehr zurück!« forderten sie. »Kehr zurück, Ältester!«

Bai Hulagh. Sofort! beharrte er und weigerte sich, sich zu bewegen, und sie wagten nichts dagegen zu tun. Als sie in großer Verwirrung anfingen, durcheinanderzumurmeln, steuerte Stavros den Schlitten zwischen ihnen hindurch und durchquerte bedächtig das Erdgeschoß, in dem die Luft unter den Angriffen draußen auf den Ebenen und das Gebäude unter den Erschütterungen vibrierten. Er notierte sich geistig, wo es Türen und Zugänge gab, und wo es möglich war, mit dem Schlitten hinein- oder herauszugelangen.

Eine Botschaft blitzte auf dem Empfänger auf.

Es war das Zeichen von Hulagh, auf das Hulaghs Gesicht folgte. »Geschätzter älterer Mensch«, sagte Hulagh, »bitte kehren Sie sofort in Ihr Quartier zurück!«

Ich kann mir nicht vorstellen, daß es sicher ist, buchstabierte Stavros geduldig. Wo ist mein Assistent?

»Er hat unseren Rat mißachtet und ist in eine gewisse Situation hineingeraten«, sagte Hulagh mit bemerkenswerter Offenheit, so daß Stavros' Hoffnungen abrupt wieder anstiegen. »Mri sind gelandet, wie ich bedauerlicherweise zugeben muß, ehrenwerter Vertreter. Diese Mri sind Gesetzlose und darauf aus, Schwierigkeiten zu machen. Ihr Jungling ist irgendwo mitten in der Sache drin, ganz entgegen unseren Warnungen. Bitte erleichtern Sie uns unsere Aufgabe, indem Sie in die Sicherheit Ihres Quartiers zurückkehren.«

Das lehne ich ab. Stavros schaltete ein Fenster auf Durchsicht. Ich werde hier von den Fenstern aus zusehen.

Hulaghs Nasenlöcher klappten zu und bauschten sich wieder auf. »Dieser Mangel an Kooperation ist tadelnswert. Noch sind wir hier die Autorität. Wir verlieren diese Autorität nicht bis zur Ankunft Ihrer Mission. Sie sind nur auf unsere Zustimmung als Beobachter hier.«

Demzufolge werde ich beobachten.

Wieder das zornige Aufblähen. »Dann tun Sie es, auf eigene Gefahr. Falls Ihr Jungling gefunden werden sollte, werde ich ihn davon in Kenntnis setzen, daß Sie seine Dienste vermissen und er gut beraten wäre, zu Ihnen zurückzukehren.«

Ich sollte dankbar sein, buchstabierte Stavros mit Bedacht. Wenn mein Volk kommt, werde ich es informieren, daß Sie für keinerlei Verzögerung beim Abzug verantwortlich sind falls mein Helfer sicher wiedergefunden wird und es auf dem von uns ausgesuchten Landeplatz keine Schä- den gibt, ebensowenig an notwendigen Einrichtungen, wie diesen Gebäuden oder den Wassergewinnungs- und Energieanlagen. Sollte es jedoch zu solchen Dingen kommen, könnten andere Schlüsse gezogen werden.

Es herrschte Schweigen. Bai Hulagh blieb auf dem Schirm sichtbar, während er über diese Absichtserklärung nachdachte. Stavros hatte Zorn, Drohungen und Aufbrausen erwartet. Statt dessen wurden ruhigere Gefühle auf dieser knochigen Maske von einem Gesicht erkennbar, verraten nur durch das rasche Auf- und Zugehen der Nasenlöcher.

»Falls der menschliche Gesandte uns zusichert, daß das tatsächlich der Fall ist und eine gütliche Übereinkunft erreicht werden kann, werden wir jeden Versuch unternehmen, diese Einrichtungen zu erhalten und uns um eine lebendige Wiederauffindung Ihres Junglings bemühen. Es wird jedoch erforderlich sein, den menschlichen Gesandten davor zu warnen, daß es auf dem Hafen zu unumgänglichen Maßnahmen kommen wird und es für die Sicherheit des Nom und aller, die sich darin aufhalten, vorzuziehen sein wird, wenn sich der ehrenwerte menschliche Älteste dazu entschließt, seine Beobachtungen aus sicherer Entfernung über die Leitungen vorzunehmen und nicht durch die Fenster. Ihre Beachtung, Gnade, Sir.«

Ich verstehe. Gnade, Sir. Ich gebe mich für den Augenblick damit zufrieden, daß Sie Ihr Äußerstes tun. Freiwillig hätte er nicht auf seine Aussicht durch die Fenster verzichtet, denn er traute dem begrenzten Ausblick, den die Übertragungssysteme der Regul ihm gewährten, nicht; das Sperrfeuer war jedoch heftig, und die Fenster schüttelten sich unheilvoll, und er fing an, der Warnung des Bai Glauben zu schenken. Das Regul-Gebäude unterlag wiederholten Erschütterungen. Er wußte, daß die Warnung des Bai ehrlich gemeint war.

Es blieb nur die Frage, wodurch das Feuer ausgelöst wurde. Die Regul, so erinnerte er sich, während er dem Sturmschild zufuhr, logen nicht.

Also stimmte es, daß Mri gelandet waren und sich Sten Duncan irgendwo draußen auf den Ebenen befand – aber den Regul unterstellte man niemals etwas. Der Boden erzitterte, und Sirenen heulten durch das Gebäude.

Stavros setzte den Schlitten auf eine Schiene und raste zur zentralen Vorhalle zurück, wo ihm eine Gruppe von Junglingen wild zuwinkte und versuchten, ihm alle zusammen auf einmal Instruktionen zu geben.

»Schutz, Verehrung, Schutz!« riefen sie und zeigten in eine weitere Halle, zu der eine Rampe hinabführte. Er überlegte und kam zu dem Schluß, daß es im Moment weise sein konnte, auf sie zu hören.