6

Im Osten ging die Sonne auf, ein weiterer von den Tagen begann, an denen Niun in den Hügeln war, um zu wandern, zu jagen und mit den Waffen zu üben, und zu anderen Dingen, die ihn beim Ausfüllen der einsamen Stunden halfen und dabei, die Eintönigkeit seiner Tage zu mildern.

Heute jedoch konnte ihn nichts dazu bringen, die Nähe des Edun zu verlassen. Er suchte die Funkstation oben im Sen-Turm auf; in einem Edun, in dem die starre Formalität durch seine geringe Größe aufgelokkert worden war, erlaubte man es ihm, sich gelegentlich dort aufzuhalten. Er trieb sich auch am Haupteingang herum und suchte schließlich, von seiner Ungeduld getrieben, den Felsen am Gipfelpunkt des Straßendammes auf, um in den zunehmenden Glanz der weißen Ebenen zu starren und mit angestrengten Augen nach jedem Anzeichen einer Bewegung aus Richtung des Hafens Ausschau zu halten.

Schon so lange hatte er nichts Gutes mehr zu erwarten gehabt. Jetzt genoß er die Erwartung, haßte das Warten und fand doch auch wieder Geschmack an diesem Gefühl; er blickte der Begegnung mit gemischten Gefühlen entgegen und verlangte gleichzeitig verzweifelt nach der Kameradschaft, die sie versprach. Er hatte Medai nicht geliebt. Er erinnerte sich an die Rivalität mit seinem Vetter, an seine – nach so vielen Jahren konnte er mit sich selbst ehrlich sein – Eifersucht auf ihn. Er bemühte sich, diese von ihm früher gepflegten Gefühle zu vergessen. Er sehnte sich nach Medais Anwesenheit, wünschte sie sich verzweifelt und inbrünstig. Alles war besser als diese langandauernde Einsamkeit, dieses Wissen über den langsamen, unwiderruflichen Niedergang des Edun.

Am Grund all seiner Gedanken gab es auch noch eine leise Regung der Hoffnung – die Annahme, daß Medai herbeigerufen worden war, daß er der erste von vielen war, die noch kommen würden, daß die She'pan die Aktion angeregt hatte und es in der Zukunft des Volkes noch Bewegung gab.

Schon an tausend vorangegangenen Tagen hatte er da gesessen, wo er jetzt wieder saß und nach der winzigen Ablenkung suchte, die seinen Geist beschäftigen konnte: das Zappeln eines Insektes, das langsame und gefährliche Erblühen einer Anemone, der Start oder die Landung eines Schiffes auf dem Hafen; er wünschte diesen Schiffen Schlechtes, stellte sich Katastrophen und wichtige Landungen vor, die irgendwie das Muster seiner Existenz verändern würden. Schon so oft hatte er das getan, daß ihm jetzt die Erkenntnis schwerfiel, es mit der Wirklichkeit zu tun zu haben, daß das Spiel an diesem Morgen, der tausend anderen Morgen so sehr ähnelte, Substanz besaß. Selbst die Luft schien lebendig zu sein. Sein Herz klopfte so heftig und seine Muskeln waren so verkrampft, daß ihm Brust und Bauch schmerzten und er beinahe das Atmen vergaß, wann immer ihm seine Augen die Illusion einer Bewegung vorspiegelten.

Aber im vollen Mittagslicht erhob sich in der Ebene am Anfang des Straßendammes ein Federbusch aus Staub, zeigte sich eine Reihe dunkler Gestalten, die langsam emporkamen. Niun saß auf dem Felsen am Gipfelpunkt des Straßendammes und senkte seinen Sichtschutz, um sich vor dem Dunst des Tageslichts zu schützen und die Gestalten einzeln erkennen zu können.

Vor Jahren hatte er schon einmal zugesehen, wie Fahrzeuge die Straße heraufgekommen waren. In Anbetracht der Entfernung, der Größe des Objekts und der Staubmenge schien diesmal genau dasselbe zu geschehen. Ein Empfinden von Falschheit wuchs in ihm, ein Klumpen in seinem Magen bildete ein Gegengewicht zum Schlagen seines Herzens. Er preßte die Glieder zusammen, schlang die langen Arme um die Knie und beobachtete. Er hatte keine Lust, loszulaufen und den anderen Bescheid zu sagen. Regul. Regul kamen herauf.

Früher einmal hätte er sich über solch einen ungewöhnlichen Besuch gefreut, aber an diesem Morgen war das anders. Jetzt freute er sich nicht. Nicht, wenn Mri-Angelegenheiten im Gang waren, wichtiger als alle Regul.

Nicht, wenn Mri-Angelegenheiten im Gang waren und die Regul sich vielleicht einmischen würden.

Plötzlich fiel ihm ein, daß die She'pan unbedingt erfahren mußte, was da den Hügel heraufkam. Er erkannte sechs Fahrzeuge und einen sich bewegenden Punkt weiter in der Ferne, von dem er noch keine Einzelheiten erkennen konnte – aber es schien ein siebtes Fahrzeug zu sein.

Soweit er sich erinnern konnte, hatte noch nie zuvor eine solche Zahl von Regul das Edun besucht.

Er glitt von dem Felsen herunter und lief mit langen Schritten, die sich schnell in unkontrolliertes Rennen verwandelten, bergabwärts; würdelos zwar, aber er war zu alarmiert, als daß er sich um Äußerlichkeiten gekümmert hätte. Atemlos rannte er auf das Edun zu.

Bevor er jedoch mit seiner Warnung dort ankam, kamen bereits andere zur Tür heraus – nur schwarze Gewänder des Kel, keine goldenen. Niun verlangsamte seinen Schritt und erreichte sie atemlos, wobei er versuchte, seine Schmerzen zu verbergen. Schweiß bedeckte seine Haut und trocknete rasch wieder, als ihn die feuchtigkeitshungrige Luft aufsog. Auf Kesrith rannte man nicht, das hatte man Niun schon hundertmal beigebracht. Die düsteren Notwendigkeiten der Welt wogen schwerer als die Natur der Jugend.

Niuns Lungen schmerzten; die Luft, die er atmete, wies den scharfen Geruch des Blutes auf. Keiner der Kel'ein wies ihn wegen seiner Hast zurecht; er spürte ihre Stimmung und fand sie auch in der Haltung der Dusei wieder, die mit dem Kel aus dem Edun gekommen waren. Eines der Dusei erhob sich auf die Hinterbeine und schnupperte im Wind. Schwer fiel es wieder auf alle viere herab, wirbelte dabei den weißen Staub auf und schnaubte vor Schmerz.

»Yai, yai!« rief Kel Dahacha den Dusei jenes bedeutungslose Wort zu, das zwischen Dus und Kel'en tausend verschiedene Bedeutungen besaß. Alle neun scheuten unter der Abweisung zurück und liefen dann mit gespitzten Ohren neben dem Edun eine Schleife. Einige setzten sich. Hin und wieder stand eines von ihnen auf und lief den Kreis der Dusei Gruppe ab, jedesmal ein anderes, und ständig beobachtete dieses eine die herankommende Karawane von Regul-Fahrzeugen und stieß leise Warnlaute hervor.

Das Kel war verschleiert, da es Außenstehende treffen wollte. Niun schob seinen Mez einen angemessenen Grad höher und nahm seinen Platz in der schwarzen Reihe ein, als einer unter vielen. Kel'anth Eddan jedoch faßte ihn am Ellenbogen und führte ihn an die Spitze der Gruppe.

»Hier«, sagte Eddan, kein Wort mehr. Niemand würde dem Kel in solcher Stimmung belanglose Fragen stellen. Niun schwieg, und sein Herz krampfte sich angesichts von Eddans Geste vor Angst zusammen. Selbst in seinem Alter war er noch ein Novize und gehörte nicht hier zwischen Eddan und Kel Pasev, die ältesten Meister des Kel, in die vorderste Reihe des Frage-und-Antwort-Spieles mit Regul.

Solange er nicht persönlich betroffen war.

Oder ein Verwandter.

Plötzlich wußte er, daß durch den Sen-Turm eine Botschaft ins Edun gelangt sein mußte, daß das Edun von Ereignissen erfahren hatte, während er an diesem Tag alleine dasaß und eine vergebliche Erwartung von Freude gehegt hatte.

Irgend etwas schrecklich Falsches mußte passiert sein, da Regul zwischen Mri-Verwandte getreten waren.

Die Regul-Karawane, deren Motorengeräusch jetzt hörbar war, suchte langsam ihren Weg bergauf. Die blaßrote Sonne sank dem Horizont entgegen. Draußen in der Ebene spie ein Geysir: Elu, einer von denen, die mit gefährlicher Zufälligkeit ausbrachen, die keinen Plan einhielten. Der Ausbruch dauerte eine Zeitlang an, erreichte in seiner charakteristischen Schrägneigung die zehnfache Größe eines Mannes und zerteilte sich dann rasch. Es war möglich, jeden der Geysire auf den Ebenen an seinem charakteristischen Muster und seiner Örtlichkeit zu erkennen. Niun rechnete damit, daß nun, nachdem Elu ausgebrochen war, Uchan nur wenig später dasselbe tun würde. Es war ein wunderbarer Moment der Ablenkung, an dem es nicht nötig war, über die bedrohliche Reihe der dunklen Fahrzeuge nachzudenken, die sich den Hang heraufarbeiteten.

Eines – zwei – drei – vier – fünf – sechs.

Sechs Landschlitten. Niemals zuvor waren mehr als zwei auf einmal zum Edun gekommen. Niun traf diese Feststellung schweigsam. Das Kel umstand ihn vollkommen steif, wie Statuen, an denen Gewänder im heftigen Wind flatterten. Jeder Kel'en hielt die rechte Hand mit den Fingern in den Gürtel geklemmt, an dem die As'ei in der Scheide steckten. Andere Kel'ein würden dies als Warnung erkennen. Als bloße Tsi'mri hatten die Regul wahrscheinlich nicht den Sinn dafür. Nichtsdestotrotz war es eine Frage der Höflichkeit, Eindringlinge darauf hinzuweisen, daß sie unerwünscht waren, ob der Eindringling nun den Verstand dazu hatte, die Warnung zu erkennen, oder nicht.

Die Schlitten hüpften über die letzten Unebenheiten der ansteigenden Straße und hielten schließlich gegenüber dem Kel und auf gleicher Höhe mit dem Vordereingang des Edun in einer Staubwolke an. Die Motoren wurden abgeschaltet und hinterließen eine plötzliche Stille. Regul öffneten die Türen und stiegen geschäftig aus: volle zehn Junglinge, finster und freudlos, sogar ohne ein sichtbares Zeichen von Arroganz. Eines von ihnen war der Nom-Wächter Hada Surag-gi. Niun erkannte ihn an den Abzeichen und an den Gewändern, was die beste Methode war, einen einzelnen Regul zu identifizieren. Auch war es wahrscheinlich, überlegte Niun bitter, daß der Regul Hada Surag-gi seinerseits ihn am sichtbaren Fehlen von Abzeichen erkannte. Aber das Jungling trat Eddan – und damit zwangsläufig auch Niun – gegenüber, ohne ein Zeichen des Erkennens zu geben. Hadas Augen verweilten nicht einmal auf ihm. Es gab auch kein Zeichen von Überheblichkeit. Hada Suraggi sog Luft ein und wiegte sich nach vorne – bei Regul eine Höflichkeitsbezeugung.

Es gab eine angemessene Mri-Antwort darauf, eine Geste des guten Willens auch auf ihrer Seite. Aber Eddan machte sie nicht, und demzufolge regte sich keiner der Mri. Die Hände blieben in der Nähe der As'ei.

»Gnade«, sagte Hada Surag-gi. »Wir überbringen äußerst tragische Nachrichten.«

»Wir sind darauf vorbereitet, deinen Worten zuzuhören«, erwiderte Eddan.

»Wir gehen davon aus, daß unser Ältester euch informiert hat...«

»Bringt ihr uns Medai?« fragte Eddan rauh.

Mit einem Heben der Füße, einer für Regul merkwürdigen Bewegung, drehte sich Hada um. Er schloß die Hände zu einer Geste, die seine Assistenten zur Ausführung ihrer Pflichten aufforderte. Sie schlurften um den zweiten Schlitten herum, öffneten seinen Laderaum und hoben auf einer Bahre eine weiße, in Plastik gehüllte Gestalt heraus. Sie trugen sie herbei und setzten sie zu Füßen von Hada Surag-gi vor dem Kel vorsichtig auf den Boden.

»Wir bringen die Überreste von Medai«, sagte Hada.

Niun wußte es bereits, wußte es schon nach Hadas ersten Worten. Er bewegte sich nicht, senkte nicht einmal seinen Sichtschutz. Diese Reglosigkeit hätten einige seiner Brüder als Selbstbeherrschung auffassen können, aber es war nur Betäubung. Er lauschte ihren Bewegungen um sich herum, als würden sie und er sich an verschiedenen Orten befinden – als ob er dem Geschehenen aus der Ferne zuschaute und dabei das Fleisch von Niun s'Intel ohne Wahrnehmung und ohne Teilnahme zurückließ, wie das von Medai s'Intel.

»Sind die Menschen denn schon so nahe?« fragte Eddan, denn es war Brauch, daß die im Krieg gefallenen Toten des Volkes dem kalten Weltraum übergeben wurden, in dem sie gestorben waren – oder noch besser in die Feuer der Sonnen, als Erinnerung an die Entstehung des Volkes. Man tat dies lieber, als sie in einer langen und unbequemen Reise von der Front fortzubringen, um sie in der Erde zu vergraben. Wenn sie die Wahl hatten, würden alle Angehörigen des Volkes ein Erdbegräbnis ablehnen. Es war seltsam – sogar mit ihrer geringen Kenntnis der Mri –, daß Regul dies mißverstanden und den Fehler gemacht haben sollten, einen toten Mri zu seinem Edun zurückzubringen.

Die Regul-Junglinge – die in ihrem ganzen Verhalten jetzt überhaupt keine Arroganz an den Tag legten – ließen ihre Nasenlöcher flattern und zeigten auch auf andere Weise Unwohlsein über ihren Auftrag.

Schuldig, das war der bittere Gedanke, der Niun kam, während er sie betrachtete. Er kehrte in seinen Körper zurück und fixierte die Augen von Hada Surag-gi, wollte, daß das Jungling seinen Blick erwiderte. Einen Moment lang tat Hada dies und schreckte zurück.

Die Regul fühlten sich schuldig und unbehaglich bei dieser Begegnung und versuchten, weniger als die Hälfte von dem zu sagen, was sie wußten. Niun zitterte vor Zorn. Sein Atem ging heftig. Das Kel bewegte sich nicht. Völlig still stand es da, eins mit dem Geist Eddans, der es führte, der es mit einem Wort zu etwas veranlassen konnte, was kein Mri jemals getan hatte.

Hada Surag-gi verlagerte das Gewicht auf den krummen Beinen und wich ein wenig von dem verhüllten Leichnam zwischen ihm und dem Kel zurück. »Kel'anth Eddan«, sagte es, »sei gnädig. Dieser Kel'en verwundete sich selbst und wies Hilfe durch unsere medizinischen Möglichkeiten zurück, obwohl wir ihn vielleicht hätten retten können. Wir bedauern dies, aber wir haben niemals versucht, euren Glauben zu verletzen. Wir überbringen euch auch das Bedauern von Bai Hulagh, in dessen Dienst sich dieser Kel'en einen großen Ruf erwarb. Bai Hulagh bedauert tief, bedauert zutiefst, daß dieses Zusammentreffen so unglücklich ist, daß er die Bekanntschaft des Volkes in solch einem traurigen Moment macht. Er läßt euch sein Beileid ausrichten und drückt seinen äußersten persönlichen Schmerz über diesen Zwischenfall aus...«

»Dann ist Bai Hulagh der neue Befehlshaber dieser Zone. Was ist mit Bai Solgah? Was ist mit den Holn?«

»Sie sind weg.« Hada verschluckte das beinahe, gewann seinen Impuls aber schnell zurück. »Und der Bai möchte dir, Kel'anth, versichern...«

»Ich nehme an«, sagte Eddan, »daß Kel Medai erst vor kurzem ums Leben gekommen ist.«

»Ja«, bestätigte Hada, von seiner vorbereiteten Rede abgebracht. Sein Mund arbeitete, versuchte, Wörter zu bilden.

»Selbstmord.« Eddan benutzte das gewöhnliche Regul-Wort, obwohl die Regul die Bedeutung des Mri-Wortes Ika'al, kannten, wo es den rituellen Tod eines Kel'en bezeichnete.

»Wir protestieren...« Durch den direkten Blickkontakt mit dem Kel'anth schien dem Jungling der Faden seiner Gedanken zu reißen, was bei den eidetischen Regul eigentlich völlig unmöglich war. »Dieser Kel'en befand sich in tiefer Melancholie, und wir weisen energisch die Vermutung zurück, daß sie etwas mit der Übertragung der Befehlsgewalt auf Bai Hulagh oder dem Machtverlust der Holn zu tun hatte. Wir fürchten, daß du die falschen Schlüsse ziehst. Wenn du vermutest, daß...«

»Ich habe mit meiner Äußerung keinerlei Schlüsse gezogen«, sagte Eddan. »Meinst du, daß welche gezogen werden könnten?«

Der nun schon mehr als nur einmal unterbrochene Regul war von einem Argument, das keines war, bestürzt – so verwirrt, wie es Regul beim Umgang mit Mri leicht wurden. Er blinzelte rasch und versuchte, sich wieder zu sammeln. »Kel'anth, ich protestiere, sei gnädig, wir haben nur gesagt, daß sich dieser Kel'en vor seiner Tat in tiefer Melancholie befand, daß er auf eigenen Wunsch hin in seinem Quartier eingeschlossen worden war und alle Versuche zurückwies, ihn über seine Not zu befragen, und dies hatte nichts mit der Ernennung von Bai Hulagh zu tun, in keiner Weise, Sir, in keiner Weise. Bai Hulagh wurde Dienstherr dieses Kel'en, und dieser Kel'en erwarb sich bei verschiedenen Aktionen in seinem Dienst einen großen Ruf. Alles war in Ordnung. Aber nachdem der Frieden angekündigt worden war, zeigte sich Kel Medai in zunehmendem Maße melancholisch.«

»Du bist vom Nom«, unterbrach Niun, der es nicht länger ertragen konnte, und Hada Surag-gi blickte ihn mit geweiteten schwarzen Augen an, die vor Überraschung das Weiße zeigten. »Wie kommt es, daß du einen genauen Bericht vom Geisteszustand eines Kel'en geben kannst, der sich auf einem weit entfernten Schiff befand?«

Es war nicht an ihm gewesen, zu sprechen. Für einen jungen Kel'en war ein solches Verhalten vor Fremden ein Ausbruch, kein akzeptables Benehmen. Aber das Kel stand reglos, während Hada Surag-gi den Mund aufriß und wieder zu einem Strich zusammenpreßte.

»Ältester«, protestierte es gegenüber Eddan.

»Vermag der Sprecher des Bai die Frage zu beantworten?« wollte Eddan wissen. Es war eine Rechtfertigung, für die Niun tiefe Dankbarkeit verspürte.

»Nur zu gerne«, erwiderte Hada. »Ich kenne diese Tatsachen, weil sie mir der Bai selbst genau so berichtet hat, von Angesicht zu Angesicht, mit seinen Worten. Wir hatten keine Ahnung davon, daß der Kel'en eine solche Tat erwog. Es lag nicht an irgendeiner Abneigung seinem Dienst gegenüber.«

»Aber es ist vollkommen eindeutig«, sagte Eddan, »daß Kel Medai davon ausging, genügend Grund für ein Ausscheiden aus seinem Dienst zu haben, und zwar einen solch schwerwiegenden Grund, daß er Ika'al wählte, um euch loszuwerden.«

»Das lag zweifellos am Ende des Krieges, das dieser Kel'en nicht wünschte.«

»Es ist merkwürdig«, meinte Eddan, »daß er Ika'al gewählt hat, wo er doch wußte, daß er zur Heimatwelt zurückkehrte.«

»Er war verzagt«, sagte Hada Surag-gi, ein unlogischer Gedanke, den der Regul nicht als unlogisch zu begreifen schien. »Er war für sein Tun nicht verantwortlich.«

»Du sprichst zu seinem Verwandten«, sagte Eddan scharf. »Er war ein Kel'en, kein Dus, das verrückt wird. Er war zur Heimatwelt unterwegs. Was du sagst, ist nicht vernünftig, es sei denn, der Bai hat gegen seine Ehre verstoßen. Ist es möglich, daß das geschehen ist?«

Unter dem Stich von Eddans rauher Stimme zog sich der Regul etwas zurück.

»Fragen allein genügen nicht«, sagte Eddan und bannte Hada Surag-gi mit seinem Blick. »Sag uns, wo und wann Kel Medai starb!«

Der Regul wollte das keineswegs beantworten. Er sog Luft ein und veränderte sichtbar seine Farbe. »Gnade, Kel'anth. Er starb am gestrigen Abend auf dem Schiff des Bai.«

»Auf dem Schiff von Bai Hulagh.«

»Kel'anth, der Bai protestiert...«

»Hat zwischen dem Bai und dem Kel'en irgendeine Art von Diskussion stattgefunden?«

»Sei gnädig. Der Kel'en war verzagt. Das Ende des Krieges...«

»Der Bai machte diesen Mri verzagt«, sagte Eddan und brachte damit das Jungling vollkommen aus der Fassung.

»Der Bai«, sagte Hada, dessen Nasenlöcher sich unter raschen Atemzügen dehnten und verengten, »forderte von diesem Mri, auf dem Schiff und in Dienst zu bleiben. Der Kel'en lehnte ab und wollte sofort gehen, ein Privileg, das der Bai allen verweigert hatte, sogar sich selbst. Es waren bestimmte Umstände zu beachten. Es ist möglich...« Die Haut des Junglings wurde immer blasser, während er sprach. Die Lippen brachten die Worte nur zögernd hervor. »Kel'anth, ich erkenne, daß deine Augen möglicherweise eine Schuld sehen. Aber wir haben die Handlungen dieses Kel'en nicht verstanden. Der Bai befahl ihm, zu warten. Aber der Kel'en nahm diesen Befehl zum Anlaß, so etwas zu tun, Wir wissen nicht, warum. Wir versichern dir, daß wir über diesen traurigen Vorfall äußerst bekümmert sind. Kesrith befindet sich in einer Zeit der Krise, in der dieser Kel'en für den Bai und sicherlich auch für euch von großem Wert gewesen wäre. Der Bai schätzte den Dienst von Kel Medai. Wir unterstreichen wiederum, daß wir die Quelle seiner Bitterkeit uns gegenüber nicht verstehen.«

»Vielleicht habt ihr nicht gefragt und nicht zugehört«, sagte Kel'anth Eddan.

»Sei gnädig. Kesrith ist an die Menschen abgetreten worden. Wir sind dabei, alle Bewohner Kesriths zu evakuieren. Auch für die Mri von Kesrith werden Vorkehrungen getroffen. Der Bai wünscht, daß das Schiff ständig bemannt ist, und er wünscht natürlich, daß die Mannschaft...« Das Jungling bewegte sich verlegen und sah Eddan an, der sich nicht bewegte. »Das sind Angelegenheiten, über die wir keine Kontrolle haben. Wenn der Kel'en doch nur den Bai über seinen dringenden Wunsch informiert hätte, daß in seinem Fall eine Ausnahme gemacht würde...«

»Kel Medai hatte beschlossen, aus seinem Dienst zu scheiden. Er hat recht getan. Wir wollen über diese Sache nicht weiter mit Jungling-Regul sprechen. Verlaßt uns jetzt.«

Dies war deutlich gesagt, und die Regul zogen sich Schritt für Schritt zurück, immer schneller, je näher sie ihren Schlitten kamen. Hada war weder das erste noch das letzte, das sich setzte. Die Luken wurden geschlossen, die Motoren angeworfen; die Landschlitten drehten rumpelnd auf der engen und verfallenen Straße eine ungeschickte Kurve und zogen sich so langsam, wie sie gekommen waren, den langen Abhang hinunter zurück.

Niemand regte sich. Nun, da die Regul fort waren und das Kel mit seinem Toten zurückgelassen hatten, standen die Kel'ein wie erstarrt.

Und plötzlich erschienen im Eingang – mit goldenen und weißen Gewändern – der Sen'anth und Melein und, auf ihre Arme gestützt, die She'pan selbst.

»Medai ist tot«, sagte Eddan, »und die Welt wird bald an die Menschen übergeben, wie wir angenommen haben.« Er hob seine gewandeten Arme, um die She'pan von dem Anblick abzuschirmen. Melein trat einen Schritt vor, nur einen Schritt: es war ihr verboten. Sie verschleierte sich, senkte den Kopf und wandte das Gesicht ab; und ebenso verschleierten sich die She'pan und der Sen'anth, was sie nur in Gegenwart von etwas Nichtannehmbarem taten.

Sie kehrten ins Edun zurück. Der Tod war die besondere Domäne des Kel – sowohl ihn zuzufügen, als auch ihn zu erleiden; und am Kel lag es, die Anstandsformen zu wahren.

Für einen Verwandten aus seinen Reihen war das eine persönliche Verpflichtung.

Niun wußte, daß man von ihm erwartete, diese Aufgabe zu übernehmen. Er erkannte, daß es die anderen danach verlangte, ihm zu helfen, etwas zu tun, und er öffnete die Hände und erlaubte es ihnen. Bisher hatte er den Riten nur zugehört, sie noch nie selbst durchgeführt, und er wollte weder sich selbst noch Medai durch seine Unwissenheit beschämen. Er und alle, die Platz zum Anfassen hatten, hoben die Bahre auf und gingen durch die Tore des Edun zum Pana'drin, dem Schrein, um den zurückgekehrten Medai dort vorzustellen, wo er sich zu allererst selbst vorgestellt hätte, hätte er noch gelebt.

Niuns Hände fühlten die Wärme der Bahre; er blickte auf den weißen Gegenstand hinab, der sein Vetter gewesen war, und der Schock, der ihn bis jetzt betäubt gehalten hatte, fing an, sich in ein anderes Gefühl umzuwandeln, in einen tiefen und hilflosen Zorn.

Es war nicht richtig, daß so etwas geschehen war. Es gab keine Gerechtigkeit, wenn so etwas geschehen konnte. Er entdeckte, daß er vor Wut zitterte – einer Wut, die ihn zum Töten verleiten konnte, wenn es jemanden oder etwas gab, wogegen er diese Wut hätte richten können.

Aber da war niemand. Er versuchte, gar nichts zu empfinden; das war leichter, als eine Richtung für den Groll zu finden, der in ihm kochte. Er hatte gehofft, er versuchte, von nun an nicht mehr zu hoffen. Die Welt war verrückt, und Medai hatte sich zu dieser Verrücktheit gesellt.

Mein letzter Sohn, hatte die She'pan Niun genannt. Nun stimmte es.