15
Das Edun erwachte still, und still erledigte das Volk seine tägliche Routine. Niun kehrte zum Kel zurück, das jetzt leer wirkte und trauerte. Eddan kehrte nicht zurück.
Pasevs Augen zeigten den mitgenommenen Blick, der von wenig Schlaf zeugte, aber sie saß unverschleiert da und hatte ihre Gefühle unter Kontrolle. Niun brachte ihr zum Frühstück eine besondere Portion, und es schmerzte ihn, daß sie nicht essen wollte.
Nach dem Frühstück sprachen die Brüder Liran und Debas miteinander, erhoben sich, legten die Gürtel mit all ihren Ehrenzeichen an, sowie Mez'ein und Zaidh'ein, und sagten Lebewohl.
»Wollt ihr alle gehen?« fragte Niun erschreckt, ohne gefragt worden zu sein und am falschen Ort. Dann blickte er zu Pasev hinüber, die am meisten Grund hatte, zu gehen, und es nicht tat.
»Ihr könntet gebraucht werden«, sagte Pasev zu den Brüdern.
»Wir werden spazierengehen und uns des Morgens erfreuen«, sagte Liran. »Vielleicht finden wir Eddan und Sathell.«
»Dann berichtet Eddan«, sagte sie sanft, »daß ich ihm folgen werde, sobald ich die Verpflichtungen, die er mir überlassen hat, erfüllt habe. Lebt wohl, Brü- der!«
»Lebt wohl«, sagten beide gleichzeitig, und das gesamte verbliebene Kel wiederholte »Lebt wohl«, und die beiden Brüder gingen gemeinsam den Turm hinunter und hinaus auf die Straße.
Niun stand in der Tür und sah ihnen nach, wobei er eine tiefe Melancholie empfand und einen Kloß im Halse hatte, als er danach über ihre Abwesenheit nachdachte. Sie gingen weiter auf den Horizont zu, zwei schwarze Gestalten; und der Himmel war von Schatten erfüllt und bedrohlich, und sie hatten auf ihrer Reise nicht einmal soviel Unterstützung, wie sie die Dusei boten, denn keines von den Tieren war zurückgekehrt. Auch das Miuk-ko war vom Eingang verschwunden und vielleicht im Sturm umgekommen. Dusei gingen fort, um zu sterben, allein, genau wie Kel'ein, die keine Hoffnung mehr in ihrem Leben fanden.
Sie waren Intel und Kesrith treu, dachte er, und sahen das Ende von beiden voraus. Sie konnten jetzt nicht mehr helfen, und so gingen sie fort und nahmen ihre Ehren mit sich, wünschten nicht, von einem jungen Kel'en begraben zu werden, der zu sehr mit seinen Pflichten überlastet war, um sich um sie kümmern zu können.
Vergangene Nacht hatten sie das Ritual gesungen, und das war ein schlechtes Omen – das wußten sie alle. Es war, als hätten sie es über Kesrith selbst gesungen, und Niun sah auf einmal voraus, daß überhaupt nur wenige der Alten an Bord des Schiffes gehen würden.
Sie mochten Intels Traum nicht. Sie hatte ihnen die Wahrheit in ihren Riten gezeigt, und sie hatten es nicht so gewollt. Sie hatten nur die alten, vertrauten Wege erkennen können.
Intel hatte ihnen Veränderungen versprochen, und sie wollten sie nicht haben.
Niun war anders geformt, geprägt von Intels Hand und Intels Wünschen, und die Treue zu Melein würde ihn an Intels Traum gebunden halten. Er blickte zu der Stelle zwischen den Felsen, an der die Brüder verschwunden waren, und er hätte laut über das weinen können, was ihm daraufhin über sie und ihn bewußt wurde, denn Pasev würde eher ihnen folgen, als mit dem Schiff ins Ungewisse zu fliegen, nachdem es sie nicht verlangte. Und ihr würden wiederum andere folgen. Niun würde nie wie einer von ihnen sein. Er war schwarz und einfach gekleidet, ohne Ehren und ungeübt und auf andere Weise geformt. Das Kel der Dunkelheit, hatte sie gesagt, ist ein anderes Kel.
Er war es, der bereits in der Dunkelheit stand; die anderen hatten den Schatten verlassen und waren in das gegangen, was sie kannten.
Er wandte sich, um im Edun die Ruhe des Schreins für seinen Geist zu suchen. Sein Herz fror ihm angesichts dessen, was er auf den tiefer gelegenen Kammlinien entdeckte, denn dort bewegten sich Schatten, eine Reihe hinter der anderen.
Dusei.
Darunter auch viel zu viele der Ha-dusei, viel zu viele.
Über ihm erstreckte sich der rot und mit düsterem Grau gemusterte Himmel. Sturmfreunde waren die Dusei, kannten das Wetter. In den Tagen vor Errichtung des Edun hatten sie sich dort unten mit Wasser versorgt. Die Dus-Ebene wurde das tiefe Flachland genannt. Die Dusei kamen, als spürten sie die Veränderung in den Winden, als erwarteten sie das Fortgehen der Regul, das die Dus-Ebene den Dusei zurückgeben würde.
Warteten.
Von der Sturheit der Regul wurde berichtet, daß die ersten Mri die Regul ernsthaft gemahnt hatten, ihre Stadt anderswo zu bauen, wie auch das Edun vorsichtshalber abseits der Ebene errichtet worden war, in Respekt vor dem Band zwischen Mri und Dusei; die Regul jedoch wollten felsigen Grund haben, auf dem ihre Schiffe landen konnten, hatten die umliegenden Gebiete entsprechend erforscht und nur auf der Dus-Ebene den für einen Hafen geeigneten flachen, felsigen Boden vorgefunden. Also hatten sie dort gebaut, eine Stadt war dort gewachsen, und die Ha-dusei waren fortgegangen.
Aber jetzt kehrten die Dusei zurück, zusammen mit den nicht jahreszeitgemäßen Regenfällen und den zerstörerischen Winden. Sie saßen da und warteten.
Und die Dusei hatten sogar die Mri verlassen.
Niun zuckte die Achseln, ein halbes Zittern, trat ein und blieb stehen und wünschte sich, diese Nachricht nicht dem Kel oder der She'pan überbringen zu müssen. Das Kel trauerte, die She'pan war noch in ihren Träumen verloren – während Melein, ihre Erwählte, sich verschleiert und allein im Sen-Turm eingeschlossen hatte. Niun schickte einen verlangenden Gedanken gen Himmel, durch die spiralenförmigen Korridore, die sich über ihm erstreckten – daß die AHANAL ihre Ankunft beschleunigen möge, denn er glaubte, die endlosen Stunden bis zum Abend nicht ertragen zu können.
Alles, was er dachte, an diesem Tag tun zu können, war sinnlos, denn dies war ein Haus, in das sie niemals zurückkehren würden, während draußen das Wetter drohte, Blitze durch den Himmel zuckten und der Donner grollte.
So ließ er sich am Eingang nieder, beobachtete das gesamte Tiefland unterhalb von ihm, die Dampffahnen der Geysire, so vorhersagbar wie die Stunden, die Wolken von Sturmwinden verzerrt und dahingetrieben. Es war ein kalter Tag, so kalt, wie sonst nur wenige Tage auf Kesrith waren. Er zitterte und sah den schweren Regentropfen zu, die in die Pfützen platschten, die einen Himmel in der Farbe von Feuer und Zinn widerspiegelten.
Ein schwerer Körper trottete durch den nassen Sand. Ein schnaufender Atemzug ertönte, und ein Dus trottete mit hängendem Kopf um die Ecke. Andere folgten. Erschreckt stolperte Niun auf die Füße, denn er wußte nicht, in welcher Stimmung die Tiere waren. Sie kamen naß und mit schlammbedeckten Tatzen und schnüffelten sich an ihm vorbei ihren Weg in das Edun und grollten in dem Tonfall des Hungers, der von einem Dus in beträchtlicher Ungeduld kündete. Er zählte sie, während sie an ihm vorbeizogen: eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, und zuletzt das Miuk-ko als siebentes, durchnäßt und steif, und es warf sich in die Pfütze zu Füßen der schrägen Mauern und trank mit seiner grauen Zunge in großen Schlucken das Wasser zwischen seinen mächtigen Tatzen.
Drei kamen nicht wieder. Niun wartete, und währenddessen wuchsen in ihm Erleichterung und Unruhe gleichzeitig – Erleichterung deshalb, weil ein zurückgelassenes Dus gefährlich und bedauernswert war; Unruhe deswegen, weil er nicht wußte, wie sie es erfahren hatten. Vielleicht hatten die drei, die jetzt fehlten, ihre Kel'ein gefunden.
Oder vielleicht hatten sie alles mit dem merkwürdigen Gespür der Dusei herausgefunden und nach ihnen gesucht.
Vielleicht waren sie schon weit weg auf dem Weg nach Sil'athen. Niun hoffte das ernsthaft. Es wäre sowohl für die Männer als auch die Dusei am besten so.
Er ging zu den Vorratsräumen im Keller des Kath. Jemand mußte sich um die Dusei kümmern.
Und als erstes versorgte er das Miuk-ko, das zum erstenmal den Ort seines Trauerns verlassen hatte und dann zurückgekehrt war. Er hoffte, daß es jetzt anders dachte.
Es wollte jedoch nicht fressen. Vielleicht, dachte er, hatte es während der Stunden seiner Wanderung gefressen, aber er glaubte nicht daran. Er ließ das Futter auf der trockenen Kante der Stufe stehen und ging, um den anderen ihre Portionen zu bringen.
Abgesehen von der Beharrlichkeit und der Geringschätzigkeit der Dusei, abgesehen von Melein, die in ihrem Turm trauerte, hatte sich das Edun in einen Ort der Träume verwandelt, und über allem hing ein Gefühl der Endgültigkeit, über dem Dus am Tor, den alten Männern und den alten Frauen. Niun schlich mit äußerster Stille durch seine Aufgaben, als ob er, noch lebend, durch die Höhlen von Sil'athen wandelte.
Und am Abend kam das Schiff.
* * *
Die She'pan schlief, als sie es herabkommen hörten, und die, die vom Kel übriggeblieben waren, eilten auf die Straße hinaus, um es zu sehen, und müde Gesichter lächelten, und in Niuns Herz nisteten Zweifel. Dahacha ergriff impulsiv Niuns Arm und drückte ihn, und er blickte in die sonnenumfalteten Augen und spürte, wie ein unausgesprochener Segen auf ihn überging.
»Dahacha«, flüsterte er, »willst nicht wenigstens du mitkommen?«
»Wir, die wir nicht gegangen sind, werden mitkommen«, sagte der alte Mann. »Wir werden dich nicht allein ziehen lassen, Niun Zain-Abrin. Wir haben Überlegungen angestellt. Hätten wir das nicht getan, wären wir mit Eddan gegangen, wie es Liran und Debas getan haben.«
»Ja«, sagte Palazi, der an Niuns anderer Seite stand. »Wir werden uns mit der Kel'anth besprechen.«
Es traf Niun wie ein Schlag auf eine Wunde, daß sich das jetzt auf Pasev bezog.
Der Aufruhr bei der Landung des Schiffes wurde in Lichtern sichtbar, im Flackern von Regul Scheinwerfern, die schlangengleich zur entfernten Seite des Feldes krochen, mit halber Lichtstärke im roten Dämmerlicht des Abends. Die Augen der Regul waren nicht an Nachtsehen angepaßt.
»Kommt!« forderte Pasev, und alle folgten ihr durch die Hallen zum Turm der She'pan.
Dort war Melein, stand neben Intel, berührte ihre Hand und versuchte damit, sie zu wecken, aber es war Pasev, die den Arm der She'pan mit festem Griff packte und sie aus ihren Träumen schüttelte.
»She'pan«, sagte Pasev, »She'pan, das Schiff ist da.«
»Und die Regul?« Die Träume verschwanden aus den goldenen Augen der She'pan und die Schärfe kehrte zurück, gebündelt und nach Kontrolle strebend. »Wie nehmen die Regul das hin?«
»Das wissen wir noch nicht«, erwiderte Pasev. »Sie sind aufgeregt, mehr haben wir nicht sehen können.«

Intel nickte. »Keinen Kontakt über Radio. Die Regul würden es abhören. Auch die AHANAL wird sich an diese Vorsichtsmaßnahme halten.« Sie kämpfte mit den Polstern, einen leichten Ausdruck von Schmerz im Gesicht, und Melein richtete sie für sie. Intel seufzte und atmete einen Moment lang leichter.
»Sollen wir dich, Kleine Mutter«, fragte Dahacha, »zum Schiff bringen? Wir können dich tragen.«
»Nein«, sagte sie mit einem traurigen Lächeln. »Eine She'pan ist die Wächterin der Pana. Für mich führt kein Weg zum Schiff, bis diese Sorge für mich endgültig erledigt ist.«
»Laß uns dich«, sagte Dahacha daraufhin, »hinunter auf die Straße tragen, so daß du den Hafen sehen kannst.«
»Nein«, beharrte Intel. Und dann berührte sie Dahachas Hand auf der Armlehne ihres Sessels und lä- chelte. »Hab keine Angst. Ich bin im Besitz meiner Fähigkeiten und im Besitz dieses Edun und dieser Welt, und das werde ich bleiben, bis ich genau weiß, daß meine Zeit gekommen ist. Eure Zeit wird nicht kommen, bis es meine ist. Versteht ihr mich?«
»Ja«, sagte Pasev.
Intel begegnete dem Blick der Kel'anth und nickte befriedigt. Aber dann streifte ihr Blick durch den Raum, zählte vielleicht die Gesichter, und schloß die Augen.
»Liran und Debas sind vor einer Weile fortgegangen«, sagte Pasev. »Wir haben ihnen Lebewohl gesagt.«
»Ich gebe meinen Segen«, murmelte Intel pflichtbewußt.
Pasev neigte zustimmend ihr Haupt. »Ich werde dir dienen«, sagte sie, »bis die She'pan mich entläßt. Es gibt immer noch genug von uns, um zu tun, was getan werden muß.«
»Das wird nicht mehr lange dauern«, sagte Intel. »Niun, mein Kind«, fügte sie hinzu und streckte die Hand aus.
Er kniete vor ihr nieder, nahm ihre Hand in seine, senkte seinen entblößten Kopf auf ihre Hand, fühlte, wie ihre Finger aus seiner Hand glitten und die Geste des Segens machten.
»Geh hinaus«, sagte sie, »geh zum Schiff und sprich von Angesicht zu Angesicht mit den Besuchern! Höre dir an, was sie zu sagen haben! Antworte weise! Es kann sein, daß du eigenständige Entscheidungen treffen mußt, junger Kel'en. Und sei vorsichtig! Wir haben beinahe schon damit aufgehört, den Regul zu dienen.«
Etwas streifte über seinen Kopf. Er fühlte, wie das Gewicht auf seinem Nacken ruhte, und griff danach, und seine Finger schlossen sich um kaltes Metall. Als er es umdrehte und auf das Amulett an einer Kette blickte, erkannte er die offene Hand, das Emblem des Edun Kesrithun, und Intels seidenweiche Finger berührten sein Kinn und hoben sein Gesicht, so daß sich ihre Augen begegneten.
»Es ist nur ein J'tal«, sagte sie mit weicher Stimme. »Aber ein Meister-J'tal. Erkennst du es, mein letzter Sohn?«
»Es ist eine Ehrung«, sagte er, »für den Kel'en einer She'pan.«
»Trage es gut«, sagte sie, »und beeile dich! Zeit ist jetzt wichtig.«
Sie stieß ihn mit den Fingern an, und er stand auf, fürchtete beinahe die Blicke der anderen, der Kel'ein, die selbst mit solch einem J'tal hätten geehrt werden können, wo er doch der jüngste und letzte unter ihnen war. Aber er begegnete keinem Neid, nur der Freude, als sei dies etwas, dem sie alle zustimmten.
Er zog seine Hausgewänder aus, und drinnen im Zimmer der She'pan legten alle mit Hand an, um ihn für seinen Gang vorzubereiten, beeilten sich, ihm die Siga zu bringen, die er beim Gehen über das staubige Land tragen würde, und Zaidhe und Mez. Und sie überreichten ihm ihre Waffen, sowohl Yin'ein als auch Zahen'ein, die besser waren als seine eigenen. Und mit einem Lächeln, einem Lachen, das einen Aberglauben verwarf, der älter war als die Erinnerungen des Volkes, nahm Palazi ein Glücksamulett aus seinem Gürtel und reichte es ihm, ein Kriegermädchen, das ihm von seinem Glück gab.
»Jahre und Ehren«, sagte Palazi.
Er umarmte den alten Mann und andere und kehrte mit vor Anstrengung klopfendem Herzen zu seiner letzten eiligen Verbeugung zu ihren Füßen zur She'pan zurück. Aber nachdem er ihren Kuß auf seiner Stirn empfangen hatte, ließ sie ihn nicht sofort gehen, sondern blickte ihm auf eine Weise ins Gesicht, daß das Blut in ihm gefror.
»Du bist schön«, sagte die She'pan zu ihm, wobei Tränen in ihren goldenen Augen schwammen. »Ich habe große Angst. Sei vorsichtig, jüngster Sohn!«
Das Volk glaubte nicht mehr mit großer Inbrunst an Voraussagungen, nicht mehr, als Niun wirklich an Palazis Glückwunsch glaubte; aber er erschauerte. Es gab Mri-Vernunft und Regul-Vernunft, und immer nur an das zu glauben, was durch Erfahrung erwiesen werden konnte, war die Methode der Regul, nicht die der Mri.
Eine, die schon so lange gelebt hatte wie Intel, konnte Gründe haben, die er nicht verstand. Sein ganzes Leben hatte er in Gegenwart des Verbotenen und Unbegreifbaren verbracht; und meistens war die She'pan Intel einbezogen gewesen. She'pan, Bewahrerin der Mysterien.
»Ich werde vorsichtig sein«, sagte er, und daraufhin ließ sie ihn ziehen. Er wich Meleins Augen aus, als er aufstand, denn sollten die She'pan und ihre Erwählte irgend etwas ihn Betreffendes miteinander teilen, wollte er bei dieser Mission nicht damit belastet sein.
»Vertrau keinem Regul!« sagte die Kel'anth. »Nimm alles wahr, was du siehst!«
»Ja«, stimmte er ernsthaft zu, ergriff Pasevs Hände und drückte sie sanft, um damit den Brüdern und der Schwester seiner Kaste Lebewohl zu sagen.
Dann wandte er sich rasch ab und ging mit langen Schritten, die ihn eilig die spiralenförmige Treppe hinabtrugen, an den aufgeschriebenen Namen der Geschichte und der Helden des Volkes und der Wahrheit aller Dinge vorbei, auf die Intel ihn hingewiesen hatte und die er nicht lesen konnte. An diesem Tag empfand er ihre Bedeutung, das Andenken an seine Vorfahren.
Alles, alles, was Intel sich ersehnt hatte, war ihm zuteil geworden, und sie war endlich fähig gewesen, ihn gehen zu lassen, ihn zu werfen wie die As'ei beim Shon'ai. Und sie hatte ihn nicht verloren. Diese Alten hatten ihm zuviel Liebe erwiesen, als daß er dabei hätte versagen können, die Wünsche Eddans, Intels, Pasevs, Debas' und Lirans zu erfüllen. Sie waren erst sichergegangen, daß er auch Erfolg haben würde, bevor sie ihm zur Mission der She'pan verholfen hatten.
Er durchquerte den Haupteingang, und schloß die Tore hinter sich vor der Nacht, und er erblickte die monströse Gestalt des Miuk-ko, ein Schatten neben der Tür. Der große Kopf wurde gehoben, und die Augen starrten Niun unsichtbar in der Dunkelheit an.
Vielleicht, dachte er mit einem Optimismus, den auch hundert Wiederholungen dieses Kommen und Gehens nicht zerstört hatten, vielleicht diesmal. Es wäre gut, wenn es zumindest diesmal geschähe, daß es mich braucht, wie ich es brauche.
Aber es brummte nur, wandte das Gesicht ab und legte den mächtigen Kopf in den Schlamm. Männlich, weiblich oder keins von beiden; noch nie hatte jemand das Geschlecht eines Dus mit Sicherheit bestimmen können, noch herausgefunden, warum sie zu einem Mri kamen und es ablehnten, zu einem anderen zu gehen; ob dieses eine jetzt begriffen hatte, daß Medai nicht zurückkehren würde, ob es trauerte oder einfach aus Dummheit hungerte und darauf wartete, daß Medai es füttern würde, das konnte Niun nicht ergründen.
Mit einem traurigen Achselzucken ging er seines Weges, hatte diesen halben Schritt kaum innegehalten. Diesmal war sein Vorbeigehen jedoch anders, denn Dinge, die das Dus nicht begriff, hatten sich verändert, waren dabei, sich zu verändern, standen im Begriff, sich zu verändern. Und das Dus, das ihn zurückgewiesen hatte, war verurteilt.
Es war wahrscheinlich, daß die Menschen die Dusei vernichten würden. Die Regul schon hätten es freudig getan, hätten die Tiere nicht unter dem Schutz der Mri gestanden. Die Größe und die sich langsam fortbewegende Kraft der Dusei ähnelte sehr der der Regul, aber die Regul haßten die Dusei instinktiv. Regul konnten sich nicht, wie die Mri, gegen das Gift der Krallen immunisieren; sie konnten sich nicht wie die Mri der Einfachheit der Tiere überlassen. Deswegen flohen die Regul sie.
Und die Unbehaglichkeit, die die Begegnung mit dem Dus in Niun ausgelöst hatte, verblieb in ihm, solange er zu den Ebenen unterwegs war, zu den Dampffahnen der Geysire unter den windverzerrten Wolken. Er roch den Wind, spürte dessen vertraute Kraft, als sei sie ein lebendiges Etwas.
Er ertappte sich dabei, wie er die vertrauten Plätze betrachtete, die er in seinem Leben gesehen und kennengelernt hatte, und jedesmal dachte er: dies ist beinahe schon das letzte Mal. Im Herzen verspürte er Aufregung und im Magen Unsicherheit, die nichts mit Heldentum oder Begeisterung zu tun hatte. Seine wachen Sinne nahmen die ganze Welt auf, die Düfte der Erde, ätzend und naß, die Berührung des feuchten, heißen Atems der Geysire, die jeder seinen Namen und seine Eigenschaften hatten.
Seine Welt.
Die Heimatwelt.
Das Kel war so unbeständig wie der Wind, aber fä- hig dazu, die Welten zu lieben, auf denen sie heimisch wurden. Es traf ihn, daß sie nicht wußten, wohin sie gehen würden, daß Intel von der Dunkelheit sprach, als sei sie ein Ort, als besäße sie Dimensionen und Tiefe und Dauer, wie die Welt selbst. Ihm fiel ein, daß er, nachdem er Kesrith verlassen haben würde, vielleicht nie wieder Erde unter seinen Füßen spüren konnte. Die Dunkelheit enthielt Versprechungen, darauf hatte die She'pan beharrt, aber Niun konnte sich nicht vorstellen, was sie versprach.
Und jetzt mußte er mit Kel'ein sprechen, die keine alten Männer mit weitreichenden Gedanken waren – Kel'ein, die nur den Krieg kannten, die heikel in ihrem Stolz und den Vorrechten ihrer Kaste waren, auf eine Weise, wie es das freundliche Kel von Kesrith nie gewesen war.
Er würde im Kel von Fremden leben, bei denen es Kath'ein gab, die auf Verlangen ihm gehören würden – und die Möglichkeit, Kinder zu zeugen, seine private Unsterblichkeit zu sehen. Er würde der Sohn einer She'pan sein, der Wahrbruder einer anderen, am meisten geehrt nach den Fen'ein, den Ehemännern, die sie wählen würde, mit den Kel'e'ein und Kath'ein des Edun ihre Kinder zu zeugen – wenn er den Nachfolgekampf überleben würde.
Vor ihm erwuchsen Wahlmöglichkeiten in einer verwirrenden Anordnung, in schwindelndem Überfluß, eine Zukunft mit Dingen, die weder festgefügt noch vorhersagbar, noch sicher waren.
An Stellen, wo stinkender Schwefel und Dampf seinen Weg verbargen, wo Wasser von kürzlich besprühten Felsen tropfte und der heiße Untergrund weitere Eruptionen vorbereitete, ging er rasch vorbei. Er hatte einen genauen Zeitplan. Die dünnen Krusten zu seiner Rechten lagen auf kochendem Wasser und Schlamm. Die Kante, auf der er entlangging, würde des Gewicht eines Mri tragen, aber nicht das eines Regul oder Dus. Die Regul hatten bittere Lektionen über Kesriths Ebenen gelernt; sie verließen jetzt nicht mehr die Sicherheit ihrer Schlitten und Flugzeuge, der sorgsam ausgesuchten Straßen und Landeflächen. Die Menschen würden lange Zeit brauchen, um das Land kennenzulernen, falls sie es jemals wagten, die Sicherheit der Regul-Stadt zu verlassen.
Einige würden sicher beim Lernen sterben. Ein paar Mri war das auch widerfahren.
Er konnte aufhören, sich darum zu kümmern, was Menschen taten. Das Volk würde aufgesammelt werden und fortgehen, alle von ihnen, Dahacha und Palazi und die anderen, und auch Intel – sie würden auch sie überreden, obwohl sie alt und nach ihren Mühen sehr müde war. Zumindest konnte sie am Beginn der Reise dabei sein.
Und dann konnten sie fortgehen, ohne sich auch nur einen Blick zurück zu wünschen.
Schließlich stand Niun auf der langen weißen Kammlinie über dem Hafen und sah den Rumpf des Regul-Schiffes HAZAN und ihm gegenüber den neuen der AHANAL.
AHANAL – ›die Schnelle‹.
Er rutschte den monderleuchteten Kamm in einer weißen, pulverigen Staubwolke hinab, überquerte den flachen Abhang und erreichte den Boden des Tieflandes.
Und ein Schatten floß zwischen den Felsen einher, groß und bedrohlich. Mit der Hand an der Pistole drehte sich Niun um und blickte zu der kauernden Gestalt hinauf, die einen Kamm erklommen hatte.
Ha-dus. Für einen Moment atmete Niun nicht, bewegte er sich nicht. Drei andere tauchten auf. Die großen Tiere konnten sich leise heranschleichen; aber sie schlichen sich gar nicht an ihn heran. Er hatte sie nur beim Wachen gestört.
In Respekt vor ihrem Recht, hier zu sein, verharrte er reglos, und sie atmeten schnaufend und betrachteten ihn mit ihren kleinen Augen, und gaben schließlich das explosive, fragende Geräusch von sich, das angab, daß sie nicht in Kampfesstimmung waren.
Verzeiht, Brüder, wünschte er ihnen im Geist, was die beste Methode war, mit den seltsamen und ungebärdigen Dusei umzugehen. Er ging ein paar Schritte rückwärts, bevor er wieder seinem vorherigen Weg folgte. Das war eine Sprache, die ein Dus verstand, eine Sache von Bewegungen, die jemand machte oder nicht machte.
Niuns Hände wanderten von der Pistole zu dem Amulett auf seiner Brust. Es war nicht der Augenblick, um sein Leben mit Ha-dusei zu riskieren, nicht im geringsten. Er ging langsamer, behutsamer und erinnerte sich an Pasevs Mahnung, seine Augen und seinen Verstand zu benutzen.
Sie ließen ihn ziehen, und als er zurückblickte, waren sie nicht mehr zu sehen. Er wanderte vom weißen Sand zu dem künstlichen Boden, der das solide Gestein des nördlichen Randgebietes bedeckte. Dort erhob sich ein Zaun, ein lachhaftes Drahtgebilde, das nichts aufhalten konnte, das wirklich eindringen wollte – nicht auf Kesrith. In eleganter Mißachtung von Regul-Beschränkungen des freien Landes brannte er sich eine Lücke hinein. Jeder Mri würde dasselbe tun, ehe er um einen Zaun herumging, und Regul begegneten so etwas mit Zorn. Aber so war es eben die Methode der Mri, und darin würden die Mri den Meistern nicht gehorchen.
›He, du, Wilder mit blutigen Händen‹, hatte er einen der Regul-Junglinge in der Stadt ihn geringschätzig rufen hören.
Aber Regul errichteten Zäune und bauten Maschinen, die der Erde Narben zufügten, und versuchten sogar, den Weltraum selbst in Gebiete und Grenzen und Parzellen zu unterteilen, wie man es mit Nahrungsmitteln, Metallen und Kleiderballen tat. In Niuns Augen war das lächerlich.
Er ging durch das Gewirr aus verlassener Ausrü- stung, Skelettstreben und Fahrzeugen – so wie er es vorausgesehen hatte, ein gewaltiger Friedhof von Fahrzeugen und Maschinen, ein so eng zusammengeknüllter Haufen Metall, daß er darumherum gehen mußte; ein Haufen aus unterschiedslos durcheinandergemischten Fahrzeugen, Schlitten und Flugzeugen, als ob eine Riesenhand sie hier zusammengeschoben hätte, all die Fahrzeuge, die die Einwohner aller von Regul beherrschten Siedlungen herbeigebracht hatten. Und dort ein großes, verbranntes Gebiet, ein Turm aus verkohlten und zerrissenen Silhouetten, ein winkelförmiges Gewirr aus Stützen und sonstigen Gütern, die die Regul als Abfall weggeworfen hatten. Alles war vom Sturm zerschmettert und verbrannt: das Ausmaß des Schadens am Hafen mußte beträchtlich sein. Niun blickte sich im Gehen um und zählte die Dinge auf, die er früher gesehen hatte, als sie noch ganz gewesen waren, und die er jetzt kaputt sah. Er fing an, die Gründe für das verschreckte Gehabe der Regul zu verstehen.
Die HAZAN stand innerhalb einer gewaltigen Anordnung von Gerüsten, Schläuchen und zerbrechlichen Ausläufern, und auch um das Schiff herum erblickte Niun sichtbare Zerstörungen. Lichter brannten am Schiff, dunkle Gestalten kletterten an ihm herum und bearbeiteten es wie Aaskäfer; eine stetige Reihe von Fahrzeugen kroch auf die HAZAN zu und brachte zweifellos Güter zum Verladen und für die Reparaturen.
Sorgsam darauf achtend, nicht gesehen zu werden, ging Niun an diesem Bereich vorbei und umrundete den Rumpf der HAZAN. Dort, einen Turm weiter vor ihm, stand wieder die AHANAL, erstreckte sich mit nur einem einzigen Licht am Rumpf gen Himmel.
Er näherte sich ihr und erkannte, daß sie alt war, ihr Metall wie von Säuren zerfressen, ihre Beschriftung fast zur Unkenntlichkeit verblaßt. Lange Narben kennzeichneten die Stellen, an denen die Schilde versagt haben mußten.
Er grüßte sie mit lauter Stimme, wußte, das Regul Wachtposten in der Nähe waren, ein Schlitten sich ihm schon näherte.
»AHANAL!« rief er. »Öffnet eure Luke!«
Aber entweder waren sie nicht darauf eingerichtet, ihn hören zu können, oder sie hatten Grund, sich wegen der Regul unwohl zu fühlen. Es kam keine Antwort von der AHANAL. Er sah, daß der Schlitten sich scharf rechts drehte und neben ihm stehen blieb. Ein Jungling öffnete den Seitenschirm, um mit ihm zu sprechen.
»Mri«, sagte der Regul. »Du bist hier nicht zugelassen.«
»Ist das ein Befehl des Bai?« wollte Niun wissen.
»Geh weg!« beharrte der Regul. »Kesrithi Mri, geh weg!«
Ein metallisches Krachen ertönte. Die Luke war geöffnet worden. Niun ignorierte den Regul und blickte zum Schiff hinauf, von dem ein Rampe sich herauszuschieben begann. Er ging darauf zu und ließ den Regul einfach außer acht.
Der Schlitten summte hinter ihm. Niun ging weiter und wurde nur knapp verfehlt. Der Kotflügel rammte an seinem Bein entlang, vor ihm wendete der Schlitten und versperrte ihm den Weg.
Das Fenster war noch offen. Das Jungling-Regul atmete schwer, die großen Nasenlöcher öffneten und schlossen sich in äußerster Erregung.
»Geh zurück!« zischte es.
Niun machte Anstalten, den Schlitten zu umgehen, aber dieser schoß vor, und Niun rollte auf der Schulter über die flache Nase des Fahrzeugs, landete auf der anderen Seite und rannte beschämt und erschreckt los. Mri sahen von der Rampe aus zu und waren über seine Niederlage zweifellos aufgebracht. Vor Schrecken über das, was er getan hatte, was noch nie zuvor ein Mri getan hatte, waren seine Beine ganz weich geworden. Er hatte den Meistern direkt die Stirn geboten. Aber er war der Gesandte der She'pan; hätte er sich aufgehalten, um sich mit dem Jungling zu debattieren, wäre zweifellos eine Regul-Autorität eingeschritten, mit Befehlen, denen er entweder gefolgt wäre oder die er mißachtet hätte, mit einer Krise für die She'pan, die ein einfacher Kel'en nicht ohne unmittelbare Gewaltanwendung hätte lösen können.
Er rannte, erreichte die widerhallende Festigkeit der Rampe und eilte so schnell wie er konnte den Mri des Schiffes entgegen, aber sie zogen sich bereits ins Innere zurück, ohne auf ihn zu warten. Er hörte und spürte, wie sich hinter ihm die Rampe wieder vom Boden löste und ihre Länge verkürzte, als er die hintersten Mri überholte. Blendende Lichter gingen an, Türen schlossen sich, und die Mri waren sicher im Innern.
Es waren zehn Kel'ein – Ehemänner, nach ihrem Alter und ihrer Würde zu schließen. Das Licht war kalt, und die Luft stechend steril im Vergleich zur Luft von Kesrith. Die letzte Versiegelung des Schottes schloß sich zwischen ihnen und der Außenwelt. Die Rampe war eingezogen, und es herrschte Stille.
»Sirs«, fiel ihm ein, daß er sagen mußte, und hielt inne, um die anderen mit ihren zahlreichen J'tai und ihrem grimmigen fremdartigen Gebaren zu betrachten, lange genug, um anschließend die Stirn zu berühren und ihnen den angemessenen Respekt zu erweisen. Er sah wieder auf und entschleierte sich, eine Höflichkeit, die sie ungern erwiderten.
»Ich bin Niun s'Intel Zain-Abrin«, sagte er in der Hochsprache, die alle Mri bei Formalitäten benutzten. »Ich diene Intel, She'pan des Edun Kesrithun.«
»Ich bin Sune s'Hara Sune-Lir«, sagte der Älteste der anderen, ein alter Mann mit an den Schläfen ergrauter Mähne, der den Eindruck machte, so alt wie Pasev oder Eddan zu sein. Seine Gefährten waren jedoch jüngere, stärker aussehende Männer. »Geht es der She'pan Intel gut?«
»Das Edun ist sicher.«
»Beabsichtigt die She'pan, persönlich zu kommen?«
»Was das angeht, Sir, nicht, bis ich mit Wort von eurer She'pan zurückkehre.«
Er verstand die Haltung der anderen irgendwie als die von Männern, die ihre eigene She'pan, die sich und ihre Leute der She'pan Intel unterwerfen mußte, liebten und verteidigten. Es war nur natürlich, daß sie Intels Gesandtem mit Zurückhaltung begegneten.
»Wir werden dich zu ihr bringen«, sagte Sune s'Hara förmlich. »Komm!« Und höflicher fuhr er fort: »Bist du verletzt?«
»Nein, Sir«, sagte er und erinnerte sich plötzlich errötend, daß er sich diesem Mann nicht beugen durfte, daß er ein Gesandter war, und mehr als das; er verriet sich selbst als sehr jungen Kel'en, der noch keine Erfahrungen mit seiner eigenen Autorität hatte. »Regul und Mri auf Kesrith vertragen sich nicht«, fügte er hinzu und verbarg seine Verwirrung. »Es sind Worte gewechselt worden.«
»Wir sind mit Waffen empfangen worden«, sagte Sune. »Aber wir haben keine Verluste.«
Er ging mit ihnen durch Korridore aus Metall in Hallen, die für Regul entworfen worden waren. Er sah Kel'ein und Kel'e'ein, verschleiert und jung wie er, und sein Puls beschleunigte sich. Er hielt sie für ruhmreich und schön und versuchte, sie nicht anzustarren, obwohl er wußte, daß ihre Augen ihn aufmerksam musterten, als den Fremden, der er unter ihnen war. Einige entschleierten sich in brüderlichem Willkommen, als er ihnen begegnete, und eine große Gesellschaft von ihnen ging mit ihm durch die Korridore zum Hauptraum, zum Zentrum des Schiffes, das jetzt die Halle einer She'pan war.
Sie war in mittlerem Alter. Er trat zu ihr und verneigte sich unter ihre Hände. Dann sah er zu ihr auf, etwas verstört darüber, von einer She'pan nicht in der vertrauten Enge eines Turmes, sondern an diesem metallischen Ort begrüßt zu werden, obendrein noch von einer She'pan, mit der er nicht verwandt war und die auf ihren weißen, blau-gesäumten Gewändern ein Sternenemblem trug, nicht die Hand des Edun Kesrithun.
Sie war eine Fremde, die sterben mußte, die sich entscheiden mußte, zu sterben, oder deren Champion er besiegen mußte, sollte sie die Herausforderung machen. Er betete still zu allen Göttern, daß diese She'pan tapfer und wohlwollend war und mit der Herausforderung vorangehen würde.
Ihre Augen waren hart, und sie lebte in einem Licht, das streng genug war, um zu schmerzen, und die sie umgebende Welt war kalt und aus Metall. Viele, viele Angehörige des Schiffsvolkes umgaben sie nun, ihre She'pan, ihre geliebte Mutter, nicht seine. Er war der Eindringling, eine Bedrohung für ihr Leben.
Sie sahen den Gesandten einer She'pan, der noch keine J'tai in Schlachten gewonnen hatte, ein narbenloser Junge, unerprobt und durch die Herausforderung verwundbar. Er spürte, wie ihre Augen an ihm auf- und abglitten, während sie daran dachte und an diese Welt und die, die ihn geschickt hatten. Hinter der She'pan und um sie herum erblickte Niun goldgewandete Sen'ein und schwarzgewandete Kel'ein; und in den weiter entfernt gelegenen stillen Winkeln der Halle erblickte er Kath'ein in blauen Gewändern, die ihn scheu beobachteten, unverschleiert, freundlich und verängstigt.
Und ringsherum hingen in den anderen Korridoren zahlreiche Reihen von Hängematten wie die Nester der kesrithischen Spinnen, ein Gewebe aus weißen Fäden, das den Zentralraum und die seitlichen Korridore umschnürte. Niun war von der Zahl der zusammengedrängten Masse überwältigt, jedoch traf ihn die plötzliche Erkenntnis, daß dies seine gesamte Art war, ganz auf dieses kleine Schiff zusammengeschrumpft und unter dem augenblicklichen Kommando dieser Frau.
»Gesandter«, sagte sie, »ich bin Esain des Edun Elagun. Wie geht es Intel?«
Ihre Stimme war freundlicher als ihr Gesicht und schoß durch ihn hindurch wie die Sonne nach der Dunkelheit der Nacht. Sein Herz schmolz vor ihr, weil sie so freundlich mit ihm und über Intel sprach.
»She'pan«, sagte er, »Intel geht es gut genug.«
Sie nickte leicht und winkte mit der Hand ihren Rat zu ihr. Kel'anth, Sen'anth und Kath'anth kamen herbei und ließen sich neben ihr nieder, ebenso die Fen'ein, ihre Ehemänner aus den Reihen des Kel, und die Angehörigen des Sen. Und während all diese ihre Plätze einnahmen, zogen sich die anderen zurück, und die Türen wurden geschlossen.
Niun blieb vor Esain auf den Knien, nahm vorsichtig das Zaidhe ab und legte es vor ihr nieder, und darauf legte er das Av'kel, das Kel-Schwert, das ihm Sirain geliehen hatte, die in der Scheide steckende Klinge auf ihn weisend, der Griff zur She'pan gewandt, ein Zeichen des Friedens. Seine Hände lagen gefaltet in seinem Schoß. Esains Kel'ein taten desgleichen, die Schwertgriffe zu Niun gewandt, den Fremden in ihrer Mitte, den zum Rat zugelassenen Besucher.
»Wir überbringen Intel Grüße«, sagte Esain ruhig. »Schon vor langer Zeit hat ihre Weisheit dem Volk die AHANAL bewahrt, und ihre Weisheit gab der AHANAL die Möglichkeit, hierher zu kommen. Sie erlegte dem Kel unter Zurückweisung der Hilfe der Regul solch eine Bürde auf, daß es keine ehrbare Alternative gab. Ehre überwog die Ehre. Dies war weise eingerichtet. Alle an Bord verstehen das und sind dankbar dafür, daß es rechtzeitig getan wurde, denn nichts anderes hätte uns dazu zwingen können, der Front den Rücken zu kehren. Ist es wahr, was wir vermuten, daß sie vorhat, den Regul den Dienst aufzukündigen?«
»Ihre Worte sind: ›Wir haben beinahe schon damit aufgehört, den Regul zu dienen.‹ Deine Fen'ein und der Kel'anth haben das Resultat davon erlebt, als ich mich dem Schiff näherte.«
Sie blickte den Kel'anth an, der Niuns Äußerung mit einer Handbewegung bestätigte.
»Ich habe etwas gesehen, was ich noch nie zuvor erlebt habe«, sagte der alte Mann. »Ein Regul hat diesen Gesandten angegriffen – nicht mit den Händen, natürlich, sondern mit seiner Maschine. Diese Regul sind verzweifelt.«
»Und das Edun?« fragte die She'pan, die Verneigung mit einem Stirnrunzeln verbindend. »Wie geht es dem Edun des Volkes, wenn die Regul in solch einer Stimmung sind?«
»Im Augenblick sicher«, sagte Niun und fügte hinzu, weil er die wirkliche Frage, die einem einfachen Kel'en zu stellen sie zögern würde, in ihr brennen sah: »She'pan, das Verbotene befindet sich in Intels Gewahrsam, und die Regul sind mit den Zerstörungen beschäftigt, die das Unwetter angerichtet hat. Die Menschen sind nahe, und die Regul fürchten Verzö- gerungen, die sie auf dem Planeten festhalten. Ich denke, das, was dort draußen geschehen ist, war das Werk eines Junglings ohne eindeutige Befehle.«
»Und doch«, sagte die She'pan, »was würde geschehen, wenn wir das Schiff körperlich verlassen?«
»Wir sind Mri«, sagte Niun mit äußerster Zuversicht. »Die Regul würden uns ausweichen und nichts zu tun wagen.«
»Hast du auch«, fragte die She'pan, »das Jungling, das versuchte, dein Leben anzugreifen, so eingeschätzt?«
Hitze stieg ihm ins Gesicht. »She'pan«, sagte er, seiner Jugend und Unerfahrenheit bewußt gemacht, »ich glaube nicht, daß es eine ernste Bedrohung war.«
Sie dachte nach, betrachtete das Sen und die anderen, seufzte schließlich und runzelte die Stirn. »Meine Verantwortung hier ist zu groß, als daß ich ein Risiko eingehen könnte. Wir werden warten, bis Intel ihre Entscheidung getroffen hat. Wir halten hier Streitkräfte zu ihrer Verfügung bereit. Ich werde sie aussenden oder in Bereitschaft halten, ganz wie sie will. Und, Gesandter, versichere ihr, daß ich ihren Anspruch auf das Volk respektieren werde.«
Er war gleichermaßen erschrocken und erleichtert und verneigte sich sehr tief vor ihr, hörte dabei, wie das Murmeln des Kummers lang und breit durch den Raum lief. Er konnte es kaum ertragen, wieder ihrem Blick zu begegnen, aber entdeckte, daß er freundlich war und keine Beschuldigung enthielt.
»Ich werde ihr berichten«, sagte er, sich an die Höflichkeiten erinnernd, die ihm eingeübt worden waren, bis sie ihm in Blut, Fleisch und Knochen eingingen, »daß die She'pan des Edun Elagun eine große und tapfere Dame ist, daß sie sich im ganzen Volk große Ehre verdient hat.«
»Berichte ihr«, sagte sie mit sanfter Stimme, »daß ich ihr Glück mit meinen Kindern wünsche.«
Viele verschleierten sich, als sie das hörten, und Niun entdeckte, daß seine eigenen Augen schmerzten.
»Ich werde es ihr mitteilen«, sagte er.
»Wirst du die Nacht bei uns verbringen, Gesandter?«
Er dachte darüber nach, denn zurück zum Edun zu gehen, war ein Weg für den Rest der Nacht, und damit wäre wahrscheinlich eine Menge Schlaf verlorengegangen, nachdem Intel einmal angefangen hätte, Befehle auszuteilen. Aber dann fiel ihm der Regul ein, der seinen Weg gekreuzt hatte, ebenso das Wetter und die Ungewißheiten, die ihn umgaben.
»She'pan«, sagte er, »es ist meine Pflicht, zurückzukehren. Am besten sofort, bevor die Regul Zeit für lange Beratungen gefunden haben.«
»Ja«, sagte sie, »das wäre am weisesten. Dann geh!«
Nachdem er das Av'kel aufgehoben und das Zaidhe wieder angelegt hatte, ihre Hand berührt und ihr im Herzen empfundene Höflichkeit erwiesen hatte, legte sie einen Ring aus echtem Gold in seine Hand, wobei sich sein Herz vor Schmerz verkrampfte. Denn es war eine großzügige, tapfere Tat von ihr, ihm ein Dienstgeschenk zu machen, als habe er ihr einen großen Gefallen erwiesen. Sie zog den Ring von einem ihrer Finger und drückte ihn in seine Hand, und er verneigte sich und küßte ihr die Finger, bevor er aufstand, um Abschied zu nehmen. Er band den Ring an einen seiner Ehrenriemen, um ihn später in angemessener Form anzusetzen. Dann verneigte er sich wieder, um ihr Lebewohl zu sagen.
»Ich wünsche dir einen sicheren Weg, Kel'en«, sagte sie.
Er hätte ihr ein langes Leben wünschen sollen, und konnte es nicht tun. Statt dessen fiel ihm der Abschied von Kel'ein ein: »Ehre und gute Bereitschaft«, sagte er, und sie akzeptierte diese Höflichkeit mit Würde.
Das Kel verschleierte sich, und er tat desgleichen, dankbar für diese Abgeschlossenheit, als sie ihn zurück zum Eingang führten, um ihn in die Dunkelheit hinauszulassen.
Er vernahm den schmerzlichen Protest eines eingesperrten Dus, der Stimmung des Kel angepaßt, dem es diente. Und mit diesem Geräusch in den Ohren betrat er die Schleuse, und die Lichter gingen aus, damit sie kein Ziel abgaben.
Einen Moment lang herrschte völlige Dunkelheit. Dann ließen die ausfahrende Rampe und die Doppeltür Licht herein, die Flutlichter auf dem Flugfeld, und der ätzende Wind berührte ihn.
Keiner sagte etwas, als Niun ging. Auch vorher hatten sie kein Wort mit ihm gewechselt. Es lag am Mut ihrer Lady Mutter, daß weder er noch einer der ihren bei einem Übergang der Macht Blut vergießen würde; alles war geregelt.
Und sobald es nur noch eine She'pan auf Kesrith gab, war die Zeit für den Austausch von Höflichkeiten und Willkommensgrüßen zwischen ihnen gekommen.
Er blickte nicht zurück, als er die Rampe hinabschritt.