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Windkind, Sonnenkind,
was ist Kath? Kindergebärer, Freudenbringer, das ist
Kath.
Es war ein Spiel, Shon'ai, das Spiel des Weiterreichens im Kel-Stil in der matt erleuchteten runden Halle des Kel im Mittelpunkt des Hauses – schwarzgekleidete Männer und eine schwarzgekleidete Frau, ein Zehnerkreis. Als Krieger spielten sie nicht wie Kinder in der Runde, mit ein paar Steinen, sondern mit den sich drehenden Klingen der As'ei, die verwunden oder töten konnten. Beim Namensschlag, dem Schnappen der Finger, flogen die As'ei über den Kreis der sitzenden Spieler, und geübte Hände faßten die Hefte in der mittleren Drehung, um die Zeit zu schlagen und beim nächsten Namensschlag die Klingen weiterzuschleudern.
Feuerkind, Sternenkind, was ist Kel? Schwertträger, Sangesweber, das ist Kel.
Sie spielten ohne Worte, nur mit dem Rhythmus ihrer Hände und der Waffen, des Fleisches und des Stahles. Der Rhythmus war so alt wie die Zeit und so vertraut wie die Kindheit. Das Spiel hatte eine größere Bedeutung als die bloße Durchführung, größer als die Einfachheit der Worte. Es wurde das Spiel des Volkes genannt.
Dämmerungskind, Erdkind, was ist Sen? Runenzeichner, Hausvorsteher, das ist Sen.
Ein Kel'en der zurückwich, dessen Auge versagte oder dessen Verstand wanderte, hatte im Haus keinen Wert. Die Jungen und Mädchen und Frauen des Kath spielten mit Steinen, um ihre Geschicklichkeit zu üben. Diejenigen, die Kel'ein wurden, spielten fortan mit geschärftem Stahl. Wie die Mütter und Kinder des freundlichen Kath lachte das Kel, während es spielte. Die Angehörigen der Kel-Kaste lebten kurz und hell wie die Motten. Sie erfreuten sich des Lebens, weil sie das wußten.
Dann-Kind, Jetzt-Kind, was sind wir? Traumsucher, Lebensträger, das sind wir...
Eine Tür öffnete sich widerhallend, das Geräusch klang durch die Höhlen und die Tiefen des Turmes. Sen Sathell brach über sie herein, plötzlich und ohne Warnung oder Höflichkeiten.
Der Rhythmus endete. Die Klingen ruhten in den Händen Niuns, des jüngsten Kel'en. Das Kel insgesamt neigte die Köpfe respektvoll vor Sathell s'Delas, Oberhaupt der Sen-Kaste, der Gelehrten. Er war goldgekleidet und fiel wie Licht in die dunkle Halle des kriegerischen Kel, und er war sehr alt – der älteste Mann im Haus.
»Kel'anth«, sagte er ruhig, an Eddan gewandt, seinen Gegenpart im Kel, »Kel'ein – es sind Neuigkeiten eingetroffen. Es geht das Gerücht, daß der Krieg zu Ende ist. Die Regul haben die Menschen um Frieden ersucht.«
Es herrschte völlige Stille.
Eine plötzliche Bewegung. Die As'ei schwirrten und gruben Kerben in den bemalten Verputz der entfernten Wand.
Der jüngste Kel'en stand auf und verschleierte sich, schritt von den anderen weg und ließ den Schrecken in seinen Fußstapfen zurück.
Der Sen'anth und der Kel'anth sahen sich gegenseitig an, alte Männer und Verwandte, hilflos in ihrem Schmerz.
Und in den tiefsten Schatten regte sich eines der Dusei, eine braune Gestalt mit hängenden Schultern, größer als ein Mann, stand auf und schlenderte hervor ins Licht, in dieser düsteren, abwesenden Haltung der Dusei. Es bahnte sich respektlos seinen Weg zwischen den beiden Ältesten hindurch und drückte im Verlangen nach Trost seinen massigen Kopf an den Kel'anth, der sein Meister war.
Kel'anth Eddan tätschelte das Tier mit vom Alter weichen Fingern und blickte zu dem alten Gelehrten auf, der, abgesehen vom Unterschied der Kaste und Pflicht, sein Halbbruder war. »Ist diese Nachricht über jeden Zweifel erhaben?« fragte er, wobei noch eine letzte Spur von Hoffnung in seiner Stimme mitschwang.
»Ja. Die Quelle sind öffentliche Bekanntmachungen der Regul, keine Stadtgerüchte. Es scheint völlig glaubwürdig zu sein.« Sathell raffte seine Gewänder um sich, klemmte sie zwischen die Knie und ließ sich auf dem teppichbedeckten Boden zwischen den Kel'ein nieder, die gemächlich auswichen, um für ihn Platz in ihrem Kreis zu schaffen.
Diese zehn waren, abgesehen von einem, die Ältesten des Hauses.
Sie waren Mri.
Wenn sie in ihrer Sprache diese Äußerung machten, bezeichneten sie sich einfach als ›das Volk‹. Ihre Worte für andere Arten war Tsi'mri, was ›Nicht-Volk‹ bedeutete, und umfaßte gleichermaßen Philosophie und Religion der Mri sowie die persönlichen Einstellungen der Ältesten.
Als Art waren sie goldgetönt. Mri-Legenden besagten, daß das Volk aus der Sonne geboren war: Haut, Augen, die groben schulterlangen Mähnen, alles war bronzen und golden. Hände und Füße waren lang und schmal und gehörten zu einer großen, schlanken Rasse. Ihre Sinne waren selbst im hohen Alter noch sehr scharf, das Gehör im besonderen äußerst empfindlich. Ihre Augen besaßen gefaltete doppelte Lider, denn eine Nickhaut schützte reflexhaft die Sicht vor wehendem Staub.
Außenstehende glaubten, daß sie eine Art von Kriegern waren, von Söldnern – denn Außenstehende sahen das Kel, selten das Sen und niemals das Kath. Mri dienten Außenstehenden gegen Bezahlung – dienten als Regul, den massigen Tsi'mri-Kaufleuten, die von Nurag stammten, einem Planeten des Sternes Mab. Seit vielen Jahrhunderten hatten sich Mri Kel'ein verdingt, um den Handel der Regul zwischen den Welten zu beschützen, im allgemeinen von einer Regul-Gesellschaft als Verteidigung gegen die Absichten und die Skrupellosigkeit eines Geschäftsrivalen angestellt, und demzufolge hatten Mri gegen Mri gekämpft. Diese Jahre und dieser Dienst waren gut für das Volk gewesen, dieses Kräftemessen zwischen Kel'ein in verschiedenen Diensten im richtigen und traditionellen Kampf, wie es immer gewesen war. Solche Waffengänge förderten die Kraft des Volkes, vernichteten die Schwachen und Untauglichen und ehrten die Starken. In diesen Jahren hatten die Tsi'mri-Regul sich selbst als kampfunfähig und ungeübt im Planen von Strategien erkannt und vernünftigerweise alle Konfliktfälle dem Mri-Kel überlassen, um sie nach Art der Mri beizulegen.
Aber in den letzten vierzig Jahren hatten die Mri den vereinigten Regul gegen alle Menschen beigestanden. Es war eine bittere und häßliche Auseinandersetzung, der die Ehre und jede Genugtuung von seiten des Feindes fehlte. Die Ältesten der Mri waren alt genug, um sich daran zu erinnern, wie das Leben vorher gewesen war, und wußten daher, welche Veränderungen der Krieg bewirkt hatte, und sie waren mit ihnen nicht einverstanden. Die Menschen kämpften in Massen, waren Herdentiere, und kannten ganz einfach keine andere Art der Kriegsführung. Die Mri, die einzeln kämpften, hatten dies schon frü- her vermutet, es mit ihrem Leben herausgefunden, es als bittere Wahrheit erkannt. Die Menschen wiesen das A'ani, den ehrbaren Kampf, zurück, akzeptierten keine Herausforderung und verstanden nichts außer ihren eigenen Methoden, die aus weitläufiger Vernichtung bestanden.
Die Mri hatten sich der Notwendigkeit gebeugt, von der Menschheit zu lernen, den Methoden des Feindes, und hatten begonnen, ihre Unternehmungen und ihren Dienst für die Regul entsprechend anzupassen. Die Mri waren Profis, wenn es zum Kampf kam. Jede Neuerung war bei den Yin'ein, den alten Waffen, die im A'ani benutzt wurden, ehrlos und undenkbar. Aber bei den Zahen'ein, den modernen Waffen, waren Neuerungen einfach eine Frage des Austauschens und der Anpassung von Methoden, eine Frage der Kompetenz in dem Beruf, den Mri ihr Leben lang ausübten.
Die Regul waren unglücklicherweise weniger fä- hig, neue Taktiken zu übernehmen. Sie besaßen gewaltige und genaue Erinnerungen. Sie konnten niemals vergessen, was immer geschehen war, aber umgekehrt konnten sie sich nichts vorstellen, was bislang noch nicht geschehen war, und sie machten keine Pläne, um es zu verhindern. In bezug auf ihre persönliche Sicherheit waren die Regul zuvor völlig von den Mri abhängig gewesen, und die Voraussicht der Mri – denn diese besaßen Vorstellungskraft – hatte sie beschützt und ihre Blindheit gegenüber dem Unerwarteten ausgeglichen. Aber als der Krieg später anfing, Regul das Leben zu nehmen und ihr Eigentum zu bedrohen, nahmen sie die Sache in ihre eigenen ungeübten Hände. Die Regul gaben Befehle aus, die ihrer Einschätzung nach klug waren, aber deren Durchführung militärisch unmöglich war.
Um der Ehre willen hatten die Mri versucht zu gehorchen.
Um der Ehre willen waren Mri zu Tausenden gestorben.
In diesem Haus auf dieser Welt lebten nur noch dreizehn Mri. Zwei waren jung. Die übrigen machten die Politik – ein Rat der Alten und Veteranen. Vor vielen Jahrhunderten hatte das Haus allein über zweitausend im Kel beherbergt. Im gegenwärtigen Zeitalter waren alle außer diesen wenigen ihren Weg in den Krieg und den Tod gegangen.
Und ihr Krieg war verloren worden, von den Regul, die die Menschen um Frieden ersucht hatten.
Sathell blickte sich um und machte sich Gedanken um diese alten Kel'ein, die ihren eigenen Dienstjahre überlebt hatten, deren Gedächtnis ihnen in einigen Angelegenheiten die Perspektive von Sen'ein gab. Sie waren Ehemänner der She'pan – Waffenmeister, solange es noch Kath-Kinder gegeben hatte, die zu unterrichten waren. Und es gab Pasev, die einzige Überlebende Kel'e'en des Hauses, die nach Eddan selbst am meisten an den Yin'ein Geübte. Da waren Dahacha und Sirain von Nisren; Palazi und Quaras und Lieth von Guragen, einem toten Haus, die Zuflucht bei der Mutter dieses Hauses gesucht hatten und von ihr als Ehemänner angenommen worden waren. Und aus einem weiteren toten Haus stammten die Wahrbrüder Liran und Debas. Sie waren Angehö- rige eines Zeitalters, das bereits vergangen war, einer Zeit, die das Volk nie mehr erleben würde. Sathell spürte ihre Trauer und deren Widerhall in den Tieren, die sich in den Schatten aneinander drängten. Eddans Dus, dessen Art angeblich nie mit einer anderen Kaste als den Kel-Kriegern gutgestanden hatte, schnupperte kritisch an den goldenen Gewändern des Gelehrten, erduldete eine Berührung und schob seine große Masse dann ein wenig dichter heran, runzelte dichtbepelzte Fleischmassen und akzeptierte schamlos die Zuneigung, wo sie angeboten wurde.
»Eddan«, sagte Sathell und streichelte die warme Schulter des Tieres, »ich muß dir auch mitteilen, daß die Meister sehr wahrscheinlich diese Welt abtreten werden, wenn die Menschen das als Teil des Friedens verlangen sollten.«
»Das wäre eine sehr weitgehende Regelung«, meinte Eddan.
»Nicht in bezug auf das, was wir gerade gehört haben. Es wird berichtet, daß die Menschen die gesamte Front kontrollieren, daß die Regul-Lords vollständig auf dem Rückzug sind, daß die Menschen sich in der Position befinden, alle umkämpften Gebiete erreichen zu können. Sie haben Elag genommen.«
Es herrschte Stille. Anderswo im Turm wurde eine Tür geschlossen. Schließlich zuckte Eddan die Achseln und machte mit seinen schlanken Fingern eine Geste. »Dann werden die Menschen ganz sicher diese Welt fordern. In ihrem Verlangen nach Rache werden sie nur sehr wenig auslassen. Und die Regul haben uns dem ausgeliefert.«
»Es ist unglaublich«, meinte Pasev. »Götter! Es war für die Regul nicht nötig, nicht im geringsten nötig, Elag zu verlassen. Das Volk hätte es halten können, hätte die Menschen zurückschlagen können, sofern die erforderliche Ausrüstung zur Verfügung gestanden hätte.«
Sathell machte eine hilflose Geste. »Vielleicht. Aber halten: für wen? Die Regul haben sich zurückgezogen, haben alles mitgenommen, was dort für die Verteidigung gebraucht wurde, haben Schiffe unter ihre Kontrolle gezwungen. Nun sind wir – Kesrith – die Grenze. Du hast recht; es ist sehr wahrscheinlich, daß die Regul auch hier keinen Widerstand leisten werden. In der Tat ist es für sie nicht vernünftig, das zu tun. Wir haben getan, was wir konnten. Wir haben Rat gegeben, wir haben gewarnt – und wenn unsere Auftraggeber es ablehnen, diesen Rat anzunehmen, so können wir wenig mehr tun, als ihren Rückzug decken, da wir sie von diesem nicht zurückhalten können. Gegen unseren Rat haben sie die Kriegsführung in die eigenen Hände genommen. Jetzt haben sie ihren Krieg verloren; wir nicht. Der Krieg hat vor einigen Jahren aufgehört, unser Krieg zu sein. Nun seid ihr schuldlos, Kel'ein. Davon könnt ihr ausgehen. Es gibt einfach nichts mehr, was noch getan werden könnte.«
»Es gab einmal etwas, das hätte getan werden können«, beharrte Pasev.
»Das Sen hat oft versucht, mit den Meistern zu reden. Entsprechend dem alten Abkommen haben wir unsere Dienste und unseren Rat angeboten. Wir konnten nicht...« Im Sprechen hörte Sathell die Schritte des Jungen die Treppe hinab, und die Stö- rung unterbrach seinen Gedankengang. Er starrte unwillkürlich in die Halle hinein, als die Tür unten an der Treppe gewaltsam zugeschlagen wurde. Er warf dem Kel einen kummervollen Blick zu. »Sollte nicht wenigstens einer von euch mit ihm reden?«
Eddan zuckte die Achseln, verlegen in seiner Autorität. Sathell wußte es. Er baute auf Verwandtschaft und Freundschaft und ging zu weit mit Eddan, als er diesen Protest vorbrachte. Er liebte Niun; das taten sie alle. Aber selbst wenn sie fehlgeleitet war, war die Autonomie des Kels betreffs der Disziplin seiner Mitglieder heilig. Nur die Mutter konnte in Eddans Bereich eingreifen.
»Niun hat doch seinen Grund, meinst du nicht?« fragte Eddan ruhig. »Sein ganzes Leben lang hat er sich auf diesen Krieg vorbereitet. Er ist kein Kind des alten Weges wie wir. Und jetzt ist ihm auch der neue verschlossen. Du hast ihm etwas genommen. Was erwartest du von ihm, Sen Sathell?«
Sathell erkannte die Wahrheit darin, und da er nicht in der Lage war, mit Eddan in dieser Angelegenheit zu streiten, senkte er den Kopf und versuchte, die Dinge so zu sehen, wie sie ein junger Kel'en sehen könnte. Man konnte dem Kel nichts erklären, man konnte es nicht in einer Debatte bezwingen noch von ihm Voraussicht erwarten. Als Kinder des Tages waren die Kel'ein kurz angebunden und leidenschaftlich, ohne Gestern und ohne Morgen. Ihre Unwissenheit war der Preis, den sie für die Freiheit bezahlten, das Haus zu verlassen und unter Tsi'mri zu gehen; und sie kannten ihren Platz. Wenn ein Sen'en sie mit Vernunft herausforderte, konnten sie ihrerseits einfach nur den Kopf senken und sich ins Schweigen zurückziehen: sie hatten nichts, womit sie antworten konnten. Und es war gewissenlos, den Frieden ihres Geistes zu zerstören. Wissen ohne Macht war die schlimmste aller Situationen.
»Ich denke«, sagte Sathell, »daß ich euch alles berichtet habe, was ich euch im Moment berichten kann. Ich werde euch unverzüglich benachrichtigen, sobald es weitere Neuigkeiten gibt.« Inmitten dieser Stille erhob er sich und glättete seine Gewänder, vermied behutsam das reflexhafte Zuschnappen des Dus. Das Tier faßte nach seinem Knöchel, harmlos in der Absicht, aber nicht in den Fähigkeiten. Niemand außer einem Kel'en durfte mit den Dusei vertraulich umgehen. Sathell hielt inne und blickte Eddan an, der das Tier mit einer Berührung zurechtwies und ihn so befreite.
Er entzog sich der massigen Tatze und warf einen letzten Blick auf Eddan; aber Eddan sah weg, täuschte vor, an Sathells Abschied nicht weiter interessiert zu sein. Sathell hatte nicht vor, öffentlich in dieser Angelegenheit Druck auszuüben. Er kannte seinen Halbbruder und wußte, daß der Schmerz genau seinen Grund in der gegenseitigen Zuneigung hatte. In der Öffentlichkeit gab es eine sorgsam gezogene Grenze zwischen ihnen. Das mußte so sein, wenn Verwandte durch Kasten getrennt waren, um den Stolz des Geringeren zu wahren.
Sathell verabschiedete sich mit formeller Höflichkeit von den anderen, zog sich zurück und freute sich, diese grimmige Halle verlassen zu haben, so schwer war dort die Luft mit dem Ärger enttäuschter Männer durchsetzt und dem der Dusei, deren Zorn langsamer, aber gewalttätiger war. Er war jedoch erleichtert darüber, daß sie allem zugehört hatten, was er zu sagen gehabt hatte. Es würde keine Gewalt geben, keine irrationale Handlung, die das Schlimmste war, was man vom Kel befürchten konnte. Sie waren alt. Die Alten konnten sich gruppenweise miteinander unterhalten, sich gegenseitig beratschlagen. In der Jugend war der Kel'en ein Einzelkämpfer, unbekümmert und ohne Perspektive.
Sathell erwog, Niun zu folgen, und wußte nicht, was er ihm sagen sollte, wenn er ihn gefunden hatte. Seine Pflicht war es, anderswo Bericht zu erstatten.
* * *
Und als sich die Tür schloß, zog die betagte Pasev, Kel'e'en, Veteranin der ersten Einnahme von Nisren und Elag, die As'ei aus dem abgesplitterten Verputz und zuckte nur die Achseln über den Sen'anth. Sie zählte mehr Jahre und hatte mehr vom Krieg erlebt als jeder andere lebende Krieger außer Eddan selbst. Trotzdem spielte sie das Spiel, wie es alle taten, einschließlich Eddan. Es war ein ebenso ehrenwerter Tod wie der im Krieg.
»Laßt es uns zu Ende spielen«, sagte sie.
»Nein«, erwiderte Eddan fest. »Nein, nicht jetzt.«
Er hielt ihren Blick fest, während er sprach. Sie sah ihn offen an, den betagten Liebhaber, betagten Rivalen, betagten Freund. Ihre schlanken Finger streiften über die scharfe Kante des Stahls, aber sie verstand den Befehl.
»Aye«, sagte sie, und die As'ei wirbelten an Eddans Schulter vorbei und gruben sich in die gemalte Karte von Kesrith, die die östliche Wand schmückte.
* * *
»Das Kel hat die Neuigkeiten mit mehr Zurückhaltung aufgenommen, als ich von ihm erwartet hatte«, sagte Sen Sathell. »Aber sie haben sich auch nicht darüber gefreut. Sie fühlen sich betrogen. Sie empfinden es als Verstoß gegen ihre Ehre. Und Niun ging fort. Er wollte nicht einmal alles anhören. Ich weiß nicht, wo er hingegangen ist. Ich bin betroffen.«
She'pan Intel, die Lady Mutter des Hauses und des Volkes, lehnte sich in ihre zahlreichen Polster zurück und ignorierte einen stechenden Schmerz. Der Schmerz war ein alter Gefährte. Sie kannte ihn seit dreiundvierzig Jahren, seitdem sie gleichzeitig ihre Kraft und ihre Schönheit in den Feuern des brennenden Nisren verloren hatte. Selbst damals war sie nicht mehr jung gewesen. Selbst damals schon war sie She'pan der Heimatwelt gewesen, Herrscherin über alle drei Kasten des Volkes. Sie gehörte zur ersten Reihe des Sen, stand über Sathell, ebenso über den anderen She'panei, den wenigen, die noch lebten. Sie kannte die Mysterien, die den anderen verschlossen waren; sie kannte den Namen und das Wesen des Heiligen und der Götter; und die Pana, die Verehrten Gegenstände, befanden sich in ihrem Gewahrsam. Ihr Wissen umfaßte Tiefe und Weite, Geburt und Bestimmung ihrer Nation.
Sie war She'pan eines sterbenden Hauses, älteste Mutter einer sterbenden Art. Das Kath, die Kaste der Kindergebärer und Kinder, war tot, sein Turm dunkel und seit zwölf Jahren geschlossen. Die letzte der Kath'ein ruhte schon lange in den Felsen von Sil'athen, und die letzten Kinder, mutterlos, abgesehen von ihr, waren ihrer Bestimmung nach draußen gefolgt. Die Zahl ihres Kel war auf zehn gesunken, und das Sen...
Das Sen befand sich vor ihr: Sathell, der Älteste, der Sen'anth, dessen schwaches Herz ständig nur einen Schlag von der Dunkelheit entfernt war; und das Mädchen, das im Moment zu ihren Füßen saß. Sie, die Lichtträger, die Hochkaste, trugen die goldenen Gewänder. Intels eigene Gewänder waren weiß, unbeeinträchtigt durch die Kontraste des Schwarz, Blau und Gold in der Kleidung der geringeren She'panei. Deren Wissen war fast vollständig, während ihres umfassend war. Würde ihr Herz in diesem Augenblick stehenbleiben, wäre dem Volk so viel, so unberechenbar viel verloren. Die Überlegung, wieviel in jedem Herzschlag und jedem Atemzug auf ihr ruhte, war furchteinflößend inmitten solcher Qual.
Daß Haus und Volk nicht sterben!
Das Mädchen Melein blickte zu ihr auf – Melein s'Intel Zain-Abrin, die einmal Kel'e'en gewesen war, das letzte aller Kinder. Gelegentlich zeigte Melein noch die Heftigkeit des Kel, wenn sie auch äußerlich die Gewänder und die Kastenheiterkeit des gelehrten Sen angenommen hatte, wenn auch die Jahre ihr andere Fähigkeiten geschenkt hatten und sich ihr Geist weit über die Einfachheit einer Kel'e'en hinaus entwickelt hatte. Intel strich über Meleins Schulter, eine Liebkosung. »Geduld«, riet sie, als sie Meleins Angst sah, und sie wußte, daß der Rat in jeder Beziehung abgelehnt werden würde.
»Laß mich Niun suchen und mit ihm reden«, bat das Mädchen.
Bruder und Schwester, Niun und Melein – und sie waren eng verbunden, obwohl sie durch das Gesetz und den Erlaß der She'pan und die Kaste und die Gebräuche getrennt worden waren. Kel'en und Sen'e'en, dunkel und hell, Hand und Geist; aber in Herz und Blut waren sie dasselbe. Intel erinnerte sich an das Paar, dem diese beiden das Leben verdankten, ihren jüngsten und am meisten geliebten Ehemann und eine Kel'e'en von Guragen, beide jetzt verloren. Sein Gesicht, seine Augen, die sie durch die Augen Meleins und Niuns wieder anblickten, hatten sie die Keuschheit einer She'pan bedauern lassen, und sie erinnerte sich daran, daß er auch einen starken Willen gehabt hatte, heißblütig und klug gewesen war. Vielleicht haßte Melein sie; sie hatte den Befehl, das Kel zu verlassen und dem Sen beizutreten, nur unwillig entgegengenommen. Aber sie zeigte jetzt keinen Trotz, obwohl die She'pan danach suchte. Melein zeigte nur Angst, nur einen natürlichen Kummer um den Schmerz ihres Bruders.
»Nein«, erwiderte Intel scharf, »ich befehle dir, ihn allein zu lassen.«
»Er könnte sich etwas antun, She'pan.«
»Das wird er nicht. Du unterschätzt ihn. Er braucht dich jetzt nicht. Du gehörst nicht mehr zum Kel, und ich bezweifle, daß es ihm im Augenblick recht wäre, einer des Sen gegenüberzustehen. Was könntest du ihm auch sagen? Was könntest du ihm antworten, wenn er dir Fragen stellte? Könntest du schweigen?«
Das saß. »Vor sechs Jahren wollte er Kesrith verlassen«, sagte Melein, in deren Augen unvergossene Tränen schimmerten; und möglicherweise war es nicht nur die Sache ihres Bruders, für die sie jetzt sprach, sondern auch ihre eigene. »Du wolltest ihn nicht gehen lassen. Jetzt ist es zu spät, She'pan. Es ist auf immer zu spät für ihn, und was kann er für sich selbst erwarten? Was gibt es für ihn?«
»Denke darüber nach«, sagte Intel, »und teile mir deine Antwort mit, Sen Melein s'Intel, nachdem du einen Tag und eine Nacht damit zugebracht hast. Aber mische dich nicht mit deinem Rat in die Privatangelegenheiten eines Kel'en. Und betrachte ihn nicht als deinen Bruder. Eine Sen'e'en hat keine andere Verwandtschaft als das Haus als ganzes, und das Volk.«
Melein stand auf und blickte auf Intel herab, und ihre Brust hob und senkte sich unter mühevollen Atemzügen. Sie war schön, diese ihre Tochter: Intel sah sie in diesem Augenblick und war erstaunt darüber, wie sehr Melein, die nicht von ihrem Blut war, zu dem geworden war, was ihre eigene Jugend einmal versprochen hatte – erblickte ihr eigenes Spiegelbild vor dem Fall von Nisren, vor dem Niedergang des Hauses und ihrer eigenen Hoffnungen. Der Anblick wunderte sie. In diesem Augenblick verstand und kannte sie die Sen'e'en, die Melein war, und fürchtete und liebte sie gleichzeitig.
Melein, die ihren, Intels, Tod kaum bedauern würde.
Sie hatte sie selbst dazu gemacht, absichtlich, Ereignis auf Ereignis, Entscheidung auf Entscheidung, ihre nicht leibliche Tochter, ihr Kind, ihre Erwählte, bei Kath und Kel und Sen gebildete, Teilnehmerin an den Mysterien aller Kasten des Volkes.
Die sie haßte.
»Lerne Zurückhaltung«, forderte sie von Melein mit ruhiger sanfter Stimme, die nur mühsam in Meleins Ärger vordrang »Lerne, eine Sen'e'en zu sein, Melein, mehr als alles andere, das du dir wünschst.«
Die junge Sen'e'en stieß zitternd den Atem aus, und Tränen quollen aus ihren Augen. Da für den Augenblick ihre Pläne durchkreuzt waren, wurde sie wieder zum Kind; aber dieses Kind war gefährlich.
Intel zitterte, wußte im voraus, daß Melein sie überleben und die Welt auf ihre eigene Weise prägen würde.