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Ein weiteres Schiff hob an diesem Abend ab, eines der zahlreichen Shuttle, die Passagiere und Güter von Kesriths Oberfläche zu Station brachten – und von dort zu den Sternenschiffen: Frachtern, Fahrgastlinern, Kriegsschiffen, zu allem, was geeignet war, den Menschen die in Panik geratenen Regul aus dem Weg zu schaffen.

Wie an jedem Abend sah Niun auch diesmal von dem hohen Felsen aus zu, von wo man das Meer und die Ebenen und die Stadt überblickten konnte. Es stimmte. Er hatte die Tatsache, daß der Krieg zu Ende war, schließlich akzeptiert, wenn ihn auch beim Zuschauen immer noch ein Gefühl der Unwirklichkeit bewegte, wie da die Schiffe abhoben, so zahlreich wie niemals zuvor in seinem Leben und auch dem, so dachte er, seiner Ältesten. Es war eine Tatsache, daß die Regul-Stadt im Sterben lag, ihr Leben mit jedem abgehenden Schiff mehr verebbte. Er gehorchte dem Befehl der She'pan, nicht in die Nähe der Stadt oder des Hafens zu gehen, aber er überlegte sich, daß er, wenn er jetzt zu dem Platz hinabginge, viele der Gebäude verlassen und ihrer Wertgegenstände beraubt vorfinden würde. Und jeden Tag konnte er auf der Straße, die sich an der Küste entlangwand und von seinem Aussichtsposten aus gerade noch als bloße Linie sichtbar war, den Verkehr in die Stadt fließen sehen, der Regul aus den äußeren Städten und Stationen brachte; auch Flugzeuge landeten in der Stadt, und die, die auch wieder abflogen, wurden immer weniger. Niun hatte die Vision einer enormen Menge verlassener Regul-Fahrzeuge am Rande der Stadt und von Schiffen im Hafen. Man würde sie auf Haufen schleppen und verrosten lassen müssen.

Es wurde berichtet – so hatte Sathell es aus dem Nachrichtenverkehr der Regul geschlossen –, daß der Hauptpreis, den die Regul für den Frieden zahlten, die Übergabe jeder Kolonie im Bereich von Kesrith war.

Tsi'mri-Wirtschaft hatte sich schließlich mächtiger als die Waffen des Kel erwiesen und nach Meinung der Regul sicherlich wichtiger als die Ehre der Mri. Sicher war Kesrith als weitreichend automatisiertes Bergbau- und Transportgelände ein Verlust für die Regul. Zweifellos war der Verlust einer solchen Kolonie für die Regul-Ältesten bestürzend, zweifellos auch schädlich für ihre Wirtschaft und ihren Handel; zweifellos vergrößerte sich die Unbequemlichkeit für die Regul in den fliehenden Schiffen zu einer Tragö- die. Regul maßen zahlreichen merkwürdigen Gegenständen Wert bei; Verschiedenartigkeit in deren Qualität und Menge, ihrer Kleidung und ihrer Bequemlichkeit stellte in ihren Augen einen persönlichen Wert dar. Der Verlust ihrer Heime und wertvoller Gegenstände, die nicht mit auf die Schiffe genommen werden konnten, würde schmerzlich für sie sein. Aber sie besaßen nichts wie die Verehrten Gegenstände, nichts, dessen Verlust sie in dem Ausmaß treffen konnte, wie der Verlust der Heimatwelt das Volk traf. Und die Ehre, nach der Regul trachteten, konnten sie neu erwerben, wenn sie genug Erfolg hatten – anders als die Ehre der Mri, die gewonnen werden mußte.

Deswegen konnte Niun nicht viel Sympathie für irgendeinen Regul empfinden. Sein persönlicher Verlust war groß genug: sein ganzes Leben lang hatte er geplant und danach verlangt, eine Möglichkeit zu finden, diese Welt mit der Gewalt und Geschwindigkeit dieser abgehenden Schiffe zu verlassen. Die Auswanderung war zu einer wilden Flucht geworden, Tag und Nacht. Und die Ereignisse erwiesen klar, daß die persönlichen Pläne von Niun s'Intel Zain-Abrin nichts waren im Vergleich zu den Mächten, die Welten bewegten. Aber die Bedrohung für das Haus war etwas, das über sein Vorstellungsvermögen hinausging. Und daß die Mächte, die Welten bewegten, sich nicht um das Schicksal des Volkes kümmerten, das ging über sein Begriffsvermögen.

Er hatte versucht, sein Denken dieser Veränderung des Schicksals anzupassen.

Wo sollen wir unsere Verteidigung aufbauen? hatte er Eddan und die anderen Kel'ein in der Annahme gefragt, daß es noch eine Verteidigung der Heimatwelt und des Edun des Volkes geben würde, wie er auch annahm, daß der Geisteszustand seiner Leute noch intakt war.

Aber Eddan hatte sein Gesicht von dieser Frage abgewendet und mit seinen Gesten die Antwort verweigert. Und nachdem Niun mit seiner Frage beim Kel gescheitert war, hatte er gewagt, sich mit ihr an Intel zu wenden. Und Intel hatte ihn voll befremdeter Sorge angeblickt, als sei das Begriffsvermögen ihres letzten Sohnes grundsätzlich mangelhaft. Sie hatte ihm jedoch freundlich Allgemeinplätze über Geduld und Mut vermittelt und es dabei vorsichtig vermieden, seine Frage irgendwie direkt zu beantworten.

Und Tag für Tag gingen die Regul-Schiffe ab, ohne Mri-Kel'ein an Bord. Die She'pan hatte es verboten.


Er beobachtete das Ende. Schließlich hatte er zumindest das begriffen. Er war sich nicht sicher, was zu Ende ging; aber er kannte den Geschmack von Endgültigkeit und wußte, daß ihm von all den Dingen, die er sich ein Leben lang ersehnt hatte, nichts blieb. Die Regul gingen, und nach ihnen kamen die Menschen.

Jetzt wünschte er sich verzweifelt, sich mit noch mehr Leidenschaft dem Studium menschlichen Verhaltens gewidmet zu haben, so daß er jetzt vermuten könnte, was die Menschen voraussichtlich tun würden. Vielleicht wußten die älteren Kel'ein, die so viel Erfahrung mit ihnen hatten, etwas darüber; und vielleicht gingen sie deswegen davon aus, daß auch er es wissen sollte, und wollten Unwissenheit nicht mit Erklärungen belohnen. Oder vielleicht waren sie hilflos wie er und lehnten es ab, das Offensichtliche ihm gegenüber zuzugeben. Das konnte er ihnen nicht übelnehmen. Es war nur so, daß er einfach nicht zugeben wollte, daß nichts getan werden konnte, daß keine Vorbereitungen getroffen werden konnten, während die Regul so verzweifelt und ängstlich in Sicherheit flohen. Er wußte mit all dem Glauben, der bei seinem kleiner werdenden Vorrat an vertrauenswürdigen Dingen geblieben war, daß das Kel letztlich Widerstand leisten würde; aber sie würden sterben müssen, wenn das der Fall war. Ihr Geschick war groß, größer als das aller anderen lebenden Kel'ein – so glaubte er wenigstens. Aber die neun waren auch zu alt und zu wenige, um den massierten Angriffen der Menschen lange standhalten zu können.

Die Vorstellung überkam ihn immer wieder, so schrecklich und unwirklich wie der Fortgang der Regul aus seinem Leben – die Vorstellung von der Ankunft der Menschen, von menschlicher Sprache und menschlichem Schritt, die in der Heiligkeit des Edun Schreins widerhallten, von Feuer und Blut und zehn verzweifelten Kel'ein, die versuchten, die She'pan mit der Waffe gegen eine Horde schändender Menschen zu verteidigen.

Brüder, Schwestern, wollte er die Kel'ein fragen, ist es möglich, daß es noch eine Hoffnung gibt, die ich nicht zu erkennen vermag? Und dann dachte er wiederum: Oder, o Götter, ist es möglich, daß unsere She'pan wahnsinnig geworden ist? Brüder, Schwestern, seht, seht doch die Schiffe! Unser Weg führt fort von Kesrith. Bringt die She'pan zur Vernunft. Sie hat vergessen, daß es hier noch welche gibt, die leben wollen. Aber so etwas konnte er den Ältesten und Eddan nicht sagen; und letztlich würde er sich für solche Worte vor Intels Angesicht verantworten müssen, und das würde er nicht ertragen können. Er konnte nicht mit ihnen argumentieren, konnte mit ihnen nicht diskutieren, wie sie es im geheimen unter sich taten. Die Ältesten und Intel – alle außer Melein und ihm – erinnerten sich noch an Nisrens Tage, an das Leben vor dem Krieg. Damals hatten sie die Hilfe der Regul angenommen, waren dem Untergang von Nisren entkommen – und jetzt lehnten sie diese Hilfe ab, wie sie es in Besprechungen beschlossen hatten, von denen er, der nicht zu den Ehemännern gehörte, ausgeschlossen war. Er beharrte auf dem Glauben, daß die Ältesten vernünftig waren. Sie waren zu ruhig und zu sicher, um verrückt sein zu können.

Vor dreiundvierzig Jahren war so etwas auf Nisren geschehen. Ein Regul-Schiff, das She'pan Intel rettete, hatte die heiligen Pana und die Überlebenden des Edun nach Kesrith gebracht. Die Ältesten sprachen nicht von jenem Tag, sogar die Lieder schenkten ihm kaum Beachtung. Es war ein Schmerz, der mit ihren sichtbaren Narben geschrieben war und im Geheimnis ihres Schweigens.

Scham? fragte er sich mit einem Stich im Herzen, weil er schlecht von ihnen dachte. Scham über etwas, was sie auf Nisren taten oder nicht taten? Scham darüber, daß sie überlebt hatten, und der Wille, den Fall einer weiteren Heimatwelt nicht zu überleben? Manchmal vermutete er, daß das der Fall war, und der Schrecken wuchs und biß in ihm wie ein fremdartiger Parasit. Schrecken darüber, daß er zu einer She'pan gehörte, die des Fortlaufens müde war, und zu einem Edun, das sich bewußt darauf vorbereitete, zu sterben.

Das Edun, das die Pana aufbewahrte, die Verehrten Gegenstände der Ehre und Geschichte der Mri, die anzusehen dem Sen allein vorbehalten war, die ungebeten zu berühren den Tod bedeutete; sie zu verlieren...

Die Reliquien des Volkes zu verlieren...

Das würde den Tod bedeuten, nicht nur des Edun, sondern des Volkes als einer Rasse. Er bedachte dies einen Augenblick lang, wendete den Gedanken im Geist, warf ihn hastig beiseite und griff ihn furchtsam wieder auf.

O Götter, dachte er mit allein durch die Vorstellung erstarrtem Geist. Ein weiteres Shuttle startete. Er sah es steigen, immer weiter, ein Stern, der sich bewegte.

O Götter, o ihr Götter.

Es war Shon'ai, das Spiel des Weiterreichens. Es war das Aufblitzen von Klingen in der Dunkelheit, das tödliche Spiel von Rhythmus und Bluff und Drohung und unbekümmertem Risiko.

Das Spiel des Volkes.

Die Klingen wurden geschleudert. Die Existenz hing von der eigenen Schnelligkeit ab, dem eigenen Verstand und den Nerven, aus keinem anderen Grund als dem, das Aberleben zu verdienen.

Er fühlte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht in den Bauch sackte, als er begriff, warum sie durch ihn hindurchgesehen hatten, als er ihnen seine vergeblichen Fragen gestellt hatte.

Passe dich dem Rhythmus an, Kind des Volkes! Sei ein Teil des Volkes! Akzeptiere es! Akzeptiere es!

Shon'ai!

Er schrie laut auf und verstand auf einmal alles. Im ganzen bekannten Weltall würden Mri auf den Wurf der She'pan von Kesrith reagieren. Sie würden kommen, sie würden kommen, aus allen Richtungen des Weltalls würden sie kommen, um zu kämpfen und Widerstand zu leisten.

Die Pana waren dem Edun Kesrithun zur Verwahrung anvertraut.

Es war ein großer Kreis, und die Klingen flogen anscheinend zufällig, aber jedes Spiel neigte dazu, sein eigenes Muster zu entwickeln, und am weitesten war der Spieler, der nicht von ihm hypnotisiert wurde.

Intel hatte geworfen. Nun lag es an anderen, den Wurf zurückzugeben.

Der erste von Kesriths Zwillingsmonden war sichtbar geworden. Die Sterne bildeten einen staubigen Gürtel über den Himmel. Die Luft war kalt, aber Niun fühlte keinen Anstoß, ins Edun zurückzukehren, die weltliche Routine seiner Existenz wieder aufzunehmen. Nicht heute abend. Nicht mit solchen Gedanken im Kopf. Letzten Endes würden die Kel'ein ihn vermissen, ihn suchen, ihn an seinem Lieblingsort entdecken und dort sitzenlassen. Er verbrachte hier viele Abende. Im abendlichen Edun gab es außer Schlafen, Essen und dem Studium von Dingen, die nicht mehr zutrafen, nichts zu tun. Keiner hatte mehr die Lieder gesungen seit dem Tage, an dem die Nachricht vom Ende des Krieges gekommen war. Sie saßen oft zusammen und unterhielten sich, und er blieb dabei ausgeschlossen. Wahrscheinlich, dachte er, war es eine Erleichterung für sie, daß er weggegangen war.

Der Geysir Sochau spie Dampf über die Ebenen aus, einen hohen Helmbusch, so vorhersehbar wie die Stunden auf einer Regul-Uhr. Durch solche Rhythmen lebte die Welt, und mit solchen Rhythmen maß sie die Tage, bis die Menschen kommen sollten.

Aber zum erstenmal in all den Tagen, seit er vom Ende des Krieges gehört hatte, empfand Niun eine Andeutung von Glück, eine wilde Ahnung davon, daß dem Volk noch etwas zu tun bleiben könnte und die Menschen herausfinden würden, daß ihr Sieg keineswegs schon eine vollendete Tatsache war.

Am Himmel wurde ein Stern größer, kaum daß der andere verschwunden war, schnell und mit Omen behaftet. Niun beobachtete ihn mit rasch wachsendem Interesse, durch etwas zum Leben erweckt – auch wenn es trivial sein mochte –, das nicht üblich war. Normalerweise landeten die Shuttles nicht vor dem Morgen.

Er sah zu, wie der Stern größer wurde, hegte sowohl furchtbare als auch hoffnungsvolle Vorstellungen, ein bloßes Kinderspiel, denn er glaubte nicht wirklich, daß es mehr als eine bloße Änderung in Regul-Plänen, getroffen aus Regul-Gründen, war, so normal wie etwas in der organisierten Routine von Kesriths Tod sein konnte.

Er sah, wie es herabkam und wie plötzlich im entferntesten Bereich des Hafens Lichter aufflammten, erkannte plötzlich, daß es nicht auf die Liegeplätze der Frachter und Shuttles niederging, daß es kein Raumtransporter war und auf einen Bereich herabsank, der allein militärischen Landungen vorbehalten war. Es handelte sich um ein Schiff von einer Größe, wie sie seit vielen Jahren nicht mehr auf dem planetaren Hafen gesehen worden waren.

In der Dunkelheit und der Ferne war das Schiff nicht mehr als eine Gestalt aus Licht, ohne Kennzeichen, ohne Namen. An nichts konnte man erkennen, was es war. Plötzlich wußte Niun, daß seine Leute davon erfahren haben mußten, daß sie zweifellos bereits davon alarmiert gewesen waren, nur er nicht.

Er sprang vom Felsen herab und fing an zu laufen, mit Füßen, die schnell die Richtung änderten, hier und da, wo die schroffe Erde Gefahren in sich barg. Er benutzte nicht die Straße, sondern rannte querfeldein eine alte Mri-Spur entlang und erreichte atemlos und mit stark schmerzender Brust die Tür des Edun.

Es war still in den Hallen. Er hielt nur einen Augenblick lang inne, dann erstieg er die Treppe zum Turm der She'pan, wobei er die erste Windung fast rannte.

Und dort begegnete ihm ein Schatten – der alte Dahacha, der mit seinem großen, mürrischen Dus die Stufen herabschlenderte. Alle blieben ruckartig stehen, und das Dus nahm noch eine Stufe und grollte eine Warnung.

»Niun«, sagte der alte Mann, »ich habe dich gesucht.«

»Da ist ein Schiff«, begann Niun atemlos.

»Das ist hier keine Neuigkeit«, erwiderte Dahacha. »Die HAZAN ist zurück. Yai! Komm rauf, Junge, du wirst vermißt!«

Niun folgte ihm voller Freude. Die HAZAN – das Kommandoschiff der Zone; und es war höchste Zeit, daß sie kam, zu den Regul, die sich panisch und unordentlich zurückzogen. Also gab es bei den Regul noch Entschlossenheit, noch eine gewisse Autorität, um in dieser Situation der Auflösung die Kontrolle zu behalten.

Und die HAZAN! Mit der HAZAN kam Medai, sein Vetter, sein Kel'en-Gefährte, zurück von den Menschenkriegen mit all der Erfahrung und dem gesunden Verstand, der dem an der Front kämpfenden Kel eigen war.

Bei Medai erinnerte er sich auch an andere Dinge, die weniger schön waren; aber nach sechs Jahren spielte das keine Rolle mehr, wenn die Welt ins Chaos stürzte. Niun folgte Dahacha die sich windende Treppe hinauf, und ein Hochgefühl durchströmte ihn.

Ein weiterer Kel'en.

Ein Mann, dem die anderen zuhören würden, wie sie es niemals bei Niun tun würden, der die Welt noch niemals verlassen hatte.

Medai, der unter den Anführern der Regul gedient hatte, der ihren Geist kannte, wie nur wenige Kel'ein die Gelegenheit gehabt hatten, ihn kennenzulernen – er, Kel'en auf dem Schiff des Bai der Zonen von Kesrith.