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Stille lag über Kesrith. Nach so vielen Gefahren, nach zwei Tagen, in denen der Sturm es auf dem Hafen festgehalten hatte, war das letzte Shuttle mit seiner Last Flüchtlingen zu der Station abgeflogen, bei der der Frachter RESTRIVI die letzte reguläre Gruppe von Zivilisten, die den Planeten verließen, aufnahm. Danach blieb noch Zeit, die nötige Zeit, um die letzten Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. Nur die HAZAN war im rötlichen Licht der Sonne von Kesrith zurückgeblieben – bewaffnet und, sobald die kleinen Reparaturen abgeschlossen waren, sternflugtauglich; das Schiff wartete mit der ständig kompletten Mannschaft. Es hatte Bänder an Bord, um sie nach Nurag zu bringen, der Heimatwelt der Regul, Sicherheit und Zivilisation für die wenigen hundert, die sich noch auf Kesrith aufhielten.
Zehnmal an jedem Tag blickte Bai Hulagh Alagnni, der in seinen beheizten Büros im Nom-Komplex arbeitete, aus den Fenstern und befaßte sich mit dem Zustand der HAZAN. Das Mehrzweckschiff, hinter seinen Schirmen stark genug für den Kampf, war doch nach der Landung eine gefährlich zerbrechliche Konstruktion. Bai Hulagh hatte zuerst gezögert, mit dem Schiff zu landen, hatte in den Stunden, als der Sturm sich näherte, Seelenqualen erlitten, sich schließlich dagegen entschieden, das Schiff in den Orbit aufsteigen zu lassen.
Und dann – dann einen törichten Flugzeugpiloten zu haben, der versuchte, dem Sturm davonzufliegen und die Kreuzwinde zu riskieren, eine bekannte Gefahr über Kesriths Hafen – durch dieses Ereignis wäre fast die ganze Mission verloren gewesen. Hulagh fluchte jedesmal, wenn er daran dachte, während der Jungling-Pilot und die Passagiere natürlich jeder Strafe entzogen waren. Er war erleichtert, daß der Schaden zumindest auf Tower und Verladeeinrichtungen begrenzt und am Rumpf der HAZAN nur geringfü- gig ausgefallen war. Er hatte Glück gehabt. Er setzte die HAZAN gegen ihm zuwiderlaufende mächtige Einflüsse auf der Heimatwelt. Er hatte alles riskiert, als er diesen Posten hier für sich und seine Interessen gesichert hatte, nach der Ablösung des alten Guran und von Solgah Holn-ni. Es war ein Auftrag, für den ihn sein Alter und seine Gelehrsamkeit qualifizierten, und so hatte er für Doch Alagn den lange fälligen Status gewonnen.
Aber sowohl beim Landen des Schiffes als auch bei anderen Entscheidungen, die er unterwegs getroffen hatte, war es unumgänglich gewesen, zu riskieren, um zu gewinnen. Es war erforderlich, der Heimatwelt seine und die des Doch Alagn behauptete Befä- higung zu demonstrieren, um dem erhaltenen Einfluß Dauerhaftigkeit zu verleihen.
Das konnte er erreichen, indem er den größtmöglichen Gewinn von Kesrith rettete, nachdem Guran Holn-ni es verloren und er es gewonnen hatte; und Solgah Holn-ni – er dachte mit Abscheu und Verachtung an die fruchtbare Frau, die Holns Niederlassung auf Kesrith regiert und so sorgsam darüber und über den Krieg, der ihr Werk war, geherrscht hatte – Solgah befand sich in völliger Verwirrung auf dem Weg zurück zur Heimatwelt, ihres Kommandos enthoben, die meisten ihrer Junglinge zurücklassend, deren Reihen durch Hulaghs Befehle dezimiert waren, die Überlebenden über viele verschiedene Kolonien verstreut, das Doch vollständig desorganisiert. Sie würde Glück haben müssen, wenn ihr Einfluß auf der Heimatwelt sie vor dem Durchsieben und der Exekution ihrer Junglinge bewahren sollte. Zumindest war Holn fällig für einige Jahre des Vergessens.
Noch immer gefiel Hulagh die Erinnerung, wie Solgah durch die unplanmäßige und unautorisierte Landung der HAZAN erschreckt worden war, wie aufgeregt sie war und mit Verboten und Beschwerden um sich geworfen hatte, bis er ihr seinen Auftrag der Heimatwelt gezeigt hatte, um die Kontrolle zu erlangen.
Nun war es seine Aufgabe, die Evakuierung, die Solgah begonnen hatte, zu Ende zu bringen, so viel wie möglich aus den Konzessionen zu retten, die ihr schwacher Verwandter Guran Holn-ni in den Verhandlungen bei Elag gemacht hatte, in dem Versuch, die inneren Bereiche des ungeheuren Holn Imperiums zu retten. Es war seine Aufgabe, Kesrith auf die menschliche Besetzung vorzubereiten und vom Besitztum der Regul soviel wie möglich zu retten sowie sicherzustellen, daß die Menschen nur minimalen Gewinn aus dem ziehen konnten, was sie durch Krieg und Verhandlungen gewonnen hatten.
Hulagh hatte drei Heimatweltjahre lang indirekt mit Menschen Umgang gehabt und nach der Ablö- sung Gurans einige wenige getroffen, und er dachte an sie – einschließlich der beiden, die mit der HAZAN gekommen waren – mit stillem, aber nur leichtem Widerwillen, tatsächlich mit weniger Widerwillen, als er schon immer für Mri empfunden hatte, die den Regul dienten. Der Menschenkrieg war natürlich ein absoluter Irrtum gewesen, eine Fehlkalkulation, die nicht dem Doch Alagn zugeschrieben werden konnte. Für weisere Regul-Geister war es während des größten Teils der fünf Jahre vollkommen klar gewesen, daß sich die Gesellschaften von Holn Doch einem totalen Fiasko ausgesetzt hatten, aus dem die Mri sie nicht mehr retten konnten, und der Fehler wäre damals schon korrigiert worden, wäre es möglich gewesen, so etwas wie die Hartnäckigkeit und die militärische Macht der Holn zu zügeln. Deren Mri-Söldner und das offensichtliche Eigeninteresse, die umkämpften Gebiete zu behalten, hatten alle Möglichkeiten der Politik verbaut.
Nun endlich, nachdem die Folgen des ursprünglichen Fehlers sich zu erheblichen Kosten vervielfacht hatten, nachdem Regul-Leben und -Eigentum und - Heimat verloren waren und das Holn-Imperium am Rand des Untergangs taumelte, jetzt hatten die Holn Militärs die verworrene und gefährliche Situation – selbst jetzt noch zögernd – den älteren und weiseren Geistern auf Nurag überlassen.
Und die politische Entwicklung, deren schnelle Änderung von den Holn nicht vorhergesehen worden war, hatte dazu beigetragen, daß die Macht von Holn in die Hände von Alagn geriet, so daß Alagn in einen Status befördert wurde, wo es ihm leichtgefallen wä- re, sofern der richtige Alagn an der Spitze stand, Doch Holn total zugrunde zu richten.
Holn hatte ein Chaos zurückgelassen. Bai Hulagh war alles andere als zufrieden über die Verhandlungsbedingungen, in deren Grenzen er operieren mußte, aber dies war das Erbe von Holn, besiegelt, rechtmäßig, aufgezeichnet und nicht mehr zu ändern. Wenn allerdings die Abtretung von drei Kolonialsystemen, so kostspielig sie gewesen sein mochte, eine dauerhafte und verläßliche Grenze zwischen menschlichen und Regul-Ansprüchen schaffen würde, könnte sich dies als einer der klügsten Schritte erweisen, die Doch Holn während seiner Verhandlungen getan hatte. Zweifellos, das fühlte Hulagh, wußten die Menschen jetzt genau, daß sie alles erreicht hatten, was sich durch dieses Abenteuer auf einigermaßen leichte Weise erreichen ließ, und daß die Regul sich hiernach mit größerem Nachdruck zur Wehr setzen würden. Die Menschen waren offensichtlich überrascht und verwirrt durch diesen plötzlichen Wechsel der Machtverhältnisse an der Front, und noch schienen sie eifrig bemüht, den Vertrag zu erfüllen. Kesrith war eine vielversprechende und sensible Grenze: der leere Raum der Tiefe machte jegliche weitere Erforschung in Richtung der Regul wenig aussichtsreich, wenn man nicht gerade einen beträchtlichen Umweg über Hesoghan machen wollte, ein alter und starker Regul-Besitz; und die Verlokkung durch die Schleier-Sterne würde die Menschen rechtzeitig von Kesrith aus randwärts führen. Hierauf baute Hulagh seine Strategie auf, wohl wissend, daß er ganz neue Wege in der Regul-Politik in Erwägung zog. Die Menschen wurden durch den Reichtum angezogen, den Kesrith zu erwerben im Begriff war; aber auch die Regul-Sterne hatten den Mineralienreichtum, mit dem man eine Industrie versorgen konnte ohne den beträchtlichen Luxus von Doch Holns äußersten Kolonien. Es würde wirtschaftliche Auswirkungen geben, die aber auf der Heimatwelt nur gering wären, und solange die Ältesten der Heimatwelt in ihren Bedürfnissen hinreichend versorgt wurden, würde man das Vorgehen von Alagn mit Wohlwollen betrachten.
Und zu guter Letzt war es nur ein Arm der Regul Expansion, den man verloren hatte. Zwei andere blieben. Einer davon war der gegenwärtig etwas kärgliche Besitz von Doch Alagn.
Den Kurs zu bestimmen, zu planen, zu herrschen, sich für immer in der Erinnerung zu halten, nicht nur bei Doch Alagn, sondern im Zentrum von Nurag – das war der Traum, den Hulagh auskostete. Mit seinem hohen Alter hatte er seine Rivalen überlebt, hatte gesehen, wie sie zu Staub wurden; und er erinnerte sich und baute weit vor. Die Junglinge seiner schärfsten Feinde hatte er vernichtet. Jetzt riskierte er alles, um persönlich die Befehlsgewalt über Kesrith zu erhalten. Wenn etwas schiefging, würde man sich erinnern, daß Hulagh von Alagn die Verantwortung hatte; aber hier auf Kesrith gab es auch Reichtümer, nach denen er sich verzweifelt sehnte.
Die Formulierungen des Menschen-Regul Vertrages bezogen sich nur auf den nackten Boden der abgetretenen Welten. Es gab kein besonderes Anrecht auf Wertgegenstände, Städte, Bodenschätze. Nackte Erde – das war alles, was die anmaßenden Menschen zu finden brauchten, wenn sie ankamen. Und die widerspenstige Wildnis von Kesrith wieder urbar zu machen, würde sie Zeit genug kosten, um den Regul eine Atempause zu gönnen – während die ganze Beute in den Lagern von Doch Alagn landete, rechtmäßiges Bergegut, auf das Holn keinen Anspruch hatte.
Und all das genau unter den Augen der menschlichen Gesandten.
Dies befriedigte Hulagh nicht weniger: die Menschen zu beschämen, die die Machtübertragung beaufsichtigen sollten. Die plötzliche Krankheit des Menschen-Ältesten und die natürliche Ängstlichkeit seines einzigen Junglings waren dabei von unschätzbarem Nutzen. Ein Regul-Ältester hätte von seinen Gastgebern ständige und detaillierte Berichte über die Vorgänge gefordert; ein fähiger hätte sie in einem Umfang und einer Häufigkeit verlangt, daß nichts seiner Aufmerksamkeit entgangen wäre; mit einiger Erfindungsgabe hätte man durch die Augen der Junglinge gesehen, was man nicht sehen sollte. Aber nichts davon hatte der Menschen-Gesandte in größerem Umfang geschafft. Der Mensch konzentrierte sich auf die falschen Dinge, lernte eifrig ihre Sprache und ließ sich Berichte wiederholen, die er schon in seiner eigenen Sprache bekommen hatte, hielt sich mit alten Informationen auf, als ob er den Verdacht hätte, daß er durch sie etwas Neues erfahren könnte, als ob es Unstimmigkeiten oder Unwahrheiten in den schlichten Feststellungen gäbe. Solche Irreführungen mochten menschliche Methoden sein, aber nicht die der Regul. Alles, was geschah, war so umfangreich wie der Hafen und so gewöhnlich wie die Schiffe, die sich jeden Tag erhoben, und wenn die Menschen in ein paar Tagen kamen, würden sie einen entblößten und zerstörten Besitz vorfinden, und ihr Gesandter würde nur noch eine unfruchtbare Wildnis kommandieren, die nicht in der Lage war, auf längere Sicht Leben zu erhalten.
Dies war an sich schon ein Coup, den der Rat auf Nurag genießen würde, wenn er davon hörte.
Hulagh war anfangs erstaunt gewesen, daß die beiden Menschen nichts versucht hatten, um die lä- stigen Einschränkungen, die man ihnen auferlegt hatte, zu umgehen. Nur einmal hatten sie die Quarantäne durchbrochen, die ein Regul prinzipiell niemals von vornherein akzeptiert hätte; und dieser eine Erfolg schien gar nicht beabsichtigt gewesen zu sein und war von dem Gesandten verlegen verschwiegen worden. Er war nur gelungen, weil er nicht typisch für die Menschen war, ein kleinerer Sieg, was die unglücklichen Folgen anbelangte, aber offensichtlich ohne mögliche Vorteile für sie. Am Ende hatte nur der Kel'en darunter zu leiden gehabt, und auch das noch unnötigerweise, so unpraktisch wie bei allen von seiner Art. Der Mri war unter seinen primitiven und sturen Artgenossen ein bedeutsamer Mann gewesen. Er hätte sich wahrscheinlich als brauchbar erwiesen, aber er war umgekommen. Die Menschen blieben ahnungslos, selbst in bezug auf diesen kleinen Racheakt, den sie an ihren alten Feinden begangen hatten. Hilflos und gehorsam saßen sie da.
Und anschließend blieb nicht mehr auf Kesrith zurück als das, was aufs Verladen wartete, jetzt, wo die Arbeitsmannschaften frei waren, den Schutt an den Docks zu säubern. Noch ein paar Ladungen mußten angebracht werden, noch ein paar Leitungen gelegt werden, um die Minen zu verschließen, aber die wertvollste Fracht wartete bereits auf den Docks.
Vom Personal blieben nur noch diejenigen, die bei der Evakuierung zuletzt kamen. Sie würden auf der HAZAN mitfliegen.
Berichte, die ihm von Doch Holn überlassen worden waren, gaben an, daß es zu Beginn des Evakuierungsprozesses etwa achtzehn Millionen erwachsene Regul auf Kesrith gegeben hatte, eine einstmals blü- hende Kolonie, die eine Universität und einige wenige erstrangige Älteren-Geister unterhalten hatte (ausschließlich der Holn, die er als überschätzt verachtete). Er kannte die exakte Zahl und die Aufstellung, die Holn gemacht hatte, und ebenso seine eigene Aufstellung der verbliebenen Bewohner und der Güter von dem Moment an, an dem er seinen Posten übernommen hatte, und der Waren, die er zum Verbrauch unterwegs auf die Evakuierungsschiffe hatte verladen lassen, außerdem die Menge des erlaubten persönlichen Gepäcks und dessen, was er zu seinem eigenen Gebrauch barg, bis hin zu Gewichtsbruchteilen und Raumbedarf für die Verschiffung. All diese Daten kannte er bis ins kleinste Detail. Gelegentlich hatte er geschriebene Berichte angefertigt, für den Fall seines plötzlichen Todes und der Übergabe des Alagn Doch an seine unmittelbaren Erben – er traute den Menschen nicht ganz – oder seiner plötzlichen Invalidität; aber diese Berichte waren wirklich nur für einen solchen Fall gedacht. Beim normalen Verlauf der Transaktion griff er nicht auf geschriebene Berichte zurück. Für einen geistig und körperlich gesunden Regul war es physisch unmöglich, irgend etwas zu vergessen, an das sich zu erinnern er jemals vorgehabt hatte, und ebenso war es ziemlich wahrscheinlich, daß er sich auch an das erinnerte, was er nur zufällig gehört hatte. Hulagh glaubte stillschweigend an die Genauigkeit des Berichtes, den er von seiner Feindin Solgah Holn-ni erhalten hatte, genau wie er stillschweigend an ihre geistige Gesundheit glaubte. Es war unvorstellbar, daß Solgah, trotz ihres Mangels an Scharfsinn und ihrer Selbstüberschätzung betreffs ihrer Fähigkeiten als Administrator, sich nicht genau zumindest an die Anzahl von Regul auf ihrer Welt, deren Vermögen und dessen Verteilung erinnert hätte.
Hulagh wußte demzufolge, daß sich außer ihm noch 327 Regul außerhalb des Schiffes aufhielten, das für die Durchführung der Demontage absolut notwendige Minimum, und drei dieser Regul waren bereits erwachsen. Die Mehrheit bestand aus Junglingen von weniger als fünfundzwanzig Jahren und noch ohne bestimmbares Geschlecht – das würde sich etwa mit dreißig herausbilden –, und weit beweglicher, als es für sie noch möglich sein würde, sobald sie anfingen, ihr Erwachsenengewicht zu erreichen. Sie waren ihm bei Aufträgen oder schwerer Arbeit nützlich, ebenso wegen ihrer Beobachtungen bei der Evakuierung, die später von gelehrten Experten auf Nurag ihrem Gedächtnis entnommen werden würden. Abgesehen von ihren jüngsten und einzigartigen Erfahrungen und ihrem Wissen über die Ereignisse um sie herum, hatten ihre Erinnerungen noch nicht die Daten gespeichert, die sie für jeden Älteren wirklich wertvoll machen würden, einfach weil sie noch nicht lange genug lebten und noch nicht weit genug gereist waren, um es an Erfahrung oder der Fähigkeit vergleichender Beobachtung mit einem Älteren aufnehmen zu können. Sie gehörten einfach zu dem Doch, in das sie hineingeboren waren, und wußten noch nicht, was sie erreichen konnten, und da sie sich noch mehrere Jahre lang nicht fortpflanzen würden, wurden sie auch noch nicht durch solche Überlegungen abgelenkt.
Nur die Vollreifen und die durch Erwachsenenwahl eines Doch (sogar Holn) Beschützten waren bei der Hauptevakuierung in Sicherheit gebracht worden – sie und solche Kinder, die für die Dauer der Reise noch in den Beuteln ihrer Mütter bleiben und am Leben erhalten werden konnten, ohne die Vorräte der überfüllten Flüchtlingsschiffe unangebracht zu belasten.
Diese letzten Junglinge, glücklicher als die Massen der Holn, die in keine Kategorie gepaßt hatten, wuß- ten, daß sie immer noch ersetzbar waren und warum, und sie waren wegen der Ankunft der Menschen entsprechend nervös und wegen ihrer Verluste gereizt. Es war eine normale Eigenschaft der Jungen, daß sie in ihrer Angst abgrundtief dumm waren und, irregeleitet durch ihre beschränkte Erfahrung, glaubten, sie seien die ersten und wichtigsten Junglinge in der Geschichte der Rasse, da sie solche Dinge erleiden mußten.
Draußen ärgerte sich jetzt eines und bat zum fünften Mal um Einlaß, zweifellos mit einer dringenden Botschaft, die dagegen protestierte, unter welchen Bedingungen sie im Nom eingesperrt waren und daß es ihnen verboten war, in freien Stunden auf den Platz zu gehen, oder dagegen, daß sie seit der Krise so viele Stunden im Hafen hatten arbeiten müssen. Vielleicht brachten sie dadurch auch ihre zunehmende Furcht vor den herannahenden Menschen zum Ausdruck oder wandten ein, daß sie noch nicht in Sicherheit an Bord der HAZAN waren, was zweifellos die Wurzel von allem war. Hulagh hatte genug solcher Bitten um seine Aufmerksamkeit beantwortet, sowohl von Regul-Junglingen als auch geistig lahmen Menschen. Er war beschäftigt.
Das besagte Jungling hatte keine Beschäftigung irgendwo in der Nähe des menschlichen Gesandten, also konnte es sich um keinen Notfall in dessen Quartier handeln – und das wäre das einzige im Nom gewesen, das Hulagh interessiert hätte. Er kümmerte sich nach bestem Vermögen um die Zerstörung durch den Sturm, verhüllte den Fehler, den er begangen hatte, als er es versäumte, Solgah nach dem Verhalten der Jahreszeiten und des Klimas auf Kesrith zu fragen. Für gereizte und verängstigte Helfer hatte er nur wenig Zeit.
Das Jungling war hartnäckig. Hulagh seufzte schließlich, drückte einen Knopf und ließ das Jungling herein, das außerordentlich erregt war.
»Sei gnädig, Bai.« Es war Suth Hara-ri von der Universität Bai-dach, und es gab ein höfliches Atemholen von sich.
Hulagh erwiderte den Gruß. Zumindest besaß Suth etwas Takt, während es zu Beginn seines Dienstes derartig ohne Manieren und furchtsam gewesen war, wie es keinem Alter gerecht wurde. Diese frühere, allgemeine Taktlosigkeit der Kesrith-Junglinge entsprang sicherlich den Kriegsjahren, die die gesamte Erfahrungswelt der Junglinge gewesen waren. Die in Hulaghs Dienst verbliebenen Kesrith-Junglinge gewannen nun etwas an Umgangsformen. Hulagh achtete ständig darauf, sie zurechtzuweisen, so daß sie nicht beschämt und ungeeignet auf den inneren Welten ankommen würden. Auch dies war für ihn ein Teil seiner Verpflichtung, von Kesrith zu retten, was er nur konnte – und es prädestinierte auch die besten der Junglinge, als Erwachsene zu Alagn zu gehören, von ihm ausgebildet, um seinen privaten Stab zu dem eines Koloniegouverneurs zu vergrö- ßern.
Er erreichte eine Stelle, an der anzuhalten ihm nicht übermäßig schwerfiel, aber er ließ das Jungling mit dem Anliegen noch ein Weilchen länger warten, während er eine Tasse Soi genoß. Als er sie halb geleert hatte, gab er mit einem Wink seine Bereitschaft zu verstehen, zuzuhören.
»Sei gnädig«, hauchte Suth, und platzte dann mit verzweifelter Hast heraus: »Bai, die Station berichtet, daß ein Mri-Fahrzeug im Anflug ist.«
Dies wog schwerer als alle Höflichkeiten oder auch ihr Mangel und erforderte Hulaghs Aufmerksamkeit. Er lehnte sich zurück, vergaß die Tasse auf der Konsole und blickte das Jungling mit unverhohlener Bestürzung an. Die Kel-Söldner – in dieser Lage, wo die Menschen nur noch wenige Tage von Kesrith waren! Hulaghs Herzen beschleunigten sich auf einmal, und Zorn erhitzte sein Gesicht. Es sah den Mri ähnlich, lä- stig zu sein.
Immer dann aufzutauchen, wenn andere Gegebenheiten ihre größte Verletzlichkeit erreicht hatten.
»Haben sie ihre Absichten geäußert?« wollte Hulagh von Suth wissen.
»Sie sagen, daß sie landen werden. Wir haben sie dazu gedrängt, von den Möglichkeiten der Orbitalstation Gebrauch zu machen, aber darauf haben sie nicht geantwortet. Sie haben gesagt, daß sie wegen ihrer Leute auf dem Planeten gekommen sind und daß sie landen werden.«
»Mri lügen niemals«, sagte Hulagh als Information für das Jungling, falls es noch nie zuvor mit den Söldnern direkt zu tun gehabt haben sollte. »Aber sie sagen auch nicht immer die Wahrheit. Darin ähneln sie Regul.«
Suth blinzelte und sog Luft ein. Bei ihm waren die Feinheiten verschwendet. Hulagh runzelte die Stirn und blies erhitzte Luft durch seine Nasenlöcher.
»Sollen sie die Landeerlaubnis erhalten?« fragte Suth. »Bai, was sollen wir ihnen sagen?«
»Sag mir das, Jungling: wo sind unsere Stationsschiffe?«
»Wie, sie sind weg, gnädiger Herr, seit der Evakuierung, alle außer dem Frachter und den Shuttles.«
»Dann können wir unsere Anweisung, nicht zu landen, auch nicht durchsetzen, nicht wahr? Du bist entlassen, Jungling.«
»Gnade«, murmelte Suth und zog sich hastig und würdelos zurück. Hulagh war bereits tief in Gedanken versunken und reagierte nicht auf die Provokation.
Mri. So lästig wie der sture Kel'en, den er von Guran geerbt hatte, mit grausamen Händen, impulsiv und nicht in der Lage, zusammenhängenden Argumenten zu folgen.
Seine Erinnerungen informierten ihn darüber, daß es ständig einige Mri auf Kesrith gab, und das traf auf keine andere Welt zu, seit Nisren vor dreiundvierzig Jahren vor den Menschen gefallen war. Hier lebten dreizehn Mri. Es war nicht zu erkennen, warum Kesrith so begünstigt war, abgesehen davon, daß Mri dazu neigten, sich die eine oder andere Welt als ständige Basis auszusuchen und sie als Heimatwelt zu bezeichnen – und sich anschließend so irrational und emotional zu verhalten, als ob sie tatsächlich das wahre Land ihrer Geburt wäre. Bis jetzt hatte es während des Regul-Mri-Bündnisses drei solcher Heimatwelten gegeben, alle innerhalb des Bereiches der Holn, da Mri immer nur in den Bereich der Holn Rechtsprechung gekommen und in den Heimatterritorien der Regul unbekannt geblieben waren. Diese Beschäftigung von Söldnern war merkwürdigerweise keine von den Regul gesuchte Einrichtung, sondern eine, die die Mri den Regul vor 2202 Jahren angeboten hatten – aus keinem erkennbaren Grund, unter keinem erkennbaren Zwang, nur daß es ein tiefes emotionelles Bedürfnis der Mri zu befriedigen schien. Regul hatten versucht, diese Eigentümlichkeit der Mri zu erforschen, aber nichts herausgefunden. Es gab einen Regul-Witz über Mri, daß Mri Berichte über ihre Heimat und ihren Ursprung angefertigt hatten und dann vergaßen, wo sie sie gelassen hatten – dies bezog sich auf ihre Nomadeneinstellung. Die Tatsache, daß die Mri keine Erinnerung besaßen, war lachhaft für jemanden, der mit den halsstarrigen Mri nie persönlichen Umgang gehabt hatte.
Man konnte mit ihnen nicht diskutieren und ihnen keine Gründe begreiflich machen, konnte sie nicht überreden, von alter Treue abzulassen, und konnte sich vor allem nicht in ihren Sinn für Anstandsformen einmischen. Hulagh erinnerte sich mit einem Schauder an Medais Selbstmord; stur; ohne Erinnerungen und zur Gewalt neigend. Es sah den Mri ähnlich, Blutvergießen der Vernunft vorzuziehen, selbst wenn es das eigene Blut war, das vergossen wurde. Medai, kesrithgeboren, wollte keinen Kompromiß schließen: das Mri-Abkommen galt nur solange, wie die Regul eine Heimatwelt für die Mri bereithielten, solange diese Heimatwelt unverletzt durch Invasionen blieb. Medai hatte gesehen, was er gesehen hatte, es gab für ihn keine anderen Gründe, und deshalb hatte er sich entschlossen, sich gegen seine rechtmäßigen Auftraggeber zu stellen.
Sein Selbstmord sollte, wie Hulagh sich erinnerte, eine Last der Schande oder ein soziales Stigma dem Mann aufbürden, der den fraglichen Mri beleidigt hatte. Die Selbstzerstörung war ein Akt des Vorwurfs oder der vollständigen Zurückweisung, der eine vernichtende Wirkung auf die Gefühle des eigenen Vorgesetzten haben sollte.
Ein Mri-Kel'en würde so etwas tun, selbst wenn er wußte, daß Regul nicht beeindruckt wären, würde lieber sein kostbares Leben wegwerfen als einen Kompromiß in einer so kleinen Angelegenheit der Pflicht zu schließen, die für ihn persönlich letztlich keinen Unterschied machen konnte. Zweifellos glaubten die Mri, daß dieser Unterschied vorhanden war.
Es war diese Wildheit der Mri, die die Regul ursprünglich angesprochen hatte, eine Verwunderung darüber, daß diese wilde, furchtbare Art friedlich zu den Regul-Docha gekommen war und ihre Dienste angetragen hatte – Dienste, ohne die es vielleicht niemals zur Kolonisierung der der Menschheit zugelegenen Welten und dem Aufstieg der Holn gekommen wäre, nicht auf die Weise, die den Holn ein Monopol verschafft hatte. Und gerade diese Wildheit hätte eigentlich die sensiblen Regul vor der Natur der Mri warnen sollen. Söldner durch Aufzucht und Wahl – ihre strengen, stumpfsinnigen Kodices machten sie zu Anfang als Wächter im Handel der Außenwelt-Docha absolut zuverlässig. Sie wechselten nicht ihre Bündnisse mitten im Dienst; man konnte sie nicht bestechen; es war sogar unmöglich, sie zu entlassen, außer durch Ableistung ihres Dienstes oder durch Selbstmord. Sie hatten nicht genug Verstand, um sich zurückzuziehen, sie besaßen keinen ausgeprägten Selbsterhaltungstrieb, eine Tatsache, die ihre Fruchtbarkeit ausbalancierte, in der alle Männer des Kel das Recht hatten, sich mit den Frauen der niederen Kaste zu paaren, neben den Gefährtinnen ihrer eigenen Kaste. Deshalb neigten sie in den Friedensjahren dazu, sich beängstigend zu vermehren, gäbe es nicht den durch ihre Lebensweise bewirkten Ausfall, ihre Ablehnung der medizinischen Wissenschaft und ihre dauerhafte Begeisterung für Duelle. Wie sich diese wilden Krieger selbst unterhalten hatten, bevor sie die Regul fanden, die sie in Dienst nahmen, war ein weiteres Geheimnis für die Regul, welches zu klären die Mri nie bereit gewesen waren. Sie leisteten keine Arbeit mit den Händen, nicht einmal genug, um sich mit Nahrung zu versorgen. Ein Mri würde eher hungern als Lasten zu tragen oder für jemand anderen den Boden zu bearbeiten. Sie brachen diese Regel nur, um ihre Türme zu bauen und zu erhalten und die wenigen Schiffe zu unterhalten, die sie selbst besitzen durften. Aber abgesehen von diesen zwei Ausnahmen würden sie keine Hand rühren, solange Regul für die Übernahme der knechtischen Aufgaben verfügbar waren. Hulagh erinnerte sich daran, daß einmal ein bestimmtes Schiff mit einem Kel'en an Bord Schwierigkeiten hatte, die nicht mit den Menschen zusammenhingen, sondern einer navigatorischen Fehlfunktion, die die Mannschaft in Panik versetzte; sie hatte den Schiffskel'en herbeigerufen – es handelte sich um eine alte Kel'e'en –, die sich die Schwierigkeit gemächlich angeschaut, sich an die Konsole gesetzt und die entsprechenden Einstellungen vorgenommen hatte; dann war sie mit vollendeter Arroganz in die Einsamkeit ihres Quartiers zurückgekehrt, ohne zu sprechen oder höflich zu sein oder Dank zu akzeptieren.
Aber diese Kel'e'en konnte nicht einmal ein einfaches Zeichen lesen, um in der Freizeit auf einer Station die Messe zu finden, sondern war darauf angewiesen, daß ihre Regul-Auftraggeber ihr den Weg wiesen.
Es gab nichts, was sowohl der Arroganz als auch der Ignoranz der Kel-Mri gleichkam; sie waren empfindlich, begingen Selbstmord, wenn sie von Regul beleidigt wurden, kämpften, wenn andere Mri sie beleidigten – man wußte einfach nicht, was diese Spezies in Wahrheit motivierte. Hulagh glaubte, die Menschen besser zu kennen als die Mri, obwohl er nur drei Jahre lang mit Menschen Kontakt gehabt hatte, seine Vorfahren aber seit 2202 Jahren die Mri kannten. Die Menschen waren einfach gebietsbezogen eingestellt, wie die Regul, und obwohl sie Geschöpfe mit kurzem Gedächtnis und kleinem Gehirn waren wie die Mri, besaßen sie eine Industrie, die für sie arbeitete, und glichen mit Hilfe einer bewundernswerten Technologie die Mängel ihrer Talente aus.
Es war seltsam, daß im Verlaufe der dreiundvierzig Jahre des Krieges die Regul gelernt hatten, den Menschen weit mehr zu trauen als den Mri; sie fürchteten die Menschen jetzt weniger als die Mri. Ständig mußten die Regul die Mri dazu zwingen, die Anstandsformen der Zurückhaltung zu wahren, hatten tatsächlich einschreiten müssen, um die Mri daran zu hindern, den Krieg aus der territorialen Konfliktzone heraus in Bereiche weit außerhalb der Regul-Grenzen hinein auszuweiten, auf einen Maßstab, in dem es der Regul-Technologie nicht mehr möglich gewesen wä- re, Verteidigungslinien um Heimatwelten von vitaler Bedeutung aufrechtzuerhalten. Obwohl sie Experten des Krieges waren, hatten die Mri das nicht verstehen können; aber selbst die Holn hatten das getan und den Krieg eingeschränkt, weil es anderenfalls unglaubliche Verwüstungen und einen wirtschaftlichen Zusammenbruch gegeben hätte. Die Mri konnten vielleicht eine Heimatwelt nach der anderen verlieren und weiterziehen, aber sie waren Nomaden – was vielleicht, wie Hulagh vermutete, die Quelle ihrer Verachtung nationaler Grenzen war. Regul konnten den Verlust auch nur einer Welt des Heimatraumes mit ihren Kunstwerken, ihrer Technologie, ihren Handelslinien nicht in Betracht ziehen; sie hatten zu keiner Zeit im Sinn, sich dem Krieg so ausschließlich zu widmen wie die Mri.
Die schwerwiegendsten Verluste hatten letztendlich die Mri selbst erlitten. Nach Regul-Zählung hatten sie zu Beginn des Krieges eine Million neunhundertsiebenundfünfzig Kel'ein umfaßt; und doch war diese Zahl ein großer Zuwachs zu vorher gewesen und spiegelte das Gedeihen wider, das sie in Regul Diensten über den Zeitraum von 2202 Jahren hinweg erlebt hatten. Sie waren nur etwa Hunderttausend gewesen, als ihre Anführer das erstemal zu den Regul gekommen waren und darum gebeten hatten, der Spezies der Regul zu dienen. Jüngste Berichte gaben jedoch an, daß im bekannten Weltall nur 533 Mri aller Kasten überlebt hatten.
Wenn man diese kleine Zahl und die nicht zu zü- gelnden wilden Neigungen der Mri erachtete, dann war es unmöglich, daß ihre Art auf diesem niedrigen zahlenmäßigen Niveau überleben konnte – ironischerweise –, wenn die Regul sie nicht für die Zeit der Erholung beschützten. Mit dem Niedergang der Grundlage für die Holn-Macht und dem Niedergang der Kel'ein war eine Epoche zu Ende gegangen. Einige wenige konnten durch Alagn erhalten werden, sofern die Mri soweit gehen konnten, Vernunftgründe einzusehen. Hulagh konnte sich vorstellen, daß sie von Nutzen waren, wenn auch nur aus der Regul Furcht vor der Wildheit des Kel. Aber sie mußten den vorrückenden Menschen aus dem Weg geräumt werden, oder die Mri würden sich wie Automaten weiterhin gegen das Unvermeidliche in den Tod stürzen.
Und inmitten des sonstigen Durcheinanders mußte ein Mri Selbstmord begehen und mußte jetzt ein Mri Schiff sich in die Evakuierung der Mri-Heimatwelt einmischen. Es würde ein bewaffnetes Schiff sein. Die Schiffe der Mri, zumindest solche, die ausschließlich ihnen gehörten, waren zwar klein, aber Mri gingen nirgendwo unbewaffnet hin.
Auch die Menschen, die kamen, um Kesrith in Besitz zu nehmen, würden bewaffnet sein.
Einen wilden Augenblick lang erwog Hulagh den würdelosen Rückzug von seinen Pflichten auf Kesrith, die überlebenden Junglinge und sich selbst in der kommenden Nacht an Bord der HAZAN zu pakken und die Mri und die Menschen der gegenseitigen Gnade zu überlassen.
Aber die HAZAN war noch nicht bereit, noch nicht ganz repariert, und auch ihre wichtige Fracht konnte noch nicht verladen werden, solange die Dock Einrichtungen nicht repariert worden waren.
Und er würde sich nicht auf diese Weise zurückziehen, die ihn auf der Heimatwelt diskreditieren würde, soweit konnte er den Mri-Drang begreifen, standzuhalten, wenn man gestoßen wurde.
Er streckte die linke Hand aus, drückte einen Knopf und stellte eine Verbindung zu Hada Surag-gi her, Kosaj des Nom, der ihm schon persönlich bei genügend wichtigen Aufträgen bedient hatte: der zwanzigjährige Hada war für seinen gehobenen Posten außerordentlich kompetent. »Hada«, sagte er, »schick mir die Berichte über die Mri-Niederlassung auf Kesrith!«
»Sei gnädig«, kam Hadas Stimme zurück. »Solche Berichte reichen bis zu 2202 Jahre zurück. Kesrith gehörte zu den ersten Welten im Besitz der Mri, und man glaubt hier, daß sie schon vor dem ersten Kontakt hier waren. Welche Information möchte der Bai im besonderen haben? Ich könnte abrufen, was hilfreich ist.«
Das war pure Frechheit, daß solch ein Jungling sein persönliches Wissen für ausreichend hielt, um das Bedürfnis eines Älteren befriedigen zu können.
»O jugendliche Unwissenheit«, sagte Hulagh vergrämt. Er erinnerte sich daran, daß er auf Kesrith der einzige Ältere war und das Angebot des Junglings, obwohl unverschämt und überheblich, wahrscheinlich gut gemeint war, um ihm kostbare Zeit und Mü- hen zu ersparen. Dies war schließlich nicht Nurag; für jedermanns Zeit und Geduld, besonders Hulaghs, gab es eine Grenze. »Hada, was glaubst du, könnte zum jetzigen Zeitpunkt ein Mri-Schiff nach Kesrith führen?«
»Dies ist«, sagte Hada, »die augenblickliche Mri Heimatwelt. Vielleicht wollen sie sie verteidigen. Sie sind nicht gewohnt, sich zurückzuziehen.«
Das war keine beruhigende Vermutung, und es war genau die, die Hulagh selbst angestellt hatte. Jedoch hatten die Mri das Abkommen, das die Regul mit den Menschen geschlossen hatte, akzeptiert; auf jeder Stufe der Verhandlungen waren die Mri darüber informiert worden, daß sie nicht weiter Krieg gegen die Menschen führen konnten.
»Hada, wie viele Mri gibt es augenblicklich auf Kesrith?«
»Bai, es sind dreizehn, fast nur die Ältesten des Edun und völlig unfähig zum Kämpfen.«
Das überraschte ihn. Er hatte sich nicht für das kleine Edun interessiert, da es sich ihm nicht bemerkbar gemacht hatte. Er hatte die Zahl seiner Mitglieder genau gekannt, aber nicht ihre Kampfesunfähigkeit.
»Schicke trotzdem die Berichte, alles, was du über die Anführer persönlich hast und über die hiesige Geschichte ihrer Art.« Verdammnis, dachte Hulagh schlecht gelaunt, die Mri sind schon so lange hier, daß ich das nicht völlig durchsichten kann. Ich habe keine Zeit. Der Umfang der Berichte wird gewaltig sein. »Hada!«
»Gnade?«
»Nimm mit ihrem Kel'anth Verbindung auf! Sag ihm, daß ich ihn sofort in diesem Büro sprechen will!«
Es gab eine lange Pause. »Sei gnädig, Bai«, traute Hada sich dann zu sagen. »Dem Kesrithi Edun steht eine She'pan vor, eine gewisse Intel. Auf einem Planeten muß sich ein Kel'anth einer She'pan beugen. Er ist nicht der Anführer der Mri auf Kesrith.«
Hulaghs Fluch schnitt dem Jungling das Wort ab. Eine Weile unterbrach Schweigen das Gespräch, willkommenes Schweigen. Hulagh verarbeitete die neue Information, überrascht durch sein Vertrauen auf das Wissen eines Jungling, sich dessen bewußt, daß niemand genau die Befehlsabfolge in der Gemeinschaft der Mri kannte. Hada behauptete, darin Bescheid zu wissen. Vielleicht hatte es sein Wissen von Älteren des Holn Doch erhalten, die die Mri generationenlang befehligt hatten. Seuche und Verdammnis, dachte Hulagh, ich habe keine Zeit, ich habe keine Zeit. Verdammnis über alle Mri! Aber niemand konnte eine She'pan herbeizitieren, soviel war ihm bekannt. Niemand außerhalb der Kel-Kaste würde auf eine Aufforderung, ihre Gemeinschaft zu verlassen und Außenstehende zu treffen, antworten. Es war notwendig, die Durchsicht der Berichte zu umgehen, oder anderenfalls das nä- herkommende Schiff zu ignorieren, mit all den häßlichen Möglichkeiten, die daraus erwachsen konnten.
Oder es war erforderlich, daß er seinen Schreibtisch und seine Arbeit verließ und seine wichtigen Aufgaben in solch einer Krise der inkompetenten Betreuung durch Jungling-Assistenten überließ, während er gemächlich Höflichkeiten mit einer religiösen Mri Anführerin austauschte, deren Gedächtnis unzuverlässig war und deren Umgangsformen wahrscheinlich zu wünschen übrigließen, die die klaren Beziehungen zwischen Regul-Doch und Mri-Kel'anth störte. Er und der Kel-Anführer hätten die Dinge mit einem einfachen Austausch regeln können; aber wenn eine der zeremoniellen Anführerinnen der Mri beleidigt war, deren Macht nebulös war und deren Autorität und Zwänge irgendwie mit der Mri Religion zusammenhingen, wie auch immer die aussah –, mußte sich ein Regul-Antragsteller ermüdenden und inhaltlosen Diskussionen unterziehen, die nur vielleicht das erbrachten, was er wollte.
»Hada«, sagte Hulagh resignierend, »besorge mir meinen Wagen und einen höchst zuverlässigen Fahrer, ein Jungling, das vor Mri nicht zurückweicht!«
Beim Umgang mit den eindringenden Menschen hatte er viele Demütigungen hingenommen, bei Verhandlungen über Arrangements, beim Akzeptieren zweier unbequemer Beobachter, deren Anwesenheit, sofern sie bekannt wurde, die unmöglichsten Komplikationen für das Mri-Abkommen hervorrufen konnte. Beim Umgang mit den Menschen hatte er Erfolg gehabt, was als äußerst schwierige Sache erachtet worden war; er hatte sie auf eine Weise ausmanö- vriert, die ihm Ansehen verschaffen würde. Und nun passierte so etwas, daß er die Rettung von Regul Leben und Regul-Eigentum unterbrechen mußte, um sich mit Mri-Söldnern zu beraten, um ein undankbares Volk zu retten, das ihn aller Wahrscheinlichkeit nach nicht wegen seiner Mühen höflich behandeln würde.
Plötzlich fiel ihm etwas ein. »Hada!« sagte er.
»Gnade?«
»Ist es möglich, oder ist es nicht möglich, daß die Mri von ihrem anfliegenden Schiff wissen?«
»Die Information ist von diesem Amt nicht freigegeben worden«, sagte Hada, und weiter: »Sei gnädig, Bai; schon vordem haben Mri von Dingen erfahren, die dieses Amt nicht freigegeben hatte. Sie haben ihre eigenen Möglichkeiten.«
»Ohne Zweifel«, meinte Hulagh, unterbrach die Verbindung und machte sich an die mühsame und schmerzliche Aufgabe, aufzustehen. Seit 290 Jahren war er dem Junglingsalter entwachsen. Seine Beine waren im Verhältnis kürzer, seine Sinne schwächer, sein Körper um ein Vielfaches schwerer. Seine runzlige Haut neigte zum Aufbrechen und zu Entzündungen, wenn er sie direkt der trockenen Kälte von Kesriths Luft aussetzte. Seine beiden Herzen litten unter der Mühe, seinen Erwachsenenkörper zu erheben, und die Muskeln zitterten unter der ungewohnten Anstrengung. Als Regul-Ältester bestand seine Hauptaufgabe im Benutzen von Geist und Verstand.
Und er war dazu gezwungen, Mri zu besuchen.