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Duncan hörte das Summen von Maschinen. Es weckte ihn und wies ihn darauf hin, daß Stavros etwas benötigte. Mühsam erhob er sich von der Couch und sammelte seine von der Müdigkeit vernebelten Sinne. Er hatte sich nicht ausgezogen, und er hatte Stavros nicht ins Bett gebracht. Sturmalarm hatte den größten Teil der Nacht chaotisch gestaltet, und eine Zeitlang waren ständig Sturmankündigungen über die Kommunikatoren gekommen.
Er hörte, wie die Sturmschilde an Stavros' Quartier zurückfuhren. Er ging hinein und sah, daß die Warnungen der Vergangenheit angehörten und die Schirme klare Sicht vermittelten. Rötlich und düster meldete sich die Dämmerung und schickte ein absonderliches Licht durch die Fenster herein.
Inmitten dieses Scheins befand sich Stavros, eine kuriose Gestalt in ihrem beweglichen Schlitten. Er riß ihn herum, um Duncan mit lebhafter Sachkenntnis zu mustern. Der Kommunikationsschirm erhellte sich.
Sehen Sie nach draußen!
Duncan trat an das regenbesprühte Fenster und tat wie geheißen, betrachtete die öde Weite aus Sand und Felsen in Richtung des Meeres und der Türme der Wassergewinnungsanlage. Etwas stimmte nicht, eine Lücke befand sich in der Silhouette, eine Leere, wo sich gestern noch Türme erhoben hatten.
Über der Meeresküste gab es eine besonders dunkle Wolkenansammlung, durch die Winde ausgebreitet und hinaus über das Meer gezogen und geformt.
Stavros' Schirm wurde aktiviert.
Gerade erfolgte Benachrichtigung: Wasserverwendung auf Trinken und Speisezubereitung beschränkt. ›Kleinere Reparaturen an der Anlage‹. Sie bitten uns, Geduld zu haben.
»Unsere Leute werden hier runterkommen«, protestierte Duncan.
Erwarte weitere Schäden am Hafen. Regul ziemlich durcheinander. Bai ›nicht erreichbar‹.
Der Regen ließ beträchtlich nach und hinterließ nur wenige Spritzer auf den Fenstern. Das düstere Licht wurde für einen Moment rot wie Feuer, aber es war nur Arain durch die dicke Wolkendecke.
Und auf dem langen Kamm jenseits der Stadt bewegte sich ein Schatten. Duncans Augen sprangen angestrengt zu diesem Punkt zurück, aber da war nichts mehr.
»Ich habe da draußen etwas gesehen«, sagte er.
Ja, unterrichtete ihn der Schirm, als er sich ihm zuwandte. Viele, viele. Vielleicht hat die Flut die Tiere aus den Höhlen getrieben.
Einen Augenblick später erschien ein weiterer Schatten auf der Kammlinie. Duncan sah zu, wie noch mehr auftauchten. Seine Augen streiften über den gesamten Kreis der Hügel. Vor dem gespenstischen Licht zeichnete sich eine Reihe dunkler Gestalten ab, die sich ziellos bewegten und herumirrten.
Mri, hatte er befürchtet.
Aber es waren keine Mri, sondern Tiere. Er dachte an die großen, unangenehmen Tiere, die man bei toten Mri gefunden hatte, bärenartige Geschöpfe, die durchaus so gefährlich sein konnten, wie ihre Größe verhieß.
»Es sind Mri-Tiere«, sagte er zu Stavros. »Sie haben die ganze Gegend umringt.«
Die Regul nennen sie ›Dusei‹. Sie stammen von Kesrith. Lesen Sie ihre Instruktionen!
»Sie begleiten die Mri. Wie viele Mri, glaubt man, sind hier? Ich dachte, es wären nur eine Handvoll.«
So hat ans der Bai versichert – nur eine nominelle Sache – daß sie weggebracht werden.
Er blickte zum Horizont, wo sich die ungebrochene Wolkendecke erstreckte.
Und die Dusei bildeten eine feste Linie über den gesamten Kamm und umgaben den sichtbaren Bogen des Meeres zur Stadt.
Duncan wandte sich zitternd von dem Anblick ab, blickte dann wieder hinaus. Er dachte über den Regen und das Land nach, rieb sich die schwitzenden Hände ab und sah Stavros an. »Sir, ich würde gerne dort hinausgehen.«
»Nein«, murmelte Stavros.
»Hören Sie mir zu!« Duncan fand es unangenehm, aus solcher Höhe zu sprechen, ließ sich auf ein Knie nieder, blickte dem alten Mann in die Augen und legte eine Hand auf das kalte Metall des Schlittens. »Wir haben nur das Wort der Regul dafür, daß Regul nicht lügen; draußen sind Mri; wir haben eine Kolonialmission, die in einigen Tagen hier sein wird. Sie haben mich hergebracht. Ich vermute, daß Sie ahnten, mich brauchen zu können. Ich kann hinausgehen und mich umsehen und zurückkommen, ohne daß irgend jemand es merkt. Sie können meine Abwesenheit für so lang verbergen. Wer kümmert sich schon um ein Jungling? Sie werden mich nicht sehen. Lassen Sie mich hinausgehen und nachschauen, welcher Art von Situation wir gegenüberstehen, mit den Schiffen, die runterkommen werden. Wir wissen nicht, wie schlecht es um das Wasser bestellt ist, wir wissen nicht, in welchem Zustand sich der Hafen befindet. Sind Sie sich denn so sicher, daß man uns immer die Wahrheit gesagt hat?«
Wetter gefährlich. Zusammenstoß mit Regul wahrscheinlich.
»Das kann ich vermeiden. Das ist mein Job. Es ist das, was ich gelernt habe.«
Argument überzeugend. Können Sie Vermeidung eines Zwischenfalls garantieren?
»Mit meinem Leben.«
Einschätzung richtig. Wenn es zu Zwischenfall kommt, wird draußen das Regul-Recht sich durchsetzen. Sie verstehen. Überwachungseinrichtungen, Anlage, Hafen, Rückkehr. Kann Abwesenheit bis Dunkelheit verbergen.
»Ja, Sir.« Er war irgendwie erleichtert, aber er blickte nicht voraus. Er kannte die Gefahren vielleicht besser als Stavros. Aber dieses eine Mal waren er und der ehrenwerte Stavros einer Meinung. Die Gefahren auszuspähen war beruhigender, als sie zu ignorieren.
Er stand auf, sah hinaus und entdeckte, daß die dunkle Linie der Dusei während dieser kurzen Zeit verschwunden war. Er blinzelte und versuchte, durch den Regenschleier hindurchzublicken, konnte aber auf die Entfernung nur wenig ausmachen.
»Sir«, murmelte er Stavros als Abschied zu; Stavros senkte seinen Kopf und entließ ihn. Der Schirm blieb dunkel.
Er ging rasch in sein eigenes Quartier und wechselte die Uniform, zog sich wetterfestes Khaki und verschlossene Stiefel an, was in der Erscheinung immer noch üblich genug war, damit die Regul den Unterschied nicht bemerkten. In die verschiedenen Taschen steckte er eine straffe Seilrolle, ein Messer, ein Paket Konzentrate, eine Taschenlampe – alles, was hineinpaßte, ohne daß außen die Umrisse sichtbar wurden. Er stülpte die Kapuze auf den Kragenverschluß und zog den Reißverschluß zu.
Dann ging er hinaus in die Halle, einem Muster nach, dem er mehrmals täglich gefolgt war, seit er den Plan des Bauwerkes studiert hatte, ging in der Halle nach links und hinaus zum Fenster der Beobachtungsplattform. Niemand sonst war dort. Er öffnete die Tür und trat in die regenkalte Luft hinaus, ging um die Biegung der niedrigen Beobachtungsplattform herum, blickte über die Schulter zurück, um festzustellen, ob die Halle hinter der Tür immer noch leer war.
Sie war leer.
Er setzte sich einfach auf die Mauerkante, hielt sich mit den Händen daran fest, ließ sich fallen und dabei die Hände los. Nach menschlichem Maßstab waren die Regul-Stockwerke niedrig. Er landete auf Zementboden, aber es war trotzdem kein harter Aufprall, nur ein leichtes Beugen der Knie. Auf dem Zement gab es keine Spuren. Als er den Rand des befestigten Bodens erreichte und in den sanften Wellungen der Landschaft verschwand; war er zuversichtlich, daß er nicht beobachtet wurde.
Er marschierte in Richtung der Wassergewinnungsanlage, zog sich im Gehen die Uniformkapuze über, denn er kannte die Warnungen vor dem Mineralgehalt des Regens, und achtete darauf, seine Haut dem Regen so wenig wie möglich auszusetzen. Jetzt, wo er die Pflaster der Stadt hinter sich gelassen hatte, hinterließ er Spuren, die so deutlich waren, wie nasser Sand sie nur zeigen konnte, aber er rechnete nicht damit, daß jemand ihnen folgen würde. Er empfand ein ziemliches Selbstgefühl in der Sache, über die er tagelang nachgedacht hatte, als nutzlose Übung seines Berufsgeistes während der langen Inaktivität im Nom: es war eine Tatsache, daß kein Regul das hätte tun können, was er gerade getan hatte, und deshalb konnten die Regul keine Vorsichtsmaßnahmen dagegen getroffen haben. Solch ein Sprung wäre für ihren schweren, kurzbeinigen Körper nicht möglich gewesen, und ebenso konnte kein Regul querfeldein seinen Spuren folgen.
Das würde schon einen Mri erfordern.
Und das war die einzige Möglichkeit, die das Selbstgefühl, das die gegebenen Umstände ihm zu entwickeln erlaubten, etwas minderte. Vor Beginn der Reise hatte er Waffen für sich verlangt, aber die Diplomaten hatten seine Forderung abgelehnt. Es wä- re unnötig und provokant gewesen, hatten sie ihre Entscheidung begründet. Jetzt war er nur mit dem Ausrüstungsmesser in der Tasche bewaffnet, und ein Mri-Krieger konnte ihn in kleine Portionen zerschneiden, bevor er dicht genug herankommen konnte, um dieses Messer zur Verteidigung zu nutzen.
Es war eine Tatsache, daß, wenn die Regul einen Mri auf seine Spur setzten, er so gut wie tot war. Aber dann, so überlegte er, wenn die Regul das überhaupt zu tun wagten, war der ganze Vertrag nichts wert, und diese Tatsache würde frühzeitig bekannt werden.
Es gab auch die Möglichkeit, daß sich die Mri auf Kriegsfuß befanden und dabei nicht unter der Kontrolle der Regul standen. Vor allem das mußte er herausfinden.
Aus diesem Grund übte er bei seinem Vordringen mehr Vorsicht, als er das getan hätte, wenn er nur die Regul fürchtete. Er behielt die Kämme und Wasserrinnen im Auge, dachte auch daran, zurückzublicken, denn er vergaß die dunklen Gestalten nicht, die sich auf den Hügeln bewegt hatten – die Dusei, die sich hier irgendwo befanden. Er überquerte Dus-Spuren mit den Abdrücken der langen Krallen, geheimnisvolle Erinnerungen daran, daß es noch andere Jäger gab als Regul oder Mri.
Die Instruktionen besagten, daß die Tiere den Siedlungen der Regul fernblieben.
Die Instruktionen besagten auch, daß es nicht empfehlenswert war, das Tiefland abseits der Straßen zu durchqueren.
Die aus den Geysiren hervorstoßenden Dämpfe und das Knirschen dünner Krusten unter seinen Fü- ßen erinnerten ihn mahnend daran, daß es einen Grund für diese Warnung gab. Er mußte einer geschwungenen Linie um die heißen Zonen herum folgen und näherte sich dabei dem tiefsten Bereich des Flachlandes – die Nähe der Küste und der Wassergewinnungsanlage.
Entlang der Meeresküste gab es eine Art Straße, die böse überflutet war. Ganze Teile von ihr standen unter Wasser. In einer Furche lag ein Regul Landschlitten, der über den Straßenrand geraten war.
Von der dünnen und kalten Luft erschöpft, setzte sich Duncan mit schmerzendem Kopf und Bauch nieder und sah aus der Ferne zu, wie eine Regul Mannschaft versuchte, den Schlitten herauszuziehen. Von seinem Beobachtungsposten aus konnte er die Wassergewinnungsanlage deutlich sehen. Auch dort herrschte hinter den Schutzzäunen das Chaos. Die Türme erstreckten sich weit in das Wasser mit den weißen Schaumkronen hinaus, und einige dieser Türme waren zerstört.
Nach dem, was er erkennen konnte, gab es keine Möglichkeit, daß diese Türme in den wenigen verbleibenden Tagen bis zur Ankunft menschlicher Schiffe auch nur für eine Reparatur vorbereitet werden konnten, und gewiß nicht bei der rauhen See. Und was noch wichtiger war: er konnte kein Anzeichen von schweren Maschinen entdecken, die in der Lage dazu gewesen wären, Reparaturen durchzuführen.
Realistisch eingeschätzt würde wohl überhaupt nichts getan werden. Eine große menschliche Besatzungsmacht sollte landen und würde vollständig von den Wiedergewinnungsanlagen der Schiffe abhängig sein. Eine irritierende Vorstellung, aber möglich – vorausgesetzt, es gab überhaupt genug Platz zum Landen.
Er blickte nach rechts an der Küstenlinie entlang in Richtung der Stadt und dahinter, wo er die niedrige Form des Nom ausmachen konnte. Kein Gebäude war hoch genug, um ihm den Blick auf den Hafen zu versperren. Er erkannte die HAZAN, sah ihre fremdartige, von Gerüsten umgebene Gestalt, ein Gewebe aus Metall.
Es war unmöglich, ein Schiff auf den vulkanischen Krusten zu landen, die den größten Teil des Tieflandes überzogen. Wenn der Hafen sich in demselben Zustand befand wie die Wasserversorgungsanlage, dann würde es ein hübsches Durcheinander geben, sobald die menschlichen Streitkräfte zu landen versuchten. Und die Regul hatten sie nicht darüber informiert, bis zu welchem Ausmaß die Einrichtungen der Anlage beschädigt waren. Zwar hatten sie nicht gelogen, aber sie hatten auch nicht freiwillig die ganze Wahrheit gesagt.
Er atmete einen Schwall vergifteter Luft ein und warf plötzlich einen Blick hinter sich, und die Erkenntnis, daß er einige Sekunden lang an etwas anderes als seine persönliche Sicherheit gedacht hatte, ließ ihn gefrieren.
Der Horizont war leer, nur die Wolken hingen dort am Himmel. Ein Mann hatte bei seinen Versäumnissen nicht immer dieses Glück.
Er ließ den Atem langsam wieder ausströmen und rappelte sich auf, wobei er das Pochen in seinem Kopf und das Pochen seines Herzens aufgrund der dünnen Luft spürte. Er entdeckte einen Weg um einige niedrige Felsen und einen Sandhügel herum, der zwischen der Stadt und dem Meer hindurch zum Hafen führte. Man sagte, daß die Regul nur über ein schwaches Sehvermögen verfügten, das sie im gesamten Bereich der sinnlichen Wahrnehmung behinderte. Duncan hoffte, daß das stimmte.
Stavros hatte, in die Umarmung seiner Regul Maschine zurückgelehnt, gesagt, daß er Duncans Abwesenheit verbergen könne. Er vermutete, daß Stavros dies gut schaffen konnte, da er in Diskussion und Irreführung geschickt war.
Hier draußen kannte Duncan seinen eigenen Job und wußte mit Sicherheit, daß der Instinkt, mit dem Stavros einen ObTak für Kesrith ausgewählt hatte, richtig gewesen war. Stavros hatte ihm keinen Befehl erteilt, hatte sich nur still auf ihn verlassen und darauf gewartet, daß er aus eigenem Antrieb heraus handelte, und dabei vielleicht gefühlt, daß ein in der Einnahme fremden Gebietes geübter Mann seinen Zeitpunkt erkennen würde.
Er konnte sich keinen Fehler leisten. Er hatte Angst, eine andere Art von Angst, als er sie je zuvor während dieser Mission gespürt hatte. Er hatte schon frü- her allein operiert, hatte vernichtet, war entkommen – während sein eigenes Leben oder sein eigener Tod über seinem Kopf schwebten. Er war nicht daran gewöhnt, mit dem Gewicht des Lebens oder Todes anderer auf seinen Schultern zu arbeiten, mit dem Gewicht einer Entscheidung, zu sagen, daß ein Gebiet für die Landung einer Mission sicher oder nicht sicher war, von der Hunderte von Leben abhingen und an der eine Politik beteiligt war, die weit über Kesrith hinausreichte.
Ihm gefiel das nicht. Er hätte die Entscheidung lieber einer übergeordneten Autorität überlassen, wäre sie verfügbar gewesen. Aber der an seine Maschine gebundene Stavros mußte entweder den Regul oder seinem eigenen Assistenten glauben, und dieser hoffte verzweifelt, recht zu haben.
