Die Inquisition


Es regnet. Es ist stürmisch und kalt. Die Zeitung ist völlig durchnässt. Ein Hund hat auf den Fußabtreter gekackt. Bayern München ist deutscher Meister geworden. Neunzig Prozent der Sparer haben Angst um ihr Geld. Am Himmel wurden gigantische Raumschiffe feindlicher Außerirdischer gesichtet. Kurz: Es ist ein wunderbarer Morgen. Ich strahle wie ein undichtes Atomkraftwerk.

»Du bist erst um drei nach Hause gekommen«, stellt Alina beim Frühstück nüchtern fest.

»Stimmt«, antworte ich noch nüchterner. Und strahle noch mehr.

»Wo warst du?«

»Was trinken.«

»Mit wem?«

»Mit Rasmus.«

»Bis drei Uhr.«

»So ungefähr.«

»Aha.«

Das ist das Vorgeplänkel. Die große Inquisitorin vertieft sich in die Bestreichung einer Scheibe Brot mit dick Nutella und überlegt dabei, welche Folterinstrumente sie anwenden kann.

»Hast du zufällig deinen Eisprung gehabt?«

Ich verschlucke mich, mein Knäckebrot fliegt mir krümelweise aus dem Mund.

»Wir hatten keinen Sex«, sage ich, als mein Gehirn wieder einigermaßen funktioniert. Alina seufzt.

»Das ist echt schlimm mit euch Älteren«, breitet sie den ganzen Schatz ihrer Lebenserfahrungen vor mir aus. »Eigentlich denkt ihr an nichts anderes, aber wenn's dann ernst wird, kneift ihr. Habt ihr euch wenigstens geküsst?«

Oh ja. Nach einer Stunde, die wir ziemlich wortkarg vor unseren Weingläsern verbracht haben. Plötzlich hat Rasmus seine Augen geschlossen und »Welche Augenfarbe habe ich?« gefragt. »Grün«, habe ich geantwortet. Er hat die Augen geöffnet und »Schau mal« gesagt. Ich habe mich vorgebeugt, das Licht im Lokal war schummrig. Ich habe mich sehr weit vorgebeugt und Rasmus' Kopf kam mir entgegen. Die Augenfarbe war mir in diesem Moment egal, ich glaube, sie ist blau.

Ich glaube auch, es hat etwas mit Physik zu tun, oder? Wenn sich zwei Objekte näherkommen, immer näher kommen, dann... kollidieren sie. Wenn diese beiden Objekte Köpfe sind, gibt es entweder Kopfschmerzen oder einen Kuss. Wir hatten Glück und es war letzteres.

»Zunge?« fragt Alina. Sie hat mit dem Kauen aufgehört.

»Nein!«

Natürlich. Aber nicht beim ersten Mal. Einfach nur die Lippen spüren, die Haut des anderen riechen. Den Schmetterlingen im Bauch Zucker geben.

»Na ja«, kommentiert mein Töchterlein, »du bist ja wenigstens nicht mehr in dem Alter, wo man glaubt, dass Küssen schwanger macht.«

»Du doch auch schon längst nicht mehr«, kontere ich. Alina bäumt sich empört auf.

»War ich nie! Wozu gibt es denn Internet.«

Internet. Facebook. Blog. Shitstorm. Für einen Moment gerät mein wunderbar austariertes seelisches Gleichgewicht ins Wanken. Ich greife mir schnell das Nutellaglas, um mich abzulenken.

»Und jetzt?« fragt Alina lauernd. »Ich meine... kriege ich jetzt eine Schwester oder nicht? Oder wartet ihr ab, bis ihr den ersten Sex hattet?«

Ich lächele vielsagend. »Du weißt, was für ein Tag heute ist?«

»Freitag«, weiß mein Schatz. »Ich habe heute die Bdayparty, das weißt du ja, wahrscheinlich schlafe ich bei Meike.«

»Ich weiß«, antworte ich. »Ich komme wahrscheinlich auch nicht nach Hause. Seine Alina übernachtet auch bei einer Freundin.«

Meine Alina nickt die Nachricht routiniert ab.

»Ah okay. Und dann habt ihr Sex? Ich meine... dann bleibt euch eigentlich gar nichts anderes übrig, als Sex zu haben, stimmt's?«

Nein, dann bleibt uns wohl nichts anderes übrig. Was Alina nicht weiß: Eigentlich hatten wir schon Sex. Heute Morgen kurz vor zwei, ganz kitschig auf einer Bank im Park. Ein schlafloser Vogel sorgte für gelegentliche Hintergrundmusik, unsere Hände erwanderten Schluchten und Täler, Felsspitzen... Unsere Zungen lernten sich kennen, sehr gut kennen...

Gut, vorher im Lokal haben wir so getan, als wären wir nichts weiter als gute Freunde. Wir haben uns Schnurren aus unserem Leben erzählt. Wir haben, Gipfel der Harmlosigkeit, uns gegenseitig Fotografien unserer Töchter gezeigt. Seine Alina ist ein semmelblondes Mädchen mit süßer Zahnspange. Gut in der Schule, gelegentlich zickig (versteht sich von selbst in diesem Alter) – und furchtbar eifersüchtig. Das wird sich ändern. Spätestens in drei Jahren ist sie genauso eine Kupplerin wie meine Alina.

Die schaut mich grübelnd an. Woran denkt sie wohl gerade? An das ersehnte Brüderchen? Daran, wie alte Leute Sex machen? Ob sie das Licht lieber löschen oder der traurigen Wahrheit welkender Körper mutig ins Auge sehen?

Ich gebe zu, dass ich heute Morgen eine Zeitlang nackt vor dem Spiegel gestanden und mir überlegt habe, wie Rasmus reagieren wird, wenn er mich so sieht. Nackt, mit all meinen kleinen schwabbeligen Geheimnissen, Constanze Corzelli, die Idealgewichtige, auf Paula Pfaff, die nicht ganz so Idealgewichtige zusammengeschrumpft. Normalerweise hätte allein diese Vorstellung genügt, meine Stimmung in den Keller zu schießen. Aber, oh Wunder, es hat mir nichts ausgemacht. Na ja, ich will ehrlich sein: kaum etwas. Und nein, wir werden das Licht nicht ausmachen. Jedenfalls nicht gleich.

»Liebst du ihn eigentlich?«

Die ultimative Frage, ich habe sie befürchtet.

»Würdest du jemanden küssen, den du nicht liebst?« frage ich keck zurück. Das bringt meine Verhörexpertin kurz aus der Fassung.

»Hm, nein. Also ja. Ich meine... ein Kuss ist doch nur so eine Art... also das ist, als wenn du bei Amazon etwas in den Warenkorb legst. Du hast es noch nicht gekauft und kannst es wieder löschen.«

Ich bin baff. So genau hat mir das noch niemand erklärt.

»Ich möchte aber gerne kaufen«, sage ich.

»Ja klar. Außerdem gibt es Rückgaberecht. Sogar ohne Angabe von Gründen.«

Jetzt lachen wir beide. Die hochpeinliche Befragung scheint beendet. War gar nicht so schlimm.

»In welche Schule geht sie eigentlich?«

»Wer?«

»Na, seine Alina.«

Aha, zu früh gefreut. Aber soll ich mein Töchterlein anlügen? Außerdem kommt die schreckliche Wahrheit früher oder später sowieso an den Tag.

»In die, in die du auch gehst«, antworte ich betont unaufgeregt.

»Oh! Mein! Gott! Sag, dass das nicht wahr ist!!!«

Ist es aber. Ich ziehe fatalistisch die Schultern hoch und lasse sie wieder sinken.

»Okay, okay, Ma. Dann soll er ihr beibringen, dass sie mir NICHT in der großen Pause wie ein Hündchen nachlaufen und mich große Schwester nennen soll! Das macht Cindys kleine Schwester nämlich – und es gibt nichts Peinlicheres.«

Ich verspreche es, die lebenswichtige Information sogleich an Rasmus weiterzugeben.

Wir frühstücken zu Ende und machen uns fertig. Im Auto hüllt sich die Inquisitorin in beredtes Schweigen. Gibt mir ein Küsschen, bevor sie aussteigt, geht langsam über den Pausenhof, dreht sich noch einmal um, winkt mir zu.

Ich fahre ins Büro. Meine Stimmung, heute Morgen noch so prächtig, weiß nicht so recht, ob sie in den Keller soll oder doch lieber zurück auf den Speicher – oder wenigstens in den dritten Stock. Stimmungsschwankungen. Wechseljahre?