Bumm, bumm!
»Wow!«
Sie lügt. Alina lügt ihre Mutter an. Das ist nicht »wow!«, das ist höchstens »na ja«. Das festliche blaue Kleid, vor Jahren gekauft, falls einmal »gesellschaftliche Anlässe« anstehen sollten. Erst einmal getragen, als Alina konfirmiert wurde und mir Tante Hilde irrtümlich einen Klecks Bratensoße auf den Schoß gelöffelt hat. Wenigstens das Makeup scheint einigermaßen gelungen, Geisterbahnbesitzer werden mich nicht vom Fleck weg engagieren.
»Nein echt: wow!« Okay, ich kann gar nicht genug Wows hören, selbst wenn sie erlogen sind. Meine Hände fühlen sich feucht an, als säße ich gerade auf einem Zahnarztstuhl. »Und wie verbringt Mademoiselle ihren freien Abend?« frage ich, um mich abzulenken.
»Fernsehen, Englisch lernen, mit Verena telefonieren, bisschen am Rechner zocken, Fußnägel lackieren und warten, bis du anrufst, um mir zu sagen, dass du anderswo übernachtest. Was ich sonst noch so mache, weiß ich nicht.«
Was ich gleich mache, weiß ich genau: ausflippen. Könnte ich den ganzen Tag schon. Rasmus hat sich im Büro nicht blicken lassen, ich habe Leserinnenpost beantwortet, mir ein Brötchen beim Bäcker gekauft, weil ich Thea nicht im Café Meier begegnen wollte. Und jetzt sitze ich hier wie eine Unterprimanerin vor dem ersten Date, renne alle drei Minuten ins Bad und überprüfe, ob mein Makeup noch hält oder die Stresspickel schon durchkommen. »Bleib cool, Mum«, beruhigt mich Alina, »wenn du das jetzt öfter machst, gewöhnst dich wieder dran.«
Halb sieben. Es hilft nichts, ich muss los. »Toi, toi, toi«, sagt Alina, mir gefällt nicht, wie sie lächelt.
Rasmus ist schon da, als ich das Kasim's betrete. Er winkt mir zu. Und sagt, als wir uns die Hand geben, »wow«. Noch so ein Lügner.
Der übliche Smalltalk. Ja, das Wetter soll besser werden. Schöne Atmosphäre im Lokal, die übliche Hintergrundmusik dezent genug, um nicht zu stören. Nein, keinen Aperitif. Ja, das Essen hier soll gut sein. Vorspeise? Ich nehme die gefüllten Weinblätter, Rasmus nach kurzem Zögern auch. Hoffentlich ist kein Knoblauch dran. Einen trockenen Rotwein und eine Flasche Mineralwasser? Gerne.
»Ich freue mich, dass du meine Einladung angenommen hast«, beginnt Rasmus den intimen Teil. »Hast dich vielleicht gewundert, ich meine... wir kennen uns kaum.«
Und ob ich mich gewundert habe. »Eigentlich kennen wir uns gar nicht«, antworte ich. Rasmus nickt. »Deshalb sollten wir das ändern. Aber nicht dass du meinst, das wäre eine Masche von mir.«
Ich meine gar nichts. Ich frage auch nicht, ob er die Hungerbühler auch schon gedatet hat oder es plant. »Nein«, sage ich lächelnd, »den Eindruck machst du auch nicht.«
»Ach? Komme ich so brav rüber?«
»Ja«, sage ich, ohne Nachzudenken.
»Kompliment oder keins?«
»Kompliment«. Wieder ohne nachzudenken. Der Wein wird serviert, das verschafft mir eine kleine Pause, doch vielleicht mal meinen Kopf zu gebrauchen. Nur – wofür eigentlich?
»Warst du schon mal verheiratet?« Mein Gott, für diese dumme Frage hätte ich meinen Kopf nun wirklich nicht zu bemühen brauchen!
»Ja«, antwortet Rasmus, wie nicht anders zu erwarten.
»Geschieden?«
»Nein, Witwer.«
»Oh.« Das habe ich nun davon.
»Meine Frau ist vor sieben Jahren gestorben, Jugendliebe, weißt du. Ich habe eine Tochter, sie ist vierzehn. Alina.«
Wie bitte? Alina?
»Meine ist siebzehn und heißt auch Alina.«
Jetzt lachen wir wenigstens.
»Scheint mal ein ziemlich populärer Vorname gewesen zu sein«, schlussfolgert Rasmus. Die Weinblätter kommen, sehr appetitlich angerichtet, dem Geruch nach ohne Knoblauch. Wir essen schweigend.
Und prosten uns, als wir fertig sind, zu. War lecker, doch.
»Ich habe vom ersten Augenblick an gewusst, dass du etwas Besonderes bist.«
Der Spruch klingt nicht einmal einstudiert. Er erwischt mich auf dem falschen Fuß, ich verschlucke mich beinahe.
»Was Besonderes? Ich bin Paula Pfaff. Vielleicht meinst du Constanze Corzelli, die Diätpäpstin?« Schelmisches Lächeln.
»Nein! Um ehrlich zu sein: Diese Constanze macht mir ein wenig Angst.«
»Mir auch«, gestehe ich.
»Oh«, sagt Rasmus. »Ich meine... Gesunde Ernährung ist okay. Aber ein paar schöne Pölsterchen sind es auch. Oder sehe ich das falsch?«
Nein, tut er nicht. Dennoch ist mir das Thema peinlich. Ich möchte mit Rasmus nicht über Constanze reden. Vielleicht will ich gar nicht mit ihm reden, sondern ihm einfach nur zuschauen, wie er mich betrachtet.
Erst einmal vertiefen wir uns in die Speisekarte. Was isst man beim Griechen, wenn man keine Lust auf Gyros hat? Bifteki natürlich. Oder Lammsteaks. Nein, ich nehme Bifteki. Die Preise sind gehobener Standard. Rasmus lässt sich den Abend etwas kosten. Er hat mich doch eingeladen, oder? Mein Gott, ich habe überhaupt kein Geld dabei! Doch, er hat mich eingeladen. Was mache ich mir nur für blöde Gedanken?
Rasmus nimmt die Lammsteaks. Wir schlendern am Salatbuffet entlang und versorgen uns, wir stehen dicht beieinander, unsere Kleidung berührt sich. Ich beneide mein Kleid, ich bin richtig eifersüchtig auf mein Kleid.
Das Essen ist vorzüglich. Rasmus erzählt von sich, von seinem Theologiestudium, seiner verstorbenen Frau, seiner Tochter. Nein, ist überhaupt nicht peinlich, wenn er von Mara erzählt, einer Biologin, die an Blutkrebs erkrankte und starb.
»Und du? Geschieden?«
Ja, eine so sentimentale Liebesgeschichte wie Rasmus habe ich leider nicht zu bieten. Nur die üblichen Alltagsdesaster. Das schleichende Auseinanderleben, die Gleichgültigkeit, die irgendwann da ist und auch durch das gemeinsame Kind nicht vertrieben werden kann. Scheidung. Aus.
»Wenigstens hast du deinen Beruf«, nickt Rasmus.
»Genau. Constanze Corzelli. Vor der wir beide Angst haben«. Wir lachen. Die Teller werden abgeräumt, wir wünschen die Dessertkarte.
Habe ich Lust auf Eis? Habe ich. Rasmus auch. Vanilleeis mit heißen Himbeeren. Unsere Geschmäcker sind nicht sehr verschieden, wenigstens nicht beim Essen. Oder will ich nur den Moment der Wahrheit hinauszögern? Wenn wir alles gegessen, alles getrunken haben, wenn Rasmus mich fragt, ob wir noch zu ihm gehen sollen? Oder zu mir? Keine Ahnung. Ich beschließe, spontan zu sein. Ich nehme mir fest vor, spontan zu sein. Ich kann an nichts anderes mehr denken. Nicht einmal daran, wie das Eis schmeckt. Bestimmt gut, denn ich esse alles auf. Constanze meldet sich nicht, irgendetwas hat sie zum Schweigen gebracht.
Rasmus gibt dem Kellner ein Zeichen, die Rechnung bitte. Jetzt passiert es. Jetzt muss er vorschlagen, wie der Abend weitergeht.
»Oh, gleich neun. Ich muss Alina noch von einer Freundin abholen, sie haben zusammen Schulaufgaben gemacht. Das heißt, sie haben wahrscheinlich gechattet und Jungs veräppelt.«
»Ja klar«, sage ich total spontan. »Ich habe meiner Alina auch versprochen, Englischvokabeln abzuhören. Sie schreiben morgen einen Test.«
»Kenn ich. Bei mir war's gestern Spanisch. Und heute wahrscheinlich noch einmal. Wie ist deine Alina so in der Schule?«
»Gut.«
»Meine auch.«
»Schön.«
»Noch einen Ouzo?« fragt der Kellner.