Weiberabend, Höhepunkt und Nachspiel
Alkohol. Raue Menge Alkohol. Zuerst Wein, damit die Pasta besser rutscht. Dann einen Grappa, damit die unverschämt hohe Rechnung besser verdaut werden kann. Und schließlich: Cocktails in Andy's Club (ich liebe den Deppenapostroph), damit wir uns die Jungs schöntrinken können.
Jungs. Raue Mengen Jungs. Nachteil: Alle nicht mehr jung. Ulla (sie ist übrigens Anwältin, wie ich inzwischen weiß) hat die komplette Arschkarte gezogen, einen geschwätzigen, toupettragenden, unablässig mit seinem Cabrio-Schlüssel spielenden Typen namens Hanns-Werner, der jeden Satz mit »Ich sag mal so« beginnt und dann auch wirklich mal so sagt.
Kein Zweifel, Andy's Club ist das, was der Amerikaner eine Pickup-Bar nennt und die Mädels sind anscheinend nicht zum ersten Mal hier. »Wir wollen doch nur spielen«, kichert mir Birgit ins Ohr. Hm, ja. Ihr Verehrer, Typ Versicherungsvertreter, denkt wohl genauso. Und er hat eine ganze Menge zu spielen an Birgit, für deren Volumen er mindestens drei Hände bräuchte.
Und ich? Bezahle meine Cocktails selber. Einen potentiellen Verehrer – wir wollen ihn Goldkettchen nennen, weil es nicht einmal zum Austausch der Namen (von anderen Dingen gar nicht erst zu reden) gekommen ist – Goldkettchen also habe ich abblitzen lassen. Was soll ich mit einem Mann, der mindestens zwei Sonnenstudios mit seinen Beiträgen finanziert? Und angeblich eine Finca auf Mallorca hat, aber beim Blick auf die Getränkekarte sofort mit dem Lamentieren anfängt, von wegen »In Marco's Bar kosten die Pinacoladas aber fünfzig Cent weniger.« Okay, vielleicht ist Finca auf Mallorca auch ein gebräuchlicher weiblicher Vorname und Goldkettchen verwechselt da was.
»Na, gefällt's dir? Ist doch supi hier!« Sagt Thea, die gleich von zwei Männern in die Zange genommen wird. Ich schaue sie mir gar nicht erst näher an. Männer, die ihre Rentenbescheide eingerahmt über dem Bett hängen haben. Ist es wirklich schon soweit? Kann eine Frau Mitte Vierzig, noch einigermaßen ansehnlich, auf dem Markt der Hormone nur noch bei Rentnern, sonnenverbrannten Angebern und Toupetträgern reüssieren?
»Ja, echt supi«, lüge ich. Thea lacht. »Dein Gesicht sagt etwas anderes. Du musst einfach lockerer werden!«
Lockerer. Aha. »Hast du tatsächlich vor...«, flüstere ich in Theas Ohr, »... na du weißt schon was.«
Jetzt lacht sie noch lauter. »Um Himmelswillen! Nein! Es ist nur ein Spiel, verstehst du? Wir testen hier, ob wir als Frauen noch Chancen hätten. Rein theoretisch.« Hm. Aha.
Birgit jedenfalls hätte nicht nur Chancen, sie ist auch willens, sie zu nutzen. Von wegen übergewichtige Frauen müssten sich auf das Sexleben eines Liegestuhls einstellen! Ihr Versicherungsvertreter ist schon ins Schwitzen gekommen, er muss Schwerstarbeit verrichten. Peinlich, finde ich. Und bestelle den nächsten Cocktail. Das kann nicht gutgehen.
Es geht nicht gut. Ich weiß nicht, warum ich plötzlich laut zu lachen anfange. Es gibt hier nichts zu lachen, schon gar nicht für mich. Vielleicht lache ich gerade deswegen.
»Du bist ja gut drauf!« interpretiert Sibylle. Sie ist weniger gut drauf. Ihr Verehrer versucht gerade, Birgit aus den Fängen des Versicherungsvertreters zu lösen, was Birgit arg zu gefallen scheint, dem Versicherungsvertreter aber weniger. Sibylles Versuch, stattdessen Goldkettchen zu erobern, scheitert grandios in Gestalt einer solistisch arbeitenden Gästin, die - »huch!« - einen ihrer Möpse an der frischen Luft gassi führt, angeblich weil ein Gummi ausgeleiert ist. Männer sind ja so dumm. Goldkettchen hält das Ganze tatsächlich für ein Missgeschick.
Ich lache weiter. Ich lache immer lauter. Ich stelle mir vor, Rasmus käme durch die Tür und auf mich zu und er würde mich in den Arm nehmen und küssen. Das wäre so schön, dass ich irgendwann mit dem Lachen aufhöre und zu heulen anfange. Heulen. Aber richtig. Ich werde zum Hydranten.
»Is was los?« Thea legt mir einen mütterlichen Arm um die Schultern. »Wenn du Probleme hast, kannst sie mir ruhig erzählen.«
Probleme? Ich? Ach wo! Ich möchte nur sofort nach Hause. Nein, ich möchte noch einen Cocktail. Egal was. Hauptsache Alkohol, viel Alkohol.
Birgit hat sich verabschiedet, aber nach Hause wird sie wohl nicht gehen, wenn ich ihr Augenzwinkern richtig interpretiere. Auf ihren Versicherungsvertreter gestützt, wankt sie aus der Bar, wir sehen ihr nach.
»Das ist jedesmal so«, seufzt Thea und reicht mir das nächste Papiertaschentuch. »Und immer ist es die große Liebe – und zwei Tage später ist es die große Enttäuschung.«
Das ist wirklich zum Heulen. Oder zum Lachen? Oder beides? Ich kann mich nicht entscheiden und entschließe mich, wieder still zu sein, vollkommen ohne Emotionen.
Irgendwann verschlägt es uns von der Bar an einen der kleinen Tische im Hintergrund, wo es etwas ruhiger ist. Thea, Ulla und ich. Sibylle hat plötzlich einen schweren Migräneanfall bekommen, was ihr, wie Ulla erzählt, immer dann passiert, wenn sie nach zwei Stunden in der Bar noch keinen Mann abgeschleppt hat. Wir drei Zurückgebliebenen halten uns an den letzten Cocktails für diesen Abend fest.
»Mein Mann müsste gleich da sein«, sagt Ulla nach einem Blick zur Uhr. »Der ist auf seinem Männerabend. Nein, nein, nicht was ihr denkt. Die reden nur über Fußball und Formel Eins, an Frauen sind die längst nicht mehr interessiert.«
Thea und ich schauen uns vielsagend an. Arme Ulla. So langsam komme ich zur Ruhe, das heißt: Ich werde müde. Das Treiben in der Bar läuft wie ein flüchtiger Film in meinen Augenwinkeln ab, Goldkettchen erzählt Mopsi von seiner Finca, Mopsis Spaghettiträgerkleidchen verliert alle fünf Minuten - »huch!« - die linke Brust, hinter der Bar mixt Andy stoisch seine Cocktails, mit der gleichen Leidenschaft, mit der ein Buchhalter eine Barauszahlung verbucht.
»War doch mal wieder ganz nett, oder?« versucht Thea ein Resümee des Abends zu ziehen. Wir wissen alle, dass es nicht nett war. Aber wir nicken. Ja, sehr nett. Fünf Frauen in den Wechseljahren. Eine, ausgerechnet Birgit, tut gerade etwas für die Erhöhung ihres Östrogenspiegels, eine andere, Sibylle, pflegt ihre Migräne – und der Rest schlürft Alkohol.
»Unsere Website macht übrigens Fortschritte«, sagt Thea und sieht mich an. »Du weißt schon, wir wollen ja eine Website ins Netz stellen, um die Diskussion endlich mal in die Welt hinaus zu tragen! Constanze Corzelli soll sich warm anziehen!«
»Jaaaaa«, macht Ulla und lacht. »Wir müssen unbedingt diese Sabine Müller auf unsere Seite ziehen. Ist zwar ne besserwisserische Zicke, aber ne Ärztin – hey, wir brauchen auch was Seriöses.«
»Kennt die eine von euch persönlich?« frage ich mit meinem bestmöglichen naiven Gesichtsausdruck. Beide schütteln ihre Köpfe. »Nee«, sagt Thea, »keine Ahnung, wer das ist. Aber ich schreib sie mal an. Ne Ärztin halt, vielleicht ne Psychologin? Jedenfalls hat sie gute Argumente, die man der Corzelli um die Ohren schlagen kann. Wisst ihr übrigens, was die in ihrer nächsten Kolumne vorstellen will? Rhabarberjoghurt!«
Wir lachen herzlich.
Eine Stunde später. Wir haben uns vor der Bar verabschiedet – Küsschen links, Küsschen rechts – und natürlich bin ich jetzt fester Bestandteil des Weiberabends. Vielleicht doch besser, als vor dem Fernseher zu sitzen. Ich schaffe es irgendwie, auch ohne Taxi meine Wohnung zu erreichen, schaffe es sogar bis zur Tür, schaffe es wundersamerweise, den Schlüssel ins Schloss zu kriegen und die Tür zu öffnen. Alles ist still, Alina schläft.
Und ich bin besoffen. Aber hey, ich hatte wenigstens einen lustigen Abend! Leckeres Essen, leckere Getränke – und einen Fastverehrer mit einer Finca auf Mallorca. Außerdem habe ich Kopfweh. Und noch etwas anderes, mit dem ich mich lieber nicht näher beschäftige. Rasmus. Ich gehe ins Bett und kann nicht schlafen. Als ich aufwache, ist es drei Uhr. Ausgeschlafen.